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Full text of "Der eigene und der fremde Gott"

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



IMAGO-BÜCHER III 

DER EIGENE UND 
DER FREMDE GOTT 

VON D* THEODOR REIK 



IMAGO-BÜCHER / III 



DER EIGENE UND 
DER FREMDE GOTT 



ZUR PSYCHOANALYSE DER 
RELIGIÖSEN ENTWICKLUNG 

VON 

DR. THEODOR REIK 




INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH 

1925 



ALLE RECHTE 

BESONDERS DIE DER ÜBERSETZUNG 

VORBEHALTEN 



COPYRIGHT 1923 

BY INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

GES. M. B. H. WIEN 



GEDRUCKT BEI K. LIEBEL IN WIEN 



Vorbemerkung 



Die folgenden Aufsätze sind zumeist aus der Erweiterung von 
Vorträgen entstanden, die in den Jahren ip20 und IJ2I auf dem 
VI. Psychoanalytischen Kongreß im Haag und in der Berliner und 
Wiener Gruppe der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 
gehalten ■wurden. Ursprünglich von einander unabhängig, fügten sie 
sich nachträglich zwanglos in einen größeren Zusammenhang. Die 
wesentlichen Züge drängten in eine Richtung und, was sich im engsten 
Rahmen spiegelte, schien sich bedeutsamer in einem zueiteren zu 
wiederholen. 

Die Meine Arbeit soll einen Versuch darstellen, von analytischen 
Gesichtspunkten aus die Erscheinungen der religiösen Feindseligkeit und 
Intoleranz psychologisch zu erMären und zugleich den tieferen Ursachen 
der religiösen Verschiedenheiten nachzuforschen. 

Woferne die Konvergenz der Ergebnisse in diesen, von verschiedenen 
Seiten her geführten Untersuchungen einen Schluß auf die Richtigheit 
des Ganzen zuläßt, ■würde ich hoffen, daß die vorliegende Aufsatz- 
reihe dazu beitragen kann, ein wichtiges Stück der religiösen Ent- 
wicklung in einem neuen Lichte erscheinen zu lassen. 

Wien, Ostern IJ22. 

Der Verfasser. 



INHALT 



I. TEIL 



I. Über kollektives Vergessen x 

II. Jesus und Maria im Talmud 17 

III. Der heilige Epiphanius verschreibt sich 5g 

IV. Die wiederauferstandenen Götter gß 

V. Das Evangelium des Judas Ischkarioth 7g 

VI. Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems 100 

VII. Gott und Teufel 133 

II. TEIL 

VIII. Die Unheimlichkeit fremder Götter und Kulte 161 

IX. Das Unheimliche aus infantilen Komplexen 187 

X. Die Äquivalenz der Triebgegensatzpaare 220 

XI. Über Differenzierung 238 



I. TEIL 



I 

ÜBER KOLLEKTIVES VERGESSEN 1 

„Meinen Namen euch zu sagen, 
Würde Theophrast nicht wagen, 
Und doch hoff ich, wo nicht allen, 
Aber mancher zu gefallen." 

GOETHE. 

In der psychoanalytischen Literatur hat das kollektive Vergessen 
meines Wissens noch keine Behandlung gefunden. Dafür mögen 
mehrere Gründe bestimmend gewesen sein: die Psychoanalyse ging 
von dem Bemühen aus, die seelischen Erscheinungen des Ein- 
zelnen zu verstehen und wurde gerade durch das Eindringen in 
diese erst spät dazu gedrängt, sich mit den Phänomenen der 
Massenpsyche zu beschäftigen. Die technischen Möglichkeiten, Fälle 
gemeinsamen Vergessens zu analysieren, sind gering; die Erscheinung 
selbst nicht allzu häufig. Die Annahme aber, daß die Psycho- 
analyse, welche die psychischen Motive und Mechanismen im 
individuellen Vergessen aufdecken konnte, berufen ist, auch diese 
Erscheinungen in ihrer Genese zu erfassen, ist gewiß berechtigt. 
Die Analyse des folgenden besonders schönen Falles von kollektivem 
Vergessen darf freilich nur Anspruch darauf erheben, als Anfang 
einer solchen Bemühung angesehen zu werden. 

i) Auszug aus einem gleichnamigen Artikel in der „Internationalen 
Zeitschrift für Psychoanalyse". VI.- Jahrgang, 1920. 
1 Reik 



Ueber kollektives Vergessen 



In einer kleinen Gesellschaft von Akademikern, in der sich 
auch zwei Studentinnen der Philosophie befanden, sprach man von 
den zahlreichen Fragen, welche der Ursprung des Christentums der 
Kulturgeschichte und Religionswissenschaft aufgeben. Die eine der 
jungen Damen, welche sich am Gespräch beteiligte, erinnerte sich, 
in einem englischen Roman, den sie kürzlich gelesen hatte, ein 
anziehendes Bild der vielen religiösen Strömungen, welche jene 
Zeit bewegten, gefunden zu haben. Sie fügte hinzu, in dem Roman 
werde das ganze Leben Christi von der Geburt bis zu seinem 
Tode geschildert; doch wollte ihr der Name der Dichtung nicht 
einfallen. Auch drei von den anwesenden Herren behaupteten, den 
Roman zu kennen und bemerkten, daß auch ihnen sonderbarer- 
weise der Name nicht zur Verfügung stehe. Also eine Art kollek- 
tiven Namenvergessens. 

Es war nun interessant zu beobachten, daß die Personen, 
die ihr Gedächtnis in so merkwürdiger Art gleichzeitig im Stich 
gelassen hatte, verschieden auf ihre Vergeßlichkeit reagierten. 
Die Herren schienen verlegen, als schämten sie sich irgendwie, 
so vergeßlich zu sein, die Philosophin aber sagte, anscheinend un- 
angenehm berührt: „Das ist doch höchst ärgerlich. So etwas ist 
mir noch nie vorgekommen. Ich muß aber darauf kommen." 
Ich bat die junge Dame nun, zu sagen, ob ihr nicht an Stelle 
des vergessenen Namens andere eingefallen seien. Sie antwortete, 
es seien ihr gerade zwei solcher Ersatznamen eingefallen, von 
denen sie aber mit Sicherheit wisse, daß sie nichts mit jenem 
Roman zu tun haben. Der eine sei „Ecce homo", der Titel eines 
Bildes, das sie unlängst in einer Künstlermappe gesehen habe 
und das den Kopf des Heilands mit dem Dornenkranze dargestellt 
habe. Der zweite Einfall, den sie gehabt hatte, war ebenfalls der 
Titel eines Romans gewesen: „Homo sum" von Georg Ebers, doch 
spiele dieser in Anachoretenkreisen im vierten nachchristlichen Jahr- 



lieber kollektives Vergessen 



hundert und nicht zur Zeit Christi. Man machte sie darauf auf- 
merksam, daß doch eine inhaltliche Beziehung zu dem Roman, 
von dem sie gesprochen hatte, bestehe, was sie auch zugeben mußte. 
„Doch damit kommen wir nicht weiter," sagte sie abweisend und 
wandte sich an mich, „vielleicht können Sie den Namen eruieren. 
Man behauptet ja, daß dergleichen Rekonstruktionen in das Gebiet 
der Psychoanalyse fallen." Ich war mit dem Versuch einverstanden 
und schlug vor, bei jedem der Beteiligten einzeln die seelischen 
Wege aufzusuchen, die zu dem Vergessen geführt hatten, doch 
zeigte sich nur die Studentin dazu bereit. 

Ich begann demnach, sobald sich die Gelegenheit zur Analyse 
geboten hatte, indem ich ihr den gesuchten Namen mitteilte. Er 
war mir nach ihrer Schilderung des Romaninhaltes spontan ein- 
gefallen: „Ben Hur" von Lewis Wall ace. Sie erklärte sofort den 
Namen als den richtigen und wunderte sich noch mehr, indem 
sie hinzufügte, sie könne sich noch genau an den Umschlag des 
Buches und an das typographische Bild dieses Titels darauf erinnern. 
Ich erklärte, es sei nun unsere gemeinsame Aufgabe, die seelischen 
Motive zu suchen, welche gerade diesen Namen von ihrem Bewußt- 
sein ferngehalten hatten, und zu konstatieren, wodurch jene beiden 
Ersatzeinfälle, die sich ihr aufgedrängt hatten, psychisch bedingt 
seien. Ihre Behauptung, das Vergessen sei vielleicht ein Zufall, 
ließ ich nicht gelten und erbot mich zum Gegenbeweis, wenn sie 
mir nur ihre Hilfe leihe, deren ich nicht entraten könne. Auf die 
Einhaltung der Verpflichtung, alle ihre Einfälle und Gedanken 
ohne Kritik zu sagen, aufmerksam gemacht, schwieg sie einige 
Minuten, behauptete dann, es sei ihr nichts eingefallen und gab 
erst nach einigem Zureden zu, daß sie in der Zwischenzeit einen 
Gedanken unterdrückt hatte. Sie habe sich nämlich über die dumme 
Art der Erziehung geärgert, die man jungen Mädchen ihrer Ge- 
sellschaftsschicht zu teil werden lasse. Auf meine Erkundigung, 



Ueber kollektives Vergessen 



wie sie gerade in diesem Zusammenhange auf dergleichen pädagogi- 
sche Fragen komme, sagte sie nach einigem Zögern: „Nun, das 
ist ja leicht zu erklären. Dadurch habe ich den Namen vergessen. 
Denn er enthält einen Ausdruck, den ich und jedes andere 
Mädchen an meiner Stelle — noch dazu in Gesellschaft junger 
Leute — nicht gerne gebrauchen wird. . . . Und daß man gerade 
daran denkt, kommt eben von dem dummen Heimlichtun." Der 
Titel enthält' nun wirklich das Wort Hur, in dem man die volks- 
tümliche, namentlich in Wien oft gebrauchte Bezeichnung für 
Prostituierte wiedererkennt. Das Mädchen wollte also als das Motiv 
ihres Vergessens die gesellschaftliche Schicklichkeit, die Ausdrücke 
dieser Art im Munde junger Damen verpönt, bezeichnen. Ich gab 
zu, dieses Motiv sei gewiß mitwirkend gewesen, doch nicht das 
einzige, und bat sie, mir zu sagen, was ihr zu jenen beiden Ersatz- 
namen einfalle. 

1. Zu „Ecce homo" fällt ihr nur wieder jenes Bild des 
Erlösers ein, dazu die Übersetzung: „Dies ist ein Mensch." Danach 
Pause. Ich mache sie aufmerksam, daß im Wiener Dialekt manch- 
mal auch die Prostituierten mit dem Worte „Mensch" bezeichnet 
werden, und sie sagt verwundert, daß sie merkwürdigerweise gerade 
daran denken mußte, was ihr um so sonderbarer vorkomme, als sie 
das Wort nur einmal in ihrer Kinderzeit in dieser Bedeutung ge- 
brauchen hörte. 

2. Zu „Homo sum" fällt ihr die Fortsetzung des Spruches 
ein: „Dil humani a me alienum esse puto". Der Roman von 
Ebers schildere eben jenen Konflikt zwischen christlicher Askese 
und sinnlichen Trieben. Sie bricht wieder ihre Mitteilungen ab 
und gesteht auf mein Drängen zu, daß es derselbe Konflikt sei, 
der sie oft beschäftigt. Ein junges Mädchen in ihrer Situation 
sei gezwungen, ihre Zärtlichkeit für einen aufzusparen, von dem 
sie nicht wisse, ob er ihrer würdig sein werde. Sichtlich erregter 



lieber kollektives Vergessen 



setzt sie fort, indem sie betont, daß auf diese Art die schönsten 
Jahre der Jugend nutzlos vergehen. Andere genießen ihr Leben 
skrupellos in vollen Zügen. Sie neide es ihnen freilich nicht, aber 
auch sie wolle frei sein von der Konvention und der elterlichen 
Moral. Sie spricht ihren Ekel aus vor Frauen, die ihren Körper 
für Geld preisgeben. Ich mache sie darauf aufmerksam, daß sie 
wieder im Gedanken zum Thema der Prostitution zurückkehre, 
worauf sie abwehrend sagt: „Es ist mir peinlich, darüber zu 
sprechen; lassen wir das." Diese Reaktion scheint mir darauf hinzu- 
weisen, daß sie manchmal aufsteigende Prostitutionsphantasien abzu- 
wehren habe. 

Man bemerkt schon hier, daß die Motive, die zum Vergessen 
des Namens Ben Hur geführt haben, doch nicht so einfach sind, 
als sie sie hingestellt hatte und tiefer in ihre intimsten Gedanken 
hinabführen, als sie es wahr haben möchte. Unsere Aufgabe scheint 
mir indessen noch nicht gelöst und ich lenke ihre Aufmerksamkeit 
darauf, daß der gesuchte Name aus zwei Teilen bestehe und wir 
uns bisher noch nicht mit dem ersten beschäftigt haben. Zu dem 
Worte Ben fällt ihr Christus ein, dann die ersten Szenen des 
Romans, in denen geschildert wird, daß sich die heiligen drei 
Könige aufmachen, um das Christuskindlein aufzusuchen und 
anzubeten. Nach einer längeren Pause setzt sie mit einer Frage 
ein: „Muß ich das jetzt sagen, was mir eingefallen ist?" Ich 
antworte, daß mir natürlich kein Mittel zur Verfügung stehe, sie 
dazu zu zwingen, appelliere aber an ihre Wißbegierde und ihre 
Tapferkeit. Es gebe nichts, was sich unter ernsten Menschen nicht 
besprechen lasse. Durch diese Bemerkung ermuntert, fährt sie fort: 
„Nun, ... es ist mir wieder ... ein so ordinärer Ausdruck ein- 
gefallen. ... Ich weiß gar nicht, wieso das kommt; solche Sachen 
kommen mir sonst nie in den Sinn. Wie ich an die drei Könige 
gedacht habe, die ich mir, ich weiß nicht warum, als von ver- 



Ueber kollektives Vergessen 



schieden er Hautfarbe vorstelle, ist mir ein abscheuliches "Wort 
eingefallen." — „Nun?" — „Es heißt . . . roter König." — „Das 
ist eine Bezeichnung im Wiener Volksmund für Menstruation?" 

— „Ja, . . . ich weiß aber auch, wieso ich gerade auf das Thema 
komme." — „Nun?" — „Vorhin habe ich etwas nicht gesagt, 
weil ich mich wieder geniert habe. Es ist mir nämlich bei den 
drei Königen eingefallen, daß die Geburt Christi auf übernatür- 
liche Art geschah: er wurde von einer Jungfrau geboren; er ist 
das Kind eines reinen Weibes . . . und ich habe schon als ganz 
junges Mädchen darüber nachgedacht, was das bedeutet." — „Jetzt 
wissen Sie es aber sicherlich. Denn Ihr Hinweis auf die Menstrua- 
tion zeigt ja, daß Ihnen der Zusammenhang zwischen dem Aus- 
setzen der Periode und der Schwangerschaft bekannt ist." — 
„Natürlich, aber ich glaube, es ist noch ein anderer t Gedanke dabei. 
Nämlich es kommt mir vor, als habe ich Maria in bestimmten 
Zusammenhang mit . . . mit dem anderen Worte gebracht." ■ — 
„Sie meinen Hur?" — „Ja, da ist aber wieder dieser Romantitel 
schuld." — „Wieso?" — „Nun, Ben heißt hebräisch Sohn, Kind." 

— „Ah, Sie haben also Ben Hur übersetzt als Kind der Hur, 
Hurensohn, und so Ihrem Zweifel an der Jungfräulichkeit Marias 
Ausdruck gegeben?" 

Das war nun freilich eine Aufklärung, auf die ich nicht 
gefaßt war: den Namen Ben Hur trägt nämlich in dem Roman 
Wallaces der Held, ein junger Jude aus dem edlen Geschlechte 
Hurs, des Gefährten Josuas. Ben Hur bedeutet also Sohn des 
Hur; in Anlehnung an die Bezeichnung Hure für Prostituierte 
hatte sie dieses Patronimikum so behandelt, als wäre es ein Name, 
der sich auf die Mutter bezieht. Da sie sich auf meine Frage an 
die wirkliche Bedeutung des Namens erinnert, ergibt sich die 
Auskunft, daß sie, unbewußten Tendenzen folgend, die Abkunft 
des Kindes vom Vater ignoriert und den ursprünglicheren An- 



Ueber kollektives Vergessen 7 

Sprüchen des Matriarchats so wieder zu ihrem Rechte ver- 
hol fen hat. 

Ich wollte mich mit dem bisherigen Resultate der Analyse 
nicht zufrieden geben, denn gerade dieser Zug schien mir ebenso 
wie ihre frühere intensive Reaktion darauf hinzuweisen, daß in 
unserem Falle von gestörter Reproduktion noch eine Fülle von 
Eigenbeziehung zu dem vergessenen Namen vorhanden war. Die 
folgenden Assoziationen nun förderten diese wirklich zum Teil zu 
Tage, ein anderer Teil ließ sich leicht erraten. Ein letztes Stück 
blieb freilich im Dunkel, weil die Analyse abgebrochen werden 
mußte. Zwischen der Vorstellung Kind, die mit dem Worte Ben 
und dem Begriff der jungfräulichen Geburt so enge verknüpft 
waren, und der Vorstellung Mensch bestanden enge Beziehungen, 
die nach verschiedenen Richtungen wiesen. Das Rätsel der Mensch- 
werdung, der Geburt eines Menschen, hatte schon frühe das Kind 
beschäftigt und war, wie sie zugab, vielleicht nicht ohne Einfluß 
auf die Wahl ihres Studiengebietes (Zoologie) gewesen. Die wieder 
auftauchende Erinnerung an das Bild „Ecce homo" führte ihre 
Gedanken darauf, daß der Mensch nach Aussage der Genesis 1 das 
Ebenbild Gottes sei. 

Schließlich wird die durch persönliche Komplexe hergestellte 
Gedankenverknüpfimg klarer, wenn wir erfahren, daß sie die Vor- 
stellungen Kind und Mensch noch in einen anderen Zusammenhang 
gebracht hatte, indem sie das Wort Mensch wieder im Sinne der 
vulgären Bezeichnung der Prostituierten gebraucht hatte. Der Ge- 
danke an die sozialen Schädigungen, die ein junges Weib erfährt, 
das zur ledigen. Mutter wird, tauchte auf: man wird als „Mensch" 
angesehen, als Hure. Man sieht, daß hier wieder Verbindungen zu 
dem Thema der Geburt Christi von einer jungfräulichen Mutter 

1) Gen. 1, 27. 



Ueber kollektives Vergessen 



hergestellt waren. Der Gedanke aber an das Kind als Folge eines 
nicht legalisierten Geschlechtsverkehres bildet eines der stärksten 
Hindernisse, auf das ihre unbewußten Prostitutionsphantasien 
stießen 1 . 

An diesem Punkte der Analyse, die schon einmal auf ihre 
intensive gefühlsmäßige Ablehnung gestoßen war, angekommen, 
meinte sie, es sei jetzt genug der „Beichte" und sie habe sich, 
wie sie lächelnd hinzufügte, schon allzuweit auf gefährlichem 
Gebiete vorgewagt. Es sei nun Zeit, den Versuch, der ja auf- 
schlußreich gewesen sei, abzubrechen; sie wisse nun genau, wieso' 
sie ihr sonst vorzügliches Gedächtnis gerade in diesem Falle so 
plötzlich im Stich gelassen hatte. Als eine Art Nachtrag fügte sie 
hinzu, es sei ihr, nachdem sie von mir den gesuchten Namen 
erfahren hatte, sonderbarerweise noch ein Romantitel eingefallen, 
nämlich „Quo vadis?" von Henryk Sienkiewicz. Auch dieser 
Roman spiele in jener Zeit und auch in ihm komme, wie in 
„Ben Hur" die Gestalt Christi vor. Obwohl sie die Fortsetzung 
der Analyse verweigerte, ist doch leicht zu erklären, in welcher 
unbewußten Verknüpfung auch dieser Name zu den verpönten Ge- 
danken steht: es ist einfach die an sich selbst gerichtete Frage: 
„Welchen Weg gehst du? Was wird mit dir werden? Wirst du zur 
ehrsamen Gattin oder zur Dirne?" Dergleichen Gedankenformen 

1) Man wird bemerken, daß die Stellung, welche das junge Mädchen 
zu der Figur Marias als jungfräulicher Mutter hatte, keine eindeutige ist. 
Sie entspricht den beiden miteinander ringenden Tendenzen in ihr, von 
denen die eine sie dazu drängen will, selbst wie eine Dirne zu leben und 
ihren sexuellen Regungen freie Bahn zu lassen, und der ihr entgegenge- 
setzten, welche solche freie Liebesbetätigung verurteilt und verwirft. Sie be- 
merkte im Verlaufe dieser Analyse auch, daß sie sich manchmal Kinder 
wünsche, andere Male sich aber sage, Kinder möchte sie nur haben, wenn 
es möglich wäre, sie zu bekommen, ohne mit einem Manne etwas zu tun 
zu haben. (Vgl. die Ersetzung der Abstammung vom Vater durch jene von 
der Mutter in den Assoziationen zu „Ben Hur".) 



Ueber kollektives Vergessen 



sind gerade bei zur Introspektion und zum Zweifel neigenden 
Personen, wie es unsere junge Dame ist, nicht ungewöhnlich . 
Die Fülle der Beziehungen zwischen den einzelnen Vorstellungs- 
elementen und den unbewußten Gedanken, welche eine Störung 
der Reproduktion veranlaßten, in unserem Beispiel ist nicht leicht 
zu überblicken; ich habe versucht, in der beiliegenden Skizze ein 
Bild davon zu geben, das freilich hinter dem verwirrenden Reichtum 
und der Beweglichkeit des seelischen Materials weit zurück 
bleiben muß. 




\^ / 

VERDRÄNGTE GEDflMKEfi (PRÖST!TÜTiOF15PHANTASIEErO 



1) Die Analyse ist nicht weit genug geführt, um noch andere Aufklä- 
rungen über die seelischen Mechanismen zu geben. Doch ist z. B. sicher- 
lich in der Vorstellung der Maria eine besonders hohe Verdichtung erreicht, 
da die Mutter Christi zugleich Dirne und reine Frau ist, den Anteil ihrer 




io Ueber kollektives Vergessen 



Unser Beispiel beansprucht aber unser Interesse noch durch 
die Tatsache, daß ein gemeinsames Vergessen eines fremdsprachigen 
Wortes, das früher zum bewußten Gedächtnisbesitz mehrerer Per- 
sonen gehört hat, vorliegt. Die psychischen Bedingungen solcher 
kollektiver Erscheinungen sind noch wenig erforscht. Freud 
weist mit Nachdruck darauf hin, daß eine Art Ansteckung bei 
Fehlleistungen im Alltagsleben zu beobachten ist. Ein genaueres 
Verständnis der seelischen Verursachungen und Mechanismen in 
derartigen Fällen würde vielleicht geeignet sein, manche Auf- 
klärungen über ein noch dunkles Gebiet der Massenpsychologie 
zu ergeben. 

In unserem Falle war es nicht möglich, eine solche Aufklärung 
zu gewinnen, die nur eine Analyse aller einzelnen Personen, welche 
jenen Titel vergessen hatten, hätte liefern können. 

Immerhin darf man es wagen, sich eine Ansicht über die 
seelischen Mechanismen und Motive zu bilden, die einem solchen 
Vorfall zu Grunde liegen; sie kann freilich notgedrungen nur 



eigenen Triebimpulse und ihrer Abwehr in einer Person zusammenfaßt, sie 
selbst und ihre Mutter repräsentiert. Ebenso ist in dem Element der Drei 
Könige eine unbewußte Verdächtigung des sexuellen Verhaltens der Mutter 
verborgen; der „rote König" und seine Verbindung mit dem Geburtsakt 
weist auf eine infantile sadistisch-masochistische Sexualtheorie hin. Die be- 
sondere Betonung des Geburtsthemas und seine Stellung in ihren Gedanken 
möchte man mit der starken sexuellen Neugierde des Kindes in Zusammen- 
hang bringen. (Vgl. ihr anfanglicher Protest gegen die elterliche Heimlichkeit 
und die Rolle des Bildes.) Man könnte sich sogar getrauen, wenn man die 
Familienverhältnisse des Mädchens zur Erklärung heranzieht, eine Begründung 
dafür zu suchen, warum sie, die Ortsfremde, gerade so viele Worte aus dem 
Wiener Dialekt für Begriffe gebraucht, die sich gut anders bezeichnen 
lassen und die sie wohl sonst auch anders bezeichnet (Hur, Roter König, 
Mensch). Daß sie das vergessene Wort „Ben Hur" aus einem jüdischen 
und einem Wiener Ausdruck zusammengesetzt sein läßt, entbehrt ebensowenig 
der unbewußten Motivation, wie die Deutang dieses Wortes als „Sohn 
der Hur". 




lieber kollektives Vergessen 



eine oberflächliche sein. Wir haben als erste Auskunft über die 
seelische Verursachung des Vergessens bei der jungen Dame er- 
fahren, daß es ihr wenig schicklich erschienen wäre, einen Namen 
zu nennen, der so bedenklich einer Bezeichnung benachbart sei, 
die sich im Munde eines gut erzogenen Mädchens sonderbar aus- 
nehmen würde. Wir müßten demnach glauben, eine gewisse 
Überempfindlichkeit und Überschätzung des Wortgleichklanges, die 
an die kindliche Behandlung der Wörter erinnert, habe das aus- 
reichende Motiv für das Versagen ihres Gedächtnisses gebildet. 
Wir haben uns mit dieser Auskunft nicht zufrieden gegeben und 
die Analyse hat uns gezeigt, daß sich diese eigenartige Bewertung 
des Wortes auf gute Gründe stützen konnte: intimste persönliche 
Gefühle und Gedanken, die man nicht gerne Fremden verrät, 
haben es zu stände gebracht, daß ein Wort, das in diesem Zu- 
sammenhange einen durchaus harmlosen Charakter hat, seelisch 
bewertet wurde, als wäre es eines, das gefährliche und mit der 
Moral unvereinbare Dinge bezeichne. Wir brauchen nur darauf 
hinzuweisen, daß das junge Mädchen in ihrer Begründung jener 
Wortvermeidung die Anwesenheit junger Männer als besonders 
wesentlich hervorhob, um einen Anhaltspunkt für die Vermutung 
zu besitzen, daß sich eine gedankliche Verknüpfung zwischen jenen 
als mit der eigenen Persönlichkeit unvereinbaren und deshalb 
abgewiesenen Gedanken und der männlichen Gesellschaft, in der es 
sich befand, aufzeigen lassen muß. Die junge Dame behandelt das 
Wort so, als ob sie sich mit dem Aussprechen jenes verdächtigen 
Titels vor jungen Männern zu den Wünschen bekannt hätte, die 
sie als ihrer Persönlichkeit nicht gemäß und als peinliche abge- 
wiesen hat. Kürzer gesagt: unbewußt setzt sie das Aussprechen 
von „Ben Hur einem sexuellen Angebot gleich und ihr Ver- 
gessen entspricht demnach der Abwehr einer unbewußten Ver- 
suchung dieser Art. 






Ueber kollektives Vergessen 



Wir haben Grund zu der Annahme, daß ähnliche unbewußte 
Vorgänge das Vergessen der jungen Männer bedingt haben. Ihr 
Unbewußtes hat das Vergessen des Mädchens in seiner wirklichen 
Bedeutung erfaßt und es, gestützt auf die eigene Kenntnis des 
Namens und die mimischen Zeichen, gleichsam gedeutet ; nun aber 
haben sie ihrerseits durch Vergessen reagiert. Bedeutet das Ver- 
gessen jenes anrüchigen Titels auf Seiten der Frau unbewußt die 
Vermeidung eines sexuellen Angebotes, so stellt das Vergessen der 
Männer eine Rücksicht auf solches abweisendes Verhalten dar und 
zeigt das Zurückdrängen der eigenen sexuellen Begehrlichkeit, welche 
das Mädchen als Sexualobjekt nehmen will. Es ist also, als hätte 
ihnen ihre Gesprächspartnerin durch ihre plötzliche Gedächtnis- 
schwäche einen deutlichen Wink gegeben, den die Männer unbe- 
wußt wohl verstanden hätten. Ihr Vergessen war ebensowenig 
zufällig, wie jenes. 

Man kommt auf diesem Wege in die Lage, das ganze Verhalten 
des Mädchens in dieser Situation besser zu verstehen. Wurde jener 
Titel vom Bewußtsein auch aus Motiven übergroßer Schamhaftig- 
keit abgehalten, so wird uns gerade das sonderbar vorkommen, 
daß das Mädchen selbst die Aufmerksamkeit auf den Roman 
lenkte, dessen Namen sie vergessen hatte. Das Verhalten unserer 
Philosophin wird in dieser Beleuchtung einen eigenartigen Kom- 
promißcharakter nicht verleugnen können. Gerade durch die Analyse 
des Vergessens wird es regressiv klar, daß eine Tendenz zur 
Exhibition einer anderen unterlag, welche die moralische Reaktion 
darauf darstellte und mit der die Mächte der Scham und der 
Erziehung den Sieg errangen. Die junge Dame, die den Namen 
„Ben Hur" reproduzieren wollte, vergaß ihn, weil er sie an eigene, 
als peinlich abgewiesene Gefühle und Gedanken erinnerte. Dieses 
Vergessen ist als Zeichen eines abgelaufenen unbewußten Ver- 
schiebungsvorganges aufzufassen: in der Nachwirkung dieser 




Ueber kollektives Vergessen 15 

Verschiebung wurden früher harmlos gewertete oder mit den 
komplexbetonten nur durch ausgedehnte Assoziationen oder durch 
ähnlichen Klang verbundene Worte als peinlich empfunden und ihr 
Auftauchen durch Verdrängung verhindert. 

Bei den Studenten nun müssen wir einen ähnlichen, durch 
das Vergessen der Dame angeregten oder zumindesten s beeinflußten 
unbewußten Vorgang annehmen: sie benahmen sich, als ob 
sie sich durch das Aussprechen des Namens in ihren sexuellen 
aggressiven Absichten verraten würden. Das mimische Bild jener 
Szene entsprach dieser Ableitung: das Mädchen schwankte zwischen 
Verlegenheit und Ärger, die Studenten aber zeigten nur Verlegen- 
heitssymptome. Eine Erfahrung aus der Traum- und Neurosen- 
psychologie aber hat uns gelehrt, daß auftretende Affekte dort, 
wo unbewußte Vorgänge mitwirken, ihre volle seelische Berechti- 
gung haben und dies auch dann der Fall ist, wenn der damit ver- 
bundene Inhalt nicht zu den Affekten passen will, wie z. B. in 
unserem Falle. Das Vergessen eines Namens ist kein Grund, Ärger 
oder Verlegenheit in irgendeinem bedeutenderem Ausmaße zu ver- . 
spüren. Die Analyse zeigt in ähnlichen Fällen, daß der Affekt von 
seinem ursprünglichen Inhalt abgezogen und mit einer sekundären,, 
anscheinend belanglosen Veranlassung verknüpft wurde. Halten 
wir uns aber an die Natur der Affekte selbst und an die Ergebnisse 
unserer Analyse, so kommen wir zu folgenden Besultaten: der 
Ärger der Dame bezog sich eben auf das Auftauchen jener un- 
bewußten Wünsche und Impulse und kommt ihrer intensiven 
Ablehnung gleich. Die schwächer bemerkbare Verlegenheit der 
Studenten aber ist ursprünglich nicht durch ihr schlechtes Ge- 
dächtnis begründet: sie ist vielmehr ein Ausdruck des Betroffen- 
seins. Sie erinnern sich nicht, um nicht in ihren verborgenen 
Absichten erkannt zu werden. Anders ausgedrückt: sie schämen sich 
nicht, daß sie vergessen, sondern, daß sie sich vergessen konnten. 



14 



Ueber kollektives Vergessen 



Wir wollen uns nun die Frage vorlegen, ob einige der ana- 
lytischen Einblicke, die wir aus diesem Falle gewonnen haben, 
geeignet sind, sich zu allgemein geltenden Erkenntnissen über 
das Phänomen des kollektiven Vergessens zu verdichten. Daß Fälle 
von solchem Vergessen manchmal vorkommen, ist bekannt. AVer hat 
nicht Situationen miterlebt, in denen sich eine Gruppe von Personen, 
etwa eine Gesellschaft, vergebens bemüht, sich einen Namen, ein 
Zitat, einen gelesenen oder einen gehörten Satz, den sie sicher 
gewußt zu haben behauptet, ins Gedächtnis zurückzurufen? Man 
hört dann oft Bemerkungen, wie: „Der Name liegt mir auf der 
Zunge" oder den verwunderten Ausruf: „Daß ich das vergessen 
konnte!" usw. 

Wir würden im Sinne der vorangehenden Erklärungen nun 
die Behauptung aufzustellen wagen, daß auch in der Mehrzahl 
solcher Fälle von kollektivem Vergessen bestimmte unbewußte 
Motive die Störung der Reproduktion verursacht haben. Welcher 
Art diese störenden Tendenzen sind, kann natürlich erst immer 
die Analyse des einzelnen Falles entscheiden. Es lassen sich auf 
Grund der obigen Analyse immerhin einige Vermutungen über 
das Zustandekommen solcher Erscheinungen gemeinsamen Ver- 
gessens aufstellen. 

Wir haben gesehen, daß das Vergessen bestimmter Namen 
und Ausdrücke unter Umständen genau so ansteckend ist, wie das 
Versprechen. Wir haben auch behauptet, daß in diesen Fällen das 
Unbewußte der einen Person auf das anderer wirke, eine Art unbe- 
wußter Verständigung im gemeinsamen Vergessen ihren Ausdruck 
finde. Dieser Vorgang hat freilich zwei Voraussetzungen, zu deren 
Annahme indessen die Analyse aus anderen Gründen längst ge- 
drängt wurde: die eine besteht darin, daß nicht nur die Bewußt- 
seinsinstanzen sich eine Form der Mitteilung geschaffen haben, 
sondern daß auch das Unbewußte über ausreichende Mittel verfüge, 



_ 



lieber kollektives Vergessen 1 5 

die Reaktionen anderer zu deuten. Die andere Voraussetzung ist die, 
daß auf einer bestimmten Entwicklungsstufe die Verdrängung bei 
allen Individuen wirksam ist und bei ihnen dieselben Komplexe 
von Regungen mit ihren Abkömmlingen vom Bewußtsein abhält. 
Die erste Annahme wird uns durch das allgemeine Verständnis 
der Symbolik im Witz, durch die Analyse mancher symptomati- 
schen Erscheinungen, wie etwa der hysterischen Identifizierung 
und vor allem durch einige Erfahrungen, die aus der ärztlichen 
analytischen Technik geschöpft wurden, nahegelegt; die zweite 
darf sich darauf berufen, daß die Verdrängung einen Erwerb aus 
der Menschheitsgeschichte darstelle und daß auch hier jede Genera- 
tion berufen sei, was sie ererbt von ihren Vätern hat, neu zu 
erwerben, um es zu besitzen. 

Das Wirken solcher Verdrängungsmächte, dem sich niemand 
entziehen kann, der unter Menschen und mit Menschen lebt, erscheint 
in seiner Allgemeinheit auch für die Erklärung jener Fälle uner- 
läßlich, bei denen kein Einzelner mit dem Vergessen vorangeht und 
durch sein Vergessen Reaktionen anderer hervorruft. In diesen all- 
gemeineren Fällen wird man sich darauf berufen müssen, daß 
zwischen dem gedanklichen oder affektbetonten Inhalt der vergessenen 
Vorstellung verborgene Verknüpfungen mit jenen Komplexen be- 
stehen, die bei fast allen Menschen einer bestimmten Kulturstufe 
von der Verdrängung betroffen werden. Es muß hier ferner daran 
erinnert werden, daß eine Neigung zum Vergessen bestimmter Vor- 
stellungen als Ausdruck der Verdrängungstendenzen schon durch 
eine ererbte Anlage bedingt sein kann, die es bewirkt, daß sonst als 
lustvoll Vorgestelltes nun psychisch unter Acht und Bann getan 
wird. Gemeinsamkeiten der Erziehung und Abstammung, der sozialen 
Schicht und Religion, der Gesellschaft und der Erfahrungen werden 
gewiß gemeinsames Vergessen als Reaktion auf mit dem Ichgefühl 
der Einzelnen unvereinbare Vorstellungen begünstigen können. 




J 6 Ueber kollektives Vergessen 



Es bleibt daneben noch Raum genug für die Wirkung indivi- 
dueller Faktoren, die sich z. B. in der Auswahl der Ersatzeinfälle 
geltend machen. Hier werden die Eindrücke und Erlebnisse des 
Einzelnen von früher Kindheit an, der Umkreis seiner Interessen 
und seiner Bildung, ja sogar zufällige Ereignisse seines Tages neben 
den allgemeineren unbewußten Determinanten ihren Einfluß aus- 
üben können. Diese Bemerkungen wollen natürlich nicht über 
den Anspruch einer ersten Orientierung auf diesem Gebiete hinaus- 
gehen. 

Wir wollen es nicht verabsäumen, mit einem Worte darauf 
hinzuweisen, daß die beiden hervorgehobenen Momente, die Ver- 
drängung als ein allgemein wirkender, durch die Kulturentwicklung 
bedingter psychischer Vorgang und das Unbewußte als ein Apparat, 
der die Reaktionen anderer Menschen zu deuten und spätere 
Entstellungen rückgängig zu machen vermag, auch dort ihre 
Geltung und Bedeutung behalten, wo die zeitliche Kontinuität im 
Seelenleben der Menschen in Frage kommt, das heißt also auf 
dem Gebiete der Völkerpsychologie 1 . Wie weit hier Vererbung 
und individuelles Erleben einer Generation die Verdrängungs- 
erscheinungen, die Entstellungen, Reaktionsleistungen und die 
Wiederkehr des Verdrängten bestimmen, ist noch wenig geklärt. 
Es sind vielleicht dieselben seelischen Mächte, die hier wie dort, 
beim Einzelnen und beim Volke, im vergänglichen Leben des 
Individuums und in der Aufeinanderfolge ungezählter Generationen 
über Vergessen und Erinnern, Verdrängung und Wiederkehr ent- 
scheiden. 



l) Vgl. die Ausführungen Freuds in „Totem und Tabu". 1913. 
S. 146. 



II 
JESUS UND MARIA IM TALMUD 

Spät erklingt, was früh erklang. 
GOETHE. 

Die vorhergehende Analyse eines Falles von kollektivem Ver- 
gessen gibt Anlaß zu manchen interessanten Fragestellungen, die 
sich auf das Seelenleben der Gemeinschaften beziehen. Wir wollen 
aber hier nicht in eine Diskussion dieser Probleme eingehen, 
sondern uns vielmehr bemühen, das Zusammentreffen einiger 
besonders günstiger Bedingungen ausnützend, eine religionspsycho- 
logisch bemerkenswerte Übereinstimmung zwischen einem indivi- 
duellen und einem kollektiven Phänomen bis in die Einzelheiten 
zu verfolgen. 

Es wurde in der Analyse der jungen Dame angedeutet, 
welche seelische Tendenzen dafür entscheidend wurden, daß sie 
Maria, die Mutter Christi, als Dirne bezeichnete und welche Eigen- 
beziehung ihre Erinnerung gestört hatte. Jedem, der sich mit 
Religionswissenschaft beschäftigt, ist es bekannt, daß Maria eine 
jüngere Schwester der großen Liebesgöttinnen darstellt und daß 
ihre Beziehung zu Christus ihr Vorbild in dem inzestuösen Ver- 
hältnis der westasiatischen Muttergöttin und ihres Gattensohnes 
besitzt. (Ischtar und Tammuz, Astarte und Adonis, Isis und 
Osiris, Kybele und Attis etc.) Noch in der Apokalypse Johannis 
heißt die Himmelskönigin die Mutter des Siegers (12, 1) und 
dessen Braut (21, 9). 

2 Reik 




Das Mädchen in unserem Beispiel, das die Mutter des Heilands 
als „Hur", Prostituierte bezeichnet, greift demnach unbewußt auf 
eine alte Entwicklung zurück, indem sie unter dem Drucke be- 
stimmter Affekte die Sublimierung der Jahrhunderte rückgängig 
macht und ohne Kenntnis des religionsgeschichtlichen Zusammen- 
hanges die ursprüngliche Bedeutung Marias erfaßt. 

Es gibt Zeugnisse genug dafür, daß die Zeitgenossen der 
ersten Entwicklung des Christentums sich des Zusammenhanges 
der Mutter Christi mit den großen Liebesgöttinnen des Orients 
bewußt waren. Es mag dieses Beispiel als Bestätigung für die 
Freudsche Behauptung dienen, daß das Unbewußte die Fähigkeit 
besitzt, die Spuren der Wirksamkeit unbewußter Vorgänge vieler 
vorangehender Generationen in ihrer wirklichen Bedeutung zu er- 
kennen und frühere Einstellungen rückgängig zu machen. 

Seelische Bedingungen bestimmter Art aber werden voraus- 
gesetzt werden müssen, um solche Rekonstruktion untergegangener 
Realitäten zu ermöglichen. 1 

Aber auch die affektive Ablehnung der sexuell verdächtigten 
Mutter Gottes bei unserem analysierten Mädchen bewegt sich in 
alten Bahnen, die ihre Vorfahren bereits achtzehn Jahrhunderte vor 
ihr gegangen sind, und es sind hier wie dort verdrängte Tendenzen, 
die solche Verwerfung und Verurteilung bewirkt haben. Wir würden 
sagen, daß die junge Dame in ihrer gefühlsmäßigen, durch Kinder- 
erlebnisse und -konflikte bedingten Einstellung zur Mutter (-Gottes) 
eine individuelle Wiederholung dessen bietet, was man in der rabbini- 
schen Welt der ersten nachchristlichen Zeit gegenüber dieser heiligen 
Figur empfand und zu formulieren suchte — eine Wiederholung, die 
mit dem ersten Vorgang bis in die geringsten Details übereinstimmt. 

i) Ähnliche Durchbrüche des Verdrängten, die den wirklichen Sinn 
von verdrängtem Material wiederherstellen, finden sich im Witz. Man vgl 
die Anekdote, in der der kleine Moritz die Abstammung Moses feststellt. 



Jesus und Maria im Talmud 



i9 



Wir meinen, als Zeugnisse der Einstellung des frühen Juden- 
tums gegenüber der Gestalt der Maria Aussagen aus dem Talmud 
heranziehen zu dürfen. 1 

Wir finden im Talmud Jesus oft als ben Pandera, ben Pantefa 
oder Jeschu ben Pandera bezeichnet. Der Name wird von den 
Amoräern (Rabbinen des 5. und späterer nachchristlicher Jahr- 
hunderte) erwähnt; er kommt aber auch an manchen tanaitischen 
Stellen vor, die bereits aus dem 2. Jahrhundert stammen. Diese 
Bezeichnung Christi ist alt. 2 Der Name Panthera taucht an ver- 
schiedenen Stellen der Streitschrift auf, die der Kirchenschriftsteller 
Origenes gegen den römischen Philosophen Celsus richtete. Das 
Buch des Celsus, das den Titel „Wahres Wort" führte und das 
Christentum vom philosophischen und politischen Standpunkte aus 
bekämpfte, ist uns nicht erhalten, wir können es aber durch die 
Gegenschrift des Origenes, der das Werk des heidnischen Philo- 
sophen Punkt für Punkt zu widerlegen sucht, rekonstruieren. 
Celsus hatte einige seiner Angriffe einem Juden in den Mund 



1) Die sich auf Jesus beziehenden Stücke des Talmuds finden sich 
bei Heinrich Laible, Jesus Christus im Talmud, 1891; engl. Übers. Jesus 
Christ and the Talmud, Cambridge 1893, ferner bei T. R. Herford, Christi- 
anity in Talmud and Midrasch, London 1903; Strack, Jesus, die Häretiker 
und die Christen. Texte und Übersetzungen und Erläuterungen 1910. 
D. Chwolsohn, Das letzte Passahmahl und der Tag seines Todes. Peters- 
burg 1892 (namentlich S. 85—194); Klausner, Jesus aus Nazareth (Heathid 
I und II.) Eine kritische Untersuchung, auch von mir hier dankbar benützt, 
bietet das aus dem Leipziger Institutum Delitzschianum in Leipzig hervor- 
gegangene Buch „Die religiöse Denkweise der Chassidim" von Paul Lever- 
toff (Arbeiten zur Missionswissenschaft 1. Stück.) Leipzig 1918, besonders 
S. 109 — 128. 

2) M. Friedländer hat wahrscheinlich gemacht (Der Antichrist in 
den vorchristlichen jüdischen Quellen. Göttingen 1901, S. 55 ff.), daß die 
Pantherasage in der Diaspora entstanden ist und von Christen- und jesus- 
feindlichen gnostischen jüdischen Sekten her erst in den Talmud ein- 
gedrungen ist. 



Jesus und Maria im Talmud 



gelegt, darunter erscheint auch der folgende: 1 „Seine Entstehung 
aus einer Jungfrau hat Jesus erdichtet. In Wahrheit stammt er 
aus einem jüdischen Dorf und von einem bäurischen armen, um 
Lohn spinnenden Weibe. Von ihrem Gatten, einem Zimmermanne 
seiner Kunst nach, wurde sie ausgetrieben, nachdem sie als Ehe- 
brecherin überwiesen worden war. Vom Mann verstoßen und 
ehrlos umherirrend gebar sie dann in der Dunkelheit von einem 
gewissen Soldaten Panthera her Jesus." Im Talmud erscheint nun, 
wie erwähnt, Jesus als Jeschu ben Panthiri, Jeschu ben Panthera, 
ben Panthera ohne den Namen Jesus. 2 Immer wieder wird später 
dieser alte Spottname des Heilands gebraucht, um verächtlich an- 
zudeuten, daß ein römischer Soldat namens Panthera in ehe- 
brecherischer Beziehung zur Mutter Jesu gestanden war. 

Die jüdische Tradition wurde in den Tholdoth Jeschu (jüdischen 
Erzählungen des Lebens Jesus), mehr oder minder ausgeschmückt, 
fortgesetzt. Diese Berichte, die sich an die mündliche Überlieferung 
und an die Erzählungen des Talmuds anschlössen, wurden erst 
spät schriftlich fixiert. Den wohl ersten Auszug aus einem solchen 
Werk finden wir in der Schrift „De Judaicis superstitiönibus", 
die Bischof Agobard von Lyon mit zwei anderen Bischöfen um 830 
verfaßte. In den religionsgeschichtlich bedeutsamen Tholdoth er- 
scheint fast immer die Verführungsgeschichte Marias und ihr 
Ehebruch mit Panthera. 3 



1) Origenes gegen Celsus I. 23, 69 und öfter (Keim, Celsus „Wahres 
Wort". Zürich. 1873. S. 12.) 

2) Vgl. Tosephta zu Baraitha Ab. 16b, i 7 a: Thos. Chullin 2 24 
Baraitha Thos. Chullin 2, 22-23: Ab. Sara 27b, j. Ab. Sara 40 d. j. Schabb.' 
i 4 d. Auf den Namen Ben Stada, der ebenfalls Jesus bezeichnet, gehe ich 
hier nicht ein, weil seine Etymologie zu unsicher ist. 

5) Ich gebe als Beispiel den Anfang des jüdisch-deutschen „Tholdoth 
Jeschua ha-nozri" (von Dr. Erich Bischoff nach dem Oxforder Original- 
Manuskript herausgegeben. Leipzig 1895. S. 9 f.): „In dem Jahr, daß man 



Jesus und Maria im Talmud 



Ebenso wie unsere Analysandin (man erinnere sich der 
Assoziationen: Drei Könige — Roter König — Menstruation — 
Schwangerschaft — Jungfräuliche Geburt — Ben Hur) bringt 
merkwürdigerweise auch der Talmud die Empfängnis Marias nicht 
nur mit dem Ehebruch, sondern auch mit der Menstruation in 
Zusammenhang. Kalla 51a wird nämlich erzählt: „Der Freche ist 
nach Rabbi Elieser ein Bastard, nach Rabbi Jesua der Sohn einer 
Menstruierenden, nach Rabbi Aiiba ein Bastard und der Sohn 
einer Menstruierenden. Einst saßen die Gelehrten im Tore und 
zwei Knaben gingen an ihnen vorbei; einer von diesen hatte 
seinen Kopf bedeckt, einer entblößt. Von dem, der seinen Kopf 

hat gezelüt drei tusend sieben hundert im sechzig von Bescheffne (Er- 
schaffung) die Welt, da is worn (worden) geboren Jeschu ha-nozri (der 
Nazarener) in der Stadt Bethlehem, drei Meil von Jerusalem, und in dem 
Jahr, das man hat gezeilt (gezählt) drei tusend sieben hundert ein un neinzig, 
is er gehangen worn be-beth ha-seküah (am Steinigungsplatze) un asu (also) 
is es geschehn. 

Sein Mutter hat geheißen Mirjam (Maria) un sie war eine scheine 
(schöne) Jungfrau un sehr fromm. Un sie war anschpost (angesponst — ver- 
lobt) geworn zu ein (mit einem) bachur (jungen Mann; Bocher), der hat 
geheißen Jochanan, der war ein chasid (Frommer) un ein großer Thalmid 
chacham (Gelehrtenschüler, Gelehrter). Er war her von das Geschlecht 
malkuth heth David (des Königshauses Davids) . Un kegen ier schier (gegen- 
über gerade) hat gewaunt (gewohnt) einer, hat geheißen Joseph Pandira, 
ein Zimmermann sein Sohn (S. eines Z.) ; der hat Lust gehabt zu der Mirjam. 
Un er ging stillschweigendig bei die Mirjam und thut mit ihr sein Willen. 
Da war die Mirjam sagen(d) zu ihm: „Du, Jochanan, was tlmstu? Vor wahr 
(fürwahr) ich bin niddah (unrein, monatsblütig) !" Aber er war nit vor- 
nehmen (vernehmend) ihr Reed. Un sie war(d) die selbige Nacht tragen(d) 
(schwanger). Un wie der Pandira von ihr awek (weg) ging, da kam zu 
gehn ihr chatan (Bräutigam) Jochanan aus dem beth ha-midrasch (Lehr- 
hause, Synagoge) und wollte sich bei (ihr) legen. Da hieb (hub) sie zu ihm 
an: „Was thustu? Es is mir ein grauß Wunder von dir, asau (so) ein Sach 
zu thun, asau ein Mann wie du bist. Denn du bischt schon einmal heint 
(heut Nacht) bei mir gewesen, wie wohl as (obgleich) ich zu dir gesagt 
hab, as (daß) ich niddah bin, und itz und kommstu wieder!" usw. 



22 



Jesus und Maria im Talmud 



entblößt hatte, sagte Rabbi Elieser: „Ein Bastard"; Rabbi Jesua 
sagte: Der Sohn einer Menstruierenden." Da sagten sie (die Ge- 
ehrten) zu Rabbi Akiba: „Wie hat dir dein Herz Mut gemacht, 
die Worte deiner Genossen zu übertreten?" Er antwortete ihnen- 
„Das werde ich feststellen." Er ging zu 'der Mutter des Kindes 
und sah, daß sie auf dem Markte (als Buhlerin) saß und Hülsen- 
fruchte verkaufte. Er sprach zu ihr: „Meine Tochter, wenn du 
mir beantwortest, was ich dich frage, so bringe ich dich in das 
Leben der zukünftigen Welt." Sie antwortete ihm: „Schwöre 
nur! Da schwur Rabbi Akiba mit seinen Lippen, machte es aber 
m semem Herzen ungültig. Er sagte zu ihr: „Welche Bewandtnis 
hat es „a, diesem deinem Sohne?" Sie erwiderte: „Als ich ins 
Brautgemach ging, war ich eine Menstruierende, und mein Gemahl 
sonderte sich von mir ab; aber mein Brautführer kam über mich 
und so ward mir dieser Sohn." So war also der Knabe ein Bastard 
und em Sohn einer Menstruierenden. Da sprachen sie (die Ge- 
lehrten): „Groß ist Rabbi Akiba, da er seine Lehrer beschämt hat - 
Zu jener Stunde sagten sie: „Gebenedeiet sei er, der Herr, der Gott 
JSra6ls ' der sein Ge heimnis dem Rabbi Akiba ben Josef offenbarte. " * 

, , l l TT™ Jesus an dieser Stelle, sowie in fast allen Toldoth Jesu 
(vgl. spater) als Sohn einer Menstruierenden Wachtet wird, ist ^t Z 
Am ansprechendsten erscheint mir die Vermutung EauZ Jungs der darauf 
We ls , daß der rote Haarwuchs, den wir nicht selten auf den Bildern 
des Heüands sehen auf die Konzeption durch eine Menstruierende im V fee 
dTk t * r r" ^^ We n ° Ch Me Und da ™kgefüta It d 

£ M? • Ch6n 192 °' S - 197 ' } ° aS Tabu "*■ P — n Jähünd 

de Menstruat.onsze.t xst bei den primitiven Völkern allgemein. I m g." 
Mose ft0 , l8 wrrd bestimmt: „Wenn jemand bei einem Weibe legt ur 

autgedeckt hat, so sollen b el de muten aus ihrem Volke weg getilgt werden « 
über das Tabu der Menstruation vgl. Freud, Totem und Jabu 

Die Bezeichnung „Ein Frecher" bezieht sich auf den Umstand daR 
Jesus barhaupt ging, was nach Franz Delitzsch l Fin T l i mstand ' daß 

als Ausdruck der Ungeschliffenheit und ÄÄf*£ ? ^ 



Der Name Panthera ist seiner Bedeutung nach nicht klar. 
Manche Forscher nehmen ihn als Eigennamen aus dem Griechischen 
(n&vdqs), andere wie Krauß behaupten, daß Jeschu Pandera „mit 
Haut und Haar eine talmudische Figur sei" 1 und daß die Tradition, 
bis sie zu den Heiden gelangt sei (Celsus), bereits mit Zutaten ver- 
sehen worden sei, da der Soldat Panthera den gemein] üdischen 
(Quellen unbekannt sei. 

Wir schließen uns Klausner an, der wahrscheinlich gemacht 
hat, daß Panthera eine Verballhornung von parthenos „Jungfrau" 
ist. Die Juden hörten oft, daß die Christen Jesus den „Jungfrauen- 
sohn" nannten; deswegen nannten sie ihn spöttisch „Sohn der 
Panthera". Später vergaß man allmählich, daß mit diesem Namen ur- 
sprünglich die Mutter Christi bezeichnet worden war. 2 Weil der Name 
aber nicht jüdisch ist, entstand die Sage, daß der Vater Jesu ein Heide 
war, und zwar ein römischer Soldat, der so hieß. 3 Wir würden 
freilich hinzufügen, daß noch andere, verdrängte Elemente für 
diese Verschiebung im Laufe der Generationen mitbestimmend 
wurden: so wird gerade die angenommene Vaterschaft eines heidni- 
schen Soldaten unbewußt durch den verächtlichen Vergleich 
Marias, mit den großen Muttergottheiten des heidnischen Orients 
mitbedingt sein. 

Erinnern wir uns des Vergessens von „Ben Hur und ver- 
gleichen wir die Bedeutung, die Maria in den Augen der Rabbinen 
der ersten Talmudzeit besaß, mit der, die sie für das junge 



1) Krauß, Das Leben Jesu nach jüdischen Quellen. S. 187. 

2) Nitzsch, Theol. Studien und Kritiken, 1840, S. 115 — 120 zeigt eine 
Reihe talmudischer und patristischer Täuschungen, die an den mißverstandenen 
Spottnamen Pandera anknüpfen. 

3) Vgl. dazu Gustav Dalmans Bemerkungen in Laibles erwähnter 
Schrift (engl. Ausgabe) S. 21 u. S. Krauß, Das Leben Jesu nach jüdischen 
Quellen. S. 206/7 Anm. 73. 



f4 Jesus und Maria im Talmud 



Mädchen unseres Falles gewonnen hatte, so wird die Überein- 
stimmung Mar; die psychischen Wurzeln dieses Bedeutungswandels, 
eigentlich dieser Bedeutungsrekonstruktion, werden hier wie dort 
im Vorgange der Wiederkehr des Verdrängten zu suchen sein. 
Die seelischen Mechanismen in beiden Erscheinungen sind in der 
Umdeutung einer ursprünglich indifferenten Bezeichnung in eine 
sexuell anrüchige — einer Umdeutung, die leicht ersichtlichen 
Tendenzen entspringt — merkwürdig ähnlich. Es ist gewiß interessant, 
zu beobachten, daß in beiden Fällen eine Verschiebung stattgefunden 
hat: die Rabbinen des Talmuds haben die primär ein weibliches 
Wesen, bestimmende Bezeichnung (Parthenos - ben Panthera) als 
den Namen des Vaters Jesu aufgefaßt; das Mädchen hat einen 
ursprünglich männlichen Namen (Hur - ben Hur) in miß- 
verstandener, doch in unmißverständlicher Art als Bezeichnung für 
die Mutter Jesu angesehen. 1 Hier wird neben der Übereinstimmung 
zugleich eine Differenz in der Richtung der affektiv bedingten 
Umdeutung und Verschiebung ersichtlich. 2 

i) Neben der Verschiedenheit des Geschlechtes, deren Vertreter diese 
Verschiebung bewirkt haben, wird man die homosexuelle Bedingtheit dieser 
Umdeutung hervorheben müssen. Man vergleiche etwa die Rolle der Homo- 
sexualität als determinierenden Paktors im Vorgang der Situationsumkehr 
im träume. So betrachtet wird die Unsicherheit, ob der betreffende Name 
dem Vater oder der Mutter gelte, einem Schwanken zwischen homo- und 
heterosexuellem Objekt entsprechen. Die Geburt ist die erste Ursache der 
inzestuösen Libidofixierung. In den Pubertätsriten der Wilden wird wie ich 
zu zeigen versucht habe, ein Versuch zur Rückgängigmachung dieser Tat- 
sache in plastischer Form gemacht (vgl. „Probleme der Religionspsychologie" 
I. Teil.) Der uns Erwachsene paradox anmutende Zweifel über die Rolle 
von Vater und Mutter bei der Geburt hat seine Gründe in der ursprünglichen 
Bisexuahtät des Kindes und in den infantilen Sexualtheorien. Ein 5 jähri*er 
Knabe äußerte, als die Mutter ihm ein Stück Torte verweigerte, zornig- 
„Wenn ich mal Mama sein werde, werde ich meine Kinder auch so behandeln." 
2) Es ist selbstvertändlich, daß sich die sexuelle Verdächtigung Marias 
im Talmud m anderen Formen wiederholt. So wird von den Amoräern Pappos 



Jesus und Maria im Talmud 



25 



Die merkwürdige Unsicherheit in Bezug auf die Abstammung 
des großen Ketzers Jehoschuah von Nazareth im Talmud und die 
tendenziös hervorgehobene Vaterschaft eines römischen Legionärs 
würde etwa der Verwechslung Ben Hurs mit Christus und der 
tendenziösen Auffassung dieses Namens von Seiten unserer jungen 
Dame entsprechen. Das Fräulein nimmt Anstoß an dem Roman- 
titel, weil in ihm das anrüchige Wort „Hur" das sie auf die Mutter 
Christi bezieht, vorkommt und vergißt ihn. Ähnlich benehmen 
sich die Gelehrten des Talmud, die es tunlichst vermeiden, Jesus 
beim Namen zu nennen und lieber stereotype Umschreibungen 
gebrauchen. So heißt der Reformator „Der Freche" (Kalla 51 a), 
„ein Mann, Sohn eines Weibes" (Jalkuth Schimeoni 8766 zu 4. 
Mos. 25, 7) „ein Gewisser" (Mischna Jebamoth 4, ig, u. ö.), 
ferner „der Gehenkte", „der Bastard", „Bileam" usw. Es ist ver- 
ständlich, daß mit der stärker werdenden Zensur des Christentums 
als offiziellen und unduldsamen Glaubens die Umschreibungen 
immer mehr an die Stelle der direkten Bezeichnungen traten. 



ben Jehuda mit dem Vater Jesu, Mirjam, die Frauenhaarflechterin, mit seiner 
Mutter indentifiziert. Pappos ben Jehuda, der im talmudischen Schrifttum 
als Zeitgenosse des Rabbi Akiba öfters angeführt wird, soll nun auf seine 
Frau eifersüchtig gewesen sein, und sie nicht atis dem Hause gelassen haben. 
So erzählt die Baraitha (Tosefta Sota 5, a) : „Rabbi Meir pflegte zu sagen : 
„Wie es Geschmacksrichtungen in Bezug auf das Essen gibt, so auch in 
Bezug auf die Frau. Es gibt manchen, der, wenn in seinen Becher eine 
Fliege fällt, sie herausnimmt und nicht davon trinkt; das ist. die Geschmacks- 
richtung des Pappos ben Jehuda, der die Tür vor seinem Weibe zu ver- 
schließen pflegte und hinausging" (vgl. Gittin 90 a. Übrigens ein schönes 
Beispiel von Sexualsymbolik.) Es ist bemerkenswert, daß der Name dieser 
ungetreuen Ehefrau Mirjam Magaddela an Maria Magdalena im Neuen 
Testamente erinnert (worauf Levertoff in seinem Buche S. 115 hinweist.) 
Die Figur der schönen Sünderin Maria Magdalena, steht der ursprünglichen 
Bedeutung der orientalischen Liebesgöttin und Göttermutter näher als Maria, 
die Mutter des Herrn, ist aber eine Abspaltung der ursprünglich einheit- 
lichen Figur. 






[ 



— Jems u nd Maria im Talmud 



Nach Laib e hat Eisenmenger in seiner Schrift „Entdecktes 
Judentum ( 2 , x ) 2 g solcher umschreibender Benennungen Jesu 
aus judischen Schriften nachgewiesen. Nun werden wir gewiß den 
Faktor der Furcht als Motiv dieses Vorganges nicht gering schätzen 
meinen aber, daß die Namensvermeidungen auch als Zeichen 
starken Widerwillens und ebensolcher Verachtung für den Träger 
zu werten und dem Namensvergessen in unserem analysierten Fall 
zu vergleichen seien. 

Man würde auf den ersten Blick hin geneigt sein, zu be- 
haupten, daß ähnliche Faktoren es waren, die bei den ehr- 
würdigen Rabbinen vor achtzehn Jahrhunderten und bei einem 
jungen Mädchen unserer Tage dieselben Wirkungen hervorgebracht 
und sich zu diesem Zwecke derselben psychischen Mechanismen 
bedient haben. Auf ähnliche Art wird hier wie dort eine auf 
Subhrmerung aufgebaute, religiöse Legende zerstört und in ihrer 
pnmaren und primitiveren Bedeutung unbewußt erfaßt. Es ist 
keineswegs notwendig, zur Erklärung dieser merkwürdigen Er- 
scheinung das Walten einer mystischen Volksseele (Wun/t) anzu- 
nehmen; es genügt vielmehr für den Fall des jungen Mädchens, 
auf die psychische Beziehung zur Mutter und deren Störung hin- 
zuweisen, und wozu die Art seiner Assoziationen uns zwingt an- 
zunehmen, daß die eigene Mutter mit der Gottesmutter in Ver- 
gleich gesetzt wurde. 

So konnte die Philosophin in die Lage kommen, die eigenen 
Gefühle und Konflikte in den vor vielen Jahrhunderten wirkenden un- 
bewußt wiederzufinden. Das eigene Erleben spielt dabei die Rolle eines 
Wegweisers: es bot die Möglichkeit der Anknüpfung an das versun- 
kener Ge schlechter durch das Wirken derselben Verdrängungsmächte. > 

i) Es ist für die folgende Analyse nicht bedeutungslos, daß auch im 
Talmud Marxa genau so bezeichnet wird, wie von dem Madchen.- R Hij^ 



Jesus und Maria im Talmud 



27 



Bei näherem Zusehen aber wird man leicht erkennen, daß 
trotz so weitgehender Übereinstimmung in beiden Fällen nur 
ähnliche, nicht die gleichen Motive für die Auffassung der Gottes- 
mutter Maria bestimmend waren. Eine solche Differenz ist von 
vornherein zu erwarten: der Ausgangspunkt in den zwei Er- 
scheinungen ist verschieden; die Einstellung zu der Gestalt Marias 
aber wird schon durch die Divergenz zwischen der Betrachtungs- 
weise von Babbinen vor achtzehn Jahrhunderten und einer jungen 
modernen Dame gegeben. Dort sind es Männer, die spontan und 
mit bestimmten bewußten Absichten ihrer Verurteilung Marias 
ungeschminkten Ausdruck geben, hier ein Mädchen, das sein 
Widerstreben und seinen Unglauben unfreiwillig in der indirekten 
Form der Anspielung und Verdächtigung zeigt. Das Moment der 
Identifikation, das als bedeutsames in der Analyse des Falles seine 
Stelle fand, das aus der ursprünglichen Ödipuskonstellation und der 
reaktiv verstärkten homosexuellen Neigung zur Mutter stammt 
und noch in den verdrängten Prostitutionsphantasien erkennbar 
ist, fällt, wie selbstverständlich, in der Betrachtungsweise der Männer 
weg; es tritt dafür das der eigenen zurückgedrängten hetero- 
sexuellen Libido und der zurückgewiesenen Sexualüberschätzung 
des weiblichen Objekts ein. Indessen wird diese Differenz wieder 
eingeschränkt, wenn man bedenkt, daß die Babbinen sich un- 
bewußt mit Jesus, dem revolutionären Sohnesgott und Liebhaber 
der Muttergöttin, identifizieren. Ihre Verurteilung und Verächtlich- 
machung beider Gestalten kann nur als Beaktionserscheimxng auf die 

bar Abba sagte: Wenn der Sohn der Hure dir sagt: „Es gibt zwei Gotter", 
so antworte ihm: „Ich bin der vom Meere. Ich bin der vom Sinai" 

R - Hijja bar Abba sagte: Wenn der Sohn der Hure dir sagt: 

„Es gibt zwei Götter", so antworte ihm: „Von Angesicht zu Angesicht — 
redeten Götter, nicht ist so geschrieben, sondern — redete Jahve mit 
euch." (Deut. 5, 4.) (Pesiqtha Rabbathi 100b, 101 a.) Vgl. Prof. Hermann 
Strack, Jesus, die Häretiker und die Christen. Leipzig, 1910. S. 57. 






^ Jesus und Maria im Talmud 



eigenen Wünsche verstanden werden. Dem Unterschied der Ge- 
schlechter entsprechend gilt die bewußte Aufmerksamkeit und Ab- 
weisung der talmudischen Gelehrten stärker dem Manne Jesus, 
die analogen Gefühle des Mädchens eher dem Weibe Maria. 

Das folgende freilich vereinfachende Schema wird durch den 
Vergleich des dem individuellen gegenübergestellten völkerpsycho- 
logischen Vorganges ihre wesentlichen Übereinstimmungen und 
Abweichungen besser erkennen lassen, als lange Erörterungen. Aus 
ihm wird auch ersichtlich, welche Differenz in den Tendenzen 
durch die die Verschiebung und Umdeutung bewirkt wurde, besteht' 
da m der individuellen Reproduktionsstörung das religiöse Objekt 
vorwiegend dazu benützt wird, um eigenen Affekten und Gefühlen 
indirekten Ausdruck zu geben; die religiöse „Fehlleistung" - wenn 
man so sagen darf — den sexuellen Vorwurf gegen Maria be- 
sonders dazu verwendet, um den Zweifel an der Gotteskindschaft 
Christi auszudrücken und gegen den unliebsamen Sohnesgott zu 
protestieren. Man vergleiche die Rolle des sexuellen Faktors- in 
beiden' Erscheinungen, in dessen verschiedener Verwendung und 
Bedeutung sich der ganze Unterschied individueller und kollektiver 
Schöpfung, von Neurose und sozialer Bildung spiegelt. 1 Im Falle 
des jungen Mädchens steht die Abweisung der eigenen verdrängten 
Prostitutionsgedanken, die durch die Erinnerung an Maria wieder 
aktuell zu werden drohen, im Mittelpunkte; in der Umdeutung 
von Ben Pantera die Ablehnung der von den Juden gefühlten 
Versuchung, sich gleich Jesus gegen den Vatergott aufzulehnen. 
Das Hinausdrängen des Sohnesgottes aus dem Judentum entspricht 
indessen ebenso wie das Vergessen des Romantitels seitens der 
jungen Dame der Abweisung der stärk sten eigenen Wünsche. Wir 

i) Vgl. die Bemerkungen Freuds in „Totem und Tabu" über das 
Zurücktreten des sexuellen und das überwiegen des sozialen Moments in 
der Keligionsbildung. 







Jesus und Maria im Talmud 



a9 






wollen es nicht versäumen, noch auf eine merkwürdige formale 
Übereinstimmung hinzuweisen: nämlich auf die Zusammensetzung 
sowohl von Ben Pantera als auch von Ben Hur aus je einem 
Worte der eigenen Sprache und einem Fremdworte, das verächtlich 
gebraucht wird. (Hur, Parthenos.) 1 Wir wollen hier auch anmerken, 
daß die von uns aufgezeigte Analogie sich nicht auf spezifisch 
religiöse Erscheinungen bezieht, sondern auf solche, die wir nur 
als Ausdruck von Abwehrregungen gegen fremde Reli- 
gionen verstehen können. Es scheint mir wahrscheinlich, daß ein 
gutes Stück ihrer Ähnlichkeit eben auf Rechnung dieses ihres 
gemeinsamen Reaktionscharakters zu setzen ist. 

Damit aber gelangen wir zu einem Punkte, dessen Beachtung 
mir für unseren Fall — und über ihn hinaus • — außerordentlich 
wesentlich zu sein scheint. Das junge Mädchen, welches den Namen 
„Ben Hur" sonst, wohl wußte, hatte ihn in einem bestimmten 
Augenblick vergessen; sein Gedächtnis hatte sich geweigert, ihn 
herauszugeben, weil mit ihm peinliche Gefühle verbunden waren. 
Die Namen von Mutter und Sohn wären der passageren Vergessen- 
heit nicht anheim gefallen, wenn sie nicht der Eigenbeziehung 
so willkommene Gelegenheit geboten hätten. 

Wir wären versucht, diese Abweisung durch Vergessen mit 
dem völkerpsychologischen Phänomen der Ausschaltung der Mutter- 
göttin und ihres Sohnes-Liebhabers aus der Religion des Juden- 
tums zu vergleichen. Beide Erscheinungen stellen sich der analyti- 
schen Betrachtung als Pieaktionsvorgänge dar, die als seelische 
Anzeichen einer bestimmten Verdrängungsstufe Gefühle als un- 
annehmbar erscheinen lassen, die in einer vorausliegenden Zeit 

l) Ebenso auffällig- ist die Übereinstimmung, wenn der Talmud Jesus 
mit Nachdruck einen „Mann, Solin eines Weibes" nennt und das Mädchen in 
seinen Assoziationen (Ecce homo, Homo sum) gerade auf das „Mensch"-sem 
(von ihr doppelsinnig gebraucht) Christi hinweist. 



!! ■ 



INDIVIDUALPSYCHOLOGISCHER VORGANG 



Jesus Christus 



(Tendenziös verwechselt mit:) Ben Hur-Sohn des Hur (ursprünglich 

rühmend: aus dem 

edlen Geschlechte 

Hursj 







Sr^W 6 :, V a J e r S (d6S " 6ine -Etliche Bezeichnung 
Helden m Wallace's Roman) der Mutter. Christi umgewandelt 



Ben Hur 



Sohn der Hur (betonter, abgelehnter 
Gegensatz: Sohn der 
Jungfrau, Möglich- 
keit jungfräulicher 
Geburt) 



Verdrängte Prostitutionsgedanfc 



en 



Infantile Sexualtheorien 



VÖLKERPSYCHOLOGISCHER VORGANG 



Jesus Christus. 



(Tendenziös aus „Sohn der Ben Panthera 
Parthenos verb allhornt :) 




Bezeichnung der Mutter Christi 




Sohn der Panthera 
(ursprünglich rüh- 
mend : Jungfrauen- 
sohn) 



Ben Panthera 



verächtlich in einen Eigen- 
namen des ehebrecherischen 
Vaters Christi umgedeutet 



Sohn des gemeinen römischen 
Soldaten Panthera 
(betonter, abgelehn- 
ter Gegensatz : Sohn 
Gottes, Möglichkeit 
eines Sohnesgottes) 




Abweisung einer Sohnesgottheit Ausschließung einer ursprünglich 
in der israelitischen Religion vorhandenen großen Müttergöttin 

und ihres Inzestes mit dem Sohne 



3 2 



Jesus und Maria im Talmud 



\ 



: !i: 



intensiv lustvoll empfunden wurden. Die der Vorpubertät ange- 
hörten Prostitutionsphantasien, die als ichwidrig abgewiesen worden 
waren, hatten in dem individuellen Phänomen viel später die 
Reaktionserscheinung des Vergessens damit auch nur entfernt zu- 
sammenhängender Vorstellungen zur Folge. In der Entwicklung " 
der israelitischen Religion aber muß die radikale und konsequent 
durchgeführte Ablehnung einer in prähistorischer Zeit vorhanden 
gewesenen Sohnesgottesgestalt, deren Natur auf einer späteren 
religiösen Stufe als unsittlich und deren Kult als mit den vorge- 
schrittenen Ansichten unvereinbar galt, in ähnlicher Art auf eine 
Affektumkehr zurückgeführt werden, welche die stärksten revolu- 
tionären und vaterfeindlichen Tendenzen traf. Die völkerpsychologi- 
scne Parallele jenes individuellen Vergessens wäre sonach die 
Ausschließung eines vorfier verehrten Sohnesgottes aus der Tradition 
des Judentums. Wie außer jenem verräterischen Vergessen bei dem 
jungen Mädchen nichts in Wesen und Benehmen, nichts auch in 
bewußten Gedanken und Gefühlen auf eine Zeit hinwies, da es 
Prostitutionsphantasien beschäftigten, wie also hier jede Spur einer 
• solchen Neigung vertilgt und voller Abscheu an ihre Stelle getreten 
war, so zeugt nichts - von kleinen Zeichen, die nur dem 
Religionspsychologen erkennbar und durch die Analyse deutbar 
■md, abgesehen - im überkommenen Ritual und in der Dogmatik 
m der Tradition und in der Moral der israelitischen Religion von 
der großen Bedeutung, die einst ein Sohnesgott für ihre Anfänge 
besessen haben muß. Dynamische Wirkungen von außerordentlicher 
Intensität und Nachhaltigkeit müssen es vermocht haben, daß eine 
so che Ausschaltung gelang; nur das Fortwirken und die sich in 
jeder Generation geltend machende Erneuerung derselben seelischen 
Vorgänge können dazu geführt haben, daß jeder Versuch, im 
Judentum einen Sohnesgott neben den Vater zu stellen, zusammen- 
brach. Jahweh aber, vielleicht ursprünglich ein Landesbaal Kanaans 



Jesus und Maria im Talmud 



33 



in Wesen und Attributen dem babylonischen Marduk ähnlich, ist 
selbst ein solcher Sohnesgott, der zur Vatergottheit geworden, nun 
mit eiserner Gewalt sein Regiment führt, keinen Rivalen neben 
sich duldet und jeden Sohnesputsch blutig niederschlägt. 

Ähnlich liegen die Dinge in Bezug auf eine ursprüngliche 
Muttergöttin. Es kann hier nicht der Ort dafür sein, das von den 
meisten alttestamentlichen Forschern von vornherein apodiktisch 
verneinte Vorhandensein einer der Kybele, Isis, Ischtar, Astarte 
analogen Göttin im vorjahwistischen Israeli tentum nachzuweisen 
und die Natur und das Wirken jener „verdrängenden" Faktoren 
aus der Anlage und den Schicksalen der israelitischen Stämme zu 
zeigen. Man darf aber versichern, daß eine solche Arbeit zu einer 
völligen Revision unserer Ansichten über die Entstehung des 
Judentums führen muß. 1 



1) Ich möchte betonen, daß die von mir supponierte Muttergöttin der 
israelitischen Stämme einer Zeit angehört, von der kein Lied, kein Helden- 
buch uns etwas meldet. Wie in der individuellen Analyse, glauben wir 
indessen auch in der auf die Entwicklung der Völker angewandten Psycho- 
analyse, daß die Erlebnisse der frühesten Zeit die wesentlichsten und bedeut- 
samsten sind. Man darf sagen, daß die wichtigsten seelischen Vorgänge im 
Leben des Einzelnen bereits vor das 4. Lebensjahr fallen und für die 
Charakterentwicklung und den weiteren Lebensgang entscheidende Bedeutung 
beanspruchen. Bedenkt man, daß die Chabirustämme, denen die Israeliten 
angehörten, erst im zweiten vorchristlichen Jahrtausend — also sehr spät — 
in die Geschichte eintreten, so wird man zu der Überzeugung gelangen, 
daß um diese Zeit bereits eine relativ hohe Entwicklungsstufe erreicht war 
und die den Charakter und die Entwicklung besonders determinierenden 
Ereignisse vor jener Epoche vorgefallen sein müssen. Nur dunkle Spuren 
in der frühen, entstellten und mehrfach umgedeuteten Tradition können uns 
den Weg in jene Dämmerung weisen, aus der die israelitischen Stämme 
plötzlich auftauchen. 

Wenn manche Vertreter der alttestamentlichen Wissenschaft, wie z. B. 

Prof. Ed. König die Frage einer ursprünglichen Muttergöttin im alten 

Israel kurzweg dahin entscheiden, eine solche habe es nie gegeben, da das 

Hebräische nicht einmal ein Wort für Göttin habe, so stellt das weder ihrer 

3 Reik 



54 Jesus und Maria im Talmud 



Logik, noch Aren psychologischen Fähigkeiten ein glänzendes Zeugnis aus. 
Dieses Argument . süentio wird gerade durch den Hinweis auf das Wirken 
der Verdrängung*- und Verschiebungsmechanismen entwertet. („Nicht gedacht 
soll ihrer werden"). Vgl. die ähnlichen Ansichten Abrahams in „über Ein- 
Tn^ n vf e L UndXJmW r dlUngen derSchaul - t •*." (^rbuch der Psycho- 
log" h *' t' , 1914, 72) ' Im IL TeÜ d6r " Pr ° bleme d6r Religionspsycho- 
ogi hoffe lc h dxeses komplizierte Problem ebenso wie jenes des Lnesgottes 
im Judentum der Losung ein Stück näher bringen zu können 

Dle Erinnerung an den Aufstand eines Sohnesgottes gegen Jahweh 

dttlTl m f r S TT AOpe 2U S6hen - W de » *»«**« „Der Moses 
lo L« t71° Z d dle Sinai ™ r ^ e " » «Problem der Religionspsycho- 
dl Va: T ^\ daSelbSt aUCH ****"*** »* der Revolution Christianen 



den Vatergott.) 



III 

DER HEILIGE EPIPHANIUS 
VERSCHREIBT SICH 

(EINE FEHLLEISTUNG VOR SECHZEHN JAHRHUNDERTEN) 

Die Gestalt Marias hat in den Anschauungen der christlichen 
Gemeinde der ersten vier Jahrhunderte die bedeutungsvollste Wand- 
lung erfahren. Die wundersame Geburtsgeschichte Christi, die nur 
bei Matthäus 1 — 2 und Lukas 1— 2 berichtet wird, taucht erst spät 
auf. Die älteste evangelische Erzählung Markus weiß nichts davon. 
Paulus, den man mit Recht einen der Gründer des Christentums 
genannt hat und der den Bruder des Herrn, Jakobus, gekannt hat, 
erwähnt sie nicht einmal. Er spricht nur davon, Christus sei Yevojie- 
vov ek x vaiKÖ?, vom Weib geboren (Galaterbrief 4, 4 und 5); man 
möchte fast vermuten, er hätte besondere Gründe gehabt, über den 
Vater zu schweigen. a Besonders bemerkenswert aber ist, was das 
Matthäusevangelium im Anschluß an das Geschlechtsregister Jesu 
über die Geburtsgeschichte erzählt. Die Stelle lautet nach dem 
Syrus Sinaiticus (1, 18, i9): „Die Geburt aber des Messias war 
also : Da verlobt war Miriam, seine Mutter, dem Josef, da sie sich 
nicht genahet hatten eines dem andern, wurde sie schwanger 
gefunden von dem heiligen Geiste. Josef aber, ihr Gatte, weil er 



1) Renan hat übrigens Paulus misogyne Anschauungen zugeschrieben. 

3* 



§2. Der heilige Epiphanius verschreibt sich 



rechtschaffen war, wollte nicht, daß er Maria bloßstelle und 
^erlegte, daß er sie in der Stille entlasse." (Nach der Vulgata- 
«Cum nollet eam traducere voluit occulte dimittere eam ") Die 
wohl später eingeführten Worte fcc *vk W « Ytoü sind mit ^ 
heiligern Geiste« (geboren) zu übersetzen und haben nach Enril 
Jungs ansprechender Auffassung ursprünglich den Zweck dar- 
zutun, daß Maria ohne einen sittlichen Makel schwanger geworden 
set Aus der Stelle aber geht hervor, daß Maria während ihrer 
Verlobungszeit mit Josef schwanger befunden wurde und Josef sie 
nur deshalb in der Stille entlassen wollte (occulte dimittere), weil 
er em gerechter Mann war und sie nicht zum Gericht schleppen 
(traducere) wollte. Das mosaische Gesetz (5. Moses 22 2 "L) 
schreibt die Strafe der Steinigung für den Ehebruch - als solcher^ 
galt der Bruch des Verlöbnisses - vor. Die griechische Lesart 
weicht nur Werne ab, als sie sagt, Josef wollte Maria nicht an 
den Pranger stellen (^ !oai nach dem Codex ^ 
8E « ai h dem Te X tus receptus).* Die jüdische Überlieferung 
lautet nach' Celsus: „Verstoßen von ihrem Manne und ehrlos 
herumtrrend, gebar sie in der Dunkelheit den Jesus." Johannes 8 
4X sprechen die Juden zu Jesus: „Wir sind nicht aus Ehebruch." 
Zur Ergänzung sei noch auf den um die Mitte des zweiten Jahr- 
hunderts verfaßten „Dialog mit dem Juden Trvphon« von dem 
ältesten Ktrchenschriftsteller Justin dem Märtyrer hingewiesen. Im 
Kapital 7 8 dieser Schrift wird erzählt: „Josef aber, welcher mit 

S/f l ""' W ° lke ZUem dle *»•*«*** Maria verstoßen, 
£P«W) mdem er glaubte, daß sie vom Verkehr mit einem 
Manne sc hwanger sei, das ist also von Unzucht her (Art *o P v etas ), 
1) »Die Herkunft Jesu.« S. 53 ff 

*** ««'»■'»> "« «•«»» ». «,»„ Sri,«* < ' 89, ™ 



Der heilige Epiphanius verschreibt sich 



57 



wurde aber durch ein Gesicht angewiesen, sein Weib nicht zu 
verstoßen, indem ihm der erscheinende Engel sagte, daß aus hei- 
ligem Geiste sei, was sie im Schöße trage.' 

Das Verhältnis Christi zu seiner Mutter in der Anschauung 
der ersten Christengemeinde kann dahin charakterisiert werden, daß 
Maria ihn für einen Besessenen hielt und er sie und seine Brüder 
anfänglich verleugnete und sich mit herben Worten von ihr ab- 
wandte. 1 Das Johannes -Evangelium erzählt, Jesus habe bei der 
Hochzeit von Kana, von der Mutter darauf aufmerksam gemacht, 
daß es an Wein mangle, also indirekt aufgefordert, jetzt ein 
Wunder zu tun, scharf erwidert: „Was kommt mir zu und was 
dir, Weib? (Tt £)ioi Kai ooi, yuvcü.) Jesus selbst legt gegen jede über- 
triebene Verehrung Marias Verwahrung ein. (Luc. 11, 27, 28.) 
Noch Chrysostomus findet (Hom. 21 in Joh.) in ihrem Benehmen 
zu Kana vorlaute und anmaßende Zudringlichkeit, in den 
oben zitierten Worten aus Matthäus die verdiente Strafe für ihre 
Eitelkeit. 



1) In der ältesten Überlieferung steht die Familie Jesu dem Heiland 
noch ganz ablehnend gegenüber. Marcus 3, 20 f' erzählt, als Jesus seine Jünger 
gewonnen hatte, „gingen sie in ein Haus und wieder strömte eine Menge 
zusammen, so daß sie nicht einmal essen konnten, und als die Seinigen dies 
hörten, zogen sie aus, ihn festzunehmen, denn sie sagten, er sei von Sinnen". 
3,31 wird erzählt, Jesu Mutter und Brüder kamen zur Synagoge und schickten, 
ihn zu rufen; er aber sagte denen, die ihn riefen: „Wer ist meine Mutter 
und meine Brüder?" und weiter, indem er sich umsah nach denen, die rings 
im Kreise um ihn saßen: „Wer den Willen Gottes tut, der ist mein Bruder, 
Schwester und Mutter." 6, 1 ff. sagen die Zuhörer Jesu in der Synagoge : „Wie 
kommt der dazu und was ist das für eine Weisheit, die ihm verliehen ist, 
und die Wunderkräfte, die durch seine Hände geschehen? Ist er nicht der 
Zimmermann, der Sohn der Maria und Bruder des Jakobus und Josef und 
Judas und Simon? Und sind nicht seine Schwestern hier bei uns?" Und sie 
nahmen Anstoß an ihm. Jesus aber sagte ihnen: „Ein Prophet ist nirgends 
mißachtet, außer in seiner Heimat und bei seinen Verwandten und in seiner 
Familie." 



55 ^f^f^ii^w^j^f^Lf^ 

War, daß das Neue Testament von der Ans b ^ 

wird Jesus sei .»* * t Anschauung beherrscht 

' Jesus sei a "f wunderbare Weise dnrrb -1 i. -i- 

-hw<u^^^ 

Anstoß daran, daß Jesus leibliche, ohne d n he w P ^ 

^- erstgeborenen Sohn ^ba^ndsen • ^ ^ * 

Indessen wurde schon Hei • 7 ^ ^^ W " 

nach der Ge b U rt J e /u itZT^Z^ " ^ 
Hieronvmus detn Herostrat verg^n der d 7 f ^ 
- 7 Geistes, den ^^U^J^J^ 
Die Anschauung von einer natürlichen Geburt der P 7 
des Herrn war bereits häretisch geworden E s *" f _*'" W * 
noch Tertullian und O l g eword en. Es ist bekannt, daß 

rtmuan und Origenes anerkannten, durch die r„>, «. 
Chnstt sei der Mutterschoß Marias erschlösse; worden Die^T 
des ausgehenden 4 . Jahrhunderts verurteilte indel ,' ^^ 
als ketzerisch und behauptetete Mari 1 ***** 




Der heilige Epiphanias verschreibt sich 



39 



Hieronymus erklärt, sie seien Vettern Jesu und Söhne Marias, 
der Frau des Klopas und Schwester der Mutter des Herrn. Der 
heilige Epiphanius aber stellte die religionsgeschichtlich wichtige 
und von der Kirche viel erörterte Theorie auf, Josef sei ein Greis 
und verwitwet gewesen, als er die Jungfrau Maria heiratete. Die 
Brüder und Schwestern Jesu (Jakob, Simon, Judas, Johannes und 
Anna und Salome) stammten aus einer ersten Ehe Josefs. Jesus 
aber wurde natürlich vom heiligen Geist ohne körperliche Ver- 
einigung Josefs mit Maria gezeugt. 

Epiphanius, dem in der Legendenbildung um Maria eine 
besondere Rolle zukommt, ist um 310 in dem Dorfe Besanduke 
in Palästina von jüdischen Eltern geboren, wurde von einem 
jüdischen Rechtsgelehrten erzogen und trat in seinem 16. Jahre 
zum Christentum über. Er begab sich nach Ägypten, wo er mit 
Gnostikern in Berührung trat, die ihn zu verderben suchten. 
Dabei bedienten sie sich besonders schöner Frauen ; er selbst erzählt 
(haer. 26, 17), daß er einst gezwungen war, sich aus der ihm 
bereiteten Gefahr nach Art Josefs im Hause Potiphars zu retten. 
Nachdem er so heroisch der Versuchung standgehalten hatte, 
lieferte er die verdammten Bücher der Häretiker der Kirche aus 
und veranlaßte die Austreibung von 80 Mitgliedern jener Sekte. 
Neu im Glauben gestärkt, gründete er, in die Heimat zurück- 
gekehrt, in der Nähe des Dorfes Besanduke ein Kloster, als dessen 
Abt er durch 20 Jahre wirkte. Er trotzte der Verfolgung Konstantins; 
um 367 wurde er als Bischof nach Salamis auf Cypern berufen. Wir 
haben keinen Anlaß, das an Erfolgen und Enttäuschungen reiche 
Leben des Heiligen, das immer höhere Bahnen zog, hier weiter 
zu verfolgen. Wir wollen nur hervorheben, daß Epiphanius den 
erbittertsten Kampf gegen die Anhänger des Apollmaris und des 
Origenes sowie andere Ketzer führte. Er wurde nicht müde, gegen 
die Häretiker zu eifern, Synoden einzuberufen und zu besuchen 



40 



Der heilige Epiphanius verschreibt sich 



— noch als 70jähriger reist er nach Rom, um an einem Konzil 
gegen die Apollinaristen teilzunehmen — Predigten gegen die 
Ungläubigen und Andersgläubigen zu halten und heftige Fehden 
mit den Arianern auszufechten. Auf das starrste an den Buch- 
staben der heiligen Schrift festhaltend, in blindem Eifer alles 
niederrennend, was ihm falsch und ketzerhaft schien, verdient 
Epiphanius den Beinamen „der Patriarch der Orthodoxie", den 
ihm die Kirche verliehen hat. Diesem Eifer der Ketzerbekämpfung 
verdanken wir auch die für die Patristik und die Religionsgeschichte 
wichtigen Werke des Heiligen, von denen wir nur den „'A^poxo«« 
(Anker) und das „ITaväpiov" (Arzneikästchen) hervorheben wollen. 
Das letztere Werk soll als Heilmittel gegen alle Gifte der Ketzerei 
dienen. In drei Büchern hat Epiphanius versucht, f die tausend- 
köpfige Hydra der Häresie in alle Schlupfwinkel zu verfolgen. Er 
sammelt alle Anschauungen der Ketzer vom Beginn der Welt und 
widerlegt jede einzelne ebenso umständlich wie ausführlich. 

Als einer der erbittertsten Verfechter der immerwährenden 
Jungfräulichkeit Marias bekämpft der Heilige besonders jene recht 
zahlreichen Sekten und Häretiker seiner Zeit, die an der Virginität 
der Heilandsmutter zu zweifeln wagten. Bei Besprechung der 
78. Häresie, nämlich derjenigen der Antidokomarianiten, wendet 
er sich in seinem „Panarion" scharf gegen diese Ketzer, welche 
zwar die jungfräuliche Geburt anerkannten, aber „in einem ge- 
wissen Haß gegen die Jungfrau aus Neid oder Irrtum" zu behaupten 
wagten, Maria habe nach Christi Geburt mit Josef geschlechtlich 
verkehrt. Epiphanius beteuert, daß Josef damals ein hochbetagter 
Witwer gewesen sei und die Jungfrau ihm nicht zur ehelichen 
Vereinigung, sondern zum ewigen Zeugnis dafür, daß die Mensch- 
werdung fern vom Samen eines Mannes geschehen sei, übergeben 
worden sei. Hier kommt nun seine bereits erwähnte Theorie von 
einer früheren Ehe des Josef, aus der die Geschwister Jesu 



Der heilige Epiphanias verschreibt sich 



41 



stammen, zur Geltung. Er ist gezwungen, Jakobus, den Bruder 
des Herrn, zum älteren zu machen; er findet gerade darin, daß 
die heilige Schrift unbefangen von dosXcpoi und dSeltpai des Herrn 
spricht, einen Beweis dafür, daß es sich nicht um Kinder Marias 
und Josefs handeln könne. Im Eifer des Gefechtes aber ist ihm 
gerade hier eine Fehlleistung unterlaufen, die uns einen Einblick 
in sein Seelenleben gestattet. Die Stelle findet sich im 9. Kapitel 
des ..Panarion", das eben diese Auseinandersetzung mit den Anti- 
dokomarianiten enthält. „Denn inwieferne" ruft Epiphanius aus, 
..sollen wir denn nicht beweisen können, daß die Jungfrau heilig 
blieb? Sie (die Ketzer) mögen uns zunächst den Beweis liefern, 
daß Maria nach der Geburt andere Kinder gebar. Sie mögen die 
Namen sagen oder vielmehr erdichten, sie, die Erfinder und Ver- 
künder von Betrug und Arglist. Aber sie haben keine, um sie vor- 
zubringen. Es hatte die Jungfrau keinen .Verkehr mehr (06 
auvi'i^'ihl eti aräpftevoi;.)" 

Machen wir uns klar, was dieser letzte Satz bedeutet: er 
enthält die Behauptung, daß die Jungfrau wirklich früher einen 
geschlechtlichen Verkehr hatte. Es handelt sich um ein Ver- 
schreiben, dem unbewußte Motive zu Grunde liegen. Ein der 
Analyse fernstehender Forscher, Emil Jung, hat die zitierte Stelle 
in seinem Buche „Die Herkunft Jesu" 1 hervorgehoben und folgende 
Bemerkungen daran geknüpft: 2 „Im übrigen liegt das Haupt- 
gewicht der Ausführungen auf dem Nachweise, daß Maria nach 
ihrer Verehelichung keine Kinder hatte und Jakob, der Bruder 
des Herrn, älter war als dieser. Dabei entschlüpft dem Verfasser 
die Äußerung: „Es hatte die Jungfrau keinen Verkehr mehr." 
(„ou v^cp^i) &n xäpüsvoc,.) Hat sie denn früher einen Verkehr 



1) Die Herkunft Jesu. S. 207. 
'2) Die gesperrten Stellen nach Jung;. 



Der he MgeJZpipha njus verschreibt sich 



gehabt? Das griechische * heißt doch: „Noch, ,„„,, , oil( , 

St' f r er n ° Ch ' ^^ daZU -" M ^° «* diese Schwieg 
W und .hersetzt: ,Non enim ullam virg0 ^ „^ 

flu hat *? emen V ° Uk0mmenen ^exen Sinn: „Die Jung- 

frau hat niemals eln en Verkehr mit einem Manne gepflogen" 
Eptphantus sagt dagegen: „Die Jungfrau hat keine! " Verkehr 
-eh gepflogen (nachdem sie Jesum geboren hatte). Darin lie g t 
geradezu eine Betätigung dafür, daß Maria einen Verkehr 
Pliog, ehe sie Jesum eebar Der V,- ar r a ™v 
_^ .. , , geoar. uer ±<iage, mit wem dieser Verkehr 

?2* 2 V eht Epiphanius aus dem w ^- *• »*S 

dafür, daß er gute Grunde hatte, dieselbe nicht zu berühren.« 

Wir können an diesem Punkte nur unserer Befriedigung 

aruber Ausdruck geben, daß ein Forscher durch eine der an^ 

chen nahestehende Anschauung und durch Beachtung von Detaüs 

- so bemerkenswerten Konstatierungen gelangte. D, J ung teilte 

nach dl ^.^ " Sdne AufWg ^ Epiphaniusstelle 

-h dem unmittelbaren Eindruck, welchen sie in Zusammenhang 
-t dem übrigen Inhalt auf ihn machte, gewonnen habe; J 
äen Theorien der Psychoanalyse sei er nicht vertraut gewesen 

7irzr: s sei - chade ' daß der Aut ° r die *•*- ^ - 

n cht H M S6me Wekeren ÄUSfÜhr - g - zeigen, daß er 

mcht weiß, was er gefunden hat, und daß die Analyse ihm 
^eigt hatte, zu welchen ^^ ^^^ 
Folgerungen sein Fund führen mußte. 

Bevor wir indessen weiter p-ehen «-«j.» 
T7- •• t vvcner genen, werden wir uns mit zwei 

?z°t: 7 beid T se " h - b ™- fc — -" -* £* z 

verjtenr mehr vielleicht in manchen Fällen eine 
andere Bedeutung als die hier erscheinende haben könnte. AI Z 
di Lexika und Wörterbücher geben übereinstimmend die an- 
geführten Bedeutungen an. 



MM 



Der heilige Epiphanius verschreibt sich 



45 



Es kann sich also nur um ein Verschreiben des Kirchenvaters 
handeln. Ein anderer Einwand scheint bedrohlicher: er würde 
darauf hinweisen, daß sechzehn Jahrhunderte eine lange Zeit sind 
und jenes verräterische „nicht mehr in die Originalmanuskripte 
des Epiphanius, die es vielleicht gar nicht enthielten, später von Ab- 
schreibern oder Überarbeitern eingefügt worden sein könne. Indessen 
ist leicht einzusehen, daß ein solcher Einwand nur eine Verschiebung 
der Frage bedeuten würde; er würde auch nichts weiter besagen, als 
daß sich die seelischen Motive, die wir hier für das Verschreiben 
des Heiligen verantwortlich- machen, als störende Tendenzen im 
Seelenleben dieser Überarbeiter oder Abschreiber geltend machten 
und diese waren — Mönche. Allein wir haben diesem Einwand 
ernstere Argumente entgegenzusetzen : der Stil des heiligen 
Epiphanius ist eigentümlich sich überstürzend und konfus 1 ; solche 
Konfusion aber gilt uns in der Analyse als Verrat innerer Wider- 
stände gegen das Gesagte und es wird umso wahrscheinlicher, 
daß das Versprechen von dem Kirchenvater selbst herrührt. Die 
Wahrscheinlichkeit wird zur Gewißheit, wenn aus der Analyse 
anderer Stellen die psychologische Unterlage für solchen Selbst- 
verrat und die ihn bewirkenden verpönten Tendenzen erkannt 
werden können. Bevor wir aber zu diesem Beweis der inneren 
Kritik übergehen, wollen wir uns fragen, ob und warum das 
Verschreiben des Kirchenvaters ein so hohes Interesse verdient 
und warum wir, denen der Tag viele Fälle von Fehlleistungen 
zuträgt, uns ausführlich mit diesem beschäftigen sollen. Nun, ich 
meine, aus vielen Gründen: wir müßten, glaube ich, jeden Beweis 
dafür willkommen heißen, daß die seelischen Vorgänge bei einem 
Heiligen vor sechzehn Jahrhunderten denselben seelischen Gesetzen 



1) Vergl. Karl Holl im Vorwort zur kritischen Ausgabe des Epiphanius 
(Ancoratus und Panarion.) Herausgegeben von der Kirchenväterkommission 
der königl. preußischen Akademie der Wissenschaften. I. Bd. Leipzig 1915. 




^s ^ surr*" to E " hani ™ 

B „ unsere ™°.t : "'•"»<'%» ft* loda« 

große Bedeutung in der r v,- T T^denzen, denen eine 

L«unt SChlCHte d6r rel ^ iSsen Entwicklung 

Wir haben gehört daß n,- t 

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schiedene häretisrh* <u~ !• ,. Semem Kam P fe gegen ver- 

jemand wieder frevelhaft die h n- r eShelJJt - «Ebensowenig soll 

,w= will ato . ei„ Si mb « 6nh(!it mi , ^füZTj ^ 

schmähenden Verdacht M««i u, , d emen 

unddieZungelöe^dd T " ^ *** MwA Öffnen 

unge losen und die Lxppen auseinandergehen aus schlechter 



Der heilige Epiphanius verschreibt sich 



45 



Gesinnung? Ja, wer will anstatt auf Lobgesänge und Verehrung 
auf irgendwelche Entehrungen sinnen und sich auflehnen gegen 
die heilige Jungfrau und nicht verehren das verehrenswerteste 
Geschöpf? (Här. 78. Kap. ] 1), so könnten wir ihm leicht diesen 
Frevler zeigen. 1 

Uns interessieren hier die Mechanismen des Verschreibens, 
die uns klar werden, wenn wir uns die ganze Argumentation des 
Epiphanius vor Augen führen, mehr. Der Pater bekämpft die 
Anschauung, daß die Jungfrau nach der Geburt Christi nicht mehr 
„beilig blieb und weist im Voraus die auf den Evangelientext 
sich stützenden Einwürfe ab, als könne eine solche Änderung aus 
der Tatsache, daß Jesus Brüder und Schwestern hatte, geschlossen 
werden. Es handelt sich, wie er betont, um Kinder des Josef aus 
einer früheren Ehe. Sein Bestreben geht dahin, zu beweisen, daß 
diese Geschwister älter als Jesus waren. 

Seine Behauptung lautet nun: Nein, Maria hat nach der 
Geburt Christi keinen Sexualverkehr mit Josef gehabt: diese 
Geschwister stammen aus einer anderen Ehe Josefs vor der mit 
Maria. Das Vorher der Ehe Josefs in diesem Gedanken aber 
führte vorbewußt auch auf das Vorher bei Maria: sie hatte auch 
vorher keinen Sexualverkehr mit Josef; auch Jesus stammte nicht 
aus dieser Ehe. Hier aber drängt sich die ihm gewiß bekannte 
Tradition der Juden und Heiden auf, daß Jesus aus einem ehe- 
brecherischen Verkehr Marias mit dem Römer Panthera stammte, 
als Maria schon mit Josef verlobt war. Nun aber, da der Heilige 
auf diesen verruchten Gedanken gestoßen war, werden alle Mittel 
der Zensur mobilisiert, die schreckliche Versuchung solcher häre- 
tischen Anschauung abzuweisen. Glorreich durchbricht die Sonne 



1) Die Häufung der Schmähungen und die Vehemenz der Ablehnung 
aller ketzerischen Ansichten zeigt dem Analytiker das Wirken gerade der 
bekämpften Ansichten in Epiphanius selbst. 



** Satz ^J^i^^rr^ ^ "°* ** 

~ -ehr In ihr ! h~T ' ^^ hatte keinen Verkehr 

enr. m lhm haben Slch sowofal ö 

störenden Tenden 7P n , • r r g^iorten, als auch die 

^ndenzen zu einem Kompromißausdruck vereinigt TV 
Behauptung des späteren Sexualverkehres Marias und Tl Z 
zurückgewiesen aT,™ i. n Joseis wird 

Mains „„ p anthera „„,, D 

Ge S ch Wi ;::L "™ die Herln ° ft cwi -° d ■*- 

»ach, »»<,., II ! 7!! eeb "»' m Ge S C» stetn Jes „ sltepe 
»»d de» B^aJr """ md »« d ™*» Wah„eh mlmg 

b«h,» ptea 7« TJZ , s " aer Bewäl,ieu " s hsr - M » »**« 

^ ' Qlese Spekulation wäre ein «^„li™- • i • 
Bearbeitung oder eines inteU^uZ ^ ^ ^ "^ 

-aßregel, wie wir sie tägl h ^d ^ ^ ScW 

tikern sehen. Wir werdfn h / ^ ^ Zw ^— " 

AWdität und Alsgln le r; ^ T ^ ^ ^^ 
Spott ausdrücken * u a 7 Traumelementen Hohn oder 

Heiligen ££ ^^ " * *» Theorien des 
von der den Natural , ^ ™ benen Anschauung 



i) Freud, Traumdeutung. 



Der heilige Epiphanius verschreibt sich 



47 



Wir sehen übrigens, wie die wesentlichen Momente, die der 
Heilige zur Begründung seiner Theorien herangezogen hat, sich in 
seinem Verschreiben als störende erweisen, wie hier das Vor und 
Nach der Geburt Christi, Vor und Nach der Vermählung Josefs 
und Marias vielfältig verwendet werden und die Begriffe Vater 
und Mutter zum Angelpunkt werden. 1 Dieses Verschreiben selbst 
erinnert am ehesten in seinen Mechanismen an die Überbietungs- 
witze, in denen der Widerspruch an Stelle einer Bestätigung mit 
Überbietung steht. Das Lessingsche Epigramm: 

„Die gute Galathee ! Man sagt, sie schwärz' ihr Haar, 
Da doch ihr Haar schon schwarz, da sie es kaufte, war. 
bietet ein gutes Beispiel. Der entscheidende Unterschied aber liegt 
darin, daß die Verhöhnung der Frau im Witz bewußt angestrebt 
"wird und die scheinbare Entschuldigung sich nur als Mittel der 
Witztechnik darstellt, im Verschreiben aber dasselbe Ziel gegen die 
bewußte Absicht im Dienste unbewußter Tendenzen erreicht wird. 
So rückt also das Verschreiben seinen psychischen Automatismen 
nach in die Nähe der bekannten Schadchenwitze, in denen die 
Bürde der Verstellung abgeworfen und so eine Ersparung von 
seelischem Unterdrückungsaufwand geschaffen wird. 2 Im Eifer der 
Bekämpfung der verketzerten Ansicht hat sich der „Patriarch der 
Orthodoxie" als Ketzer verraten ; indem er eine anstößige Vorstellung 
zurückwies, hat er durch sein Verschreiben auf eine noch viel 
anstößigere hingewiesen. Es ist ihm ergangen wie jemandem, der 
zwei Gegenstände trägt, von denen der eine, wertlosere ihm zu 
entgleiten droht und dem nun, da er ihn hastig festhalten will, 
der andere, zerbrechlichere und ungleich kostbarere zur Erde fällt 
und zerschellt. 



1) Mit diesem Vorgange wäre die Unsicherheit in der Bezeichnung 
Jesu als Sohn Pantheras (der Parthenos) vgl. Abschnitt II. zu vergleichen. 

2) Freud, Der Witz und seine Beziehungen zum Unbewußten. 



4 8 



Der heilige Epipkanius verschreibt sich 



Wir haben früher gesagt, Epiphanius habe, wie aus seinem 
Verschreiben hervorgeht, den vorbewußten Gedanken, Maria habe 
geschlechtlich mit Panthera verkehrt, unterdrückt. Unsere Analyse 
steht und fällt mit dieser Voraussetzung. Haben wir dafür Beweise? 
Ich meine, es sind deren genügend vorhanden. Die Erzählung 
vom Ehebruch Marias mit Panthera war um diese Zeit unter den 
Juden und Heiden weit verbreitet, und wurde, wie ich in dem 
diesem vorausgehenden Abschnitte dargestellt habe, zu Tendenzen 
der Verhöhnung der Jungfräulichkeit Marias immer wieder ver- 
wendet. Ein Jude, von jüdischen Gelehrten erzogen, mußte sie 
bereits in seiner Kindheit gehört haben und dem späteren Patriarchen 
der den größten Teil seines Lebens in Palästina wirkte, eifrig alle 
Ketzeransichten sammelte und den langen und schmerzlichen Ab- 
losungsprozeß der neuen von der alten Religion zum großen Teil 
miterlebte, konnte diese Tradition unmöglich unbekannt geblieben 
»ein. Sein erbittert bekämpfter Gegner Origenes berichtet aus- 
fuhrlich über diese Erzählung von Maria und Panthera. Doch wir 
haben einen direkten Beweis dafür, daß der Heilige mit dieser 
Tradition wohl vertraut war. Im 7 . Kapitel seines „Panarion" 
benchtet der ehrwürdige Vater über die Genealogie Josefs: „Dieser 
Josef wurde nun geboren als Bruder des Klopas, war aber ein Sohn 
des Jakob, welcher den Beinamen Panther führte, (farta)^ M n&vftqp 



I) Bei Erzählung der Geburt Jesu, die auf wunderbare Art erfolgte 
.errat ubr^ens Epiphanius direkt seine Kenntnis von den Maria herab-' 
uzenden Anschauungen: „Es ist aber zu verwundern, wie sie (die 
Ketzer) nach den schlechten Vorwänden Jagd machen und die 
llTlll V ° n & T erf ° rschen > ««* welchen kein Bedarf ist, 

Tel N r I° naCh ni ' Cht SBSllCht Werde * «*. und sich von 
dem Notwendig« wegwenden zu törichten Untersuchungen 
damit ganz und gar irgendwie uns von allen Seiten da V -' 
derben bereuet werde wegen der gegen die Heilige erhobenen 
ehrenrührigen Anwürfe." (Här. 7 8.) 



Der heilige Epiphanius verschreibt sich 



49 



kccXouuevou) Diese beiden wurden von dem Panther dem Beinamen 
nach (ä* ™ c Hdv*i)pos estix:l.i\vj geboren." Aus dem Vater Jesu wird 
sein Großvater gemacht — das Resultat einer zweifachen, weil auch 
auf Josef bezogenen psychischen Verschiebungsarbeit, die Verpöntes 
aus dem ursprünglichen Zusammenhange loslöst und zum Zwecke 
der Unkenntlichmachung in einen neuen Zusammenhang einfügt. 
Jung bemerkt zu dieser Stelle, sie zeige unter allen Umständen den 
tiefen Einfluß, den die jüdische Überlieferung noch zur Zeit ihrer 
Niederschrift auf die christlichen Kreise, namentlich auf die Juden- 
christen, ausübte. Gerade dieser Versuch spreche aber für die Tat- 
sache, daß Jesu Vater den Namen „Panthera" führte. x 

Die verdeckte Wiederkehr der abgewiesenen Vorstellung aber, 
wie sie hier erscheint, wird aus unserer Ansicht von der seelischen 
Dynamik verständlich. Wir wissen von Freud 2 , daß die Verdrängung 

x) Die Herkunft Jesu S. 206. — Der Zweifel an der Jungfräulichkeit 
und Ehrbarkeit Marias ist bei Epiphanius so groß, daß er ihn dazu zwingt, 
ganz unverdächtige Evangelienstellen von einem Verdacht zu entlasten, den 
niemand gegen ihren Inhalt gerichtet hat. So zitiert Epiphanius (Här. 78. 
Kap. 10) die Johannesstelle 19, 26 und 27, der zufolge der Erlöser am Kreuz 
dem Johannes die Sorge um Maria mit den Worten empfahl : „Siehe da 
deine Mütter", und zu ihr selbst sagte: „Siehe da deinen Sohn." Wenn das 
Johannesevangelium weiter berichtet, der Jünger habe die verlassene Mutter 
des Heilands bei sich aufgenommen, hält es Epiphanius für notwendig, zu 
erklären: „Aber dies möge sich nicht zum Schaden wenden für manche, so 
daß diese darin eine Rechtfertigung zu finden glauben, sich Hausfreundinnen 
und Geliebte, wie man sie nennt, ersinnen zu dürfen aus verderblicher 
Denkweise. Denn dort wurden die Dinge vollbracht gemäß der Heilands- 
ordnung, wobei dieses Vorgehen unterschieden wurde von der ganz andern 
Ordnung der Dinge, welche nach dem Willen Gottes eingehalten werden 
müssen. Und zudem, nachdem dies geschehen war und er sie zu 
sich genommen hatte, blieb sie keineswegs bei ihm." Verteidigung ebenso 
wie die Abschwächung des letzten Satzes zeigen deutlich genug die Spuren 
der verdrängten Ansichten des Heiligen. 

2) Freud, Sammlung, kleiner Schriften zur Neurosenlehre. 4. Folge 
Wien und Leipzig 1918. S. 285. 
4 Reik 



5^ Derheüige Epiphanias verschreibt sich 



keineswegs alle Abkömmlinge des Unbewußten vom . Bewußten 
abhält, ihnen vielmehr der Zugang freisteht, wenn sie sich nur 
weit genug von der verdrängten Repräsentanz entfernt haben, sei 
es durch Annahme von Entstellungen oder durch die Anzahl 
eingeschobener Mittelglieder. „Es ist, als ob der Widerstand 
des Bewußten gegen sie eine Funktion ihrer Entfernung vom 
ursprünglich Verdrängten wäre." Die Tatsache, daß Panthera, der 
illegitime Vertreter Josefs, als Großvater Jesu erscheint, zeigt, daß 
sich das maskiert Verdrängte den Zugang zum Bewußten erkämpft 
hat. Das immer wieder erneuerte Spiel von Verdrängung und 
Wiederkehr, sowie die Mobilität der Verdrängung erkennen wir 
am Pendant zu diesem Beispiel. Vier Jahrhunderte nach Epiphanius 
lebte und wirkte der gelehrte hochwürdige Pater Johannes von 
Damaskus im Kloster von Saba bei Jerusalem. Sein Werk über 
den rechten Glauben gelangte in der morgen- und abendländischen 
Kirche zum höchsten Ansehen. Dieser fromme Kirchenschriftsteller 
bnngr also in seiner „Expositio accuratae fidei orthodoxae" folgende 
Genealogie der heiligen Maria und ihres Sohnes. (IV. 4 ) : Aus 
der Linie des Nathan, des Sohnes des Davids, wurde Lewi geboren 
und erzeugte den Melchi und den Panther («öv IT&v^pa). Der 
Panther erzeugte den Barpanther (<öv Bap^v^pa), wie er dem 
Beinamen nach genannt wurde (oflro,? fearuA^fewa). Dieser Barpanther 
erzeugte den Joachim, Joachim erzeugte die heilige Gottesgebärerin. " 
Jung beschreibt die früher von mir angedeuteten Verschiebungs- 
vorgänge, wenn er zu dieser Stelle sagt:* „Panther und Barpanther 
tauchen hier unter den Verwandten von Maria auf, indem deren 
Großvater mit dem Beinamen Barpanther und ihr Urgroßvater mit 
dem Namen „Panther" aufgeführt wird. Wie stark muß sich die 
]udische Überlieferung von Panthera als Vater Jesu noch zur Zeit 

2) S. 217. 



> 






Der heilige Epiphanius verschreibt sich 5 1 

des Johannes von Damaskus in Palästina und den benachbarten 
Gebieten geltend gemacht haben, wenn sich ein so glaubenseifriger 
Vorkämpfer des rechten Glaubens, wie es dieser Schriftsteller war, 
genötigt sah, den Namen Panthera in der Form von Panther im 
Stammbaum der Maria an unverfänglicher Stelle einzureihen und 
so vermeintlich unschädlich zu machen. ' Wir wissen, daß es sich 
auch hier um eine Verschiebung und Wiederkehr der verdrängten 
Vorstellung aus dem Verdrängenden, sozusagen mit einem falschen 
Paß handelt. Es zeugt von der Unzerstörbarkeit verdrängter Regungen, 
wenn diese Ausführungen des Johannes Damascussamt dem Panthera 
umfassenden Stammbaum der Maria teilweise in das 1754 gedruckte 
,,Breviarium Cisterciense" als Homilie des heiligen Johannes von 
Damaskus übergegangen sind. 1 Diese Homilie ist für den 20. März, 
den Festtag des heiligen Joachim, des Vaters der Jungfrau Maria, 
bestimmt und noch heute in kirchlichem Gebrauch. 2 

1 ) Wie stark die alte Überlieferung von der Geburt Jesu nachwirkte, 
ersieht man nicht nur aus den im vorigen Abschnitt dargestellten Anschauungen 
des Gelsus, des Talmuds und der Toldoth Jeschu, sondern vor allem aus dem 
Johannesevangelium, wo die Juden Jesus in der Synagoge sagen (8, 41): „Wir 
sind nicht aus- Ehebruch" und (8, 55): „Wir sind Abrahams Samen, nicht 
Mainzer, und von jeher haben wir keinen Sklavendienst geleistet." (Vergl. 
die Erläuterungen der Evangelien von Adalbert Merx. Berlin 1902—1911). 

Gegen Ende des 2. Jahrhunderts schreibt der älteste lateinische Kirchen- 
schriftsteller Tertullian sein temperamentvolles „Liber de spectaculis", in 
dem er das jüngste Gericht schildert, das so viele mächtige Könige, Philo- 
sophen, Schauspieler und Athleten, die gefeiert werden, der Strafe zuführen 
werde. „Nur möchte ich," fährt er (Kap. 50) fort, „dann weniger die Ge- 
nannten sehen als vorziehen, meinen unersättlichen Blick auf jene zu richten, 
die gegen die Person des Herrn selbst gefrevelt haben. Hier ist, möchte ich 
sagen, jener Sohn des Zimmermanns oder der Hure, der Zerstörer 
des Sabbats, der Samaritaner und der einen Dämon in sich trägt (Hie est 
Hie, dicam fabri aut qriaestuariae filius, sabbati destruetor, Samarites et 
daemonium habens)." 

2) Jung, op. cit. S. 222. 



52 Der heilige Epiphanius verschreibt sich 



Es bleibt bemerkenswert, daß in einer zu Ehren der gebene- 
deiten Jungfrau gehaltenen Feier in der Kirche noch beute der 
Name ihres recht , irdischen Geliebten und des Vaters des Heilands 
erscheint. Es kann schwer geleugnet werden, daß die Religion eine 
soziale Institution ist, zu deren vornehmsten Zielen auch die Sanktio- 
nierung von Gotteslästerungen gehört. 1 

Wenn wir die wirkliche Einstellung des heiligen Epiphanius 
nicht aus der Analyse seines Verschreibens erschließen könnten, 
würden wir die Betrachtungen heranziehen, die im 24. Kapitel 
des „Panarion" enthalten sind: „Es ziemt sich nicht, über Gebühr 
die Heiligen zu ehren, sondern ihren Gebieter zu ehren. Es möge 
endlich der Irrtum der Getäuschten ein Ende finden. Denn nicht 
war Maria ein Gott, noch hatte sie ihren Körper vom Himmel, 
sondern sie war aus der Verbindung von Mann und Weib nach 
der Verheißung wie Isaak berufen. Und niemand soll auf deren 
Namen ein Opfer bringen, denn er bringt seine Seele ins Verderben." 
Wir sehen hier, daß der Patriarch gegen die eben beginnende 
göttliche Verehrung Marias protestiert. Bei der Bekämpfung der 
Sekte der Kollyridianer (79. Häresie), welche zu Ehren Marias an 
bestimmten Tagen des Jahres kleine Kuchen (Kollyrides) opfern, 
spricht sich der Heilige noch entschiedener aus (Kapitel 8). 
Die Frauen jener Sekte „erneuern wieder das Trinkhorn der 

1) Ähnliche Anschauungen bereits in Freuds „Zwangshandlungen und 
Religionsübung" und „Totem und Tabu". Nur ein Beispiel einer verborgenen, 
in den Gottesdienst aufgenommenen Blasphemie sei noch angeführt, da es 
sich ebenfalls auf die Mutter Gottes bezieht: jene Strophe des berühmten 
alten Kirchengesanges „Dies irae": 

Qui latroneni exaudisti 
Et Mariam absolvisti. 
Mihi quoque spem dedisti. 
Wenn das Lied von der Gemeinde in der Kirche gesungen wird, 
wissen gewiß wenige von den Sängern, daß in ihm Maria mit einem Straßen- 
räuber zusammengestellt wird. 



Der heilige Epiphanius verschreibt sich 



55 



Glücksgöttin und machen dem Dämon und nicht dem Gott den Tisch 
bereit, wie geschrieben steht. Auch essen sie die Speisen der Gott- 
losigkeit Diesen Weibern möge von Jeremias das Maul 

gestopft werden, damit sie nicht die ganze Welt in Aufruhr bringen. 
Sie mögen nicht sagen: Wir ehren die Himmelskönigin!" Was 
Epiphanius an der Verehrung Marias stört, ist das Heidnische, ist 
die Anbetung der großen alten Liebesgöttin. 1 

Wir wissen, daß Epiphanius in diesem Kampfe unterlag. Der 
Nestorianische Streit, in dem die Frage, ob Maria Gottesmutter 
(deorÖKo?) oder nur Christusmutter (xp^otöko?) genannt werden 
soll, eine Hauptrolle spielte, wurde für die Vergöttlichung Marias 
entscheidend. Auf dem Konzil von Ephesus wurden die Feinde der 
heiligen Jungfrau besiegt und als am 22. Juni 451 in der Stadt der 
Muttergottes, der vielbrüstigen Artemis, das Volk jubelnd über die 
Ehrenrettung der jungfräulichen Gottesgebärerin durch die Straßen 
zog und rief: „Ehre sei der großen, erhabenen Mutter Gottes," hatte 
das Heidentum gesiegt. Jetzt wurde die Verehrung Marias allgemein 
und steigerte sich immer mehr, bis die Mutter fast ihren göttlichen 
Sohn verdrängte. Der heilige Epiphanius hätte sicher in den 
Gläubigen, die mit Opfergaben zur Wallfahrt nach Kevlaar ziehen, 
die verhaßten Kollyridianer wieder erkannt, in der katholischen 
regina coeli die heidnische Himmelskönigin. 2 



1) Die Himmelskönigin ist nach Zimmern (Keilinschriften und das 
Alte Testament. 5. Aufl. S. 440 ff.) die babylonische Istar, die als sarrat same, 

Himmelskönigin" in den Inschriften erscheint. Röschl identifiziert sie mit 
Astarte (Theologische Studien und Kritiken. 1888). Dieser Autor weist auf 
den sexuellen Charakter des Mariendienstes der Kollyridianer hin (S. 279), 
indem er die Kollyridenbrote zur Oblation und Kommunion als Phallus- 
symbole kennzeichnet. 

2) Den latenten Charakter dieser Entwicklung des Christentums hat 
Professor Eduard Meyer neuerdings anschaulich geschildert. (Ursprung 
und Anfänge des Christentums. 1. Bd. Die Evangelien. Stuttgart und Berlin 



54 Der heilige Epiphanius verschreibt sich 



Der Heilige beruft sich bei der Bekämpfung dieser Sekte 
wie wir gesehen haben, auf Jeremias, der neun Jahrhunderte vor' 
^m gegen die abgöttische Verehrung der Himmelskönigin seine 
warnende und drohende Stimme erhoben hatte. Gott sprach nämlich 
zu diesem Propheten ( 7 , 1? und l8 ) „Siehst du denn nicht, was 
sie m den Städten Judas und auf den Straßen Jerusalems treiben > 
Die Kinder sammeln Holz und die Väter zünden das Feuer an 
die Weiber aber kneten den Teig, um Kuchen für die Himmels- 
königin herzurichten und fremden Göttern Trankopfer zu spenden 
und mich so zu ärgern". Als sich die Drohung des Herrn erfüllt 
hatte, die nach Ägypten entflohenen Juden aber bei dem Kultus 
der Gottin beharrten, verkündet Jeremias dem versammelten Volke 
Vernichtung, wenn es sich nicht von der Himmelskönigin abwende 
Das Volk aber verhöhnt ihn ( 44 , 15 _ lg): , ?Was das betrffitj ^ 
du zu uns im Namen Jahwes geredet hast, so hören wir nicht auf 
dich sondern wir wollen das Gelübde, das wir ausgesprochen haben 
der Himmelskönigin zu räuchern und ihr Trankopfer zu spenden 
m seinem ganzen Umfange ausführen, gleichwie wir getan haben 
samt unseren Vätern, unseren Königen und unseren Oberen in den 
Städten Judas und auf den Gassen Jerusalems. Da hatten wir Brot 
genug und befanden uns wohl und brauchten kein Unheil zu 
erleben. Seitdem wir aber aufgehört haben, der Himmelskönigin 
zu räuchern und ihr Trankopfer zu spenden, hatten wir Mangel 

Ev 2 aL!i/ 7ff " ); ^ Gel6hrte h6bt Wv ° r ' daß " die dfirft%en.Anstoe in den 
Evang eben um ^ ^^ ^ ^ ^.^ d » 

geben für eine welthistorische Entwicklung des älteren Christentum Tn eine 
te ausgeprägtesten polytheistiscnen Religionen, welche die Geschichte kennt 
Oder vielmehr, diese polytheistische Religion, in der das .Heidentum' 
die reigiosen Anschauungen der Massen, in das Christentum e ndringt und 

L tfnSS f 7 w 1 testen ümfang unterwirft ' ebe * seit *« S,^ 

Volks R 1" Z te " Rel ^ l0nen triumphiert, tritt als anerkannte 
Volks-Religion dem offiziellen Christentum zur Seite « 



Der heilige Epiphanius verschreibt sich 



55 



an allem und wurden durch das Schwert und Hunger aufgerieben. 
Und wenn wir jetzt der Himmelskönigin räuchern und ihr Trank- 
opfer spenden — geschieht es etwa ohne Vorwissen unserer Männer, 
daß wir ihr Kuchen bereiten, um sie abzubilden und ihr Trank- 
opfer zu spenden? 

Epiphanius stellt somit die Darbringung von Opfergaben an 
Maria mit der Verehrung der heidnischen Himmelskönigin durch 
die abtrünnigen Juden zusammen. An diesem Punkte angelangt, 
erhält die Einstellung des Epiphanius ein neues Interesse, das uns 
erlaubt, von seiner verehrungswürdigen Gestalt abzusehen und m 
ihm nur einen geringen Exponenten großer religiöser Strömungen 
zu sehen, d. h. also den Übergang von der Individualpsychologie 
zu der der Massen zu suchen. Dann erscheinen uns sein Kampf 
und seine Bemühungen als individueller Reflex bedeutsamer religiöser 
Vorgänge, die sich in seiner Seele spiegeln, wie der weite Himmel 
in einem zerstäubenden Tautropfen. 



IV 

DIE WIEDERAUFERSTANDENEN 
GÖTTER 

„Sterben wirst du, um zu leben" 
GUSTAF MAHLER, IL Symphonie. 

Epiphanius lehnt die zur Göttin gewordene Gestalt der Maria 
als heidnisch ab. Wir können darin leicht die Nachwirkungen der 
jüdischen Anschauungen des Milieus, in dem er geboren und er- 
zogen wurde, erblicken. Er beruft sich auf den Zorn seines großen 
Vorgängers vor fast einem Jahrtausend und wir werden nicht allzu 
kühn erscheinen, wenn wir annehmen, daß über die Kluft von 
vielen Jahrhunderten hinweg dieselben seelischen Tendenzen hier 
und dort zu denselben Wirkungen geführt haben mögen. 

Maria selbst ist die Doublierung einer alten versunkenen 
Muttergöttin, wie Christus der Revenant eines alten . Sohnesgottes 
und Liebhabers seiner Mutter. Die Entstehung dieser Gestalten im 
Schöße des Judentums, sowie die von uns vorher angeführte Analogie 
aus früheren Jahrhunderten zeigt, daß es sich um eine Neuauflage 
eines alten Vorganges handelt; wir stoßen so auf das Problem des 
vorchristlichen Jesus und der vorchristlichen Maria, das in den 
Werken von Robertson, Benj. Smith, Whittaker, Drews 1 
u. a. seine au sführliche Behandlung erfahren hat. Uns ist es vor 

l) John M.Robertson in .Christianity and Mythology' (1900), ,Pagan 
Chnsts, studies in comparative hierology' (London 1905), Thomas Whit- 
taker, ,Orig-ins of Christianity' (2. Ausg. 1909), Benjamin Smith, „Der 
vorchristliche Jesus (1906), Arthur Drews, ,Die Christusmythe' (1909) 



allem wichtig, daß sich die neue Religion nach den Gesetzen des 
Wiederholungszwanges gebildet hat. 1 Robertson hat daraufhin- 
gewiesen, daß es vielleicht einen alten Mythus gab, in dem ein 
palästinensischer Gott des Namens Joschua in den wechselnden 
Beziehungen von Geliebter und Sohn gegenüber einer mythischen 
Miriam auftritt und die Analogie zu den Mythen des Mithras, 
Adonis, Attis, Osiris, Tammuz und Dionysos aufgezeigt. Aber auch 
die Abwehr dieser Gestalten zur Zeit des werdenden Christentums 
läßt sich als Wiederspiegelung erkennen und zwar letzten Endes 
als Wiederholung jener Vorgänge, die zur (scheinbaren) Elimination 
einer ursprünglichen israelitischen Muttergöttin führten. Die fremde 
Gottheit Maria — mag ihr Name einst auch anders gelautet 
haben __ war den Israeliten einst wohl bekannt und das Fremd- 
heitsgefühl sowie das Sträuben gegen sie hat nichts mit der wenig 
veränderten Gestalt, unter deren dünnem Schleier wir noch nach 
so vielen Jahrhunderten die ursprünglichere der Liebes- und Mutter- 
göttin erkennen, zu tun, sondern stammt aus der Verdrängung 
der dieser Figur früher zuströmenden Gefühle. 

i) Über den Wiederholungszwang vgl. Freud „Jenseits des Lust- 
prinzips," 1921. 

2) Robertson, Die Evangelienmythen (Deutsche Übersetzung Jena, 
1910. S. 3 6f.). Robertson bat sich in unabweisbarer Stärke die Vermutung 
aufgedrängt, daß einer Miriam, Mutter einer mythischen vorchristlichen Jesus- 
(Josua) Gestalt, in Syrien lange vor unserer Zeitrechnung göttliche Ehren 
erwiesen wurden. Robertson (Die Evangelienmythen S. 55 f.) hat es auch 
wahrscheinlich gemacht, daß Maria die Magdalenin, die in den Evangelien 
als eine der Frauen, die die Auferstehung des Herrn entdecken, erscheint, 
erst im nachevangelischen Mythus zur reumütigen Hure wurde und wahr- 
scheinlich mit der euhemerisierten Miriam eines mosaischen Mythus verwandt 
ist Der von der jüdischen Überlieferung berichtete Beruf der Haarkräuslerm 
scheint eine Gleichsetzung von Haarkräuslerm und Hetäre vorauszusetzen. - 
Maria und Magdalena würden - analytisch gesprochen - Figuren sein, die 
früher eine Einheit bildeten und deren Gegensatz das Resultat einer Spaltung 
der Triebrepräsentanz darstellt. 



58 Die wiederauf erstandenen Götter 



Es kann hier nicht meine Aufgabe sein, zu zeigen, welche 
Faktoren verschiedener Art zu diesem Verdrängungsvorgange geführt 
haben, auf welchen seelischen und kulturellen Voraussetzungen er 
beruhte und welchen Zielen er zustrebte. Es sei nur betont, daß 
eine Veränderung der Einstellung zur Frau und eine veränderte 
Wertung der heterosexuellen Libido als eines der zentralen Momente 
in diesem Vorgange anzusehen ist. Im regressiven Verfolgen dieser 
störenden und tief einschneidenden Momente würden wir zuletzt 
auf wirkliche Ereignisse stoßen, deren nachhaltige psychische Wir- 
kungen sich spät auf diese Weise äußern. Wir glauben mit hoher 
Wahrscheinlichkeit annehmen zu können, daß es sich um eine 
reale Versagung im Leben der israelitischen Stämme gehandelt haben 
muß. Ich nehme hier als Resultat anderer Arbeiten voraus, daß 
die letzte uns erkennbare Versagung als stärkstes Motiv der Ver- 
änderung in der Beziehung zum Lande, zum Boden gesucht werden 
kann. Bestimmter ausgedrückt: die Wüste und das unfruchtbare 
Land, in das in prähistorischer Zeit die israelitischen Stämme wohl 
unter dem Drucke stärkerer Völker weichen mußten, die Hungersnot, 
zu welcher der karge Ertrag des Bodens sie zwang, würde ich als 
bestimmendste Tendenz der Urverdrängung späteren, wichtigen. 
Momenten gegenüberstellen, die in ihrer Zusammenwirkung zu 
einer veränderten Einstellung zur Frau und zum Sexualleben führt 
und die man mit Freud 1 als die eigentliche Verdrängung ver- 
anlassend bezeichnen müßte. Wenn wir, auf andere Untersuchungen 
gestützt, diese Annahmen machen, glauben wir zu einer solchen, 
auf die prähistorische Zeit zurückgreifenden Hypothese gedrängt 
zu sein; wir. meinen aber, wir gehen so auch durchaus legitim 
vor und dürfen uns auf Analogien aus der individuellen Analyse 



i) Freud, „Die Verdrängung" in Sammlung kleiner Schriften zur 
Neurosenlehre. IV. Folge. S. 281. 






Die wieder auferstandenen Götter 59 






berufen. Wenn wir in der Analyse ein absonderliches oder sinnlos 
erscheinendes Symptom studieren und seine verborgene Bedeutung 
verstellen wollen, so suchen wir regressiv die Situation zu erfahren, 
in der es seinen vollen und berechtigten Sinn hatte und im Zu- 
sammenhang mit dem übrigen Seelenleben stand. Wir finden aber 
immer wieder, daß eine wirkliche Versagung in der Beziehung 
des Kindes zur Mutter den Patienten erneut zwingt, die ursprüng- 
liche Situation wie einst zu wiederholen und dieselben Gefühle 
in sich erwachen zu sehen. So gehorchen auch die Völker einem 
Wiederholungszwang. Die Hypothese einer unbewußt festgehaltenen 
und immer erneuerten Erlebnisreihe, die letzen Endes auf eine 
Versagung in der Frühzeit der israelitischen Stämme zurückführt, 
scheint mir auch gegen den Einwand, gesichert, der auf deren 
Charakter als Nomaden hinweisen wird. Die frühere Anschauung, 
daß das Nomadenleben als eine primitivere Kulturstufe dem seßhaften 
vorangeht, wurde in letzter Zeit einer sorgfältigen Revision unter- 
zogen und wird von den Forschern in immer weiterem Ausmaße 
als voreilig angesehen. 1 Erst Anstöße von außen, zu denen wir 
Angriffe stärkerer Völker, klimatische und erdgeschichtliche Ver- 
änderungen rechnen, können die Völker zwingen, ihr ursprüngliches 
Gebiet, von dem sie sich Schwer und zögernd trennen, aufzugeben. 
Alle Völkerwanderung ist ein Suchen nach der verlorenen Heimat, 
so wie alle libidinöse Sehnsucht im individuellen Leben ein Suchen 
nach dem ersten, nie völlig aufgegebenen Liebesobjekt, der Mutter, 
ist. Wir würden es aus dieser großen und nachhaltigen Erfahrung 
der Frühzeit und dem auf ihre psychische Bewältigung abzielenden 



1) Neuerdings hat Max Hilsheimer diese Entwicklung unter be- 
sonderer Berücksichtigung des Unterschiedes von Hackbau und Ackerbau 
dargestellt. (Aphoristische Gedanken über einen Zusammenhang zwischen Erd- 
geschichte, Biologie, Menschheitsgeschichte und Kulturgeschichte. Zeitschrift 
für Morphologie und Anthropologie. Aug. 1920.) 



6o 



D ie wieder aufersta ndenen Götter 



Wiederholungszwang verstehen, daß die Juden ihre spätere Heimat 
immer wieder verloren und immer wieder vom Wanderstreben 
das heißt also vom Streben in die Heimat, ergriffen worden sind * 
Als letzte Auswirkungen dieser zur Urverdrängung führenden, im 
prahmonschem Geschehen wurzelnden Momente will ich aus reicher 
Fülle nur zwei anführen: die Abneigung der späteren Juden gegen 
den Ackerbau, der als sexualsymbolische Aktion schon im Fluch 
der Genes« mit verkehrtem, also Unlustvorzeichen erscheint und 
die^ noch spät erkennbare Abkehr von der Natur, die sich etwa 
dann äußert, daß dem, der vom Studium der Thora aufsieht, um 
zu sagen: „Wie schön ist dieser Baum!" der Tod angedroht wird. 
Ich wem wohl, daß andere Momente zur Konstituierung dieser 
und ahnlicher Züge beigetragen haben, will aber trotzdem den 
von mir behaupteten Zusammenhang aufrecht erhalten wissen. 

Wir haben - zum heiligen Epiphanius nun zurückkehrend - 
Werkt daß das Sträuben des Kirchenvaters gegen die Anbetung 
Marias daher stammt, daß er darin etwas Heidnisches sah, d h 
also nach unseren Erkenntnissen, daß er sich gegen eine Vorstellung 
wandte, die ihm entfremdet war. Entfremdet durch die Anschau- 
ungen, in denen er erzogen war und die er nicht abstreifen konnte, 
als er Christ wurde. Nun meine ich nicht,. daß ererbte Bildungen 
einfach glatt übernommen werden können, ohne daß Anstöße im 
individuellen Leben ihre Beaktivierung bewirken müßten. » Allein 
hier wirkt Ererbtes und frisch Erlebtes zu einem untrennbaren 
Ganzen zusammen. Wir haben durch den Mangel an biographischen 

SeelenleL^TonT ^ ^"T" Wiederh °^-anges *» individuellen 
worden 6Ud m " JenS6itS d6S ■<"***»*** (X9..) begründet 

Theor- 2 ^ 01656 Beme * km $ richtet si <* gegen die von C. G. Jung publizierte 






Daten keine Möglichkeit, diese Anlässe im Leben des Epiphanius 
zu rekonstruieren, aber der Vorfall in Ägypten, bei dem der Heilige, 
wie einst Josef vor Potiphar, vor den schönen gnostischen Frauen 
davonlief, läßt Anziehung und Abstoßung, die er später von Seiten 
der Frau, erfuhr, deutlich erkennen. Wir haben auch gesehen, wie 
sich gegenüber der hohen Schätzung Marias im Verschreiben eine 
misogyne und herabsetzende Tendenz gegen sie zu behaupten weiß 
und werden leicht erkennen, daß sowohl der übergroße Eifer, mit dem 
er an der Jungfräulichkeit Marias festhielt, als auch der unbewußte 
Rückfall in die Abwehr dieser Vorstellung Auswirkungen derselben 
Abwendung von der Frau darstellen, d. h. also, daß die Über- 
'bewertung der Virginität sowie die Erniedrigung des Weibes Ausdrück 
derselben Strömungen sind, die nur historisch, aufeinander folgen 
und denselben Quellen entstammen. 

Nun aber müßten wir, meine ich, auch den seelischen Mo- 
menten nachgehen, die Maria selbst in der jüdischen Überlieferung 
und unbewußt bei Epiphanius zur Dirne machen und die wir als 
solche der Erniedrigung des einstigen Liebesobjektes unter dem 
Eindrucke der Verdrängungsmächte erkennen. Ich will mich be- 
mühen, den seelischen Vorgang an einem Beispiele klar zu machen : 
wir wissen, daß das Aufrichten der Inzestschranken zwischen Mutter 
und Sohn zu Bemühungen des jungen Mannes führt, seine sinnlichen 
Tendenzen von seinem ersten Liebesobjekt abzuziehen und ihm 
nur mehr die Zärtlichkeit des Kindes zufließen zu lassen. ^ Ich 
studierte längere Zeit einen jungen Mann, der insoferne von diesem 
Bilde abwich, als er zur Pubertätszeit und später mit der Mutter 
frivole Gespräche anzuknüpfen sich mühte, ihr zweideutige Redens- 
arten zum Besten gab, mit großem Eifer jedes Thema auf das 
Sexuelle hinüberleitete, also scheinbar im Sprechen keinerlei Inzest- 
schranken gelten ließ. Das war nun überraschend genug: die 
sekulare Verdrängung geht an keinem Menschen der Jetztzeit spurlos 



Die wiederauf erstandenen Götter 



vorüber; solche „Schamlosigkeit", ja Frivolität im Verkehr mit der 
Mutter sticht doch wohl von dem sonstigen Verhalten der Söhne 
ab. Eine Erklärung dieser Erscheinung bot sich durch das Zusammen- 
stellen folgender Züge: die Zügellosigkeit im Ausdruck hatte etwas 
Gewolltes und Forciertes und zeigte nichts v Q n natürlicher elemen- 
tarer Ungebrochenheit und der „Schamlosigkeit" auf der einen 
Seite stand eine kaum minder große Scham gegenüber, die der 
junge Mann in Bezug auf zärtliche Gefühlsäußerungen gegenüber 
der Mutti- zeigte. Die Analyse erkannte dann, daß sein eigen- 
artiges Benehmen -freilich dem Erfolg einer Wiederkehr des Ver- 
drängten entsprach, anderseits den Zweck hatte, durch die im 
Aussprechen der Zote bewirkte Erniedrigung, die auch im direkten ' 
Beschimpfen der Frau erreicht werden sollte, gerade die zärtliche 
stark gefühlsbetonte Seite der Beziehung zur Mutter, die ursprünglich 
mit der sinnlichen vereint diesem Objekt galt, zu unterschlagen 
So erwies sich also dieses Verhalten als mißglückter Versuch zur 
Wiederherstellung des ursprünglichen Verhältnisses, in dem deutlich 
genug die Nachwirkung einer infantilen Enttäuschung durch die 
Mutter kenntlich war. Wir haben erkannt, daß hier sinnliche und 
zärtliche Begungen auseinander klaffen. Wir wissen durch Freud » 
daß das NichtZusammentreffen älterer, sinnlich-zärtlicher Tendenzen 
mit spateren, grob heterosexuellen eine der wesentlichsten Vor- 
bedingungen einer solchen Einschätzung der Frau bildet und sehen 
in ihr einen der charakteristischen Züge der Psychologie der 
Pubertätszeit. Wollten wir uns entschließen, diese Vorgänge des 
individuellen Lebens mutatis mutandis auf das völkerpsychologische 
Gebiet zu übertragen, so würden wir - mit Heranziehung unserer 
früheren Annahmen - die Entwicklungsgeschichte der Muttergöttin 
^de^sraeHtisc hen Beligion etwa folgendermaßen bes chreiben : 

W IdeZlZt'^ die ^ lgemeine Erniedrigung des LiebeslebenT^ 
Hing Meiner Schriften zur Neurosenlehre. IV. Folge. 



Die wieder auferstandenen Götter 



die Israeliten hatten wie jedes andere semitische Volk eine der 
Istar, Kybele, Astarte etc. analoge Liebes- und Mutter göttin. In 
der Nachwirkung einer realen Versagung im Leben der Stämme — 
wir vermuteten, daß diese schwere narzißtische Schädigung in der 
Beziehung zum Boden der Heimat stand — und unter dem Drucke 
anderer sozialer, politischer und nationaler Ereignisse wurde dieser 
Kult in den Hintergrund gedrängt und ließ seine libidinöse Intensität 
dem immer stärker werdenden homosexuell-femininen Verhältnis 
zum göttlichen Vater, zu Jahweh, zuströmen. Diese Beziehung zu 
Jahweh, dem nun auch die früher der Göttin geltende Liebe zum 
großen Teile zugewendet wurde, tritt immer deutlicher und stärker 
hervor. Seit Hosea wird die Ehe zwischen Jahweh und Israel zu 
einem Lieblingsbild der Propheten. 1 Die Liebe zu Jahweh und die 
Libidofixierung an den Gott ging' wie im Leben des Einzelnen 
mit einer Abwendung von der Frau, mit zunehmender Abneigung 
gegen die Muttergöttin einher. Aber diese Bindung an den Vater- 
gott ist gegen den heterosexuellen Strom nicht gesichert; immer 
wieder erneute Anstürme der der Frau geltenden libidinösen Strö- 
mung erfordern neuen Verdrängungsaufwand und die Intensität der 
Versuchung führt schließlich zu der Beaktionserscheinung des völ- 
ligen Hinausdrängens der Muttergöttin. Gelegentliche Durchbrüche 
der verdrängten Impulse, die nun Abspaltungen und Doublie- 
rungen der ehemaligen eigenen Muttergöttin galten (den Göttinnen 
der Nachbarvölker Istar, . Astarte, Aschera, Baalat etc.), wurden 
nach schweren Kämpfen unterdrückt, 2 mit dem ganzen Aufwand 



i) Jes. 1, 21. Jer. 25. Ez. 16, 25. „Fürwahr wie ein Weib seinem Gatten 
untreu wird, so werdet ihr mir untreu, Haus Israel" (Jer. 5, 20). „Ich denke 
an deine Liebe in jungen Tagen, deine bräutliche Liebe, da du mir folgtest 
durch die Wüste, das unbebaute Land" (Jer. 2, 2). 

2) Noch am Ende des 5. Jahrhunderts wurden im ägyptischen Elephan- 
tine weibliche Gottheiten von den Juden verehrt. 



£4 Die wiederauf erstandenen Götter 



haßerfüllter Liebe zu Jahweh, die nun in trotzigem Gehorsam fest- 
gehalten wird. 1 All dies, wie wir es bei Zwangsneurotikern noch 
heute sehen. 2 

Sicher nicht der wichtigste, aber der bekannteste Durch- 
bruchsversuch dieser Art ist der durch die Mariengestalt gekenn- 
■ zeichnete. Wieder war eine Muttergöttin mit ihrem Sohn und 
Liebhaber gleich früheren Gestalten im Judentum entstanden 
wie einst, aber der Verdrängungsfortschritt, unterstützt durch die 
reaktiv verstärkte Bindung an Jahweh, erlaubte nun nicht mehr das 

i) Der unbewußte Haß gegen Jahweh und die von ihm repräsentierte 
väterliche Autorität ist in seiner Bedeutung für die Geschichte des Juden- 
tums kaum irgendwo gewürdigt worden. Ich kann nur eine Ausnahme an- 
fuhren; es ist allerdings die eines der größten Psychologen. Nietzsche hat 
m semer smgulären Hellsichtigkeit den Charakter der haßerfüllten Liebe in 
Spinozas Einstellung zu Gott durchschaut: 

„Dem „Ein in allem" liebend zugewandt 

Amor dei, selig aus Verstand. 

Die Schuhe aus! Welch dreimal heilig Land! 

Doch unter dieser Liebe fraß 

Ein heimlich glimmender Brand — 

Am Judengott fraß Judenhaß — 

Einsiedler, hab ich dich erkannt?" 

„ ,.., n 2) Ein Zwan S s kranker den ich behandelte, zeigt sich in allen seinen 
Gefühlen und Gedanken- vom Vater beherrscht; der Vater hat für ihn die 
Welt m ähnlicher Weise in Beschlag gelegt, wie Jahweh für die Juden. Jeden 
Genuß und jedes Vergnügen untersagt er sich und treibt die Askese so weit 
daß er lebensunfähig wird. Die Analyse zeigte, daß es sich um ein besonders 
schlimmes und trotziges Kind gehandelt hatte, das der Vater durch ein be- 
stimmtes Ereignis hart bestraft hatte. Nun wurde der strafende Vater 
m das Ich mtrojiziert und unterdrückte jede auf Vergnügen abzielende 
Regung, das eine Ich bestrafte den Ichrest. Diese Einstellung hemmte jede 
heterosexuelle Annäherung und ließ den Patienten in trotzigem Gehorsam 
nicht zum Verkehr mit Frauen kommen. Nach außen erschien er in einer 
übergroßen Liebesfixierung an den Vater gebunden, aber die Natur dieser 
triebe als emes rachsüchtigen und trotzigen Festhaltens war klar. Es war ' 
als wollte der Patient in seinem unmöglichen Verhalten zeigen: „Du hast 



Die wieder auferstandenen Götter 



Ineinanderfließen zärtlicher und sinnlicher Regungen. 1 Hatten früher 
Kedesehen (Tempelprostituierte) im Dienste der Liebesgöttin auch 
bei den israelitischen Stämmen ihr heiliges Amt ausgeübt, 2 so wurde 
später der Götzendienst der Hurerei verglichen und die Bezeichnung 
auch auf die götzendienenden Städte wie Ninive (Nah. 3, 4) und 
Tyrus (Jes. 23, 7) ausgedehnt. So war, was früher Objekt der 
Hochschätzung gewesen, zum Gegenstand der Verachtung und des 
Abscheus geworden — ohne daß freilich die frühere Einstellung 
völlig untergegangen wäre. Es war, wie wenn in dem Kult der 
Liebesgöttin etwas liege, was mit der Verehrung des großen Vater- 
gottes unverträglich gewesen wäre — als sei die Verehrung der 
großen Spenderin des Genusses ein Verstoß gegen den gesetz- 
gebenden alten Gott: immer wieder wenden sich die Propheten 
in Jahwehs Namen zürnend gegen den orgiastischen Kult der Volks- 
religion. Wir kennen bereits eines der wesentlichsten Momente, 



mich so behandelt, nun gut, ich folge dir, ich untersage mir jetzt selbst alles. Du 
siehst wie ich lebe und daß ich mit diesen, deinen Verboten zugrundegehe!" 
Diese Einstellung, die über 25 Jahre festgehalten wurde,, und ihre Folgen 
zeigen eine genaue Parallele zu jener so hartnäckigen der Juden gegenüber 
Jahweh : einem trotzigen Gehorsam, welcher zur Absonderung und zur haß- 
erfüllten Festhaltung einer unmöglichen Volkssituation und eines ungewöhn- 
lichen Schicksals der Isolierung führt. Über die Bedeutung der Introjektion 
des Ich sowie über diesen Patienten später. 

1) Auch die Wirkung, welche die Verdrängung auf die Umformung 
und Umdeutung der Beziehung Jesu zu Maria übte, hat schon Robertson 
erkannt (Evangelienmythen S. 56), wenn er über sie sagt: „Die Evangelien 
sind zu einer Zeit in die Welt getreten, wo allenthalben das Asketentum 
als religiöses Prinzip den Phallizismus und Sexualismus aus dem Felde schlug 
und konnten mithin keinerlei Mythus zulassen, der einen Gott in geschlecht- 
liche Beziehungen zu Frauen treten ließ . . . ." 

2) Die Rolle der Kultprostitution im Tempel, die im Zeichen, der 
Verehrung einer orgiastischen Liebesgöttin stand, wird von den Theologen 
und Religionsforsehern zu wenig gewürdigt. Im historischen Zeitalter der 
israelitischen Stämme erseheint sie schon als verwerflieh und verpönt. (I. Ron. 

5 Reik 



66 Die wiederauferstandenen Götter 



das diesen Gegensatz von Mutterideal und Vaterideal 1 kon- 
stituiert hat: der Sohnesgott und die mit seiner Gestalt verknüpften 
inzestuösen, der Mutter geltenden Strömungen sowie ihre Unter- 
drückung. Das irdische Inzestverbot war auf die Götter ausgedehnt 
worden; kein junger heißblütiger Sohnesgott durfte mehr die schöne 
Mutter umarmen. Das väterliche, trotzig festgehaltene Verbot des 
Inzests bewirkte es allmählich, daß die wiedererstandene Göttin, 
die ursprünglich sinnlich-zärtliche Geliebte, deren Züge die der 
Mutter und Geliebten zugleich waren, auf der einen Seite zur 
Unberührten und Unberührbaren erhöht, auf der andern zur Pro- 
stituierten erniedrigt wird. Die Religionsforschung hat erkannt, 
daß diese beiden Entwicklungen allmählich und in innigem Zu- 
sammenhange miteinander vor sich gingen. In der langsamen Er- 
niedrigung zur Buhlerin und in der Erhebung zur heiligen Jungfrau, 
welche Erscheinungen nicht getrennt, sondern vereinigt betrachtet 
werden müssen, wird durch die Wirkung kund, daß dieselben starken 
Tendenzen am Werke sind: die Abweisung einer realen Beziehung 
zur Frau und das Schuldgefühl, das sich bereits in ungeheurer 
Schwere an die Inzestvorstellung gehängt hatte. Die Erniedrigung des 
Sexualobjektes kann es ebenso wie dessen Überschätzung ungeeignet 
zur libidinösen Befriedigung machen, wenn eine bestimmte Ver- 
drängungsstufe erreicht ist. So sicher es ist, daß der Marienkult 



14. »4« *«, 22. M , 47 ; Tl. Kön. 25, 7 Dtn. 23, 18). Die sexuelle Sittlichkeit 
der israelischen Stämme in prähistorischer Zeit unterschied sich vermutlich 
m keinem Punkte wesentlich von der stammverwandter Völker; was in der 
Bibel als solche erscheint, ist später gesehen und späte Überarbeitung- Vor- 
urteile chauvinistischer oder theologischer Art können diesen der Forschung 
sich immer klarer aufdrängenden Sachverhalt nicht unterdrücken. Die suppo- 
nierte Ausnahmestellung des Volkes Israel wird sich immer mehr als das 
Resultat geschichtlicher Ereignisse darstellen. 

1) Die Bedeutung dieses Gegensatzes für die Religionsentwicklung habe 
ich m einem Artikel „Odipus und die Sphinx" (Imago 1920. VI. Jhrg.) dargestellt. 



Die wieder auferstandenen Götter 



6 7 



am Anfange ein Durchbruch der inzestuösen Regungen war, so 
wenig läßt es sich leugnen, daß die zuletzt siegreich gebliebene 
Vorstellung der unberührten Jungfrau ein Resultat derselben Ver- 
drängungsvorstellungen ist, die zur Abweisung der Muttergöttin 
im antiken Sinne überhaupt führten. Für den psychischen Effekt 
ist es gleichgültig, ob man zu einer Person nicht vordringen kann, 
weil sie in der Hölle oder im Himmel weilt, ob sie von giftigen 
Gasen oder von Weihrauch eingehüllt ist, ob das Wasser, das sie 
umgibt, viel zu tief, oder die wabernde Lohe um sie zu hoch ist. 
Im Gegensatze oder vielmehr in Ergänzung der bisherigen Arbeiten 
über den gleichen Gegenstand, möchte ich also betonen, daß das 
Erstehen des Marienkultes nur ein partieller und kurzlebiger Erfolg 
bei Durchsetzung des Mutterideals in der Religion war; die heilige 
Frau blieb nicht wie einst Venus auf der Erde. Gerade die sich 
steigernde Sublimierung des Kultus • — ein Resultat der Verdrängungs- 
neigungen — die ihn von seiner ursprünglichen irdischen Basis 
entfernt, hemmte eine solche Entwicklung. Als Maria sich, dem 
Drängen ihrer Verehrer nachgebend, am Ende des Mittelalters 
immer mehr der Erde näherte, d. h. also, als ihre Verehrung 
immer mehr sinnliche Momente an sich zog, kam eine neue starke 
Verdrängungswelle.: Luther lehnte Maria als „Abgöttin" ab; wieder 
war die Muttergottheit aus der Religion gedrängt worden; mit ihr 
der Bilderdienst, der Mythos und die Sinnenfreudigkeit, die zugleich 
mit ihr immer wieder ihren triumphierenden Einzug in die Reli- 
gion halten. 

Es wäre sehr verlockend, hier anzuführen, wie sich die religiöse 
Entwicklung des Christuskultes und seine Aufnahme im Judentum 
gestaltete. Doch sind diese Vorgänge weit komplizierter und weniger 
leicht zu durchschauen, als die bisher von uns gekennzeichneten. 
Ich will deshalb nur einige Bemerkungen fragmentarischer Natur hier 
anfügen und mich auf die Hervorhebung eines freilich wesentlichen 



68 Die wieder auferstandenen Götter 



Moments beschränken, das mit unserem späteren Thema in innigen 
Beziehungen steht. Wir können wieder von unserem heiligen 
Epiphanius ausgehen: sein Freund, der heilige Hieronymus, erzählt, 
daß Epiphanius einmal einen in der Dorfkirche gefundenen Vor- 
hang, der mit dem Bilde Christi bemalt war, abgerissen und erklärt 
habe, er könne besser dazu verwendet werden, den Leichnam eines 
armen Mannes darin einzuwickeln. Er sei so erzürnt gewesen, weil 
eine „Imägo hominis" in der Kirche aufgehängt war. Wir sehen 
hier wieder einen Rückfall in die alten bilderfeindlichen An- 
schauungen, wie sie dem alttestamentlichen Glauben eigen sind. 
Der revolutionäre Söhnesgott, eine uralte Gottheit der Israeliten 
- Jahweh selbst war einst ein solcher und Moses einer seiner 
später zum „Mittler" degradierten Nachfolger 1 — hatte in dem 
Gott gewordenen Jehoschua Fleisch und Blut angenommen, war 
ihnen zur Person gewordener Repräsentant der eigenen rebelli- 
schen Regungen. Solcher revolutionärer Impulse gegen den strengen 
Vatergott gab es viele und starke, seit Israel in die homosexuell- 
feminine Einstellung zu Jahweh geriet. Verschiedene, mythische 
Erzählungen legen Zeugnis dafür ab, daß in immer wieder erneuten 
Sohnesputschen angestrebt wurde, die ursprünglichere trotzig-feind- 
selige Strömung zu reaktivieren; Gott selbst beklagt sich beständig 
über sein halsstarriges Volk, für das kein Joch zu schwer wäre, 
und die Rotte Korah ist ein typisches Bild der beständig andrängenden 
revolutionären Regungen gegen Jähweh und seine Vertreter. 

Wir wissen, wie stark die Konstanz des jüdischen Wesens 
sich auch in dieser Richtung gezeigt hat und wie vorbildlich ihre 
trotzige Unterwerfung und ihre haßerfüllte Ablehnung gegen Jahweh 
für ihr Verhalten gegen jede Autorität wurde. Wie wir früher 



1) Vgl. meine „Probleme der Religionspsychologie", I. Teil. Int. 
Psychoanalytischer Verlag 1920. 



eine starke Versagung im Leben der israelitischen Stämme, das 
Aufgeben des Landes, als Urverdrängungsmotiv in der Störung der 
Beziehung zum Weibe annahmen, so wird es nötig sein, eine 
schwere narzißtische Schädigung des Volkes als Vorbild der immer 
wieder erneuten homosexuell-femininen und der mit ihr innig 
verbundenen trotzig-feindseligen Einstellung zu den andern Völkern 
anzunehmen. Der Verkehr eines Volkes oder einer Gemeinschaft 
mit andern ruht auf homosexuellen Voraussetzungen und die 
Störungen in der Frühzeit sind für das fernere Verhalten dieser 
Gemeinschaft so entscheidend, wie Veränderungen des Keimplasmas 
für die weitere Entwicklung eines Organismus. Hier aber stoßen 
wir auf das Problem der Ausnahmestellung, welche die Juden be- 
ständig für sich in Anspruch nehmen. Diesen Anspruch erneuern 
sie immer wieder in Wort und Schweigen und Tat und glauben, auf 
Grund dunkler Motive, ihn auch unter veränderten Verhältnissen 
aufrecht erhalten zu dürfen. Aus der individuellen Analyse wird 
uns eine Erklärung für ein so befremdendes Verhalten gegeben: 
Es sind hier jene Charaktertypen heranzuziehen, die zu keinem 
Opfer, keiner Aufschiebung von Lust bereit sind und sich den 
unangenehmen Notwendigkeiten des Lebens nicht beugen wollen. 
Auch sie lehnen diese vom Schicksal gestellten Forderungen mit 
der Begründung ab, sie seien Ausnahmen. Freud 1 wies darauf 
hin, daß Charaktere solcher Art dies mit einigem Rechte tun und 
diesen Anspruch unbewußt an frühere Lebensschicksale knüpfen. 
Die Vorrechte, die solche Personen beanspruchen, die Ungeduld 
und Unbotmäßigkeit gegen die unliebsame Realität, die sie zeigen, 
leiten sie unbewußt von einem Erlebnis oder einem Leiden ab, 
das sie in früher Kindheit getroffen hat und an dem sie sich 



1) Freud, Charaktertypen aus der analytischen Praxis. Sammlung- 
kleiner Schriften zur Neurosenlehre, IV. Folge, Wien und Leipzig 1918. 



7^ Die iviederauf erstandenen Götter 



unschuldig fühlen, z.B. von einer Infektion, einer hereditären Krank- 
heit etc. Eine solche Charakterverbildung aus analogen Gründen 
kann auch bei Völkern gefunden werden: auch dort wird die 
Benachteiligung, die das Volk in seiner Kindheit ohne sein Ver- 
schulden erfuhr, seine leidvolle Vergangenheit, seinen Anspruch, 
sich vor den realen Notwendigkeiten nicht beugen zu müssen und 
seinen Widerstand gegen die Gesetze der Entwicklung begründen 
helfen. 1 Besonders schwere Schicksale der Frühzeit des Kindes, 
längst verdrängte und verschollene Erlebnisse seiner ersten Ent- 
wicklungsperiode, eine schwere narzißtische Beeinträchtigung werden 
den ewigen Quell seiner Unzufriedenheit und seiner Absonderlich- 
keit bilden. Wir wissen nicht, welche Ereignisse in der Frühzeit 
der israelitischen Stämme es waren, an die sich später so kon- 
stante Entschädigungsansprüche knüpften, werden aber der Annahme 
nicht entraten können, daß es besonders schwere „Traumen" 
waren, die eine so starke Kränkung des narzißtischen Stolzes 
bedingten. Die Zerstörung der nationalen Selbständigkeit und die 
Vertreibung aus dem Lande mögen in späterer Zeit Wiederholungen 
der ursprünglichen Ereignisse gewesen sein, welche die Entwicklung 
des in einem abnorm gesteigerten Narzißmus wurzelnden Aus- 
erwähltheitsglaubens entscheidend gefördert haben. 

Diese Entwicklung schließt starke Minderwertigkeitsgefühle, 
die sich auf das Schuldbewußtsein und aus ihm stammende maso- 
chistische Tendenzen stützen können, nicht aus, sondern ein. Das 
präexistente Schuldbewußtsein aber fordert als Substrat ein Verhalten, 



i) Dieser Widerstand kleidet sich besonders oft und gerne in die 
Formen der passiven Resistenz : der trotzige Gehorsam bringt den Vorteil eines 
Kompromisses und der Befriedigung beider entgegengesetzter Tendenzen.. 
Es kann hier nicht im Einzelnen nachgewiesen werden, wie der trotzige 
Gehorsam im Verhalten der Juden gegen weltliche und geistliche Autorität, 
sowie gegen die Völker, in deren Mitte sie wohnen, sich kund gibt. 



Die wiederauferstandenen Götter 7J_ 



das den Haß und die Abneigung auf sich zieht und so auf dem 
Umwege narzißtischer Kränkung wieder zum Auserwähltheitsgefühl 
führt. Das Leiden ist mit diesen Auserwähltheitsgefühlen innig 
verknüpft. Als frühes Beispiel darf die zum großen Teil mythische 
Erzählung vom Aufenthalt Israels in Ägypten herangezogen werden, 
die einen Einblick in die Genese des antiken Antisemitismus ge- 
währt. Die Gastfreundschaft, welche die Ägypter den israelitischen 
Stämmen gewährten, wurde von diesen schlecht vertragen: die 
harte Frohn, der sie unterworfen wurden, war ein Mittel der 
ägyptischen Herrscher, das widerspenstige Volk zur Raison zu bringen. 
Diese aus frühen Schicksalen resultierende Einstellung wurde nun 
zum in trotziger Unterwerfung festgehaltenen Vorbild der späteren 
masochistisch-homosexuellen Einstellung zu Jahweh, der solches 
seinem Volke geschehen ließ, und wirkte so fort, daß immer 
wieder dieselbe Situation zur Befriedigung der aus masochistischen 
Triebquellen ableitbaren Lusttendenzen inszeniert wurde und sich 
so ein Reservatschicksal ausbildete. 1 In der Berufung auf diese 
(oder andere gleichwertige) Schädigungen des nationalen Narzißmus 
der Frühzeit und in der Umdeutung in Strafe wurde der Grund 
zur Ausnahmsstellung gelegt. Die unbewußte Anschauung, daß, 
wer so vieles früher unschuldig erlitten, sich nun den realen 
Forderungen versagen dürfe und keine Entbehrungen und Verzichte 
anerkennen brauche, war für das fernere Schicksal der Juden ent- 
scheidend: sie erklärt ihre Auflehnung gegen die Forderungen der 

l) Der früher erwähnte Patient zeigte ein analoges Verhalten: er 
wußte sich immer wieder mißliebig zu machen und durch Zudringlichkeit 
oder Frechheit die Abneigung ihm naher Personen auf sich zu ziehen, über 
deren spätere Folgen er sich kränkte. Es war klar, daß das präexistente 
Schuldbewußtsein neben anderen Motiven ihn immer, wieder zu so scheinbar 
widersinnigem und schädlichem Tun veranlaßte. Die entsprechenden Selbst- 
schädigungstendenzen im nationalen Leben der Juden sind leicht in ihren 
Auswirkungen ersichtlich. 



72 Die wiederauferstandenen Götter 



realen Völkerentwicklung, ihr Pochen auf einen Sonderanspruch, 
ihre Unbotmäßigkeit, ihren Stolz und ihren trotzigen Gehorsam. 
Personen wie Völker, die so frühzeitig eine schwere Beeinträchtigung 
des primären Narzißmus erfahren haben, werden manchmal als 
lebendiger Vorwurf durchs Leben gehen und das ihnen einst an- 
getane Unrecht ständig dazu benützen, zu fordern, in besonderer 
Art behandelt und geliebt zu werden. Eine außerordentliche Em- 
pfindlichkeit und ein beständiges Suchen nach Gründen, sich 
verletzt zu fühlen, sowie eine abnorm egozentrische Einstellung 
wird sie, Personen und Völker, zu einer besonders schwierigen, 
anspruchsvollen, ewig unbefriedigten und unbequemen Gesellschaft 
machen. Sie fordern beständig unbewußt erhöhte Liebe als Ent- 
schädigung für die unverschuldeten Leiden und Erlebnisse ihrer 
Kinderzeit und ihre Liebesbedürftigkeit ist in ihrer Unersättlichkeit 
ein Maßstab für das Leiden an dem Schicksal, 1 an dem sie unver- 
dient in jungen Lebensjahren krank wurden. 2 



i) Sie werden auch Anspruch darauf erheben, ungestraft zu tun, was 
anderen verboten ist, und erlaubt zu halten, was gefällt. Es wäre so, wie 
wenn ein Mann — sagen wir in Österreich — ungerechtfertigter Weise 
wegen eines kleinen Deliktes bestraft würde und zwanzig Jahre später in 
den Abruzzen als Räuber auftritt und dem von ihm Überfallenen Reisenden 
gegenüber das damals erlittene Unrecht als Motiv seines Handelns erklärt. 
2) Hier wäre auch die Stelle, in der die besondere Rolle des Kastrations- 
komplexes im Judentum, die später behandelt werden wird, unsere Auf- 
merksamkeit auf sich ziehen müBte. Es ist keineswegs von vornherein er- 
klärbar, warum die Beschneidung als Kastrationsäquivalent für die Juden eine 
stete Quelle der Minderwertigkeitsgefühle -geworden ist. Die Mohammedaner 
rühmen sich dieser religiösen Institution und sehen stolz und hochmütig 
auf den unbeschnittenen Hund von Giaur herab. Die Bibel und die Ge- 
schichte der israelitischen Stämme bezeugen, daß die Beschneidung ursprüng- 
lich ein mit Stolz getragenes Zeichen war. Die Söhne Jakobs antworteten 
den Hethitern, die um Dina werben, stolz: „Wir können uns nicht darauf 
einlassen, unsere Schwester einem Manne zu geben, der nicht beschnitten 
ist; denn dies gilt uns als schmachvoll" (Gen. XXXTV). In Davids Lied auf 



Kehren wir nun zu unserem früheren Thema zurück. Die 
Beziehung des Judentums zu seinem Gotte hatte sich unter der 
Einwirkung der schweren Schicksale des Volkes geändert: sie war 
in eine masochistisch-feminine Einstellung verwandelt worden, das 
Leiden wurde nun — gewiß mit Recht — als verdiente Strafe 
genommen und eine passiv homosexuelle Bindung war hergestellt. 

Christus ist eine der vielen Personifikationen der eigenen 
revolutionären Tendenzen im Judentum, die immer wieder unter- 
irdisch gegen die feminin-masochistische Einstellung gegen Jahweh 
protestierten, eine Gestalt, fremd und unheimlich zugleich, doch 
der Kindheit des Volkes einst wohl vertraut. Auch hier war, wie 
beim Marienkult, ein partieller Durchbruch der verdrängten 
Regungen erreicht. Auch hier scheiterte letzten Endes der Versuch 
am Erfolg. Als der Empörer Jehoschua gegen die Pharisäer und 
gegen die Erdrosselung alles Lebens durch das Gesetz selbst zum 
Gotte geworden, führte er ein nicht minder strenges Regiment 
als der frühere Gott. 1 Die Askese wurde, je länger das Christentum 



Jonathans Tod wird ein Gegensatz zwischen Israeliten und unbeschmttenen 
Philistern aufgestellt. Auch hier wird eine Affektumkehr nachzuweisen sem, 
die sich aus der Entwicklungsgeschichte der israelitischen Stämme erklaren 
läßt Hier soll nur ausgesprochen werden, daß die Beschneidung von den 
Juden von einer bestimmten Periode an als Zeichen homosexuell-femmmer 
Befriedigung anfgenommen und festgehalten wurde, so daß als trotzxger 
Vorwurf verwendet werden konnte, was einst stolz als Unterscheidungs- 
merkmal betont worden war. 

i) Wurde die ursprüngliche Liebesgöttin Maria später auf der einen 
Seite zur unberührten Jungfrau und Mutter, auf der anderen zur Dirne, so 
wurde auch der rebellische Sohnesgott allmählich zum Sohne Gottes und 
seinem Abgesandten, auf jüdischer Seite langsam zum verachteten und ge- 
haßten Revolutionär. Den Zweifeln an der Jungfräulichkeit Marias entsprechen 
solche auf die das werdende Dogma von der Göttlichkeit Jesu in den ersten 
Jahrhunderten stieß. Man denke an die Arianer, Doketisten u. a. Hier wie 
dort sind die bei Zwangskranken so häufigen Mechanismen der Verschiebung 



74 Die wiederauferstandenen Götter 



bestand, immer strenger, der Buchstabenglaube erstarrte immer mehr 
und die Erlösten sehnten sich nach Erlösung, bis Luther kam, die 
alten Tafeln zerbrach und das alte Spiel wieder seinen Anfang nahm. 
Auch im Christuskult hatten sich, wie im Marienkult, Gestalten 
dem Juden genaht, die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt, 
und waren nicht erkannt, ja unwillig abgewiesen worden. Die 
Unlust ihnen gegenüber bedeutete früher Lust, die verdrängt und 
als solche nicht mehr anerkannt werden konnte. Und so scheint 
es, als spiele Mutter Natur den Menschen im Laufe der Geschichte 
immer wieder dieselben Melodien in tausendfachen Variationen 
vor. Die Kinder, sie hören es gerne. 



des Zweifels auf ein Kleinstes in ihrer Wirkung zu beobachten, die in den 
Fragen, ob der Sohn früher existiert habe und was das Wesen der Drei- 
faltigkeit ausmache etc. ihre zwangsneurotischen Zweifeln ganz analoge 
Triumphe feierten. Die der ambivalenten Einstellung gegen Christus ent- 
stammenden Zweifel erreichen in den lang dauernden und erbittert ge- 
führten dogmatischen Streitigkeiten, ob der Sohn Gott wesensgl eich oder 
wesens ähnlich sei, einen Höhepunkt. Die Verschiebung auf ein Kleinstes 
wird umso klarer, als der Streit wirklich um ein Jota geführt wurde, da die 
griechischen Wörter ö^ooüaioc; (wesensgleich) und öp.ourtcnoc; (wesensähnlich) 
sich durch diese Differenz unterscheiden; man möchte sagen, der Streit 
drehte sich um den I-Punkt. 



V 



DAS EVANGELIUM DES JUDAS 
ISCHKARIOT 



Unter den Sekten, denen der heilige Epiphanius seinen Eifer 
entgegensetzte, befanden sich auch die gnostischen Kainiten. Die 
Angaben des Epiphanius, des Irenaeus (Haer. 51), sowie die anderer 
Kirchenväter lassen keinen Zweifel darüber entstehen, daß die 
Kainiten den frommen Patres als besonders gefährliche und ver- 
dammenswerte Gemeinschaft erschienen. Es wird uns berichtet, 
daß diese Sekte, die Irenaeus mit den Ophiten in Verbindung 
bringt, Kain, Korah, Esau und die Sodomiten als Werkzeug der 
Sophia und darum von bösen Demiurgen 'angefeindet verehrten. 
Besonders auffällig mag es vielen erscheinen, daß sich diesen Ge- 
stalten die des Judas Ischkariot anreiht; es wird uns sicher ver- 
wundern, zu hören, daß die Kainiten in Judas denjenigen sahen, 
der mehr als die übrigen von der Wahrheit erkannt hatte, das 
Mysterium seines Verrates feierten und ein sonst nicht genanntes 
Evangelium des Judas als heilige Schrift lasen. Die Zeugnisse bei 
Pseudo-Tertullian (Haer. 7), Philastrius (Haer. 2) und Epiphanius 
(Haer. 58) lassen nur über die Begründung ihrer Verehrung des 
Judas Meinungsverschiedenheiten erkennen: Judas galt ihnen als 
Wohltäter der Menschheit; sei es, daß er Christi Absicht, die 
Wahrheit zu zerstören, durch seinen Verrat vereitelte, sei es, daß 
er die Archonten wider ihren Willen zwang, Christum zu töten 



if ; Das Evangelium des Judas Ischkariot 



unc 



id uns so zum Heil des Kreuzes verhalf. Die Entrüstung der 
frommen Patres erscheint uns wohl verständlich: heißt es nicht 
die Moral auf den Kopf stellen, wenn die Kainiten dem Verräter 
eine gottähnliche Stellung einräumten und Kain, der ihrer Meinung 
nach von einer höheren Macht herstammte als Abel, verherrlichten ? 
Heißt das nicht der Anschauung huldigen, nicht der Mörder, der 
Ermordete sei schuldig? 

Das Verhalten der Kainiten sieht wie eine Blasphemie aus 
blasphemisch wie die Tat des Judas selbst und wir sind, wollen 
wir es verstehen, genötigt, uns der Gestalt des Verräters selbst 
zuzuwenden, die man als eine der unheimlichsten der Welt- 
geschichte bezeichnet hat. Wir haben allen Anlaß, uns bei Theo- 
logen und Religionsforschern zu erkundigen, was sie über die 
Gestalt des Ischkariot denken, wie sie seine Tat psychologisch ver- 
standen wissen wollen und welche Stellung sie ihr in der Religions- 
geschichte einräumen. Vorher aber wollen wir kurz zusammenfassen 
was wir über Judas wissen und die vielfachen Fragen erörtern 
die sich an diese Figur knüpfen. Es ist wenig, was wir über ihn 
wissen. In den Evangelien fehlt jede Angabe über seinen Charakter 
bei seiner Aufnahme in den Apostelkreis; von seinem Verkehr mit 
dem Heiland wird fast nichts berichtet. Judas wird der Sohn 
Simons genannt. (Luk. 6 7 , l3 , a , 26 .) Sein Name Ischkariot ist seiner 
Herkunft nach dunkel. Die von Zahn, Nestle u. a. vorgeschlagene 
Ableitung von WfTp m = ein Mann aus Kerioth wird mit 
gutem Rechte angezweifelt. Wahrscheinlicher scheint mir die von 
S. Krauß 1 vermutete Anspielung auf aramäisch itflfn = Maulbeer- 
baum, was für unsere spätere Deutung der Figur Judas des Gärtners 
einigen Belang hat. Fest steht, daß Jesus auch ihn selbst zu sich 
rief, als er auf eine Anhöhe stieg und die Zwölf zu Aposteln machte 



i) Das Leben Jesu etc. S. 1 



55- 






Das Evangelium des Judas Ischkariot 



77 



Aus der Markusstelle (3, 13, ..°*S tfl*** «***") geht hervor, daß 
jeder einzelne von Jesus selbst erwählt wurde. Es gibt drei Listen 
der Apostel in Mt. 10, 4, Mk. 3, Lk. 6, 6, in deren jeder Judas 
enthalten ist. Matthäus und Markus fügen hinzu, „der ihn verriet', 
Lukas setzt hinter seinen Namen „der ein Verräter wurde", bei 
Joh. 6, 7 lesen wir „der sollte ihn verraten und war doch einer 
von den Zwölf". Hier begegnen wir bereits allerlei Bedenken, die 
sich an die Gestalt des Judas Ischkariot knüpfen. Wrede 1 formuliert 
das Problem als Theologe folgendermaßen: „Vor allem quält die 
Gemeinde, wie Jesus dazu kommen konnte, einen Mann wie Judas 
in seine nächste Umgebung aufzunehmen, wie konnte er so irren? 
Ein katholischer Theologe, I. Weiss," gibt zu, daß das Judasproblem 
trotz aller Bemühungen ungelöst bleibt. 2 „Immer bleiben die Fragen: 
Wie konnte ein Mann, der längere Zeit unter dem Einflüsse Jesus' 
stand, so handeln? und die andere: Wie konnte Jesus diesen Mann 
unter' seine vertrauten Schüler aufnehmen? Eine wissenschaftliche 

Antwort läßt sich nicht geben ".Die Gegner des werdenden 

Christentums haben schon aus dieser Tatsache ein Argument gegen 
die Göttlichkeit des Heilands gezimmert, so z. B. der heidnische 
Philosoph Celsus. Das Johannes-Evangelium ist sogar schon sicht- 
lich bemüht, den Einwänden dieser Art entgegenzutreten: es be- 
hauptet, Jesus habe von Anfang an gewußt, wer von seinen Jüngern 
ungläubig bleiben und wer sein Verräter werden würde (6, 64). 
Jesus sagt an einer Stelle (6, 6 7 ): „Habe ich nicht euch Zwölf 
mir auserwählt? Und einer von euch ist ein Teufel". Beim Passah- 
mahl spricht er: „Wahrlich ich sage euch, einer von euch wird 
mich verraten". Als die Jünger bange fragen, antwortet der Herr, 



1) Wrede William, Vorträge und Studien. Tübingen 1907. 

2 ) Schriften des neuen Testaments für die Gegenwart erklärt. 2. Aufl. 
Göttingen 1907. S. xoi. 



7 8 Das Evangelium des Judas Ischkariot 



der sei es, dem er den Bissen eintauchen und geben werde. Dann 
taucht er den Bissen ein und gibt ihn dem Judas: „Und nach dem 
Bissen fuhr der Satan in ihn". Da sprach Jesus zu ihm: „Was du 
vor hast, tue bald". Hier kompliziert sich die Frage noch: sieht 
das nicht aus, als habe Jesus den Jünger geradezu zum Verrat 
gezwungen? Das Johannes-Evangelium will vor allem die An- 
schauung bekämpfen, als sei Jesus von der späteren Entwicklung 
der Dinge überrascht worden, was ja mit seiner Göttlichkeit im 
Widerspruch stehen würde; er sei ihr aus freien Stücken entgegen- 
gegangen, ja er habe sie selbst herbeigeführt, da er den Verräter 
auffordert, seine Tat bald zu tun. Das Johannes-Evangelium ist 
bekanntlich jünger als die synoptischen (etwa um i 20 nach Christi) 
und steht bereits im Dienste apologetischer Tendenzen gegen heidni- 
sche und jüdische Angriffe gegen die Person und Lehre Christi; 
der vierte Evangelist ist auch nicht mehr einfacher Chronist wie 
Markus, Lukas und Matthäus, sondern ein schöpferischer Fortführer 
und Umbildner der Christuserzählung. Nur aus diesen Momenten 
können wir es begreifen, daß er zu der konstruierten Angabe 
kommen konnte, Jesus habe Judas im Bewußtsein seines künftigen 
Verrates aufgenommen; er mußte die Meinung, Jesus habe sich 
getäuscht, entwerten und an der göttlichen Irrtumlosigkeit Christi 
festhalten. Die Frage in dieser Form aufwerfen, heißt ja sie ver- 
neinen. Beim Passahmahl erscheint Jesus in allen synoptischen 
Evangelien mit den Jüngern vereint und prophezeit den Verrat 
Nur bei Mathäus erscheint ( 2 6, a5 ) eine kleine Abweichung. Auch 
dort prophezeit Jesus „Wahrhaftig, ich sage euch: einer von euch 
wird mich verraten". Als die Jünger tief bekümmert fragen: „Ich 
bin es doch nicht etwa Herr?" fragt auch Judas: „Bin ich es 
etwa, Rabbi?" und Jesus antwortet: „Ja du!" Merkwürdigerweise 
wn-d der Bericht der Mahlzeit so fortgesetzt, als wären diese Worte 
nicht gefallen. Ich will nur zwei Forscher zitieren, die ihrer 



Das Evangelium des Judas Ischkariot 



79 



Verwunderung über diese Erzählung Ausdruck gaben. Steudel 1 
findet es unbegreiflich, „daß die Elf den Judas unmittelbar nach der 
Voraussage Jesu, die ihnen allen Grund gegeben hätte, auf den 
als Verräter bezeichneten Jünger ein Auge zu haben, ruhig seines 
Weges ziehen lassen, während sie selbst Jesum in den Garten 
Gethsemane begleiten". Wrede aber bemerkt: „Wir hören gar 
nichts davon, wie die Antwort Jesu auf die Jünger wirkt und was 
mit Judas geschieht, anscheinend bleibt er beim Mahl ruhig zu- 
gegen — das sind Fragen, für die der Evangelist kein Auge hat ..." 
Dieser Autor sagt auch, die Frage „Herr, bin ichs?" habe für uns 
etwas so Vertrautes, vielleicht auch so Ergreifendes, daß wir kaum 
fühlen, wie fremd sie der nüchternen Wirklichkeit ist: „Jünger, 
die sich voller Anhänglichkeit an Jesus bewußt waren, sollten 
wirklich meinen, sie seien möglicherweise doch nach einigen 
Stunden die Verräter. " Der vorhin erwähnten apologetischen Tendenz 
des Johannes-Evangeliums müssen wir auch jene andere Notiz zu- 
schreiben: hatte Lukas 22, 5 noch den Satan in Judas fahren lassen, 
so wird, wie wir gesehen haben, in Joh. 15, 27 diese Angabe 
dahin korrigiert, Jesus habe es durch die Darreichung des Bissens 
selbst dazu gebracht, daß der Satan von Judas Besitz nahm. 
Lublinski 2 weist mit Recht zu dieser Erzählung darauf hin, daß 
nach der antiken Mythologie der Dämon das Wesen eines Menschen 
ausmache und daß sich für uns so ergibt, daß Judas jetzt gar nicht 
mehr Judas ist, sondern der Satan, der König der Finsternis. „Er 
wird Judas genannt, weil er durch dieses Synonym des gottes- 
mörderischen jüdischen Volkes bezeichnet werden sollte." Ein 
anderer Bericht, in dem. Judas in den Evangelien hervortritt, läßt 
die Zweifel, die an der überlieferten Erzählung haften, noch mehr 



x) Im Kampf um die Christusmythe. Jena 1910. S. 46. 

2) Das werdende Dogma vom Leben Jesu. Jena 1910. S. 145 f. 




^ & as Evangelium des Judas Ischkariot 



bestärken. Matthäus erzählt 26 die Geschichte der Salbung in 
Bethanien: eine Frau trat, als der Heiland im Hause Simons 
weilte, zu ihm mit einer Alabasterflasche voll teurer Salbe und 
goß sie ihm über das Haupt. Als die Jünger das sahen, sagten sie 
ärgerlich: „Wozu diese Verschwendung? das hätte man teuer ver- 
kaufen können und den Armen geben". Jesus antwortet: „Warum 
behelligt ihr die Frau? Sie hat ja ein gutes Werk an mir getan. 
Die Armen habt ihr ja immer bei euch, mich habt ihr nicht 
immer; sie hat mit ihrer Salbe meinen Leib zum Begräbnis ge- 
salbt". Matthäus erzählt dann, einer von den Zwölf, Judas Ischkariot, 
sei darauf zu den Hohepriestern gegangen und habe ihnen ange- 
boten, Jesum auszuliefern, diese hätten ihm darauf dreißig Silberlinge 
zugewogen. Fast mit denselben Worten erzählt das Markus-Evan- 
gelium die Geschichte, dort sind es freilich nicht alle, sondern nur 
einige von den Jüngern U«av Sfe t<ys 5 " H) 4 ), die über die Salben . 
Verschwendung entrüstet sind, auch dort der darauf folgende Bericht 
vom Verrate Christi ohne eigentliche Motivierung. Im Johannes- 
Erangelium erscheinen indessen manche bedeutsame Abweichungen: 
dort ist es Maria, die Jesus die Füße salbt und nur einer der 
Jünger, nämlich gerade Judas, gibt seiner Entrüstung Ausdruck, 
indem er fragt, warum man die teure Salbe nicht verkauft und 
den Erlös nicht den Armen gegeben habe. Der Autor dieses 
Evangeliums setzte noch hinzu: „D-as sagte er aber nicht, weil 
ihm an den Armen lag, sondern weil er ein Dieb war und als 
Verwalter der Kasse die Einlagen unterschlug". Man bemerkt den 
Unterschiedr die Verschwendung der Salbe erregt bei Markus den 
Unwillen einiger, bei Matthäus den aller Jünger, bei Johannes nur 
den des Judas, der noch dazu ein Dieb ist und ihren Erlös seihst 
behalten will. Diese Diskrepanz ist immerhin auffällig. Alle 
Evangelien berichten annähernd ähnlich die Verhaftus^ Christi 
und von dem berüchtigten, Kuß, den Judas äem Heiland gibt, um 



Das Evangelium des Judas Ischkariot 



81 



ihn den Verfolgern kenntlich zu machen. Wenn nur das Johannes- 
Evangelium nichts von dem Kuß wissen will, so werden wir auch 
dies schon damit zusammenbringen, daß sein Autor an solcher 
Intimität Anstoß nahm. Von theologischer Seite ist mir nur eine 
bemerkenswerte Notiz über diesen Kuß bekannt geworden. Ed. 
Nestle weist in der „Zeitschrift für neutest. Wissenschaft" 1 auf 
die jüdische Überlieferung zu dieser Stelle hin, 2 daß Esau den 
Jaakob nicht aus ganzem Herzen geküßt, sondern daß er ihn ge- 
bissen statt geküßt habe. Diese Szene zwischen Jaakob und Esau 
würde also das Vorbild des Judaskusses geliefert haben. 3 Merkwürdig 
berührt es auch, wenn Jesus nach Matthäus 26, 50 Judas bei dieser 
Begegnung fragt : ,,'Eraip' scp' ö «öpet (Freund, wozu bist du ge- 
kommen?) . Anrede und Inhalt der Frage passen wenig zu dem 
Vorangegangenen und zur Situation. Bei dem Bericht über die 
Verhaftung wird sogar von liberalen Theologen wie Wrede die 
Frage aufgeworfen, wozu es eines Verräters bedurfte, da Jesus 
öffentlich umherzog und in Jerusalem leicht zu finden war. 4 
Robertson legt sogar ein Hauptgewicht darauf, daß die Behörden 
den predigenden Jesus leicht ohne jede Beihilfe verhaften hätten 
können. 5 Kautsky zieht einen seiner drastischen Vergleiche in 

1) 1914. S. 95. 

2) Midrasch Benidbar, Bereschith Rabba, auch Midrasch Schir 
Haschirim. Strack Pro. crit. ad. Vet. T. Hebr. 1875. p. 89. 

5) Marg. Plath („Warum hat die urchristliche Gemeinde auf die 
Überlieferung der Judasgeschichte Wert gelegt?" Zeitschrift für neutest. 
Wissenschaft. 1916) weist darauf hin, daß auch 2. Sam. 20, 9 das Zeichen 
der Liebe als Mittel des Verrates mißbraucht wird, auch Delilas Warnruf, 
der das Stichwort für die Philister ist (Rieht. 16, 70), wird als Parallele 
herangezogen. 

4) Wrede S. 150. 

5) John M. Robertson, Die Evangelienmythen. Deutsche Übers. 1910. 
Eugen Diederichs. Jena. S. 108. 

6 Reih 




82 Das Evangelium des Judas Ischkariot 

Bezug auf den "Verrat Judas' heran: „Das wäre ungefähr so, als 
wenn die Berliner Polizei einen Spitzel besoldete, damit er ihr die 
Person bezeichne, die Bebel heißt". 1 Die dreißig Silberlinge, um 
die Judas den Herrn verraten hat, scheinen manchem Exegeten ein so 
lächerlich geringer Betrag, daß sie an der Echtheit des Berichtes 
zweifeln. Bemerkenswert ist eine Beobachtung von Wrede, derzu- 
folge die ganze Matthäusszene an eine Erzählung bei dem Propheten 
Sacharja 11, 12, 13, erinnert. Dieser Prophet ist zum Hirten des 
Volkes bestimmt. Da er aber seines undankbaren Amtes müde ist, 
fordert er seinen Lohn, nämlich Entlassung. „Und ich sprach: ist 
es euch recht, gebt meinen Lohn; wenn nicht, so laßt es! Und sie 
zahlten dreißig Silberscheckel als meinen Lohn. Da sprach Jahweh 
zu mir: wirf ihn in den Tempelschatz, den kostbaren Lohn, dessen 
du wert gehalten wurdest. Und ich nahm die dreißig Silberscheckel 
und warf sie in den Schatz im Hause Jahwehs". Matthäus erzählt 
nämlich 27, 3—10, Judas habe die dreißig Silberlinge später, von 
Reue erfaßt, den Hohepriestern in den Tempel zurückgebracht und 
sie, da diese sie nicht zurücknehmen wollten, hingeworfen. Daran 
knüpft eben Matthäus das Zitat aus Sacharja, das er versehentlich 
dem Jeremia zuschrieb, als Erfüllung einer Verheißung. So weist 
also das Evangelium selbst auf die Herkunft der dreißig Silber- 
scheckel hin, aber welch ein Unterschied: dort ist es der Lohn für 
einen Propheten des Herrn, hier das Sündengeld eines Verräters. 
Wie kam der Evangelist dazu, gerade hier einen verehrten Pro- 
pheten, der von Gott berufen und auserwählt war, mit dem ver- 
haßten Judas zu vergleichen? Wrede bemüht sich um eine Antwort, 
die man geistreich nennen muß; er meint nämlich, 2 „die Stelle, 
nach der das Judenvolk einen Propheten eines sehr geringen Lohnes 



1) Der Ursprung des Christentums. Stuttgart 1908. S. 

2) Wrede. S. 143. 



Das Evangelium des Judas Ischkariot 



85 



wert hält, erweckte zunächst den Gedanken an Jesus, der um 
etwas Geld von den jüdischen Machthabern gewissermaßen gekauft 
war. Der Gedanke an die bestimmten Personen der Hohepriester 
war dann leicht durch die Form des alttestamentlichen Wortes 
gegeben: sie gaben ihm seinen Lohn. Nun ist freilich dann eine 
Verschiebung eingetreten: das Subjekt wird Judas; er tut, was der 
Prophet tut, er wirft die Silberstücke fort". Man muß allerdings 
sagen, daß gerade das Wesentliche des Vorganges, die Verschiebung 
von Jesus auf Judas, höchst merkwürdig und ungeklärt bleibt. Es 
ist, als wollte die sonderbare Unsicherheit in Bezug auf Judas auch 
jetzt noch kein Ende nehmen, denn über sein ferneres Schicksal 
haben wir wieder mehrere Versionen; wir haben schön erwähnt, 
daß er nach Matthäus den Hohepriestern nach dem Tode des 
Heilands das Geld hingeworfen habe; dann erhängt er sich. Die 
Hohepriester aber, die Bedenken tragen, das Geld für den Tempel- 
schatz zu verwenden, kaufen dafür einen „Blutacker genannten 
Töpferacker zum Begräbnis der Fremden. In der Apostelgeschichte 
erzählt Petrus, Judas habe sich einen Acker gekauft, sei von einer 
Höhe herabgestürzt und habe sich den Leib aufgerissen, so daß die 
Eingeweide heraustraten. „Das ist allen Einwohnern von Jerusalem 
bekannt geworden und sie haben jenen Acker in ihrer Sprache 
„Hakeldama" genannt, das heißt Blutacker. So steht im Psalmbuch 
(69, 26), seine Behausung soll veröden und niemand soll darin 
wohnen. (Apost. I. 18 f)". Eine Harmonie zwischen diesen Berichten 
ist schwer herstellbar. Spätere Berichte bringen neue Züge; ein 
dem Eusebius zugeschriebenes Scholion sagt, Judas habe sich er- 
hängt, aber der Strick riß, er verletzte sich schwer am Unterleib, 
lag zwei Tage da und starb endlich an Verschüttung der Ein- 
geweide. Aphfaates (ca. 540 n. Chr.) zufolge hätte sich Judas mit 
einem Mühlstein am Halse ins Meer gestürzt. Der Syrer Ephraim 
(im 4. Jahrh.) erzählt eine Tradition, nach der Judas die Türe 

6* 



84 Das Evangelium des Judas Ischkariot 

verschlossen, inwendig verriegelt und niemand das Haus geöffnet 
habe, his er in Fäulnis übergegangen sei. Papias wieder berichtet von 
einer ungeheuren Anschwellung seines Körpers, so daß er nicht 
dort durchkommen konnte, wo bequem ein Wagen fährt: seine 
Augenlider seien so geschwollen gewesen, daß nicht einmal ein Arzt 
sie sehen konnte; Eiter und Würmer in seinem Körper hätten 
ihn schließlich getötet. Auf seinem Grundstücke war nachher ein 
solcher Gestank vom Ergüsse seines Leibes, daß niemand dort 
wohnen konnte. 

Nun möchten wir freilich gerne wissen, was die Forscher 
von der Geschichte des Judas Ischkariot im Ganzen halten. Wrede 
meint, der Verrat Jesu sei ein historischer Vorgang, aber alle Ver- 
mutungen über die Figur des Judas zwecklos. 1 „Die Wissenschaft 
wird durch alle diese Versuche einen kräftigen Strich ziehen. Sie 
hat einfach ein Ignoramus auszusprechen". Robertson behauptet, 2 
kein Detail ohne Wundercharakter sei im Evangelium offensichtlicher 
mythisch, obwohl keines allgemeiner als historisch angenommen wird 
als die Judaserzählung. In den paulinischen Briefen werden die zwölf 
Apostel noch als zusammenhaltend dargestellt und in dem jüngst 
entdeckten apokryphen Evangelium Petri wird erzählt, daß nach 
der Kreuzigung die zwölf Jünger des Herrn weinten und klagten ; 
keine Spur deutet darauf hin, daß einer der Gruppe damals ab- 
gefallen war. Zur Zeit, als dieses Evangelium verfaßt war, war 
also der Judasmythus noch nicht im Umlauf. Im Urevangelium, 
wie es von konservativen Kritikern wiederhergestellt wurde, endigt 
die Erzählung, bevor der Zeitpunkt des Verrates und der Gefangen- 
nahme erreicht ist. „Kurz, Judas ist wie die Zwölf, deren einer er 



1) Wrede S. 132. 

2) Die Evangelienmythen S. 110. Ähnlich Robertson in seiner ..Short 
History of Christianity", London 1902, S. 21. 






Das Evangelium des Judas Ischkariot 



85 



ist ein späterer Mythus, der Judasmythus ist aber von beiden der 
spätere." Die neueste Forschung von protestantischer Seite ist 
mindestens ebenso weit gegangen. G. Schläger hat in einem 
i9i4 in der „Zeitschrift für neutest. Wissenschaft" veröffentlichten 
Aufsatz alle Argumente gegen die Geschichtlichkeit des Verrates 
Judas zusammengefaßt. Auch er weist auf die schwerwiegende Tat- 
sache hin, daß die paulinischen Briefe nie von einem Verrat oder 
einem Verräter sprechen, nach 1. Kor. 15, 4 Christus aber den 
Zwölfen, zu denen Judas gehört haben muß, erschienen ist. Die 
Unkenntnis eines Verrates des Judas findet sich überhaupt in der 
altchristlichen Literatur. Die apostolischen Väter, die Didache, 
Justinus, Aristides erwähnen ihn nirgends. Schläger schließt seine 
Arbeit mit den^Worten: 1 „Der Verrat des Judas ist keine geschicht- 
liche Tatsache, sondern Sage oder Legende oder, wenn man will, 
Mythos". Mit diesem negativen Ergebnis aber wollen wir uns nicht 
zufrieden geben, wir wußten ja, daß es sich um einen Mythus 
handelt, wir wollen gerne erfahren, was er bedeutet, und welchen 
Platz seine Gestalten im Wesen und Werden der Religion ein- 
nehmen. Weiß uns die Wissenschaft denn nichts Positives über 
die Gestalt zu sagen? G. Volckmar hat die Ansicht vertreten, 
Judas sei eigentlich das Volk Juda und der Gedanke, dieses Volk 
habe Jesus seinen Feinden ausgeliefert, habe sich umgesetzt in die 
Vorstellung, ein Jünger namens Juda habe ihn verraten. 2 Ähnlichen 
Anschauungen neigt Robertson zu, der die Figur aus alten 
Mysterienschauspielen ableitet. Dort wäre ein Verrat an Gott fast 
eine Selbstverständlichkeit, wenn ein noch älterer Mythus voraus- 
gesetzt wird, wonach er als Opfer unter den Juden gestorben wäre, 



1) Die Ungeschicklichkeit des Verräters Judas. „Zeitschrift für neutest. 
Wissenschaft" 1914, Heft I, S. 59. 

2) Religion Jesu. Leipzig 1875. S. 260 und Markus, Zürich 1876, S. 555. 






f^ Das Evangelium des Judas Ischkariot 



die ihn nicht als Christus anerkennen wollten. Robertson weist 
darauf hin, 1 daß im Evangelium Petri die Juden als äquivalente 
Faktoren mit Herodes und Pilatus bei der Kreuzigung figurieren 
und in einem Ritualdrama ungenannte Juden als Gottes Feinde 
und Häscher aufgetreten wären. In einer späteren Zeit würde der 
antijüdische Animus, der zur Darstellung führte, wonach die ganzen 
zwölf Apostel der Evangeliengeschichte im letzten Augenblick ihren 
Herrn verlassen hätten, leicht die Vorstellung zur Entwicklung 
gebracht haben, einer der Zwölf habe tatsächlich Verrat begangen 
und diesem würde die Rolle des führenden Häschers zugefallen sein; 
sein ursprünglicher Name wäre einfach Joudaios, ein Jude, gewesen! 
Aus diesem wäre später Judas geworden. Den Mythus, der Judas 
als Dieb und Geizhals darstellt, will Robertson ^einfach daraus 
erklären, daß der Verräter einen Beutel auf der Bühne trug. 
Wrede hat energisch gegen diese Auffassung des Judas Einspruch 
erhoben und es schien auch längere Zeit, als wäre sie fallen gelassen 
worden. Neuerdings hat sich Schläger wieder dazu bekannt; er 
führt aus, daß in zahlreichen Evangelienstellen (Mt. 27, 8 Mc. 5^ 10 
etc.) die Schuld am Tode Christi den Juden zugeschrieben werde 
und zwar bestehe diese Schuld nicht im Verrat, sondern darin, 
daß sie Christus ausgeliefert haben. Die Deutung des Verrates sei 
eine spätere. Schläger stützt sich namentlich auf die Verfasser 
der Apostelgeschichte, die nur heftige Anklagen gegen das Volk 
oder seine Führer erheben, und es scheint ihm, als ob in deren 
Bewußtsein ein einzelner Verräter gar keine Rolle spiele. Ganz 
ähnlich wie Robertson hält auch er Judas für eine Person der 
Legende, für eine Verkörperung des jüdischen Volkes, das den 
Christus der römischen Obrigkeit zum Tode überlieferte. Es war 
nur ein späterer Schritt, das Volk der Juden in einem einzelnen 



1) Robertson, Evangelienmythen, s. o. S. 110 f. 



Das Evangelium des Judas Ischkariot 



87 



Juden, eben Judas, darzustellen. Ähnliche Ansichten vertritt Lub- 
linski in seinem bereits genannten Werke. Wir werden sicher 
anerkennen, daß diese Auffassung ein großes Stück Berechti- 
gung hat, meinen aber, daß sie nicht zur Erklärung ausreichend 
sei, da sie gerade einige der wichtigsten Fragen unbeantwortet 
läßt: liegt ein Mythus vor, warum nahm er gerade diese Gestalt 
an? Der Hinweis auf ein altes Mysterienspiel scheint uns wertvoll, 
doch bleibt die Frage ungeklärt, wie sich die Gestalt des Judas 
mit ihren großen und kleinen Zügen entwickelt habe. Plathe 
macht geltend, es mute eigentümlich an, daß neben Judas, in dem 
doch das Jesu feindliche jüdische Volk verkörpert sein soll, dies 
feindliche Volk trotzdem — mit Hohepriester und Ältesten an der 
Spitze — als Masse steht, daß Judas selbst mit ihnen persönlich 
in Unterhandlung, ja sogar in Gegensatz zu ihnen tritt. Eine solche 
Entwicklung einer Persönlichkeit, die sich zudem in verhältnis- 
mäßig kurzer Zeit vollzogen haben müßte, sei in der mündlichen 
Überlieferung, der das Individuell-Persönliche viel näher liege als 
das Allegorisch-Symbolische, wenig wahrscheinlich/Trotz der Wucht 
dieser und anderer Argumente können wir unseren Eindruck, daß 
die Hypothese, Judas sei eine Personifikation des jüdischen Volkes 
einen Teil der Wahrheit enthalte, nicht unterdrücken, andererseits 
müssen wir zugestehen, sie erkläre nicht alles Erklärungsbedürftige. 
Wir werden zusammenfassend sagen müssen, die Wissenschaft 
habe uns bisher nicht das Verständnis des Judasproblems erschlossen; 
Wrede ruft Ignoramus und Schlägel weist die Figur ins Reich 
der Legende und des Mythos. Wir wollen seinem Hinweis folgen 
und den Legenden nachgehen, die uns über diese Figur erhalten 
sind. Wir stoßen da vor allem auf jene Volkstraditionen, deren 
Aufzeichnungen und Verarbeitungen in den frühen „Toledoth 

1) In dem bereits zitierten Aufsatze der „Zeitschrift für neutest. 
Wissenschaft". 






88 Das Evangelium des Judas Ischkariot 



vorliegen. Die religionsgeschichtliche Bedeutung dieser Gegenstücke 
der Evangelien wird langsam auch von der Forschung anerkannt. 
Wir wissen schon, daß in ihnen die Verführungsgeschichte der 
Maria durch Panthera, die uneheliche Geburt Christi und seine 
erste Jugend berichtet wird. Als er herangewachsen war, wird uns 
weiter erzählt, verweigerte er einmal einem Mitgliede des hohen 
Rates die Ehrenbezeugung: dadurch und durch seine uneheliche 
Geburt geriet er früh in üblen Ruf. Nun strebte er darnach, 
Zauberkünste zu erlernen, um sich wieder angesehen und gefürchtet 
zu machen, und er erfuhr, daß er dies erreichen könne, wenn er 
in das Allerheiligste des Tempels eindringe und» den daselbst in 
einen Stein eingegrabenen unaussprechlichen Namen Gottes (Sehern 
Hamphorasch) sich einpräge. Diesen Stein hatte man nämlich ge- 
funden, als das Fundament zum Tempel gelegt wurde und hatte 
ihn später in das Allerheiligste gebracht. Um nun aber zu ver- 
hindern, daß jemand eindringe und das Geheimnis verletze, hatten 
einige weise Männer zwei eherne Löwen an die Pforten des Alier- 
heiligsten gestellt, welche durch ihr Gebrüll jeden, der aus dem 
Allerheiligsten hervortrat, so in Schrecken setzten, daß er den heiligen 
Namen wieder vergaß. Jesus aber drang ein, schrieb das Sehern 
Hamphorasch auf einen Pergamentstreifen und machte alsdann 
einen Schnitt in seinen Körper, in welchen er den Pergamentstreifen 
hineinsteckte. Nun konnten ihm die Löwen nichts anhaben, er 
ging aus dem Tempel, nahm den Namen heraus und prägte sich 
ihn ein. In der Folgezeit tat er große Wunder (wie in den Evan- 
gelien) und erwarb sich einen großen Anhang. Die Mitglieder des 
hohen Rates verklagen ihn wegen Zauberei bei der Königin Helena 
(offenbar eine Erinnerung an die gleichnamige Mutter Constantins), 
welche aber Christus günstig gesinnt ist. Christus wird vor die 
Königin gerufen, vollbringt dort große Wunder und wird infolge- ' 
dessen freigesprochen. Die Juden bewegen nun einen jungen Mann, 






Das Evangelium des Judas Ischkariot 8 g 



Judas mit Namen, gleichfalls in das Allerheiligste einzudringen und 
das Geheimnis des heiligen Namens zu stehlen. Er tut dies wie 
Jesus, auch er reißt sich die Hüfte auf und verbirgt dort das 
Pergament. Hierauf tritt er vor die Königin und erklärt, er könne 
ebenso wie Jesus Wunder tun. Dieser aber steigt, um einen neuen 
Beweis seiner Wunderkraft zu geben, vor der Königin und dem 
Volke in die Luft. Judas spricht den heiligen Namen aus und 
fliegt ihm nach. Hoch in den Lüften entsteht nun ein heftiger 
Kampf zwischen beiden, von denen jeder den andern mittels des 
Namens zu Fall bringen will. In einer der Toledothstellen heißt 
es nun: „Als das Judas sah, verübte er etwas Schlechtes: er urinierte 
auf Jesum, so daß dieser verunreinigt wurde und zur Erde fiel 
und mit ihm auch Judas". In einem andern Toledoth wird Jesus von 
ihm mit Samenerguß besudelt; in allen gelingt es Judas, den Herrn 
mit sich herabzureißen. Nun soll Christus festgenommen werden, 
es gelingt ihm aber, mit Hilfe seiner Jünger zu entrinnen; er be- 
gibt sich an den Jordan und tut dort wieder Wunder. Hier- 
auf erbietet sich Judas, ihm nachzueilen und ihm das Sehern zu 
rauben und wirklich gelingt es ihm, als Christus einmal in tiefen 
Schlaf versenkt war, das Pergament aus seiner Hüfte zu ziehen. 
Christus erwacht, ist über den Verlust seiner Wunderkraft ver- 
zweifelt und fordert die Jünger auf, ihn in ihre Mitte zu nehmen, 
so daß ihn niemand sehen könne und alsdann nach Jerusalem zu 
ziehen, denn dort hofft er seine Wunderkraft wieder erlangen zu 
können. Judas mischt sich unerkannt unter die Jünger und fordert, 
sobald er in Jerusalem ankommt, die Ratsmitglieder auf, eine starke 
Wache am Tempel aufzustellen; wenn dann Christus mit den Jüngern 
käme, wolle er ihn für die Wache kenntlich machen, indem er 
vor ihm niederfalle und ihn anbete. Auf diese Art wird Christus 
verhaftet. Seine Geißelung und Verhöhnung wird hierauf ganz 
ähnlich wie im Neuen Testament geschildert. Er wird zuerst 



90 Das Evangelium des Judas Ischkariot 

gesteinigt und soll dann an ein Kreuz geschlagen werden. Nun hatte 
er aber, als er noch im Besitz des göttlichen Namens war und 
seinen Tod voraussah, alle Bäume und Hölzer beschworen, daß 
sie ihm kein Leid tun sollten, und deshalb brachen alle Kreuze 
unter ihm zusammen. Da holte Judas — in anderen Versionen 
ist es ein Judas der Gärtner, dessen Identität mit dem früheren 
feststeht — einen Kohlstengel von ungeheurer Größe und an 
diesem wurde Christus nun gehängt. Am Abend wird Christus 
begraben; Judas aber holt den Leichnam wieder aus dem Grabe 
und trägt ihn in seinen Garten, wo er ihn in dem Bette 
eines Flusses vergräbt. Als am Morgen die Jünger an das Grab 
kommen und den Leichnam nicht mehr finden, verbreiten sie das 
Gerücht, Christus sei in den Himmel emporgestiegen zu seinem 
Vater. Als die Königin dies erfährt, ruft sie die Mitglieder des 
Rates vor sich, macht ihnen Vorwürfe, daß sie den wahren Sohn 
Christus getötet hätten und gibt ihnen auf, die Leiche binnen 
drei Tagen wieder herbei zu bringen, widrigenfalls sie sämtlich 
den Tod erleiden müssen. Sie suchen nun überall vergebens ' den ' 
Leichnam, geraten in tiefe Trauer, bis endlich einer von ihnen, 
Rabbi Tauchuma, Judas in seinem Garten sitzend frohgemut an- 
trifft und ihn von dem Gebot der Königin in Kenntnis setzt. 
Nun wird der Leichnam wieder hervorgeholt, durch die Straßen 
zur Königin geschleift und so das Gerücht der Auferstehung wider- 
legt. Der Charakter des Toledoth, das sich manchmal völlig mit 
dem uns so bekannten Evangelienbericht deckt, um an andern 
Stellen so merkwürdig damit zu kontrastieren, mag zu dem zwischen 
Bekanntheits- und Fremdheitsgefühlen schwankenden eigentüm- 
lichen Eindruck beitragen, den wir von dieser Erzählung er- 
halten. 1 Der Flug in die Luft erinnert an die Versuchung des 

1) Man hat übrigens die Ansicht vertreten, daß uns die Toledoth 
Jeschu als die wertvollste Ergänzung der Evangelien zu gelten habe. Die 






Das Evangelium des Judas Ischkar iot 



9 1 



Teufels, der Jesus auf die Zinne des Tempels stellt und sagt: 
Wenn du Gottes Sohn bist, so stürze dich hinab; steht doch in 
der Schrift: ,Er wird seinen Engeln Befehl geben deinetwegen, 
damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.'" (Matth. 4, 5, 6, 
Luc. 4). Wir erkennen hier deutlich die Probe des Luftfluges. 
Oder erinnert es nicht an den letzten Teil der Toledothgeschichte, 
wenn wir im Johannesevangelium lesen, die Jünger hätten Jesus 
in einem Garten begraben und Maria später, als sie das Grab 
besucht, den Stein davor weggenommen findet, ausgerufen: „Sie 
haben den Herrn aus dem Grabe genommen und wir wissen 
nicht, wo sie ihn hingelegt haben?" Merkwürdiger noch, daß 
Maria, als sie weinend am Grabe steht, sich umwendet, und Jesus 
dort stehen sieht, ohne zu wissen, daß er es ist. Jesus spricht zu 
ihr: „Frau, was weinst du? wen suchst du?" Sie glaubt, heißt es 
dort (Joh. 20, 15), es sei der Gärtner und sagt zu ihm: „Herr, 
wenn du ihn fortgetragen hast, sage mir, wo du ihn hingelegt, 
so will ich ihn holen." Merkwürdige Verwechslung, die zwischen 
(Judas) dem Gärtner und Jesus. Fügen wir diesen verbindenden 
Zügen andere Auffälligkeiten hinzu, welche die Forscher in der 
Erzählung gefunden haben. Konrad Hoffmann hebt den Umstand 
hervor, daß Jesus alle Hölzer beschwört, ihm keinen Schaden 
zu tun und Judas schließlich dennoch eine Pflanze herausfindet, 
an welcher derselbe aufgehängt werden kann. 1 Die Ähnlichkeit 
mit dem Mythus vom Tode Balders, in dem Frigg alle Hölzer 
beschwört, Balder keinen Schaden zu tun, fällt auf. Loki, dessen 
Stellung unter den übrigen Göttern auch sonst an diejenige des 
Judas unter den Aposteln erinnert, schnitzt dort aus einem Zweige 



Hypothese einer gemeinsamen Quelle beider darf sich auf bis in Details 
gehende Ähnlichkeiten stützen. Andererseits erkennen wir in manchen Stellen 
der Evangelien Umformungen oder Andeutungen der Erzählung der Toledoth. 
1) Konrad Hoffmann in Pfeifers Germania II. 48. 



9 2 Das Evangelium des Judas Ischkariot 



der bei der Verschwörung vergessenen Mistel den Pfeil, mit welchem 
Balder getötet wird. Die Wahrheitsliebe gebietet, einzugestehen, 
daß uns die Legende aus dem Toledoth keine Erklärung gebracht 
hat und uns eher noch mehr verwirrt hat, als wir es bereits 
waren; wie sollen wir uns die Tat und die Person des Judas aus 
ihren Angaben und den Differenzen zur Tradition des Christen- 
tums erklären? Doch wir sagen uns, daß in der jüdischen Tradition 
sicherlich bestimmte Tendenzen vorhanden waren, welche die Ge- 
staltung und Umformung der Erzählung bedingten, und wenden 
uns lieber den katholischen Legenden zu, die im Frühmittelalter 
über das Leben des Judas bis zu seinem Eintritt in die Jünger- 
schar Christi im Umlauf waren. Diese Legende von Judas ver- 
breitete sich über das ganze Abendland; Niederschriften von ihr wurden 
in lateinischen, deutschen, französischen, englischen, schwedischen, 
katalonischen, spanischen und italienischen Handschriften von den 
Forschern gefunden und miteinander verglichen. Eine ihrer frühesten 
schriftlichen Fixierungen — es ist kein Zweifel, daß eine lange 
mündliche Tradition vorausging — ist uns in der „Legenda 
aurea', der großen Legendensammlung des 1298 verstorbenen Erz- 
bischofs Jacobus a Voragine erhalten. Ihr Inhalt ist kurz folgender: 
Cyberea, die Gemahlin des Rüben aus dem Stamme Dan, hat 
vor der Geburt ihres Sohnes böse Vorahnungen, derzufolge dieser 
einmal dem Teufel gleich sein werde. Deshalb wird das Kind Judas, 
sobald es zur Welt kommt, auf dem Meere ausgesetzt und zwar 
in einem Kästchen. Das Kästchen treibt nun an die Insel Skarioth 
und die kinderlose Königin dieser Insel nimmt Judas als ihren 
Sohn an, indem sie ihrem Gemahl vorspiegelt, er sei ihr leibliches 
Kind. Bald darauf bekommt sie aber selbst einen leiblichen Sohn, 
der nun mit Judas zusammen erzogen wird. Da ihn Judas fort- 
während mißhandelt und beleidigt, entdeckt die Königin in ihrem 
Unmut ihrem Gemahl, daß Judas bloß ein untergeschobenes Kind 



Das Evangelium des Judas Ischkariot 93 



sei. Judas ist hierüber so aufgebracht, daß er den echten Sohn 
der Königin umbringt, und aus dem Lande entflieht. Er kommt 
nach Jerusalem, tritt bei Pilatus in Dienst und schwingt sich all- 
mählich zu dessen Freund und Vertrauten auf. Einst sieht Pilatus 
in einem Nachbargarten schönes Obst hängen; da er nach dem- 
selben großes Verlangen trägt, dringt Judas sofort in den Garten 
ein, ohne zu wissen, daß derselbe seinem Vater Rüben gehört. 
Mit diesem von ihm Unerkannten gerät er dann in Wortwechsel, 
als er das Obst stehlen will, und erschlägt ihn. Cyberea findet 
ihren Gatten tot im Garten und zeigt die Sache dem Pilatus an. 
Dieser gibt ihr, um sie für den Verlust ihres Gatten zu ent- 
schädigen, den Judas zum Gemahl, aber bald stellt sich heraus, 
daß er seinen Vater gemordet und seine Mutter geheiratet hat. 
Voll Reue und Schmerz begibt er sich nun unter die Jünger 
Christi. Diese Erzählung erscheint mit geringen Variationen auch 
im Toledoth Jeschu. Den Autoren ist es bereits aufgefallen, daß 
die Jugendgeschichte des Judas der des Moses, der in derselben 
Art ausgesetzt, von einer fürstlichen Mutter erzogen wird und 
wegen eines Mordes flüchten muß, ähnlich ist. Wir erkennen in 
allen diesen Zügen die von Rank aufgezeigten typischen Charakte- 
ristika der Sage von der Geburt des Helden. 1 Der gute Abraham 
. a Santa Clara 2 meint auch bei der Erzählung von der Aussetzung 
des Judas, „es sei zu schmerzen, daß er in diesem Falle dem ge- 
rechten Moysi gleichete". Creizenach 3 weist darauf hin, daß 



i) Rank, Mythus von der Geburt des Helden. Schriften zur ange- 
wandten Seelenkunde, Heft 5. 

2) „Judas, der Ertz-Schelm". 

3) W. Creizenach, Judas Ischkariot in Legende und Sage des 
Mittelalters, Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur, 
hgb. von Hermann Paul und Wilhelm Braune. IV. Bd. 1876. Halle a. S. 
S. 102. 






94 Da * Evangelium des Judas Ischkariot 



der vorliegende Judasmythus am ehesten Ähnlichkeit mit der 
Ödipussage habe. 1 Er bürdet seinem Helden den Inzest und den 
Vatermord auf und dieser letztere entstehe wie der des Ödipus aus 
einer ganz unbedeutenden Zänkerei. Es läßt sich freilich nicht mit 
Bestimmtheit annehmen, daß alle diese Motive in unserer Legende 
ursprünglich der Ödipussage entlehnt sind. Istrin, der die Legende 
zum Thema einer Arbeit gemacht hat, 2 erzählt, daß die Sage von 
Judas dem Blutschänder noch heute in russischen Texten und in 
der mündlichen Tradition in Galizien und Bußland lebt. Ohne 
allen Zusammenhang mit diesen Legenden steht eine Erzählung 
aus der Jugend des Judas, welche sich in dem apokryphen arabi- 
schen Evangelium infantial Salvatoris enthält. 3 Dort wird berichtet, 
Judas sei als Kind vom Teufel besessen gewesen und habe jeden, 
der ihm in den Weg kam, angefallen und gebissen. Seine Mütter 
wollte ihn zu Christum bringen, der damals noch ein Knabe war, 
damit er ihn durch seine Wunderkraft heile. Sie fand diesen vor 
seinem Hause spielend; Judas stürzte sofort auf ihn zu und biß 
ihn in die Seite. In demselben Augenblick wich der böse Geist 
in Gestalt eines tollen Hundes von ihm; Christus aber wurde 
später, da er gekreuzigt wurde, an derselben Stelle, an welcher ihn 

i) Greizenach o. c. S. 200. Manche Forscher sehen in der außer- 
ordentlich weitverbreiteten Judaslegende des Mittelalters eine christliche * 
Überarbeitung- der Ödipusgeschichte. Vgl. noch Diederichs, Russische 
Revue 17, 1880, Seite 119-146 und H. Freytag, Judas Ischkariot in der 
deutsch. Wissenschaft, Predigt, Dichtung und bildenden Kunst unseres Jahr- 
hunderts. Die analytische Deutung, sowie zahlreiche Varianten der Judas- 
legende finden sich in Rank, Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage. Leipzig 
und Wien 1912. S. 343 ff., wo die Judasgeschichte auch in die Ödipus- 
tradition eingereiht wird. 

2) Archiv für slavische Philologie XX. 1898. S. 605—619. 

3) Thilo Codex apocryphus N. Testamenti. Leipzig, I. Bd. 1832, S. 109 
übersetzt bei Hoff mann, Das Lebeu Jesu nach den Apocryphen. Leipzig' 
1851, S. 102. 



Judas gebissen hatte, von der Lanze getroffen. Da wir nun katholische 
und jüdische Legenden gehört haben und uns keiner Einseitig- 
keit schuldig machen wollen, sei noch eine mohammedanische 
Legende erwähnt, die C. F. Gerock 1 in seiner „ Christologie des 
Koran" erzählt; sie schließt sich an eine Koranstelle an, die besagt, 
Christus sei nicht gekreuzigt worden, sondern sei, kurz ehe dies 
geschehen sollte, von einem Engel in die Luft entführt worden, 
an seiner Stelle aber habe ein Anderer den Kreuzestod erlitten. 
Hieran knüpfte sich nun die Erzählung an, daß Judas in das Haus 
eingedrungen sei, in welchem sich Christus befand, um ihn dem 
Tode zu überliefern. Hierauf — wird weiter erzählt — erhielt 
Judas plötzlich durch ein Wunder ganz genau dieselbe Gestalt 
wie Christus, diesen aber ergriff der Erzengel Gabriel und ent- 
führte ihn in den Himmel. Die Juden drangen nun in das Haus 
und glaubten, als sie Judas sahen, er sei Christus; sie schleppten 
ihn also mit sich fort und kreuzigten ihn. Erst nachdem er tot 
war, erkannten sie ihren Irrtum. Wieder eine so merkwürdige 
Verwechslung von Jesus und Judas, von der wir nicht wissen, was 
wir über sie denken sollen. Wir meinen übrigens, daß uns alle 
diese Legenden annähernd ebenso unbefriedigt entließen als die 
kargen Auskünfte der Wissenschaft. Hie und da schien uns wie 
dort ein Funke aufzuglühen, der uns einen Weg zeigte, aber er 
erlosch bald, um uns im Dunkel zu lassen. Wir erinnern uns, in 
dieser Notlage, daß der katholische Theologe I. Weiß 2 in seinen 
Zweifeln über die vielen Schwierigkeiten der Judasgeschichte 
folgenden Ausweg fand: „Eine wissenschaftliche Antwort läßt sich 
nicht geben; hier muß die Phantasie alles leisten; darum ist dieser 



1) Christologie des Koran. S. 58 u. 59. 

2) Schriften des neuen Testaments für die Gegenwart erklärt. 2. Aufl. 
1907. S. 50. 






9 6 Das Evangelium des Judas Ischkar iot 



Gegenstand die Domäne der Dichter". Ist es der Dichtung vor- 
behalten, das Judasproblem zu lösen? Man sollte es meinen, da 
die Dichter besonders geeignet erscheinen, die psychologischen 
Voraussetzungen der ungeheuerlichen Tat des Verrates zu sehen 
und sogar das Typische in dem Schicksal, das sich da vor uns abrollt, 
zu finden. Natürlich kann es sich dabei vorzüglich nur um die 
neuere Dichtung handeln, denn das Studium der mittelalterlichen 
Mysteriengeschichten und Passionsdramen zeigt, daß ihre Autoren 
die Judasgestalt nur durch das Medium der Kirche sahen und nur 
Habsucht und Diebsgelüst als wirksame Motive bei ihm gelten 
ließen. 1 Die Anfänge einer von der Tradition unbeschwerten Judas- 
dichtung und einer ebensolchen psychologischen Bemühung um 
die Gestalt gehörten erst der Neuzeit an. Erst Klopstock eröffnet 
den Reigen ; neben der Selbstsucht tritt in Judas das Motiv- des 
beleidigten Stolzes hervor, da er glaubt, Jesus ziehe ihm die anderen 
Jünger vor. Steht so Klopstock noch immer im Banne der 
Tradition, so war es kein Geringerer als Goethe, der, sich von 
ihm lösend, eine völlige neue Deutung der Tat des Judas in die 
Literatur einführte. Dabei hatte er sich sicher auf die rationalisti- 
sche theologische Literatur seiner Zeit, die manche Umdeutungen 
und Umwertungen der Jesusgeschichte vornahm, stützen können. 2 
War Judas früher als der schmutzige und gemeine Verbrecher 
kat exochen erschienen, so meint Goethe, wie er uns im Zu- 
sammenhange mit seinem „Ahasver"-plan im 15. Buche von 
„Dichtung und Wahrheit" erzählt, Judas sei, „so gut als die 
klügsten der Anhänger fest überzeugt gewesen, daß Christus sich 
als Begent und Volkshaupt erklären werde und habe das bisher 



1) Vgl. die kleine Schrift „Judas Ischkarioth in der deutschen Dichtung', 
von Dr. Anton Büchner, Freiburg i. B. 1910. 

2) Z.B. die Arbeiten Nie meyers, H. E. G. Paulus, Goldhorns u. a. 
(Vgl. Büchner, Judas Ischkarioth in der deutschen Dichtung, S. 45 f.) 






Das Evangelium des Judas Ischkariot 



97 



unüberwindliche Zaudern des Herrn mit Gewalt zur Tat nötigen 
wollen und deswegen die Priesterschaft zu Tätlichkeiten aufgereizt, 
welche auch diese bisher nicht gewagt. Von der Jünger-Seite sei 
man auch nicht unbewaffnet gewesen und wahrscheinlicherweise 
wäre alles gut abgelaufen, wenn der Herr sich nicht selbst ergeben 
und sie in den traurigsten Zuständen zurückgelassen hätte". Der 
arme Ex- Apostel", wie Goethe ihn hier sehr bezeichnend nennt, 
erscheint hier zum ersten-, keineswegs aber zum letztenmal in 
der Dichtung als Diener einer Idee, als Patriot. Wir übergehen die 
vielen wenig bekannten Dichtungen, die von Viktor von Strauß' 
gedankenvollem Osterspiel „Judas Ischkarioth" 1856 bis zu Friedells 
gleichnamigem Drama i9zi reichen, und wollen nur darauf hin- 
weisen, daß eine auf Judas bezügliche Notiz des H ebb eischen 
„Christusplanes" (1863) merkwürdigerweise an die Auffassung der 
Kainiten erinnert: sie lautet nämlich : „Judas ist der Allergläubigste . 
Meinte der Dichter wirklich, Judas habe allein die wahre Gnosis 
gehabt und den Gedanken der Entsühnung durch Christi Tod zu 
Ende gedacht sowie sich als Werkzeug des göttlichen Willens ge- 
fühlt? In Ibsens Nachlaß findet sich ein kleines Gedicht, in 
dem anscheinend die Auffassung der Kainiten ihre Wieder auf- 
erstehung feiert. Oder wie sonst soll man es deuten, wenn der 
grübelsüchtige Dichter mit der Pointe endet: 

„Man weiß, in Gewissensschlummer befangen, 
Ging er und küßte dem Heiland die Wangen. 
So ward Höll' wie Himmel das ihre gezollt — 
Doch wie — hätte Judas nun nicht gewollt? 

Ähnlich mag, nach „Le jardin d'Epicure" und „Thais" zu ur- 
teilen, die Meinung. Anatole Frances über den Verräter Judas 
sein. Es erübrigt sich, in diesem Zusammenhang auf andere 
Dichtungen einzugehen, in denen Habsucht, verletzte Eitelkeit, 

7 Reik 



9« 



Das Evangelium des Judas Ischkariot 



zurückgewiesene Liebe, Haß, Neid, Eifersucht auf Maria von 
Magdala als die treibenden Motive des Judas hingestellt werden. 1 
Der Hinweis auf die schöne Literatur hat uns einige bemerkens- 
werte Tatsachen erkennen lassen: in der Auffassung der Judas- 
gestalt durch neuere Dichter ist ein Streben bemerkbar, das sich 
immer stärker der alten Anschauung der Kainiten über Judas nähert. 
Soll man darin ein Zeichen unserer angeblich moralisch verderbten 
Zeit erblicken? Merkwürdig ist ferner, daß keiner der großen 
Dichter Judas in den Mittelpunkt seiner Dramen gestellt hat und 
es bei den meisten bei Notizen oder Andeutungen geblieben ist; 
bei manchen ist es klar, daß sie später eine ähnliche Figur an 
Stelle dieses Verräters setzten, Goethe Mephisto, Hebbel Golo, 
Ibsen Julian Apostata. Was hielt sie zurück? Ist die Gestalt trotz 
ihrer starken Anziehungskraft ihnen zu unsympathisch geworden, 
haben sie es entmutigt aufgegeben, das Geheimnis dieser Persön- 
lichkeit zu entschleiern oder sahen sie in ihr mehr, als sie zu 
sehen begehrt hatten, und schreckten sie nun zurück? 

Ein Wort noch zur künstlerischen Darstellung des Judas.- 
Auch in der bildenden Kunst entwickelte sich langsam ein Typt« 
für seine Gestalt. Er wird meist als rothaarig dargestellt, was ja 
im Volksglauben als böses Zeichen gilt. Freilich wird nicht allzu 
selten auch Christus mit roten Haaren gemalt. Außerdem lieben 
es die Künstler, dem Judas einen prononciert jüdischen Gesichts- 
ausdruck zu verleihen, was sie bei den übrigen Aposteln zu ver- 
meiden trachten. Bekannt ist die Anekdote, daß Leonardo da Vinci 
in seiner weltberühmten Darstellung des Abendmahls im Refek- 
torium des Dominikanerklosters zu Mailand bei der Ausführung 
des Kopfes des Judas den Prior des Klosters porträtierte^ weil 
dieser ihn immer durch sein Drängen auf Beschleunigung der 



l) Vgl. das bereits zitierte Buch von Anton Büchner. 



Das Evangelium des Judas Ischkariot 



99 



Arbeit belästigt hatte — ein blasphemisches Quiproquo, das wir 
nur den Kainiten zutrauen würden. 

Die "Wissenschaft, der Mythos, die Kunst haben uns keine 
befriedigende Erklärung des Judasproblems liefern können; über- 
all fehlte uns das geistige Band, das einzelne Stücke verbinden 
konnte. Dennoch wollen wir nicht \ auf eine Lösung der Frage 
verzichten. 



1) Näheres in der Dissertation „Judas Ischkarioth in der bildenden 
Kunst" von Wilhelm Porte. Berlin 1885. 



VI 

DIE PSYCHOANALYTISCHE DEUTUNG 
DES JUDASPROBLEMS 

Wir haben gesehen, daß sich das Judasproblem nicht durch 
die bisher angewandten Methoden der Untersuchung lösen lassen 
will; es bleibt im Tiefsten dunkel, mag auch die Exegese, die 
Religionsforschung und andere Disziplinen einige Details aufgeklärt 
und wertvolles Material für weitere Forschungen geliefert haben. 
Für den Analytiker ergeben sich zwei Wege zur Klärung des 
Problems: er kann an diese mythische Gestalt herantreten wie an 
eine andere und die Resultate und Fingerzeige, welche die analy- 
tische Forschung ihm liefert, zur Klärung und Deutung verwenden 
und den Weg zum Verständnis der Gestalt aus dem Zusammen- 
stellen solcher Mosaikdeutung finden oder er wird warten müssen, 
bis sich das Verhältnis Jesu zu Judas ihm unter dem Eindrucke 
anderswo gewonnener Einsichten in seinem Kern erschließt und 
ihm damit auch die beiden Gestalten in ihrer latenten Bedeutung 
verständlich werden. Einsichten, die in der analytischen Praxis 
gewonnen wurden und sich zu zusammenhängenderen verdichteten, 
haben auf überraschende Art solche erste und provisorische Auf- 
klärung vermittelt. Wenn ich hier nur wenige Fälle aus einer- 
größeren Anzahl, in denen das Wirken derselben Mechanismen 
nachweisbar ist, herausgreife, geschiebt es, weil ich vom Judas-' 
problem zur Behandlung umfassenderer Fragen übergehen will. Ein 







Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems 101 

junger Mann, der im Kloster erzogen wurde, hatte eine nach- 
haltige Erinnerung an die Erlebnisse dieser Zeit; er hatte damals 
einen Kameraden, der 1 ihm gegenüber nach der Beichte einige 
unehrbietige Bemerkungen über diese Institution gemacht hatte; 
nach vielem Bedenken ging er nun zu dem Priester und erzählte 
ihm das Gehörte, obwohl er mit dem Frevler innig befreundet 
war und er selbst, obwohl äußerlich sehr fromm, mit beständig 
sich aufdrängenden Blasphemien während der Beichte zu kämpfen 
hatte. Es war klar, daß diese halb kindliche Denunziation den 
Charakter des Selbstverrates trug: er bekannte sein Vergehen, 
indem er den Andern anzeigte auf Grund einer sehr tiefgehenden 
Identifizierung, die sich auf dieselben unterdrückten Tendenzen 
stützen konnte. Es war aber mehr: es war der Wunsch nach 
Bestrafung, die nur am fremden Objekt vollzogen werden sollte, 
aber eben auf Grund der Identifizierung ihm selbst galt. Wir 
würden sagen, der blasphemische Kamerad sei die Ergänzung des 
Anzeigers, sein anderes zurückgewiesenes Ich gewesen. Tiefere Auf- 
klärungen verspricht ein anderer Fall: ein Patient, der in seiner Be- 
ziehung zum Vater eine starke Enttäuschung erlitten hat, zeigt eine 
lebenszerstörende Ichspaltung, die daraus resultiert, daß er das Objekt, 
das ihn enttäuschte, in sein Ich aufgenommen hat — ein Mecha- 
nismus, der uns durch Freud bei der Melancholie bekannt wurde 
— so daß nun das eine Ich gegen das andere wütet, sich an 
ihm rächt und die Genuß- und Arbeitsmöglichkeiten auf das 
äußerste verringert. Derselbe Patient zeigt eine doppelte Identi- 
fizierung in Bezug auf ein scheinbar weit abliegendes Gebiet: 
es sind ihm verschiedene Vorstellungen auf das Intensivste un- 
heimlich z. B. die des Scharfrichters und die des Verbrechers und 
Lustmörders; zu seinem Grauen aber ist er genötigt, sich manch- 
mal in die beiden Bollen abwechselnd zu versetzen und es kommt 
vor, das ihm das verhaßte Zusammenstellen seines Namens mit 



102 Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems 



dem eines Hugo Schenk oder eines andern Lustmörders spontan 
auftaucht. Es ist übrigens für die Tiefe seines Schuldbewußtseins 
bemerkenswert, daß die Vorstellung des gehängten und hingerich- 
teten Mörders ihm besonders peinlich ist, obwohl er in der Kinder- 
stube mit Vorliebe solche Personen spielte, die hingerichtet wurden, 
also z. B. Maria Stuart. Ebenso unheimlich wirken auf ihn ver- 
schiedene Kaisergestalten des Mittelalters,, die ihm intensiv an- 
ziehen und abstoßen; aber auch die Kronprinzen und Gegenkaiser 
machen denselben Eindruck auf ihn. 

Dem Verständnis solcher Ichspaltung kommt man näher, 
wenn man sich vorhält, daß das Ich des Erwachsenen ebenso wie 
die Sexualität eine Geschichte besitzt und die Ichentwicklung bis 
zur Vereinheitlichung ähnlichen Störungen wie die Sexualent- 
wicklung ausgesetzt ist. Die von Freud 1 angenommene Scheidung 
eines Ichideals und eines Ichrestes im Einzelnen wird in diesem 
Zusammenhange bedeutsam. Im Falle unseres Patienten erhielt 
man den Eindruck, daß das Ichideal ständig einen erbitterten 
Kampf gegen das Aktualich führe und die zensurierende seelische 
Instanz, in der wir eine Vertretung des Gewissens erkennen, nicht 
müde wurde, dieses Ichstück einer außerordentlich scharfen Kritik 
zu unterwerfen. Bedenkt man, daß das Vorbild der Eltern für 
die Bildung des Ichideals von großer Bedeutung wurde, so wird 
man die doppelte Identifizierung nicht verkennen, welche diesem 
Vorgange zu Grunde liegt. Der Patient selbst will Lustmörder 
sein, auf der anderen Seite aber verwirft er diese Regungen in 
der Nachwirkung der elterlichen Erziehung, die für seine Ich- 
idealbildung entscheidend war. Das Ichideal aber ist gegen eine 
Auflehnung des Aktualichs nicht gesichert und dem Drängen zur 
Triebbefriedigung, das von diesem ausgeht, nicht gewachsen. Im 

i) Freud. Zur Einführung- des Narzißmus, Jahrbuch für Psycho- 
analyse VI. 1914. 



Die psychoanalytische D eutung des Judasproblems 105 

Kranken ist wie in jedem Zwangsneurotiker ein Verbrecher und 
ein Büßer und Asket enthalten und der Konflikt zwischen beiden 
Ichstücken wird mit der Erbitterung geführt, den Kämpfe an- 
nähernd gleich mächtiger Gegner besitzen. 

Ich meine nun, wir könnten uns, zu unserem Problem zurück- 
kehrend, der Einsicht nicht verschließen, daß das Verhältnis von 
Jesus und Judas eine vorläufige, sicher nicht ausreichende Auf- 
klärung erhält: Jesus wäre demnach das alter Ego des Erlösers, 
das einer Ichspaltung entstammt und vom Schuldbewußtsein ge- 
boren wurde. Wir würden also meinen, erst eine Reduktion beider 
Gestalten auf eine einzige könnte uns das Verständnis ihrer Be- 
ziehung zueinander erschließen. Wir kennen solche Mechanismen 
der Spaltung aus der Untersuchung 'der seelischen Vorgänge in 
der Bildung der Neurosen, wir begegnen ihnen aber auch in der 
Psychogenese des Mythus und der Dichtung. Wir haben in den 
Beispielen aus der analytischen Praxis gesehen, daß solche Ich- 
spaltung nur historisch zu verstehen ist und werden nicht fehl- 
gehen, wenn wir annehmen, daß bedeutsame Veränderungen in 
der Auffassung der Christusfigur die Bildung des Judasmythus 
entscheidend beeinflußt, ja vielleicht die Judasgestalt erst geschaffen 
haben. Wir erinnern uns daran, daß Robertson und andere Autoren 
betont haben, daß die Judaslegende jünger sei als die Christus- 
geschichte und diese Anschauung mit guten Gründen aus den ' 
Evangelien und anderen Dokumenten zu belegen wissen. Die 
historische Schichtung aber wird bedeutsam für die mythologische 
und psychologische Bedeutung der Judasfigur, wenn wir sie als 
Komplementärgestalt Christi auffassen. Judas würde dann jenen An- 
teil des Christus darstellen, der, zuerst verleugnet, später dem Volke 
zum Bewußtsein kam. Erst spät erkannte man, daß die Tat Christi ein 
Verbrechen gegen den alten Vatergott bedeutete und nun erschuf 
das Schuldbewußtsein das andere Ich Christi. Nur wenn wir Judas 



^ 



104 Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems 



und Christus so als zwei uneinige Anteile einer einzigen psychischen 
Individualität auffassen, verstehen wir, daß Judas nun die Verant- 
wortung für die Neigungen und Tendenzen trägt, die man bei Christus 
nicht sehen wollte. Dann ist Judas Verrat an Jesus nur die Wieder- 
spiegelung von dessen Verrat an Jahweh, ist die Auslieferung des 
Herrn ein Selbstverrat und sein Tod die Sühne für einen Mord. l Nur 
so, wenn wir in Christus und Judas zwei einander ergänzende Stücke 
eines Ichs, in ihrem Tun die beiden Möglichkeiten der Reaktion 
auf eine Tat erblicken, können wir das Dunkel lichten, das über 
der Gestalt des Judas lagert: wir haben keine Angabe über seine 
Tätigkeit und seinen Charakter vor der Aufnahme in den Apostel- 
kreis, Jesus beruft ihn einfach zu sich. Robertson betont: „Kurz, 
Judas ist wie die Zwölf, deren einer er ist, ein späterer Mythus; 
der Judasmythus ist aber von beiden der spätere." 2 In dieses 
mythische Element der Apostel reiht sich Judas als Gegensatz- 
figur Christi ein: Christus tritt als ein gläubiger Rabbi auf, der 
das Gesetz nicht aufheben, sondern erfüllen wollte; der „Sohn 
des Verderbens" muß also die abgewehrte Rolle des Abtrünnigen 
übernehmen. Es ist kein Zweifel, daß das Johannesevangelium 
und die späteren Schriften der christlichen Gemeinde immer heftigere 
Angriffe gegen Judas erheben und seine Gestalt immer düsterer 
und verbrecherischer erschien; erst langsam dämmerte es der 
Christenheit, was die Tat Christi bedeutete, und nun wurde auf 
Judas projiziert, was kein Gläubiger von dem Erlöser annehmen 
durfte. War so die Judasfigur aus dem nachträglichen Verständnis 
der revolutionären Bedeutung Christi und dem wachsenden Schuld- 
bewußtsein der Judenchristen erschaffen, so bildete sich langsam 
Zug um Zug eine Legende, welche die Ablösung dieser Gestalt 

1) Judas' Selbstmord wird wirklich als Sühne für den Verrat Christi 
aufgefaßt. 

2) Robertson, Die Evangelienmythen. S. 110. 



Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems 105 



von der des Herrn vollständig machte, freilich nicht vollständig 
genug, um uns nicht noch in der Gegenüberstellung die ursprüng- 
liche geheime Identität heider Gestalten ahnen zu lassen. Judas 
ist der Verbrecher und Gottesverräter, den die Nachwelt in Christus 
sehen mußte und erschauernd nicht sehen wollte. Wir verstehen 
es nun auch, daß Jesus den Verrat Voraussagt, verstehen die Frage 
„Herr bin ich's?", wenn wir den Dialog in einen Monolog um- 
formen, der dem Zweifel und der Ambivalenz sowie dem unbewußten 
Schuldbewußtsein Jesu entstammt. Das Johannesevangelium geht in 
späterer Umdeutung den rechten Weg, wenn es annimmt, Jesus 
habe den Verrat von vornherein gewußt; so klärt sich auch der 
Widerspruch, daß Judas nach der Verratsprophezeiung ruhig im 
Kreise der Jünger bleibt; so, daß plötzlich die Rollen vertauscht 
scheinen, wenn Judas ärgerlich über die Verschwendung der Salbe 
wird und lieber den Erlös den Armen zufließen lassen wollte, 
eine Rede, die wir eher von Jesus erwartet hätten. Bei dieser 
Szene führt uns ja die Diskrepanz zwischen den Evangelien- 
berichten selbst auf die Spur, die darin besteht, daß bald alle 
Jünger, bald einige, bald nur Judas unzufrieden über die Salbung 
erscheinen. Die Jünger aber, in deren Mitte Judas steht als 
par inter pares, schilt der Meister ungläubig, straft den vor- 
schnellen Zebedaiden und den ungestümen Petrus und klagt zu 
Gethsemane, daß auch die treuesten seiner Jünger nicht eine 
Stunde bei ihm wachen können. Unaufhörlich wendet Jesus 
sich gegen ihre Überhebung und auf Petri Schwur der Treue 
kündet er ihm an, Petrus werde ihn dreimal verleugnen. Als 
Petrus sich aber zu ihm als dem Sohne Gottes bekennt, folgt 
unmittelbar das „Hebe dich weg, Satan!", aus Jesu Munde. Die 
Jünger, die eben mit ihm sterben wollten, verlassen und ver- 
leugnen ihn am Ende alle und fliehen. Wir ahnen, daß auch 
in der Bildung des Apostelmythus zum Teil jene Mächte der 



io6 Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems 

Reue und des Schuldbewußtseins wirksam waren und daß, was 
Christus tat, ihm jetzt geschah, den uralten Gesetzen des Talions 
folgend: hatte er Gott verraten, so wurde er verraten. Die Jünger 
selbst sind verkleinerte, vermenschlichtere Abbilder des Herrn, 
spätere Ichabspaltungen, welche die ihm zugeschriebenen Fehler 
zu tragen haben. Hatten sich so die Jünger als Abspaltungen 
Jesu dargestellt, denen noch, als Christus langsam zum Gott 
aufrückte, menschlich-allzumenschliche Eigenschaften eignen durf- 
ten, so vereinigte die spätere Judasfigur als Sündenbock alle 
als peinlich empfundenen Impulse auf sich und entlastet so die 
Jünger; 1 auch in dieser Richtung ein Gegenstück des „Agnus dei, 
qui tulit peccata mundi". 2 Er trägt aber — und dies ist wesentlicher 
— die Sünden und Vergehen Christi selber und nimmt für die 
spätere Geschichte alles auf sich, was diese als verbrecherisch und 
frevelhaft am Tun Jesu empfand, trug Fluch und Strafe für ein 
Verbrechen, das der Heiland gewordene Christus begangen hatte, 
das des Verrates an Gott und der Blutschande. Die Erkenntnis 
der geheimen Identität beider Gestalten gestattet uns, die eine für 
die andere einzusetzen, wozu ihr Verhältnis in seinen merkwürdigen 



i) Die Erkenntnis, daß der Verrat Petri, den Christus doch zum Fels 
der Kirche machte, dem Verrat Judas nahesteht, ist auch bis in theologische 
Kreise gedrungen. So äußert sich Plath in dem zitierten Aufsatz S. i 7 8: 
„Nun mag man zwischen der dreimaligen Verleugnung des Petrus und der 
Auslieferung Jesu durch Judas immer noch eine tiefe Kluft bestehen lassen, 
— immerhin ist der Unterschied ein relativer; die höchste Steigerung eines 
häufig hervortretenden Motivs: des Kontrastes Jesu zu seinen Jüngern." 
Volckmar (Die Evangelien. Zürich 1870. S. 555) fragt: „Wenn sie alle 
An verlassen, wo Gefahr droht, wenn Petrus ihn verleugnet, ist das nicht 
auch Verrat?" 

2) Vielleicht ist ein Hebbelsches Epigramm (Säkularausgabe der Werke. . 
Bd. 6, S. 44,5) in diesem Sinne zu verstehen: 

„Zwölf Apostel und doch nur ein einziger Judas darunter? 
Würbe 4er Göttliche jetzt, zählte er mindestens elf." 




Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems 107 



Phasen — besonders deutlich in der Prophezeihung des Verrates — 
und die gegensätzlich betonte Wiederkehr des Gleichen auffordert. 
Judas erscheint so in allen Vorgängen als das genaue Gegenstück 
Christi. Sogar der Vorwurf des Diebstahls — von dessen homo- 
sexueller Bedeutung ich hier absehe — stellt sich in diesem Lichte 
verändert dar: Jesus vertrieb die Schacherer und Zöllner aus dem 
Tempel, sein späterer Vertreter muß den Vorwurf des Diebstahls 
tragen. Wir haben gehört, daß Wrede auf den Propheten Sacharja 
als Vorbild hinwies, der die 50 Silberlinge als Lohn vom Volke 
erhielt, und erinnern uns der Auskunft des Theologen: der Gedanke 
an den von den Juden schlecht belohnten Propheten habe zunächst 
den an Jesus erweckt und sei durch einen von Wrede „Verschiebung" 
genannten Vorgang auf Judas übertragen worden. Wir glauben nun 
die eigentliche Natur dieses Verschiebungsvorganges und dieser 
Subjektvertauschung tiefer zu erkennen. Die Verhaftung Jesu, der 
Judaskuß und die merkwürdige Anrede „Lieber Freund" erscheint 
nun verständlicher, wenn eine, später in zwei Anteile gespaltene 
Gestalt vorliegt. Durch die Wiederholung der gleichen Schicksale 
und Taten wird auch klarer, daß Judas den Hohepriestern das 
Verratsgeld hinwirft und daß er sich erhängte; es sind fast Doub- 
lierungen der Evangelienberichte und wir meinen in ihnen zu 
erkennen, daß hier von Judas erzählt wird, was ursprünglich von 
Jesus erzählt werden sollte; nur wird hier unter dem Drucke des 
gesteigerten Schuldgefühls das Gegensätzliche zum Tun Jesu betont. 
Sogar der schreckliche, von Eusebius berichtete Tod des Judas nach 
drei Tagen hat seine Parallele in der Auferstehungsgeschichte des 
Heilands. Bedürften wir noch Beweise- für die komplementäre 
Bedeutung der Judasgestalt, die jüdischen „Toledoth Jeschu" und 
die frühmittelalterlichen katholischen Legenden und Erzählungen 
über Judas würden sie liefern: die Jugendgeschichte Jesu mit 
der Geburtslegende und der Verkündigung entspricht genau der 



108 Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems 

Umdeutung der von Judas erzählten Legende des bösen Traumes der 
Aussetzung und der Auffindung durch eine Königin. Die von den 
Toledoth Jeschu berichteten Tatsachen beleuchten die psychologische 
Situation noch besser: wir sehen in ihnen so bezeichnende Züge 
wie die charakteristische Wiederholung gleicher Taten, die Indentifi- 
zierung mit einer Person, das gemeinsame Wissen und Erleben. 
Hier sehen wir aber. auch umgekehrt Jesus als Frevler und bösen 
Zauberer, der das Volk betrügt, Judas aber als Helfer in der Not. 
Das von Jesus und Judas ausgeführte Eindringen in das Alier- 
heiligste, das Erlernen des geheiligten Namens durch Beide, das 
uns als Selbstkastration erscheinende Aufreißen der Hüften, die 
Wundertaten und der Luftflug — es ist wieder nur eine Erzählung 
von zwei Seiten gesehen, Variationen über ein Thema. Noch in 
dem Zug, daß Maria in dem auferstandenen Jesus den Gärtner 
Judas zu sehen glaubt, den sie bittet, die fortgetragene Leiche des 
Herrn herauszugeben, verrät, sich die ursprüngliche Identität der 
beiden Gestalten. In den katholischen Legenden fällt es uns neben 
den schon erwähnten, dem Heldenmythus angehörenden Zügen 
auf, daß Judas hier den Sohn der Königin erschlägt und aus dem 
Lande flieht — im Evangelienbericht geht der Kindermord von 
Herodes aus und Maria mit ihrem Kinde flieht aus dem Lande. 
Die Ermordung des Vaters und der Verkehr mit der Mutter, der 
eigentliche Inhalt der Ödipussage, wird hier von Judas erzählt — 
sieht dies nicht so aus, als wäre diese Erzählung zur Entlastung 
seines größeren Rivalen gebildet, dessen ursprüngliche Natur als 
die des revolutionären Sohnesgottes und Liebhabers der großen 
Muttergöttin verleugnet werden sollte? . Judas erscheint in den 
apokryphen arabischen Evangelien als vom Teufel besessen, Jesus 
wird ebenso als besessen von seinen Gegnern hingestellt. 1 Die 

l) Näheres darüber im folgenden Abschnitt. 



Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems log 



islamitische, an den Koran anknüpfende Legende berichtet sogar, 
Judas habe plötzlich dieselbe Gestalt wie Jesus erhalten und sei 
von den Juden an dessen Stelle gekreuzigt worden. Wenn hier das 
Moment des für einander Eintretens und der Verwechslung seinen 
Höhepunkt erreicht, so meinen wir nachträglieh, das bisher dargelegte 
Material spreche selbst für unsere Auffassung. 

Die Dichtung, die anfänglich alle Züge der Selbstsucht, des 
Geizes und Hasses auf Judas Ischkariot häufte und so den Evan- 
gehen folgte, suchte später immer mehr, den „Exapostel ' (Goethe) 
zu entlasten und stellte ihn endlich als Patrioten, als den Aller- 
gläubigsten, als Werkzeug des höchsten Willens dar, Ibsen und 
France haben schließlich in ihm jenen gesehen, der Himmel und 
Hölle das ihre gezollt. Kein größerer Dichter hat den Judasstoff ge- 
staltet, aber die Ersatzfiguren, die seine Züge tragen, Mephisto, Golo, 
Julian Apostata sind als das andere Ich, als Gegenstücke ihrer großen 
Gegner, deren letzter bei Ibsen übrigens der Galiläer ist, dargestellt. 
Ahnten sie, die Dichter, wessen ideelles Komplement Judas ist ? In der 
Katakombenkunst kommt Judas nicht vor, die byzantinische Kunst 
verfährt noch milde und leidenschaftslos gegen ihn wie die synopti- 
schen Evangelien, sie läßt ihm den Heiligenschein; erst bei Beginn 
des X. Jahrhunderts zeigt sich in Italien und in Deutschland, in der 
Dichtung wie in der Kunst eine gehässigere, feindseligere Stimmung 
gegen den „Sohn des Verderbens . Noch in Dürers Blatt der 
großen Passion erscheint er als abgefeimter, abgesonderter Schurke, 
Leonardo und Rubens zeigen indessen keine Spur von Vor- 
eingenommenheit; mehr Verhängnis als Schuld lagert über seiner 
Gestalt. Schnorr von Carolsfeld aber zeichnet den Selbstmord 
des Judas als ein düsteres, unheimliches Pendant zum Kreuzestod. 
Ist hinter dieser anschwellenden und abebbenden Gefühlswelle, 
hinter diesem Bestreben, auf Judas alle verbrecherischen Taten zu 
wälzen, und dem neueren, ihn zu entlasten, ein geheimes Motiv 



ho Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems 



erkennbar und gelten, dürfen wir nun fragen, diese feindseligen 
Stimmungen und Fragen nur dem Ischkariot ? Wenn man im 
Mittelalter in den Passionsspielen Judas als Ausbund aller Laster 
hinstellte, ihm Sünden andichtete, welche weder die Bibel noch 
die Tradition kennt, wenn Abraham a Sancta Clara in „Judas der 
Ertzschelm" daraus, daß Judas den Heiland zum jüngeren Hohe- 
priester, Kaiphas, statt zum älteren, Annas, geführt hat, folgert, 
er habejceine Ehrfurcht vor dem Alter gehabt — gilt alles Schimpfen 
und Wüten nur Judas oder ist er der Sündenbock und die Ersatz- 
person für einen Andern, gegen den Gläubige ihren Haßregungen 
nicht ungestraft Ausdruck geben können? Die Exegeten sagen es 
übrigens in naiver Weise selbst, wem ursprünglich diese starken 
Affekte zuflössen: 1 „Noch ein religiös-praktisches Bedürfnis darf 
endlich nicht vergessen werden, dem die Judasgeschichte entgegen- 
kommt: das Bedürfnis des Hasses — für nicht wenige die er- 
wünschteste, ja vielleicht die einzige Form, ihre Liebe zu dem 
Herrn zu beweisen, ehrlichen Haß gegen die Verräter und Feinde 
Jesu vermag mancher noch aufzubringen, dem es schwer werden 
würde, seine Liebe zum Herrn in der von ihm geforderten Ge- 
sinnung der Sanftmut, Herzensreinheit, Friedfertigkeit zu bestätigen." 
Gilt dieser Haß Judas oder Jesus? Sind diese Gläubigen nicht 
Judas ähnlich, da sie die Liebe nur in des Hasses Form zeigen, 
ist ihr Kuß auch nur ein Judaskuß? 2 Einige Einzelheiten der 
Christusgeschichte werden gewiß in diesen Zusammenhang gehören. 
Ist Judas das andere Ich, der verleugnete Anteil der Persönlichkeit 
Jesu, so gibt es noch andere solche komplementäre Gestalten. 
Wir haben schon auf die Apostel hingewiesen, von denen in den 



1) Plath in der „Zeitschrift für neutest. Wissenschaft". 

2) Haß ist vielleicht die älteste Form der Liebe, wie sich der Kuß aus 
dem Biß entwickelt hat. 



Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems 1 1 1 

Evangelien manche merkwürdige, zur Lehre und zum Wesen ihres 
Meisters wenig passende Züge berichtet werden. Ist auch im Neuen 
Testament und namentlich im späteren katholischen Schrifttum 
das Bestreben bemerkbar, die Apostel als menschlich unangreifbare, 
dem Geiste des Heilands nahestehende Gestalten darzustellen, so 
bleibt doch das Bedürfnis, das sie zum Teil als Gegenstücke des 
Herrn erweist, übermächtig. Ein anderer Antipode Jesu ist Barrabas, 
der an Stelle des Heilands begnadigt worden ist und dessen Aus- 
lieferung vom Volke gefordert wird. Barrabas heißt in einem Teile 
der älteren griechischen Manuskripte Jesus Barrabas, erst die späteren 
Abschreiber haben aus begreiflicher Diskretion den einen Namen 
dieses Bäubers und Aufrührers weggelassen. 1 Der Name Barrabas 
selbst aber bedeutet aramäisch „Sohn des Vaters," welchen Titel 
Jesus sich beilegte. Name und Eintreten für den Heiland sowie die 
Sympathie des Volkes für diesen Führer des Kleinkriegs gegen die 
fiömer sprechen dafür, daß Jesus Christus mit Jesus Barrabas ur- 
sprünglich identisch war, eine Hypothese, die Frazer schüchtern 
andeutet. 2 Ich kann hier übrigens nicht darauf eingehen, welche 
Modifikationen der von Frazer entwickelten Deutung des Kreu- 
zigungsrituals durch meine Theorie erforderlich werden und inwie- 
ferne sich das hier Gesagte seiner Auffassung, Christus sei nicht 
als Verbrecher, sondern als Bepräsentant des westasiatischen Sohnes- 
gottes hingerichtet worden, einfügt. Es sei nur noch darauf hin- 
gewiesen, daß außer Barrabas noch zwei Gestalten als Gegenstücke 

1) S. Reinach hat darauf hingewiesen („Le roi supplicie" in Cultes, 
mythes et religions. I. Paris 190g S. 339f.), daß die armenische und die 
altsyrische Version von Matthäus XXVII, 16 und 17 Jesus Barrabas lesen. 

2) Frazer, The scapgoat. London 1913. S. 4i8ff. Frazer bemerkt 
selbst „that in the tragic part of the crucification Jesus and Barrabas played 
parts, which were the complements, if not the duplicates". (S. 420, An- 
merkung 1), 






112 Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems 



des Heilands bei seinem Kreuzestod hier anzuführen sind: die 
beiden Schacher, zwischen denen Christus hängt, sind nicht nur 
durch gemeinsame Todesstrafe mit ihm verbunden, die örtliche 
Nähe und das gleiche Schicksal vertritt vielmehr die tiefere Be- 
ziehung zwischen den drei Gestalten. 

Ein anderes Detail führt, wenn man es mit den angeführten 
Einzelheiten vergleicht, tiefer in die Christusmythe. Wir haben 
von dem Gärtner in der Evangeliengeschichte gehört und erinnern 
uns der Erzählung in den ,Toledoth Jeschu, derzufolge Jesus 
in Voraussicht seines Todes alle Hölzer beschwört, ihm kein Leid zu 
tun, Judas der Gärtner aber schließlich einen Krautstengel herbei- 
schleppt, an dem er gekreuzigt wird. Daß dieser Gärtner Judas 
nur eine Abspaltung des Judas Ischkariot bedeutet, ist umso klarer, 
als der Name Ischkariot wahrscheinlich, wie bereits erwähnt, Baum- 
mann heißt. Ich kann hier nicht auf die Parallelen dieser asiatischen 
Mythe aus der germanischen Mythologie (Loki tötet Balder, der 
alle Hölzer ähnlich beschwört, durch einen Zweig aus einem 
vergessenen Mistelstrauch) eingehen; der so scharfsinnige Frazer 
ist in „Balder the beautiful" knapp an der Lösung dieses Problems 
vorbeigegangen. Wenn Jesus ans Kreuz gehangen wird, so muß 
nach psychoanalytischen Gesichtspunkten dieses Kreuz mit seinem 
Verbrechen zu tun haben, das er durch seinen Tod sühnt; wenn 
er das Kreuz, unter der Last zusammenbrechend, trägt, hat er sich 
gegen das Kreuz versündigt; wenn die christliche Dogmatik lehrt, 
der Baum des Kreuzes sei dem Lebensbaum als das Heilszeichen 
dem der Sünde entgegengesetzt, so muß diese Gegenüberstellung 
einen latenten Sinn umschließen. Das Urbild des Kreuzes aber ist 
der Pfahl, besser gesagt, der Baum. In einer demnächst erscheinen- 
den Deutung des Sündenfallmythus glaube ich gezeigt zu haben, 
daß die Erbsünde der Genesiserzählung neben dem Inzest in der 
Verletzung des Baumtotems besteht und daß das Essen 



vom 



r 



Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems 113 



Paradiesesbaum das Auffressen des (totemistischen) Vaters vertritt. 1 
Dann aber verstehen wir den engen und latenten Zusammenhang 
von Kreuz und Tod Jesu wohl: das Kreuz ersetzt dann eine um- 
gedeutete totemistische Vaterfigur der Urzeit; den Baumtotem hat 
Jesus beleidigt, am Baumtotem wird er bestraft. Wenn Christus 
schwer an der Last des Kreuzes trägt, so erinnert das Bild der 
Situation in dieser Beleuchtung an das des ^Sohnes, der des Vaters 
Leiche trägt; der abgehauene Baum, die totemistische Baumleiche, 
ist die eigentliche Bürde Christi. Nach dem Talionsgesetz aber 
muß es ein Mord sein, den Christus durch den Tod sühnt. Freud 
hat erkannt, daß die Selbstaufopferung Christi auf eine Blutschuld, 
nämlich auf den Mord am Vater, zurückweist. 2 In dieser äußerst 
verkürzten Untersuchung muß ich auf Beweise aus der Literatur 
verzichten ; auch die Phallüsbedeutung des Kreuzes kann hier nicht 
berücksichtigt werden. Judas aber, der den Baum zu seiner 
Kreuzigung herbeischleppt, ist durch die ursprüngliche alte Identität 
von Last und Träger gekennzeichnet: er ist die vermenschlichte 
Abspaltung des totemistischen Baumgottes ; der Baummann ist der 
alte Gott, gegen den Jesus sich aufgelehnt hat und der nun Strafe 
fordert. Wie ist diese Deutung mit unserer früheren zu vereinbaren? 
Ist es möglich, daß die Gegensatzfigur Christi zugleich den alten 
Gott bedeutet, möglich, daß sich der alte beleidigte Jahweh unter 
die Apostel mischt; kann sich das Zeichen der Unsterblichkeit — 
denn dies sind Jünger — in ein Todeszeichen verkehren? Ist, was 
die Unsterblichkeit auf der einen Seite sichert, auf der anderen 
Seite vielleicht immer eine Todesmahnung? Gerade die Geschichte 
der Judassage, die von uns vermutete Entstehung des späten 
Mythus aus starken Gefühlsmotiven, liefert hier die Aufklärung. Die 

1) Probleme der Religionspsychologie. II. Teil. 

2) Totem und Tabu. 2. Aufl. 1920. S. 206. 
8 Reih 



114 ^ e psychoanalytische Deutung des Judasproblems 

Judasgestalt war als Gegenstück des Heilands aus dem Bedürfnis ge- 
schaffen worden, die unbewußte Schuld der Revolution gegen den 
Gott abzuwälzen. Mit dem Schuldgefühl kehrte der alte, beleidigte 
Gott zurück; die Strafe und Rache für das begangene Verbrechen 
kehrte mit seinem mythischen Repräsentanten wieder. Gerade aus 
dem verleugneten Ichteil taucht hier der rächende Vater auf, jener 
Vatergott, der als Beschützer und Entsender Jesu in den Evangelien 
erscheint. Die Vergeltungsfurcht verbindet die Judasgestalt mit der 
des Heilands. Hat Jesus den Vater verraten, so mag ihn Schuld- 
bewußtsein vor seinem Jünger warnen, in dem der Vater wieder- 
aufersteht. Eine geheime Mahnung mag ihm sagen, ihm werde 
geschehen, was er Jahweh tat. , . 

Wir sehen hier das Resultat eines psychischen Abwehrvorganges, 
der uns als Projektion bekannt ist. Freud 1 hat gezeigt, daß die 
Dämonen auf Grund solcher Projektionsmechanismen im mensch- 
lichen Seelenleben geschaffen sind. Nach dem Verluste eines ge- 
liebten Verwandten wird die Reaktion auf die als Befriedigung 
über den Tod verspürte latente Feindseligkeit des Primitiven pein- 
lich empfunden und abgewehrt. Die Abwehrform der Projektion 
verschiebt die eigene verdrängte Feindseligkeit nun auf den 
Toten: nicht der Überlebende hat feindselige Regungen gegen den 
geliebten und verehrten Verwandten gehegt, sondern der Verstorbene 
ist gegen den Überlebenden feindlich und gönnt ihm das Weiter- 
leben und die Genüsse dieser schönen Erde nicht. Diese Einstellung 
wird sich gerade nach dem Tode des Vaters als des geliebtesten 
und gehaßtesten Mannes meistens bemerkbar machen. 2 Die Reue 

1) Freud, Totem und Tabu. 2. Aufl. S. 82. 

2) Ein zwangsneurotischer Patient litt nach dem Tode seines Vaters 
an der Angst, der Tote werde ihn „mitnehmen" und zeigte so die Angst 
davor, der Tote werde sich für die feindseligen Wünsche des Sohnes dadurch 
rächen, daß er seinen Tod erwirkt. — Eine auf prähistorische Zeit zurück- 
gehende Untersuchung der Bestattungsart würde zeigen, welchen Beitrag die 



Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems 115 

und das Schuldbewußtsein des Sohnes wird den zum Dämon ge- 
wordenen Vater furchten, von dem er Strafe erwarten wird und 
der sich für die Todeswünsche des Sohnes nun durch den Tod 
selbst rächen wird. 1 

Die Judasfrage selbst ist einer solchen nachträglichen Projek- 
tion der unbewußten Feindseligkeit Jesu <gegen Jahweh gleichzu- 
setzen. Diese starken Gefühle der Feindschaft und des Hasses 
werden als unerwünschte, von denen man nichts wissen will, in 
die Außenwelt projiziert. Die Einsicht in die Projektion als Weg 
der psychischen Entlastung erklärt uns nicht nur den Charakter des 
Judas als eines dämonischen Verräters, sondern vertieft und ergänzt 
auch unsere Deutung des Judas als eines Repräsentanten des durch 
Jesus gemordeten Jahweh. Die Feindseligkeit gegen Gott, auf die 
Judasfigur projiziert, kehrt nun in ihr wieder wie eine Kugel, die 
den Feind treffen soll und rückschlagend den Schützen tötet. So 
taucht die Gestalt Judas-Jahwehs vor Christus auf wie Banquos 
Geist vor Macbeth. 

Sind wir regressiv allmählich zu einer Reduktion der beiden 
Gestalten Jesus und Judas auf eine einzige gelangt, bleiben wir 
uns doch bewußt, daß es sich um zwei Ichteile handelt, die 
einander feindselig gegenüberstehen. Wie sollen wir das nun psycho- 
logisch begreifen? Wir kennen — wie bereits erwähnt — ähnliche 
psychische Situationen aus der Analyse der Zwangsneurose und der 
Melancholie. Wir haben gesagt, daß es in diesen Erkrankungen 

Angst, der Tote werde zurückkehren und seine feindselige Gesinnung gegen 
die Überlebenden beweisen, für die Einrichtung der Beerdigung geleistet 
hat (Höckergrab, Zusammenbinden der Glieder etc.). Noch der Grabstein, 
den Pietät über den Überresten eines verehrten Verstorbenen setzt, wird 
zum Teil auf solche abergläubische Angst zurückzuführen sein; der Primitive 
wälzte den Stein vor die Grabstätte, damit er des Toten Wiederkehr verwehre. 
1) Über Dämonen und ihre Bedeutung für die Psychogenese der 
Religion siehe den folgenden Abschnitt. 



I 



n6 Die psychoanalytische Deutung des J udasproblems 

häufig vorkommt, daß eine Spaltung zwischen Ichideal und Ichrest 
sich im Wüten des einen Ichteiles gegen den anderen kundgibt. 
Das Objekt der ursprünglichen Feindseligkeit darf bei diesem Vor- 
gang keineswegs übersehen werden. Freud hat gezeigt, daß bei 
einer Enttäuschung am Objekt, einer Versagung die Liebesbesetzung 
des Melancholikers nicht aufgegeben wird, wohl aber das Objekt 
selbst, d. h. es wird in das Ich aufgenommen, in das Ich introjiziert. 1 
Nun wendet sich das Ich gegen das andere Ichstück, beschimpft 
und verhöhnt es und macht es leiden; es kommt also zu einer 
Selbstquälerei, wobei ursprünglich die einem bestimmten Objekt 
geltende Feindseligkeit eine Wendung gegen die eigene Person 
erfahren hat. Die Kranken nehmen dann auf dem Umweg der 
Selbstsbestrafung Rache an dem ursprünglichen Objekt, das sie 
enttäuscht hat und das sie in ihr Ich aufgenommen haben. Als 
Pendant dieses psychischen Vorganges läßt sich dann jene Art der 
Identifizierung ansehen, bei der wieder das Objekt besetzt wird, 
die Selbstbestrafung an ihm vollzogen und mitgenossen wird. Beide 
Arten der Identifizierung aber sind nur möglich, weil sie auf ■ 
narzißtischer Grundlage erfolgen. Es steht mir kein Beispiel aus 
der Symptomatologie der Melancholie zur Verfügung, wohl aber 
eines aus der Zwangsneurose, bei der häufig ähnliche Mechanismen 
wirksam werden: der Patient, von dem ich früher berichtete, war 
einmal ein ungewöhnlich schlimmes Kind gewesen, das keine 
Autorität und keinen Verzicht anerkannte, keinen Aufschub von 
Lustgewinn vertrug und sich ebenso frech wie angriffslustig gegen 
Eltern und Geschwister benahm. Der Vater mußte sich schließlich 
nach vielen vergeblichen Erziehungsversuchen dazu entschließen, 
den Knaben in einem Konvikt unterzubringen und diese Maßregel 
bedeutete den Beginn einer merkwürdigen seelischen Veränderung: 

i) Freud, „Trauer und Melancholie" in Sammlung kleiner Schriften 
zur Neurosenlehre. IV. Teil. 



Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems 117 

die „Schlimmheit" der früheren Form wich nun einem selbst- 
quälerischen Masochismus, der jeden Genuß verbot und in trotzigem 
Gehorsam das ganze Leben unmöglich machte. Jetzt zeigt der 
Patient zwei miteinander abwechselnde Verhaltungsarten, in denen 
eine zweifache Identifizierung nachweisbar ist. In der einen Phase 
jagt er allen Genüssen nach, wirft Geld hinaus und stellt alle 
möglichen Torheiten und Tollheiten an, die des Vaters Unmut 
hervorrufen müssen, den er mitgenießt. Er nimmt so Rache an 
dem Liebesobjekt, das ihn enttäuscht hat (und das er narzißtisch 
gewählt hatte), indem er sich trotzig und schadenfroh dessen Wut 
und Ärger vorstellt. In dieser Phase ist er aktiv und maskulin; 
er ist dann selbst der Vater, an dessen Stelle er sich gesetzt hat, 
und will erfolgreich, genußfreudig, und skrupellos wie der Vater 
sein. In der anderen, der für seine Neurose die wesentlichere 
Bedeutung zukommt, versagt er sich auch das geringste Vergnügen, 
jeden Lebensgenuß, und lebt asketisch; so stellt er sich vor das 
Theater, dessen Besuch er sich nicht erlaubt, mit ausgebreiteten 
Armen vor einer Laterne auf; er denkt dabei selbst an Christus 
am Kreuz. Auch dann ist er der Vater, diesmal aber hat er die 
einst geliebte und gehaßte Person in sich aufgenommen und quält 
sich demonstrativ, so wie er vom Vater gequält wurde, aber auch 
wie er den Vater quälen wollte, straft sich selbst also in der 
Person des Vaters. In dieser Situation benimmt er sich passiv- 
feminin. Diese zwei Formen der Identifizierung — mit dem genuß- 
freudigen, erfolgreichen Vater und mit dem strafenden, strengen 
Vater — sind genaue Gegenstücke und müssen streng unterschieden 
werden. 

Die Anwendung dieser aus der psychoanalytischen Arbeit 
gewonnenen Einsichten auf unser Problem ergibt sich aus dem 
Vergleich der Vorgänge der Ichspaltung und der Introjektion des 
Objekt in das Ich; was hier als zwei Phasen erscheint, kann dort 



l8 Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems 



durch die Verteilung auf zwei Gestalten, eben Jesus und Judas, 
erreicht werden. Der leidende Jesus würde dann jener Phase der 
Selbstquälerei entsprechen, wobei der eine Ichteil den anderen, 
durch das introjizierte Objekt veränderten, quält; gerade das Leiden 
Jesu gilt uns ja als Strafe und Sühne für seine verschwiegenen 
Verbrechen und ist dem Leiden, das er Jahweh zufügt, analog. 
Judas aber repräsentiert dann den Frevler, Gottesverräter und -Mörder, 
soweit das Ich sich nicht zu diesen Tendenzen bekennt. Dabei 
wird wieder klar, daß die Judasgestalt aus dem Bedürfnis der Ent- 
lastung von dem drückenden Schuldgefühl, das der Empörertat 
Christi entstammt, geschaffen wurde; auf sie wurde nun projiziert, 
wofür die Verantwortung zu schwer zu tragen war. Doch wir 
sprechen von Jesus und Judas, als wären sie wirkliche Personen 
und nicht mythische Bildungen. 1 Besinnen wir uns jetzt darauf, 
daß Jesus und Judas Personifikationen von Triebregungen, Wünschen 
und Impulsen des hellenisierten jüdischen Volkes sind. Die politische, 
soziale und religiöse Lage des Judentums zur Zeit der Entstehung 
der urchristlichen Reformversuche gibt hier Aufschluß: die Unter- 
werfung und unausgesetzte Aussaugung des Volkes durch die Römer, 
die politische Notlage und das soziale Elend der Bevölkerung so- 
wie das Eindringen fremder Kulte hatten tiefgehende Veränderungen 
im Seelenleben des jüdischen Volkes zur Folge. Auf der einen 
Seite wurden die Schicksalsschläge, die das Volk getroffen hatten, 
als himmlische Fügung und Strafe für seinen Übermut und religiösen 
Frevel aufgefaßt und die Frömmigkeit bis zum Extrem getrieben, 



1) Die Frage der historischen Existenz eines Predigers und Ketzers 
Jesus bleibt hier unberücksichtigt. Es scheint mir sicher zu sein, daß ein 
solcher gelebt hat und für seine religiösen Frevel mit dem Tode bestraft 
wurde; dieser vermutlich weit vor dem Christuszeitalter lebende Ketzer hat' 
wenig mit dem mythischen Gottessohn gemeinsam, wie er in den Evangelien 
erscheint. 



Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems 1 1 9 

das Gesetz raubte dem Volke jeden Lebensgenuß; seine unnach- 
sichtige, sich steigernde Strenge erdrückte jede freie Regung und 
seine Allgegenwart gestattete keinen freien Atemzug; auf der 
anderen Seite erwachte in dieser Notlage die verzweifelte Einsicht, 
daß Gott sein Volk verlassen hatte, und die Hoffnung auf den 
Messias, der Sohnestrotz erstand wieder und holte zum Putsch 
gegen den alten, ohnmächtig gewordenen Gott aus. Die Spaltung 
des Judentums in Pharisäer, Essener, Nazarener und andere Sekten, 
dieser ganze langdauernde Zersetzungsprozeß einer Religion, hatte 
neben den vielen, von den Forschern bereits oft erörterten Ur- 
sachen zur entscheidenden Voraussetzung, daß sich die libidinöse 
Bindung an Jahweh, der sein Volk so tief enttäuscht hatte, zu 
lösen begann. Die revolutionären Strebungen fanden nun in dem 
Rebellen Jesus ihre Befriedigung; der junge, gewaltige und streit- 
bare Sohnesgott trat an die Stelle des alten, mächtigen Vater- 
gottes, den er entthronte. Eine Ichspaltung des jüdischen Volkes 
trat ein: ein Teil erhob sich gegen den andern, der doch auch 
nichts war als Fortführung und Erneuerung des Alten. Dieser 
„treugebliebene" Teil des Judentums aber hatte starke Motive, 
gegen den neuen Glauben anzukämpfen; er gleicht dem Ichteil, 
welcher das strafende und zu bestrafende Objekt in sich auf- 
genommen hat: er sah im Christentum sein anderes Ich, das 
seine Schicksalsmöglichkeiten und unterbliebenen Entscheidungen 
übernommen hat. Der Kampf zwischen Judentum und Christen- 
tum in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung läßt sich 
nur auf Grund dieses Vorganges der Ichspaltung verstehen; er 
erhält so den Charakter des Zweifels des Nestroy sehen Holofernes 
in der Parodie des Hebbelschen Dramas „wer stärker ist, i oder i . 
Die Religionsgeschichte lehrt, daß die Gläubigen der neuen Religion 
sich ursprünglich keineswegs in Gegensatz zu den Juden stellten, 
sondern sich vielmehr immer als gesetzestreue Anhänger des jüdischen 



: 



120 



Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems 



Glaubens fühlten. Die alte Messiasidee wurde als harmlos toleriert 
solange sie als Phantasie lebte und ihre Erfüllung unmöglich schien' 
so wie ein später verpönter Wunsch vom Ich als Phantasie oft ge- 
duldet wird, solange die Möglichkeit seiner Befriedigung noch 
ferne scheint. Sobald aber die Messiashoffnung und damit die 
Revolution gegen Jahweh sich der Erfüllung näherte und Realität 
zu werden drohte, wendete sich das jüdische Volk scharf gegen 
sie, die mit der Treue gegen das alte Objekt unvereinbar war 
Die Auflösung der Bindung an Jahweh ging auf dem Wege der 
Introjektion Jahwehs und der Selbstbestrafung vor sich: Christus 
erlebte am eigenen Körper, was er Jahweh tat, was alle Jahweh 
tun wollten und erlöste die Brüder, zuerst also sein Volk, durch 
Übernahme der ganzen Schuld. Der Widerstand geg'en die 
neue Lehre ist eben dadurch erklärlich, daß der eine Teil des 
Jüdischen Volkes sich gegen den anderen wendete, mit dem er 
sich auf Grund derselben feindseligen Impulse gegen Jahweh 
identifizierte und in dem er sein eigenes verleugnetes Ich mit 
allen seinen abgewehrten Strebungen erkannte und zu verdrängen 
suchte. b 

Das Schuldbewußtsein des Volkes und der Völker, welche 
das Christentum angenommen hatten, empfand erst nachträglich 
und mit steigender Schwere den Frevel, der in der Revolution 
Christi enthalten war, und erschuf einen andern Christus, den es 
Judas nannte und der nun alle Sünden übernahm, während der 
kühne Reformator zum Heiland geworden war. Die zur Entlastung 
der unbewußten Reue und des Schuldbewußtseins geschaffene Gestalt 
war nun immer mit dem Fluche belegt, der Christus drohte. Wir er- 
kennen so, daß die Hypothese, derzufolge Judas eine Personifikation 
des judischen Volkes darstellt, in demselben Maße eine relative Be- 
rechtigung besitzt, als man Jesus als eine solche Personifikation ' 
gelten lassen will. 



Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems 121 

Fragen wir uns, wodurch ein solches nachträgliches Verständnis 
gefördert wurde, so liegt die Antwort nicht ferne: es konnte erst 
in dem Maße wachsen, als sich die latente Feindseligkeit, die ur- 
sprünglich Jahweh galt und die in der Christuserhebung ihren 
Ausdruck gefunden hatten, dem nun zum Gotte gewordenen Christus 
selbst zuwandte. Wir dürfen diesen Vorgang etwa dem nachträg- 
lichen Verständnis vergleichen, welches durch das Wiedererwachen 
alter Tendenzen und Wünsche nach der Latenzzeit für die Er- 
lebnisse und Gefühle der frühen Kinderjahre erweckt wird. Es ist 
selbstverständlich, daß es sich in beiden Fällen um ein unbewußtes 
Verstehen handelt. Stellt so Jesus eine Person gewordene Projektion 
der gegen Jahweh gerichteten revolutionären Impulse dar, so be- 
deutet die Judasgestalt die Projizierung derselben, jetzt auf Jesus 
verschobenen abgewehrten Regungen. Wie der Primitive in der 
Schöpfung der Dämonen, leugnet der Gläubige in der Schaffung 
dieser beiden Gestalten jede Schuld und jede Feindseligkeit gegen 
Gott und tut dies in derselben Handlung, in der er sie walten 
läßt. Das Judentum projiziert seine aufrührerischen Wünsche gegen 
Jahweh' auf Christus, das christliche Altertum und Mittelalter be- 
kennt sich zu Christus und projiziert seinen Haß gegen Jesus auf 
den bösen Judas. In beiden Projektionsschöpfungen aber wird der 
Anteil der unbewußten Reue und des Schuldbewußtseins ersichtlich. 
Beide setzen also eine ambivalente Einstellung gegen das als Gott ver- 
ehrte Wesen als ursprünglich voraus; gerade die Projektion beweist 
den Gefühlskonflikt. Als Ausdruck der Ambivalenz muß uns 
gelten, daß im Judentum alle feindseligen und rachsüchtigen 
Regungen Christus zuflössen, während Jahweh der geliebte und 
verehrte Gott war und daß im Christentum Christus diese Rolle 
einnahm, während Judas nun zum Repräsentanten der heiland- 
feindlichen Gefühle wurde. Wir wissen, daß die Ambivalenz gegen 
eine Person in der Art ausgedrückt werden kann, daß das geliebte 






122 Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems 



und gehaßte Objekt selbst gleichsam in zwei Persönlichkeiten 
gespalten erscheint, deren einer die zärtlichen, deren anderer die 
feindlichen Gefühle zufließen. * Wir haben gesagt, daß die Ent- 
stehung des Christentums die allgemeine Auflösung der Bindung 
an Jahweh, den alten Gott, zur Voraussetzung und eine Ichspaltung 
des jüdischen Volkes zur Folge hatte. Dem partiellen Durchbruch der 
aggressiven und rebellischen Tendenzen gegen den Vatergott stand die 
Verdrängung ebenderselben Regungen gegen den „Gott der Väter" 
gegenüber. Stellt Jesus den Triumph dieser Revolution dar, so 
Ischkarioth ihre Verneinung und Verurteilung. Sahen die Juden 
im Christentum den von ihnen gewünschten Verrat und Abfall 
Jahweh gegenüber zur Gestalt geworden und verwarfen sie im 
Christentum einen Ichanteil, den sie nicht anerkennen wollten, 
so empfanden die Christen im Judentum den Wunsch, der in' 
Christus Erfüllung gewonnen hatte, und verurteilten sich in 
der Projektion auf das gottesmörderische Volk. Die Juden über- 
nahmen die Schuld an der von ihnen unbewußt gewünschten Tat 
an Gott und trugen die Strafe für das Verbrechen, zu dem es sie ■ 
drängte, die Christen aber verwerfen nachträglich das Attentat 
gegen Jahweh, das sie nicht wahr haben mochten, indem sie — 
in der Verschiebung auf den zum Gott gewordenen Christus — 
die Juden des Gottesmordes beschuldigten. Berücksichtigen wir 
auch das früher Gesagte, das den historischen Gesichtspunkt als 
gleichberechtigt neben den analytischen stellt, so ergibt sich folgende 
paradox erscheinende psychische Situation: das Judentum wirft 
den Christen vor, gegen Jahweh gefrevelt zu haben — eine Tendenz, 
die es selbst hegt; das Christentum will es den Juden nicht ver- 
zeihen, daß sie an Christus gefrevelt haben — Wünsche, die es 
selbst fühlt. Das Paradoxe löst sich als Sch ein auf, wenn wir uns 

l) Wir verweisen auf die ähnlichen Spaltungen in der Dicktun*, 
z. B. Paust und Mephisto. 



r 



Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems 123 

daran erinnern, daß es sich um eine Masse handelt, die sich erst 
spät teilte, und daß Jahweh und Jesus Wiederholungen einer einzigen 
göttlichen Gestalt sind. 

Nur in der Identifizierung mit dem leidenden "Christus, 
vielmehr mit den Tendenzen, die ihn zum Aufrührer gegen die 
jahwistische Autorität machten, wurde das Judentum zum leidenden, 
verachteten und ewig gequälten Volke, der verleugnete Anteil äußerte 
sich so, daß das unbewußte Schuldbewußtsein wegen der gewünschten 
Tat ihre Sühnung übernahm. 1 Das Christentum sah aber nicht nur 
im Judentum sein Komplement, sondern auch den Vertreter des 
trotz aller Ermordung lebendig gebliebenen Gottes. Wie wichtig 
die Vorgänge der Ichspältung und der Introjektion des gehaßten 
Objekts ins Ich für die Entstehung ' und Entwicklung des Anti- 
semitismus wurde, ergibt sich aus dieser Geschichte der Ichspaltung 
eines Volkes: als das Judentum seinen Sohnesputsch beendet hatte, 
wurde der leidende Christus, das Bild der gequälten Nation, zum 
Idol der Christen, die Juden aber zum Urbild rachsüchtiger 
Gottesmörder. Alle späteren Judenverfolgungen und Pogrome haben 
neben allen anderen, hier nicht berücksichtigten Faktoren ihre 
seelische Motivierung zu einem großen Teil in den Gefühls- 
strömungen, die hier ihren Ausgangspunkt haben: sie sind Selbst- 
bestrafungen der Christen am anderen Objekt, Bestrafungen für 
jene frevelhafte Tat, sie sind Ersatzhandlungen für masochistische 
Befriedigung durch Mitgenießen der Anderen zugefügten Leiden, 
die eigentlich sie selbst fühlen sollten. Es liegt eine bestimmte 
Art Identifizierung mit dem Opfer vor: das Objekt wird wieder 
besetzt, die Selbstbestrafung an ihm vollzogen und mitgenossen. 
Auf der Seite der Opfer dieser Verfolgungen ist eine andere Form 
der Identifizierung wirksam: ihnen müssen Verfolgungen unbewußt 

1) Noch Heine erscheint Christus als leidender Hebräer, als die 
Repräsentanz des gequälten Volkes. 



124 Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems 

als Racheakte gegen dieses Objekt gelten, das sich gegen das Ich ge- 
kehrt hat, also Schädigungen des Ichs, das durch Objektintrojizierung 
verändert wurde. Es mag befremdend erscheinen, daß die Juden- 
verfolgungen hier — grob gesprochen — als unbewußte Selbst- 
bestrafungen der Christen und als Racheakte der Juden erscheinen, 
allein die von uns dargelegten Vorgänge der Objektintrojektion, 
wobei sich ein Ichanteil gegen den anderen kehrt, liefern die Er- 
klärung. Judenhaß wäre demnach, kraß gesagt, Selbsthaß, am 
anderen Objekt ausgelebt, so wie Judenleid Haß gegen den anderen, 
der die Wendung gegen die eigene Person genommen hat, bedeutet.' 
Man könnte in Verallgemeinerung dieses Vorganges die Behauptung 
wagen, Masochismus sei gegen das eigene Ich gewendeter Sadismus, so 
wie Sadismus auf den anderen verschobene masochistische Tendenzen 
befriedigt. Es ist selbstverständlich, daß neben diesen Mechanismen 
andere wirksam sind: die Judenverfolgungen sind auch Wieder- 
holungen jener revolutionären Tat gegen Jahweh und seine Be- 
kenner, die beide trotz aller Mordversuche weiter gelebt haben, 
und bringen alle Lust der Wiederholung der Verbotsübertretung 
wieder; auf der anderen Seite aber werden alle Leiden von den 
Juden als Selbstbestrafung empfunden, da ihre masochistische Be- 
friedigung aus der Bestrafung derselben ewigen Wünsche und 
Tendenzen quillt, die einst verdrängt wurden. 1 

l) Es ist kein Zweifel, daß das Zeremoniell der Tötimg Christi das 
alte der jährlichen Opferung eines die Gottheit darstellenden Menschen ist 
(Frazer, The Golden Bough). Die obige Darstellung ist demnach dahin zu 
berichtigen, daß die Verdrängung der Regungen erst einem Stadium ihrer 
Befriedigung folgte. Die Tötung Jesu ersetzt die Tötung Jahwehs und be- 
deutet so eine Durchsetzung der gottesfeindlichen Tendenzen. Die Verdrängung 
und Überkompensierung der aufrührerischen Impulse gegen Jahweh und 
seine Bekenner hat auch Jesus erkannt, wenn er ausruft: „Wehe euch/ihr 
Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr pflegt die Gräber'der 
Propheten und schmückt die Grabmäler der Gerechten und 
sagt: wenn wir in den Tagen unserer Väter gelebt hätten, wir 



r~ 



Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems 125 

Die obigen Ausführungen werden es verständlich machen, 
daß Zeiten erbittertsten Judenhasses und grausamster Pogrome 
solche der latenten Auflehnung gegen Christus und das Christen-, 
tum sind, in denen eben diese eigenen Tendenzen an den Juden 
bestraft werden. Wir gelangen so zur Psychoanalyse des Sündenbock- 
zeremoniells, dessen Lösung darin zu suchen ist, daß die Identi- 
fizierung mit einem Objekt ein Zurückgreifen auf ein Stadium 
der Ichentwicklung darstellt, in dem das Ich und die Außenwelt 
noch nicht scharf getrennt waren, so daß die Identifizierung eine 
ursprüngliche, erst spät verleugnete Identität voraussetzt. Halten wir 
an dieser Annahme einer Identifizierung auf narzißtischen Grund- 
lagen fest, so wird es uns leicht, im Sündenbock über alle Differenz 
von Tier, Pflanze und Mensch hinweg ein Stück Ich, das ver- 
leugnet werden soll, zu erkennen. 

Noch von einer anderen Seite her erschließen sich uns aus 
dem komplementären Charakter von Judentum und Christentum 
Aspekte auf die religiöse Entwicklung: das Christentum war ge- 
schaffen, um das Ich vor der drohenden Vernichtung zu schützen; 
war es doch Judentum unter leicht veränderter Form — die Ent- 
stehung des Christentums ist in diesem Sinne wirklich zum konser- 
vierenden Element der jüdischen Religion geworden — und ver- 
änderte später seinen Charakter in den des Feindes und Todes- 
boten. Von der anderen Seite her gesehen aber kehrte sich das 
Christentum, das ja nichts anderes war als die Fortsetzung eines 

hätten uns nicht an der Ermordung der Propheten beteiligt. So 
bezeugt ihr es ja selbst, daß ihr die Söhne der Propheten- 
mörder seid! So macht denn (indem ihr mich tötet) das Maß eurer 
Väter voll! Ihr Schlangen, ihr Otternbrut, wie wollt ihr dem Gericht der 
Hölle entgehen? Nun wohl, ich sende zu euch Propheten und "Weise und 
Schriftgelehrte; die werdet ihr teils töten und kreuzigen, teils sie schlagen 
in euren Synagogen und verfolgen von Stadt zu Stadt." (Matth. 25.) 

1) Zum Sündenbockritual vergleiche man Frazer, The scapgoat. 



I 



xa6 Die psychoanalytische Deutung des Ju dasproblems 

bisher verleugneten Stückes Judentum und seiner unterdrückten 
Tendenzen, feindselig und in Vergeltungsfurcht gegen seinen Ur- 
sprung, den es fürchten mußte wie Jesus den beleidigten Vater- 
gott. Auch hier also ein Kampf des einen Ichteils gegen einen 
anderen, woraus seine Hartnäckigkeit stammt. Es greift über jene 
Differenzen auf eine ursprüngliche Identität zurück, wenn manch- 
mal die Ansicht laut wird, das Judentum habe sich in der Form 
des Christentums die Kulturwelt erobert. x 

Zu Jesus und Judas zurückkehrend, verstehen wir nun auch, 
wie es kam, daß das Licht in die Finsternis fiel, die Dunkelheit 
es aber nicht verstanden hat. Das Licht ist selbst ein Kind der 
Finsternis, von ihr entsandt und ursprünglich kaum weniger dunkel. 
Wir verstehen es nun auch, wieso Judas, das verleugnete andere 
Ich Christi, gerade in solchen Zeiten mit Schmähungen überhäuft 
wurde, da der geheime Protest gegen die Kirche und das Christen- 
tum stärker wurde. Freud hat einmal in Bezug auf die Ver- 
drängungswirkungen dargelegt, daß die Ideale der Menschen aus 
denselben Wahrnehmungen und Erlebnissen wie die von ihnen 
am meisten verabscheuten Objekte stammen und sich nur durch 
geringe Modifikationen voneinander unterscheiden. Auch hier wurde 
die ursprüngliche Triebrepräsentanz in zwei Stücke zerlegt, wovon 
das eine, in Judas personifiziert, in Acht und Bann getan wurde, , 
während das andere in der Person Jesu das Schicksal der Idealisierung 
erfuhr. 

An dieser Stelle müssen wir noch auf die Abendmahlszene 
zurückkommen. Sie wird nur ver ständlich, wenn man erkannt 

i) Ähnliche Anschauungen haben u. B. Heine und Nietzsche die 
Judentum und Christentum als .ein Ganzes nehmen (Nazarener, Sklaven- 
moral), geäußert. Es versteht sich von selbst, daß dergleichen Urteile nur 
innerhalb einer relativ kurzen Zeit, wenn man die Weltgeschichte als ganzes ' 
nimmt, eine Art Berechtigung besitzen, denn auch die Griechen, die Römer 
die Germanen und andere Völker haben sich die Kulturwelt erobert 







Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems 127 

hat, daß das Abendmahl die Wiederholung der primitiven Totem- 
mahlzeit darstellt, durch welches sich die Gläubigen mit ihrem 
Totem identifizieren und die alte Untat des Fressens des Urvaters 
wiederholen (Freud, Totem und Tabu). Mit der Ablösung der 
Vaterreligion durch die Sohnesreligion wird die alte Totemmahl- 
zeit in Form der Kommunion erneuert. Die Brüderschar, die 
Apostel in den Evangelien, genießt nun vom Fleisch und Blut 
des Sohnes, der den Vater ersetzt hat und identifiziert sich durch 
das gemeinsame Mahl mit ihm. Wenn die Jünger fragen: „Wo 
willst du, daß wir dir das Passahlamm bereiten?" stellt sich die 
Frage als heuchlerischer Ausdruck der alten Tendenzen dar — 
es wäre etwa so, wie wenn Kannibalen einen gefangenen Missionär 
fragen wollten, wo er verspeist werden will. Jesus selbst ist das 
Lamm und seine Anwesenheit beim Abendmahl bedeutet die durch 
den Sieg der zärtlichen Gefühlsregungen herbeigeführte Demen- 
tierung des wirklichen Sachverhaltes. Jesus gibt den Jüngern das 
Brot und spricht: „Nehmt, eßt, das ist mein Leib!" und reicht 
ihnen den Becher mit der Erklärung, der Wein darin sei sein 
Bundesblut. Es kann sich nur um eine durch das Schuldbewußt- 
sein bewirkte Verschiebung und Isolierung handeln, wenn Jesus 
nun auch dem Judas den Bissen reicht und seinen Verrat voraus- 
sagt; Judas steht an Stelle aller Apostel, welche die zwölf Stämme 
der Juden vertreten. Jesus, der das Abendmahl einnimmt, hat nicht 
nur die Schuld an dieser dem Vatergott folgenden Zeremonie auf 
sich genommen, sondern ist auch zum Vatergott geworden. Halten 
wir nun an der Gegensatznatur Judas fest, so meint 'man, in 
dieser Szene des Bissenreichens eine Situation zu erkennen, in der 
der Vatergott (Jesus) dem Sohne (Judas) selbst den Auftrag gibt, 
ihn zu töten und zu fressen: die entschiedenste Verleugnung der 
feindseligen Impulse der Brüderschar. Es stimmt mit dieser Auf- 
fassung überein, wenn Christus den Verrat gerade in dieser Szene 



Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems 



voraussagt und Judas zuruft: „Was du tust, das tue bald", was 
sowohl als Ausdruck der Ungeduld der gegen Jahweh gerichteten 
feindseligen Impulse als auch des unbewußten Sühne- und Reue- 
bedürfnisses Jesu verstanden werden muß. 

Die folgende Kreuzigung stellt, wie Frazer in „The Golden 
Bough" gezeigt hat, die jährliche Opferung oder Selbstopferung 
eines Gottesrepräsentanten, die bei den semitischen Stämmen all- 
gemein gewesen zu sein scheint, dar. Sie entspricht der späteren 
Umwandlung der periodischen Tötung des Totemtieres bei den 
Primitiven, als das Tieropfer sich in das Menschenopfer verwandelte, 
nachdem der totemistische Tiergott wieder Menschengestalt erlangt 
hatte. 1 Da Jesu Tod die Sühne für den Vatermord war, wurde 
gerade in diesem Zeremoniell die Vatertötung wiederholt, in der 
Sühne das ursprüngliche Verbrechen erneuert, da der Sohnesgott 
an die Stelle des Vatergottes getreten war. Es wird im Sinne der 
vorausgehenden Erörterungen über die Wirkungen der Projektion 
erklärlich, welche Bedeutung diese analytische Erklärung für das 
Verständnis der Entstehung und Entwicklung des antisemitischen 
Ritualmordmärchens, dessen ursprüngliche Gestalt die Tötung und 
Blutentnahme eines Christenknaben für das Passahfest den Juden 
zum Vorwurf macht, gewinnen muß. Es ist einfach die Ver- 
schiebung und Verallgemeinerung des Vorwurfes, daß die Juden 
Christus getötet und gefressen haben, wobei Christus an der Stelle 
des Vatergottes steht. Es läßt sich leicht ersehen, daß der Vor- 
wurf der Entlastung des unbewußten Schuldbewußtseins auf dem 
Wege der Projektion entstammt. Bedenkt man, daß Jesus hier an 



i) Freud, Totem und Tabu. 2. Aufl., S. 203: „Das ursprüngliche 
Tieropfer war bereits ein Ersatz für ein Menschenopfer, für die feierliche 
Tötung des Vaters und als der Vaterersatz seine menschliche Gestalt wieder 
erhielt, konnte sich das Tieropfer auch wieder in das Menschenopfer 
verwandeln." 



Die -psychoanalytische Deutung des Judasproblems 129 

die Stelle des Vatergottes getreten ist, so wird der Zusammenhang 
greifbar: in diesem Märchen bekennt sich die christlich gewordene 
Menschheit am unverhülltesten zu den alten Tendenzen des Gottes- 
mordes. 1 Man darf sagen, daß der Vorgang etwa dem Streit zwischen 
zwei Brüdern entspricht, die gemeinsam den Vater umgebracht 
haben und von denen nun der eine dem anderen die Schuld 
zuschieben will. 2 Die gleichen psychischen Unterlagen und Mecha- 
nismen sind in der mittelalterlichen Beschuldigung, daß die Juden 
die Hostie durchstechen, nachzuweisen. Die Ritualmordbeschuldigung 
wird demnach als die Projektion der durch endopsychische Wahr- 
nehmung erkannten eigenen feindseligen und Mordwünsche der 
Christen gegen den Heiland auf die Juden zu verstehen sein. Sie 
wird zum latenten Ausdruck der sich immer wieder erneut an- 
drängenden Impulse zur Wiederholung des ursprünglichen Gottes- 
mordes, in der Verschiebung auf den Sohnesgott, den alle, „ohne 
Unterschied der Konfession" begangen haben und dessen Reaktionen 
erst die Religion hervorgerufen haben. 3 

Die Deutung der Salbungsszene mit ihren Einzelheiten fällt 
uns nach der Erkenntnis des eigentlichen Charakters Judas selbst 
zu. Wir erkennen in der Salbung Jesu durch Maria oder eine sie 
ersetzende Frauengestalt die sexualsymbolische Szene des Geschlechts- 
verkehres, also der Vereinigung des jungen Liebesgottes mit der 

1) Daß die Ritualmordbeschuldigung zumeist von frommen christ- 
lichen Kreisen erhöhen wird, ist nur ein scheinbarer Widerspruch. 

2) Wir greifen hier auf jene Zeit zurück, da Juden und Christen noch 
ungetrennt ein Ganzes bildeten. 

5) Es ist keineswegs noch erkannt, daß die Verehrung der Sohnes- 
gottheit im Judentum in Zeiten zurückgeht, da vom historischen Christen- 
tum noch keine Spur vorhanden war. Wir haben schon darauf hingewiesen, 
daß Jahweh selbst ein zum Vatergott avancierter revolutionärer Sohnesgott 
nach Art der kanaanitischen Baale war. Spuren des ursprünglichen Sohnes- 
gottes finden sich in der Erzählung der Opferung Isaaks durch Abraham, 

9 Reik 



15Q Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems 

Muttergöttin. Wir verstehen dann den Unwillen Judas, der den 
alten Vatergott repräsentiert, sowie die darauf folgende Auslieferung 
Bedenken wir aber die Doppelgestalt Jesu als Vater- und Sohnes- 
gott, so erscheint uns Judas auch als der neidische Sohn der den 
Anblick der Zärtlichkeit zwischen Vater und Mutter zum Motiv 
des Vatermordes nimmt. 

Doch wir kehren zu unserem Ausgangspunkt zurück: den 
Zäunten, welche ein Evangelium des Judas lasen. Waren die An- 
gehörigen dieser gnostischen Sekte Gegner des neuen Glaubens 
und erkannten sie im Judas den alten rächenden Gott wieder 
der den Revolutionär Christus zu Fall brachte, oder sahen sie in 
ihm wirklich nur eine andere Gestalt des Heilands, der den 
bösen Weltschöpfer stürzte? Trotz so vieler eingehender For- 
schungen über den Gnostizismus sind unsere Zenntnisse über 
das Wesen und die ursprünglichen Lehren der gnostischen Sekten 
überaus dürftig, wir wissen nur, daß der Gnostizismus ursprüng- 
lich m keinem Gegensatz zur jungen christlichen Religion stand 
die Valentianer, Naasener und andere Gnostiker betonten 
ihre Christlichkeit - und daß die Urgemeinden viele Gnostiker 
umschlossen. Erst als die Kirche die Gefahren der Gnosis erkannte 
die von den Gnostikern vertr etenen Anschauungen bedeuteten 

wobei angenommen wird, daß die Patriarchen ursprünglich Göttergestalten 
vertreten. Dabe: wird die Opferung des Erstgeborenen von der G SS 
geordert. Die ganze Erzählung wird erst verstanden, wenn man sie a 
ümkehrung deutet: Gott ist dann derjenige, der von Isaak fordert, daß 

Z f T, ( ? t0t6 ' ZUm ° Pfer bri "e e - Die totemistische Unt rlage 
wrd durch den Ersatzwidder, der geopfert wird, geliefert. In diesem Sinn 
st dxe Genesxserzahlung das Vorbild der Passionsgeschichte. Das Passah- 
lamm dessen Schlachtung Jahweh fordert, ist der totemistische Vorläufer 
Judl üb ^"^"r' ^ wahrscheinlich ein frühes Totemtier der 
Juden, über das Kalb als totemistische Vertretung des Sohnesgottes vgl. . 
meme „Probleme der Religionspsychologie", I. Teil, worin auch Moses als Ver- 
treter emer Sohnesgottheit in der frühisraelitischen Religion dargestellt wird 



I 



Die -psychoanalytische Deutung des Judasproblems 151 

die schwerste Erschütterung, welche der junge Glaube zu bestehen 
hatte — kehrte sie sich gegen die „Ketzer", nicht ohne einen 
großen und wesentlichen Teil der gnostischen Lehren in die ihren 
mehr oder minder verändert aufzunehmen. Die Bedeutung des 
Gnostizismus für die Entstehung und Entwicklung des Christen- 
tums ist noch viel zu wenig gewürdigt. 1 

Wir wissen nicht, was das Judasevangelium enthielt; es ist 
verlorengegangen. Doch ich meine, es seien umgearbeitete und 
tendenziös umgedeutete Bruchstücke dieses verruchten Dokumentes 
gerade dort zu finden, wo wir sie am wenigsten erwarten würden: 
im Neuen Testament. Im neutestamentlichen Kanon ist der Brief 
des Judas enthalten, der Angriffe gegen gnostische Irrlehrer ent- 
hält, welche der jungen Religion gefährlich wurden, zumal sie 
unter und mit deren Gläubigen leben. Ihre unnatürliche Unzucht 
wird verworfen und ihre trügerische Lehre verdammt. Ist es Zu- 
fall, daß dieser kurze Brief Judas als Verfasser nennt, Zufall, daß 
gesagt wird, diese gnostischen Ketzer „gehen auf Kains Wegen" 
und „werden durch die Empörung des Korah ihr Verderben finden"? 

1) Die Bedeutung der Gnosis für das Christentum ergibt sich sowohl 
negativ aus der intensiven Bekämpfung der gnostischen Ideen (Offenb., 
1. Kor. 6, Phil. 3, 8, 2. Petr. 2. etc.), als auch positiv aus dem tiefgehenden 
Einfluß, den gnostische Gedankengänge und Vorstellungen auf die Verfasser 
des Evangeliums der Offenbarung Johannis und der apokryphen neutest. 
Schriften ausgeübt haben. Die Religionsforscher sind ihrer Mehrzahl nach 
darüber einig, daß die im Judasbrief bekämpften Irrlehrer Gnostiker waren; 
man hat als solche die Karpokratianer, Archontiker (Harnack), Valen- 
tianer und andere genannt. Der Judasbrief selbst ist seiner Anschrift nach 
von Judas, einem Knechte Jesu, einem Bruder des Jakobus, geschrieben. 
Sollte es sich um den Bruder des Herrn, der Judas heißt (Matth. 13, 55, 
Marc. 6, 3), handeln, so ist es schwer erklärbar, warum dieser Ehrentitel 
nicht genannt wird. Der Brief selbst, der die Bekämpfung der Irrlehrer 
zum Inhalt hat, zeigt, daß die Ketzer noch an den christlichen Liebes- 
mahlen teilnehmen. Es wird ihnen vorgeworfen, daß sie in fleischlicher 
Unreinheit leben und in ihren Lüsten wandeln. Als ihre Anschauung wird 

9* 



152 Die psychoanalytische Deutung des Judas problems 

Indem ich auf die Diskussion dieser Hypothese, deren Bestätigung 
zu einer Neuorientierung der neutestamentlichen Kritik führen 
müßte, in die Anmerkung verweise, will ich nur noch erwähnen, 
daß überraschende Durchbrüche von Verbotenem gerade aus der 
Mitte der Abwehr ihre überraschenden Analogien in den Neurosen 
finden und die Psychoanalyse die Mechanismen solcher Vorgänge 
als die der „Wiederkehr des Verdrängten aus dem Verdrängenden" 
bezeichnet. Mag diese Hypothese richtig oder falsch sein, unsere 
Deutung der Judasgestalt als eines späteren Gegenstückes des 
Heilands, aus der allmählichen Verschärfung des Ichidealanspruches 
und dem gesteigerten unbewußten Schuldbewußtsein entstanden, 
rechtfertigt es, wenn wir zu behaupten wagen: das Evangelium 
des Judas ist das Evangelium Jesu Christi. 

bekämpft, daß der Besitz der göttlichen Gnade volle Erlaubnis zur Unsitt- 
licbkeit gebe. Ihre Lehre führt, wird ferner gesagt, dazu, daß sie Christus 
und die Engel lästern. Als Entstehungszeit des Briefes wird der Anfang 
oder die Mitte des 2 . Jahrhunderts angenommen; seine Echtheit wird von 
Luther, Grotius, Semler, der ganzen Bäurischen Schule, Schenkel 
Mangold, Holtzmann u. a. bestritten. Interessant ist seine Aufnahme 
seitens der ersten Kirchenväter: Tertullian und Clemens von Alexandrien 
erkennen ihn an, Origenes zweifelt wie Didymus an seiner Echtheit. 
Die Peschitha hat ihn in ihrer ursprünglichen Gestalt nicht aufgenommen, 
Eusebius rechnet ihn zu den Antilegomena; noch Hieronymus sagt, daß 
er wegen der apokryphen Zitate von den meisten verworfen wird Diese 
schwankende Haltung gegenüber dem Brief spricht wie alle andern Gründe 
dafür, daß ursprünglich gnostische Dokumente in ihm verwoben und gerade 
zur Polemik gegen die Gnostiker verwertet wurden. Es ist ein allgemeiner 
Vorgang in der Religionsübung, daß als verboten Empfundenes in verhüllter 
Form als von der Gottheit sanktioniert mitten unter den Dogmen erscheint. 
— Es ist möglich, daß das alte Judas evangelium der Kainiten in polemischer 
Umwertung und tendenziöser Umarbeitung einem anderen Judas als Autor zuge- 
schrieben wurde, der später mit dem Bruder des Herrn identifiziert wurde (Das 
Verschweigen dieser Verwandtschaft in der Adresse würde sich als Ausdruck 
der auf den ursprünglichen Autor und Inhalt bezogenen Hemmung darstellen) 



VII 
GOTT UND TEUFEL 

„Ich kann mich nicht hereden lassen, 
Macht mir den Teufel nur nicht klein; 
Ein Kerl, den alle hassen, 
Der muß was sein.' 1 

GOETHE. 

Ein Detail des in den Evangelien enthaltenen Judasmythus 
eröffnet uns den Ausgang in umfassendere Probleme: wenn das 
Johannesevangelium behauptet, Judas sei vom Teufel besessen 
worden, als er den Bissen aus Jesu Hand nahm, deutet es damit 
an, daß nun Judas wirklich der Teufel wurde. Aber die Gegner Jesu 
werfen diesem selbst vor, er sei vom Dämon besessen (Joh. 7, 20, 
8, 48, 10, 20, Marc. 3, 22, Matth. 9, 54. 12, 2 4> Luc. IX, 15 etc.); 
bei Markus heißt es sogar, Jesus sei von Beelzebub besessen (ö« 
BseM,eßoiiß s X ei Marc. 3, 25.). Nach urchristlicher Anschauung ist 
es überhaupt nicht leicht, den wahren Geist vom dämonischen 
zu unterscheiden (1 Joh. 4, 11 Did. 1, 7fr,) Es ist nur eine 
andere Ausdrucksweise dieser Anschauung, wenn Jesus die Aus- 
treibung der Dämonen für eine seiner wesentlichen Aufgaben hält. 
Nur wer einen Dämon in sich hat, kann nach primitiver An- 
sicht Dämonen austreiben. 1 Nur so können wir es verstehen, daß 

i) l n der indischen Religion wird ein Zauberer, der sich eines Dämons 
bedient, als „Behältnis des Dämons" bezeichnet. 



Jesus auf Besessene wie auf den Knaben am Verklärungsberg, der 
b« semem Nahen einen Krampfanfall bekommt, wirkt (Marc. 9 „). 
der Gadarener Besessene stürzt auf ihn zu und huldigt ihm ( 5 6 
esus t ä Huldigungen der Besessenen zurück (Marc, x a ! 

3, »■). Das Damonenaustreiben und Heilen ist nach Luc. x 3 22 
seme Haupt t ätigkeit ; ja sein ganzes Erlösungswerk erscheint als 

it: s r Satan n wir kö ™ uns dem scmuß ■** - 

-ehen daß Jesus m Dämon sein Gegenstück hat. Ist der Judas 
gereichte Bxssen das Signal für den Teufel, Jesus hat ihn gereich 
treibt Jesus Dämonen aus, so halten ihn andere für den Dämon 

Lt;- z T d vom Teufei versucK ihm - ***- 5ä 

khnt da Ansmnen mtt Hinweis auf die Anbetung Gottes ab. 

°L So« • if r f r r von ihm ' er soiie sich - b— . 

emer Gotthchkett der Tempelzinne herabstürzen; wir erkennen 

dann d>e gegensätzliche Widerspiegelung von Christi Himmels- 

in dies 7 MUgCS "^ FdleS iH ^ « T ° ledoth J-chu«, 

m ä ser Form als selbstbestrafende Tendenz. Das Begehren de 
Teufls entsprich, also einem Selbstmordimpuls als ReLion au ■ 
dxe ehrgeizigen, den himmlischen Vater stürzenden Regungen. Der 
Teufel wül Jesus ferner in Versuchung führen, Steine in Brot zu 
verwandeln. Bei näherer Betrachtung finden sogar liberale Theologen 

Tiefe) l^ef r/in Ä ^ "f ^ ^ <**"** 
auftauchteffph.^rT;! jSj J* * ^ "^ feinde 
Seele, die erst 40 sLden tach de m hS T f^ ^ W ° ^ 

der Zwischenzeit gewesen sei Zeit, f t ^ " ^ Himmel fuhr ' in 
des unbewußten Zweifel o sfce f d^" * E, ? wttnffl W ^ Wirhn *» 
«nr Hölle gefahren eüL Ä \ ! ^ Beantwortung, Christus sei 

verächtlichen ^7"^^" T***« ***"*«» und 
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Gott und Teufel 135 



z. B. Böcklen, 1 daß diese Stelle der Teufelsversuchung nicht in 
den Evangelien stehen sollte, die zweimal zum Ruhme ihres Helden 
von wunderbarer Brotvermehrung durch ihn selbst erzählen. Christus 
antwortet den Pharisäern, die ihm vorwerfen, er treibe Dämonen 
durch den Herrscher der Dämonen aus, in dunklen Worten, welche 
seine Verbundenheit und Gegensätzlichkeit den dämonischen Mächten 
gegenüber betonen (Matth. 12): „Jedes Reich, das in sich selbst 
gespalten ist, muß zugrunde gehen; keine Stadt und kein Haus, 
das in sich selbst gespalten ist, kann Bestand haben. Wenn der 
Satan sich selbst austreibt, so ist er in sich selbst gespalten ; wie 
soll dann sein Reich Bestand haben? Und wenn ich durch Beelze- - 
bub die Dämonen austreibe, durch wen treiben sie denn unsere 
Angehörigen aus?" Ist der Unterschied zwischen Christus und 
seinen Gegnern wirklich so tiefgehend, als es uns zuerst scheinen 
mag? Wir könnten sagen, er gleiche dem zwischen Moses und 
den ägyptischen Zauberern, welche dieselben Schlangenkunststücke 
ausführten, zwischen Elias und den Baalspropheten, welche dieselbe 
magische Regenzeremonie übten. 

An dieser Stelle aber treten wir aus dem engen Rahmen 
der Jesus- und Judasmythen und werden in fragmentarischer Form 
die allgemeineren, für die Religionswissenschaft bedeutsamen Fragen 
zu beantworten versuchen, die sich uns hier aufdrängen. Vor allem 
erscheint uns das Problem des Dualismus in, den Religionen wichtig; 
man darf behaupten, diese Frage ist trotz vieler scharfsinniger 
Untersuchungen im Wesentlichen ungeklärt. Bei den primitiven 
Völkern, welche auf der Kulturstufe des Steinzeitalters stehen, 
z. B. bei den australischen Stämmen, ist der Unterschied zwischen 
Göttern und Dämonen noch schwer faßbar, ebenso wenig gibt es 
eine scharfe Grenze zwischen Geistern und Dämonen. Jevons 

1) E. Böcklen, Zu der Versuchung- Jesu. Zeitschrift für neutestamen- 
tarische Wissenschaft 18. 1917 — 1918. S. 244fr. 



1$1 . Gott und Teufel 



TOSt ^^ Wn ' X daß » the difference between demons and spirfts 
as contrasted with gods appears to be one of degree rather than of 
kmd so that demons and spirits may be, and very often are elevated 
to the rank of god." Wir selbst gebrauchen die Ausdrücke Geister 
und Dänronen oft als gleichberechtigt, doch werden den Dämonen 
fast rmmer böse, menschenfeindliche Absicht zugeschrieben, während 
man oft von „guten Geistern« spricht. Der Begriff Dämon hat 
eine Bedeutungsentwicklung in malam partem durchgemacht. 

Das Avestawort daeva (Dämon) entspricht dem Sanskritausdruck 
deva, der Gott bedeutet. Aber auch in der Prühantike läßt sich 
nacWsen, daß Dämonen und Götter Abspaltungen eines früher ein- 
gehen mächtigen Wesens sind. Am besten läßt sich dies daraus 
ersehen daß die Relikte ursprünglicher Verehrung noch fortleben 
wenn diese Wesen längst zu gefürchteten Dämonen geworden sind' 
Ich w er de hier nicht das große Gebiet des Dämonenkultes betreten 
sondern nur als Illustration einige Beispiele dafür anführen, daß 
die Dämonen oder „bösen Götter" einst nicht minder geehrt und 
angebetet wurden, als die später zur Macht und zum Kult gelangten . 
guten Gottherten. Set, der ägyptische Dämon des Todes, der Fdnd 
des CW der griechische Typhon, war nicht immer eine teuflische 
Gottheit. Er wurde (als Gott des Krieges) in einer unbedeutenden 
westlichen Nüprovrnz offiziell verehrt und sein großer Tempel stand 
zu Tarn, Eme alte Abbildung von Karnak aus der 18. Dynastie 
zeigt, wie Set den König Thotmes III. Bogen schießen lehrt. Set I 
der zweite König der l9 . Dynastie, trägt sogar seinen Namen als' 
Zeichen der Verehrung. Er galt noch spät als eine gewaltige Gott- 
hext, erst die großen Veränderungen der ägyptischen Religion haben 
immer mehr zur Degradierung des einst mächtigen Mörders des 
0S1I1S ba «*™*»- Pl*tarch berichtet von seiner eigenen Zeit 



I) Introduct. to the History of Religion. London. lg 



H- P- i?5. 175- 



Gott und Teufel 137 



daß die Macht des Typhon (Set) in der Anschauung der Ägypter 
fast ganz geschwunden ist, nur gelegentlich an bestimmten Feier- 
tagen lassen sich die Gläubigen herbei, ihn zu beleidigen und zu 
beschimpfen. Die Dämonin Tiamat, die Personifikation des Chaos, 
galt nach der babylonischen Philosophie als Mutter der Götter und 
Quelle aller Dinge. Als Prototyp dualistischer Religion der Antike 
erscheint der iranische Glaube mit seinem Gegensatz von Ormuzd 
und Ahriman. Seit langem stand der Kult der Daevas oder Natur- 
götter gleichberechtigt neben dem der Anbeter Ahuras, als Zoroaster, 
einer der höchsten Priester Ahuras, die Daevas zu Dämonen 
degradierte und sie als repräsentativ für eine feindliche Macht, die er 
Angro mainyush oder Ahriman (böser Geist) nannte und die nun 
im Kampf mit Ahuramazda, dem guten Prinzip stand, hinstellte. Im 
alten Israel trugen viele Heroen den Namen des verabscheuten 
Baal und die wütenden Angriffe der Propheten gegen die Verehrung 
der Aschera und des Baal zeigen, daß die später zu „Nichtsen" 
herabgedrückten Götter früher in hohem Ansehen waren. In Nu. 22 
erscheint der Engel des Herrn noch als Satan (Entgegenstehender) 
Balaams. Das Böse geht im präexilischen Judentum von Jahweh aus 
(Am. 56), er schafft nach Is. 45 Licht und Finsternis, macht Frieden 
und Krieg. Noch Lucifer ist ein gefallener Gott. 

Die Einsicht in die historische Entwicklung der Religionen, 
wie sie uns die vergleichende Religionswissenschaft liefert, läßt 
uns, wenn wir die analytischen Resultate zu ihrer Ergänzung und 
Vertiefung heranziehen, folgende große Züge in der Entstehung 
der Götter- und Dämonengestalten annehmen: der Tod teurer An- 
gehöriger führte im Seelenleben der Überlebenden zur Projektions- 
schöpfung der bösen Geister; diese waren die Stellvertreter der 
Toten, welche feindselige Gefühle gegen die Angehörigen hegen; 
sie sind mächtiger als die Lebenden und werden in der späteren 
Entwicklung zu Urbildern der Götter. In Anlehnung an diese 



x 58 Gott und Teufel 



Vorbilder zeigen die ersten Götter vornehmlich böse und grausame 
Züge und das Bestreben ihrer Anbeter ging dahin, ihren Zorn zu 
beschwichtigen und sich durch blutige und andere Opfer vor ihrer 
Rachsucht zu schützen. Die Ableitung der Geister aus der Projektion 
der feindseligen Regungen, die aus der ambivalenten Einstellung 
der Trauernden nach dem Tod eines teuren Angehörigen besonders 
deutlich verspürt wird, läßt auch Freud annehmen, daß die bösen 
Geister die erstgeborenen unter den Geistern seien. 1 Die spätere 
Religion greift also nur auf die Schöpfung dieser Projektionsgebilde 
zurück, indem sie den primitiven Göttern deren wesentliche Züge 
zuschreibt. 

An welcher Stelle dieser Entwicklung sind nun die Dämonen 
einzureihen? Wir haben aus den Beispielen erkannt, daß Dämonen 
die degradierten Götter der vorangehenden Religion darstellen, die 
sich nun feindlich den herrschenden Gottheiten entgegenstellen. 
Es ist leicht zu vermuten, welche äußere Vorgänge im Leben der 
Clans diese Veränderung bewirken. Es kann sich vor allem nur 
um Ereignisse handeln, welche die bestehende Gemeinschaft um- 
formen: Eindrängen und Besiegung durch Fremdvölker, Unter- 
drückung oder Assimilierung der einheimischen Stämme werden 
dazu führen, den früheren Gott durch einen neuen zu ersetzen. 
Bestimmte Erscheinungen der seelischen Entwicklung, die uns als 
kulturelle Fortschritte erscheinen, werden aus diesen äußeren Er- 
eignissen abgeleitet werden, ihnen in späterer Zeit entscheidend 
zu Hilfe kommen und sie vielleicht endlich völlig ersetzen können. 
Die einheimische Bevölkerung wird ihre alten Götter sicher nicht 
in kurzer Zeit durch die neuen ersetzen: sie wird auch nur zögernd, 
widerstrebend und allmählich die Götter der Eroberer als eigene 
anerkennen. Das Zusammenwirken äußeren Druckes und der 



1) Preud, Totem und Tabu. S. 123. 



Gott und Teufel 139 



allmählichen Verschmelzung der Sieger und Besiegten aber wird es 
bewirken, daß die neuen Götter, soweit sie die alten nicht assimi- 
lieren können, wie dies der Synkretismus zeigt, zu herrschenden 
werden und die alten in veränderte Position drängen. Das Verschmelzen 
der Stammesreligionen sowie der Sieg der neuen Götter wird sich 
auf dreierlei Arten äußern: 

1. Durch Assimilierung der alten Gottheiten an die neuen 
in Form des Synkretismus. 

2. Dadurch, daß ein Teil der früheren Götter langsam zu 
Heroen, Hilfsgeistern (Engel), Mittlern oder Dienern der neuen her- 
abgedrückt werden. 

3. Durch Degradierung dieser alten Götter zu Dämonen oder 
bösen Göttern. 1 

Es scheint mir als überaus wahrscheinlich, daß diese Formen 
sich als historische Entwicklungsstadien in der Religionsgeschichte 
werden nachweisen lassen, so daß der ursprüngliche Synkretismus 
später durch Unterordnung der alten Götter abgelöst wurde, und 
diese in späterer Zeit zu Dämonen tiefer degradiert wurden. Schließ- 
lich wird auch die Existenz dieser Dämonen und Teufel geleugnet, 
nachdem man lange Zeit an sie geglaubt und vielleicht noch länger 
ihr Dasein in Frage gestellt hat. 2 

1) Mit der obigen Hypothese stimmt Jevons (Comparative Religion. 
Cambridge 1913, S. 92) überein, der sagt: ,;When a country is succesfully 
invaded by a new religion, the old gods are not immediately dismissed 
from being. Tbeir existence is still recognised by the new religion, but their 
position is altered. For those of them, who are rooted too deeply in the 
affections of the people, to be dethroned entirely, some position in the 
new religion is found by „accomodation", while the rest continues to be 
recognised as exist, but are treated as false gods, evil spirits and devils." 

2) Die obige Darstellung der Psychogenese des Teufels- und Dämonen- 
glaubens kann als Ergänzung der Deutung angesehen werden, die E. Jones 
in seinem wertvollen Buche „Der Alptraum in seiner Beziehung zu gewissen 
Formen des mittelalterlichen Aberglaubens" (Wien und Leipzig 1912) gegeben 



*4° Gott und Teufel 



Unser Interesse aber gilt der anderen Seite der Frage: welche 
seelischen Momente haben die Entwicklung ehemaliger Götter zu 
Dämonen bewirkt und auf welchen psychischen Wegen kam sie 
zustande? Wir haben Grund anzunehmen, daß der Clangott der 
Urzeit die Züge eines grausamen und brutalen Häuptlings zeigt, 
wie die Primitiven sich ihn in Erinnerung an einen Toten und 
in Anlehnung an den Charakter realer Vorbilder vorstellen. Die 
Ambivalenz der Gefühlsregungen, die zur Schöpfung der Religion 
überhaupt führte, hat, wie wir wissen, niemals in der Geschichte 
der Religionen ihre Wirksamkeit verleugnet: mit dem wachsenden 
Schuldbewußtsein und der reaktiv verstärkten Vatersehnsucht sowie 
mit dem Bedürfnis nach Aussöhnung wuchs die Bedeutung des 
Vater-Gottes immer mehr, kulturelle Veränderungen veränderten 
auch sein Bild und milderten seine Züge. Die Ambivalenz aber 
fand ihre partielle Lösung, indem man die menschenfreundlichen 
und geliebten Züge des Vaters dem Gott, die härteren und feind- 
seligeren einem Dämon zuschrieb. An die Stelle der zwiespältigen, 
zwischen Liebe und Haß, Zärtlichkeit und Abneigung schwankenden . 
Gefühlslage waren zwei Gestalten getreten, denen nun die geson- 
derten Regungen zuflössen. Im weiteren Verlaufe kehrte sich der 
Dämon feindselig gegen Gott: auch hier ein Bild der seelischen 
Vorgänge bei den Primitiven, da die projizierten feindlichen Re- 
gungen des Sohnes sich immer stärker erwiesen, als die zärtlichen 
und der Sohnestrotz in den Religionen den Sieg behielt. Wir sehen, 
daß die Schöpfung der Dämonen ein Stück Entwicklung, eben das 
der bösen Geister, auf einem höheren kulturellen Niveau wiederholt. 
Der Vorgang der Veränderung einer ursprünglich einheit- 
lichen G ottheit durch Spaltung in zwei getrennte, einander oft 

hat. Außer den dort zitierten Büchern von Roskott, Jacob, Graf Convay 
etc. vgl. Paul Carus, The History of the Devil and the Idea of the EviL ' 
Chicago 1900. 



Gott und Teufel 141 



feindliche Götter läßt sich mit bestimmten psychischen Pro- 
zessen beim Individuum gut in Übereinstimmung bringen. Die 
Anteile der ambivalenten Gefühlseinstellung gegen eine Person 
können beim Kinde lange Zeit nebeneinander bestehen, ohne daß 
die eine Regung die andere ausschaltet. Wir würden sagen, Liebe 
und Haß seien tolerant gegeneinander. Im Konfliktfalle ist es 
möglich, daß das Kind ein Ersatzobjekt, das die Züge des ur- 
sprünglichen trägt, wählt, dem nun die eine der ambivalenten 
Strömungen zufließt. Liebe und Haß, Hoffnung auf Schutz, sowie 
Unheilserwartung empfand aber der Primitive, der dem Kinde so 
nahe steht, in gleicher Art gegenüber seinen Göttern, erst spät 
kam es wieder unter der Einwirkung kultureller Fortschritte zum 
Konflikt: die beiden Gefühle waren unduldsamer gegeneinander 
geworden. Die mit dem sozialen und kulturellen Niveau der Zeit 
unvereinbaren Züge der primitiven Gottesvorstellung wurden nun 
dem Ersatzobjekt, dem Teufel oder Dämon, zugeschrieben. Ihm 
floß nun auch der Haß zu. Der Dämon ist so zum andern Ich 
der Gottheit geworden, zu einer Art Ergänzung, die sein früheres, 
primitiveres Wesen umschließt; das alte Objekt lebt in dieser erniedrig- 
ten Form weiter. Hatte der Kult der ursprünglichen Götter wilden 
orgiastischen und blutigen Charakter gehabt, so war er allmählich 
dem Dienste relativ milderer Gottheiten gewichen und die Dämonen- 
furcht war nun das Überbleibsel der alten Entwicklung. Wir können 
so die Linie der religiösen Entwicklung bestimmen, wenn wir die 
bösen Geister (Dämonen der Urzeit) als Vorbilder der späteren Gott- 
heiten charakterisieren. Diese den Menschen unfreundlichen und 
neidischen Gottheiten erfuhren Milderungen und Abschwächungen 
ihrer ursprünglichen Züge durch die kulturellen "Veränderungen, ihre 
roheren und wilderen wurden auf Dämonen überwälzt. Gottheiten 
und Dämonen erscheinen so als einander ergänzende Gestalten, wobei 
die Degradierung alter, unbrauchbar gewordener Gottheiten die 



üf Gott und Teufel 



Projektion feindseliger Regungen auf die Außenwelt - eine der 

großartig S tenLeistungendesUr m en S chen-wiederholt.D e rDämonen- 
kult späterer Zeit bildet dann die Wiederkehr jener abergläubischen 
Maßregel, d» der Mensch vor vielen Jahrhunderttausenden gegen 
die Feindseligkeit der zu Dämonen gewordenen Toten ergriff 
Auch m den Funktionen des zum Dämon gewordenen Gottes' 
^gt sich die Wiederkehr jener Mechanismen der unbewußten 
Projektxon: nicht die Feindseligkeit der Gläubigen hat sich geg en 
den früheren Gott gekehrt, sondern der frühere Gott ist zum 
fendsehgen, rachgierigen und heidnischen geworden, der die 
Menschen quält. 

Wir erkennen leicht, daß der spätere Gott nun auch den 
Femdsehgkeiten des früheren, zum Dämon verwandelten ausgesetzt 
m ; m der überirdischen Welt spiegelt sich das Seelenleben der 
Menschen wieder. Der neue Gott ist ja ein Sohnesrepräsentant; 
der frühere wird nun zum Vatergott, der den erfolgreichen jüngeren 
Wen verfolgt, wie Judas Christus.* Wir meinen auf diesem 
Wege zum Verständnis des Ursprungs des Dualismus vorgedrungen 
zu sem: der erste Gott war wahrscheinlich ein Sohnesgott, den 
der Bruderclan aus der Deifizierung seines toten Führers gewann- 
mm aber erstand ein Rivale aus dem unbewußten Schuldbewußtsein 
und der Feindseligkeit der Menge, der Dämon. Dieser trug die Züge 
des Stammesgottes wie ein Ebenbild, aber übernahm auch diejenigen 
welche der Stamm lieber an ihm vermißt hätte, grausame und' 

„ein Teil des Teils, der anfangs alles war, 
Em Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar 
Das stolze Licht, das nun der Mutter Nacht 
Den alten Rang, den Raum ihr streitig macht." 



r 



Gott und Teufel 143 



haßerfüllte und -wurde so zum Gegenbild Gottes. Der Mörder, der 
zum Heiland geworden war, erscheint als Mörder im Dämon ab- 
gelehnt, und in jener Gestalt, die das Schuldbewußtsein und die 
Feindseligkeit des Stammes forderte. Das Wiederaufleben dieser 
alten Gefühle aber ist durch die Erinnerung, die auf den alten 
grausamen und wilden Vater der Urhorde, dessen Vertreter der 
Sohn und Führer des Stammes geworden war, zurückgreift, im 
Tiefsten beeinflußt: ihm galten ja zuerst jene starken Affekte. 
Waren so die Gefühle der Verehrung und der Zärtlichkeit dem 
zum Gott gewordenen Sohne zugeflossen, hinter dem die Gestalt 
des geliebten und bewunderten Vaters stand, so verschmolzen die 
ewige Feindseligkeit und das Schuldbewußtsein gegen den Sohn 
mit denselben Gefühlen gegen den gehaßten Vater, dem sie einst 
galten. Der Dämon zeigt nun dieses Janusgesicht: er ist der Vater, 
der sich rächt, und der Sohn, dessen Verbrechen erkannt wird 
und das Strafe fordert. Die Spaltung zwischen Gott und dem 
Dämon oder dem Teufel entspricht als eine spätere Erscheinung 
einer ursprünglich einzigen und ungeteilten Gestalt, etwa der 
zwischen der jungfräulichen Göttin und der Liebesgöttin, die als 
große Buhlerin gekennzeichnet wurde. Hier wie dort hat sich die 
starke Ambivalenz der Gefühlsregungen gegenüber einer einzigen 
einheitlichen Gestalt in gesonderte Strömungen gegen zwei Prinzi- 
pien aufgelöst. Maria und Kybele werden also in Gott und Teufel 
ihre Analogieen haben; der Nonne und der Hexe, die als irdische 
Vertreterinnen der ursprünglichen einheitlichen weiblichen Gottheit 
erschienen, entsprechen der Heilige und der Sünder. Erhebung 
und Erniedrigung am Mutteridol und am ersten irdischen 
heterosexuellen Liebesobjekt haben ihre analogen psychischen Vor- 
gänge am Vaterideal, dem homosexuellen Objekt. 1 Es ist wahr 

1) Kürzlich hat Fritz Mauthner („Der Atheismus und seine Geschichte 
im Abendlande". I. Band. 1920. S. 373 ff.) dieses eigenartige Wechselverhältnis 



144 Gott und Teufel ~~ 

scheinlich, daß bestimmte kulturelle Veränderungen nicht spurlos 
an der Auffassung einer ursprünglichen Muttergöttin vorüber- 
gegangen sind. Wir gelangen auf diesem Wege wieder zu ge- 
wissen Modifikationen der menschlichen Einstellung zur Erde als 
dem naturgegebenen Vorbild der primitiven Muttergottheit. Wir 
glauben annehmen zu dürfen, daß katastrophale erdgeschicht- 
liche Vorgänge es bewirkten, daß die Menschen ihre Einstellung 
zur Mutter-Gottheit geändert haben. Vor allem müssen die Eis- 
zeiten mit ihren Tier- und Menschenwelt tief erschütternden 
Konsequenzen diese Affektumkehr vorbereitet haben. Diese Kata- 
strophe aber ergriff die ganze Menschheit und veränderte ihre 
Stellung zur Erde, die ihre Gaben nun verringert hatte und karg 
geworden war. 

Gott und Teufel erweisen sich nicht nur dadurch als Er- 
gänzungen und komplementäre Gestalten, daß die Teufelsmesse, 
der Teufelssabbath und die Teufelsverehrung genau dieselben Riten 
zeigen wie der Gottesdienst, sondern auch durch den Kampf, den 
sie um die Herrschaft führen; immer wieder wird Gott in seinem ' 
Werke vom Teufel gestört, der ja ein Stück des verdrängten Ich 
repräsentiert. 

Wir wollen uns nicht verhehlen, daß andere wichtige Faktoren 
in der Genese des Dualismus eine bedeutsame Rolle spielen, 
glauben aber, daß die hier hervorgehobenen vielleicht geeignet sind' 
den entscheidenden Schritt zur Erklärung des Dualismus in den 



zwischen Gott und Gegengott, Marienkult und Hexenfurcht gut dargestellt- 
„Da Berührten sich in der Mönchphantasie die Extreme: dem einen, dem 
optzmxstischen Schwärmer, idealisierte sich die einzige reine Jungfrau zum 
Gatte, dem anderen, dem pessimistischen Feigling, verfinsterte sich jedes 
Weab das ,k schreckte, zur Hexe, zur Buhlschwester und Priesterin des 
Teufels. Ohne diese heimliche Erotik wäre es sicherlich nicht zu der Er- 
findung der Hexen gekommen." (S. 597). 



Gott und Teufel 145 



r Religionen vorzubereiten. 1 Wir haben erkannt, daß der Dualismus 
an der Wurzel der Schöpfung der Religion haftet: dem Sohnes- 
gott ersteht im Vatergott, dessen Ermordung in Wahrheit un- 
möglich ist, ein unversöhnlicher Gegner wie Banquos Geist drohend 
und beängstigend vor Macbeth auftaucht. Der von der neuen Gott- 
heit gestürzte alte Gott wird zum Dämon und zum Doppelgänger 
des neuen; er ist ein ewiges Zeichen der besiegten und doch nie 
völlig überwundenen Vorzeit. Es gäbe keinen Gott, wenn der 
Teufel nicht existierte, so wie es keinen Sohn ohne Vater gibt. 
Dieser Vergleich trifft umso eher zu, wenn wir uns daran erinnern, 
daß die Schöpfung des Dämons oder Teufels ein Zurückgreifen auf 
ein früheres Stadium der Entwicklung der Gottesvorstellung be- 
deutet. Der Teufel trägt ja alle Züge des Gottes von früher, des 
Vatergottes. Es ist eine heuchlerische Umkehrung der wirklichen 
Verhältnisse, wenn man ihn den „Affen Gottes" genannt hat. 2 
Kehren wir noch einmal zur Darstellung der skizzierten 
Entwicklung zurück, um unsere Resultate zu überschauen. Der 



1) Aus obiger Darstellung ist leicht ersichtlich, wie die historischen 
Ereignisse im Leben des Stammes oder Clans und die psychologische Ent- 
wicklung einander als wirkende Faktoren unterstützen. Der psychischen 
Spaltung, wie sie durch kulturelle Fortschritte, durch den Konflikt zwischen 
Fixierung am Alten und Neigung zum Neuen bewirkt wird, entspricht sozio- 
logisch die Spaltung der Gemeinschaft, da sich diese aus dem fremden und 
dem eigenen Volke zusammensetzt. Die Götter des eigenen Volkes aber 
werden gewöhnlich unter diesen Bedingungen allmählich zu Dämonen. 

2) Von der Bedeutung der Satanologie im Mittelalter können wir 
uns sicher keine richtige Vorstellung machen. Der Teufels- und Hexen- 
glaube war gerade so ein wichtiger Bestandteil der Theologie wie ein anderes 
Stück des Katechismus. Man konnte ebenso verbrannt und gefoltert werden, weil 
man nicht an den Teufel glaubte, wie wegen Atheismus und die Kodifizierung 
und Dogmatisierung der „Teufels"religion hat gewiß den religiösen Eifer 
und den Scharfsinn einiger Jahrhunderte ebenso beschäftigt, wie die analogen 
Prozesse der katholischen und protestantischen Glaubenslehre, die sich auf 
Gott bezogen. 

10 Reik 



146 Gott und Teufel 

Ausgangspunkt der sozialen Veränderung der Religion ist durch das 
Eindringen fremder Völker und ihrer Götter gegeben. Der als 
Synkretismus bezeichnete Verschmelzungsprozeß der Gottesgestalten 
verschiedener Völker und Stämme wird der seelischen Situation 
verglichen werden können, worin der Gegensatz in der Ambivalenz 
der Gefühlsregungen noch nicht als solcher empfunden und ein 
kurzlebiger Versöhnungsversuch gemacht wird. In der Austragung 
des Ambivalenzkonfliktes gibt es nun ein Stadium, in welchem 
die eine der beiden gegensätzlichen Regungen, z. B. die Liebe 
bereits im Bewußtsein das Übergewicht errungen hat, die andere 
verdrängte aber dazu dienen muß, diesen Sieg zu sichern, indem 
ihre Intensität zur reaktiven Steigerung der herrschenden Strömung 
verwendet wird. Diesem Stadium darf man in der Religions- 
entwicklung die Schöpfung der Engel und Hilfsgeister vergleichen: 
die alten Götter sind durch neue ersetzt, aber sie sind nicht aus- 
geschaltet; sie sind nur in die Verdrängung, ins „Exil" gegangen. 1 Sie 
werden im Gegenteil zu Dienern der neuen Gewalthaber, zu 
Mittlern und Helfern und sollen ihre junge Herrschaft sichern. 2 - 
Die neue Würde der Götter ist gegen die Angriffe der alten, 
unterdrückten Mächte nicht gefeit: die Titanen wollen den Olymp 
stürmen; erst der Aufruhr der Engel stürzt diese vom Himmel 
herab. Erst nach längerer Zeit werden die siegreichen neuen Götter es 
wagen, die erniedrigten alten in dieser Art noch tiefer zu demütigen. 

1) Heine, „Die Götter im Exil". 

2) Die Stellung der Engel und Hilfsgeister als ursprünglicher Götter 
erweist sich nicht nur darin, daß sie für die herrschenden Gottheiten stell- 
vertretend handeln, sondern auch in einzelnen Zügen, in denen noch Spuren : 
der ehemaligen Rivalität sichtbar werden. Im Passahgottesdienst der Juden 
z. B. wird von Gott berichtet, wie er die Kinder Israels aus Ägypten erlöst . 
und wie er die Erstgeborenen der Ägypter geschlagen habe. Emphatisch ' 
verkündet Gott: „Ich und nicht ein Engel. Ich und nicht ein Seraph. Ich 
und nicht ein Bote." 



r 



Gott und Teufel 147 



Der entscheidende Kampf der zwei Gewalten, der neuen 
und der alten, das erneute Ringen um die Herrschaft ist durch 
die Schöpfung der Dämonen charakterisiert. Der Dämon oder der 
Teufel ist demnach der Gott einer versunkenen Vorzeit, der sich 
gegen den herrschenden Gott empört. In diesem Kampfe tritt das 
ambivalente Schwanken zwischen Liehe und Haß gegenüber dem 
alten und dem neuen Glauben in Erscheinung. 

Mit der Überwindung der alten Religion löst sich auch die 
Unheimlichkeit des Teufels und des Dämons sowie die Angst 
vor ihm, die Jahrhunderte beherrschte, und an Stelle der Angst 
tritt allmählich das Gefühl der Überlegenheit und Verachtung, 
das sogar in dem früher Gefürchteten die lächerliche Gestalt sehen 
läßt. Die Realität des Dämons wird noch nicht verneint. Freilich 
verrät sich in der brutalen und forcierten Verhöhnung noch ein 
Stück seelischer Fixierung, welches das unterirdische Fortleben der 
Gefühle der Angst und der Unheimlichkeit anzeigt. 1 Das letzte 
Stück der Entwicklung wird durch die wirkliche Überwindung 
der Religion dargestellt. Wir würden sagen, mit der psychischen 
Bewältigung der alten Religion sei die der neuen gegeben; wer 
den Teufel wirklich abschafft, kann an Gott nicht mehr glauben, 
denn die beiden Gestalten sind nur die einander ergänzenden 
Teile eines früher einheitlichen Ganzen (Man hat mit Recht gesagt, 
der Anarchist sei kaum minder seelisch an den Herrscher gebunden 
als der Monarchist). Es ist anzunehmen, daß erst in diesem End- 
stadium die Lösung von der Religion eintritt, wenn das Objekt 
und seine libidinöse Besetzung aufgegeben wird. 

Aus der Einsicht in dieses Stück Entwicklung ergibt sich 
ein für die Religionspsychologie sowie für die Religionsgeschichte 

1) Es soll nur kurz daraufhingewiesen werden, daß die Einstellung der 
Menschen zu den Gläubigen anderer Religionen, aus denen sich ihre eigene 
entwickelt hat, eine ähnliche Entwicklung zeigt. 



/ 



i4 8 Gott und Teufel 



gleich wichtiges heuristisches Prinzip: will man die Götter und 
die Religion der Vorzeit eines Volkes kennen lernen, darf man sie 
nicht in seinem höheren Pantheon studieren, sondern im Bereich 
seiner Engel, Hilfsgeister, Teufel und Dämonen. 1 

Wir meinen aber, es seien aus der analytischen Einsicht der 
ursprünglichen Identität von Gott und Dämon mit Hilfe der Analyse 
noch weitere bedeutsamere Folgerungen zu ziehen : die uralte Frage 
nach der Herkunft des Bösen, die so viele religiöse und philoso- 
phische Geister beschäftigt hat, rückt ihrer Lösung näher. Sie wird 
durch die Psychogenese des Dämonenglaubens als einer späteren 
Abspaltung Gottes erklärlich. Die primitiven Völker sehen in Tod, 
Krankheit, Seuchen und Hungersnot Schädigungen, die der wegen 
einer Verfehlung der Gemeinschaft ergrimmte Gott über sie verhängt 
hat. Von ihm geht das Übel aus. Conway 2 bemerkt mit Recht: 
„Die Juden hatten ursprünglich keinen Teufel, ebensowenig wie 
irgend ein anderes Volk und dies aus dem offensichtlichen Grunde, 
weil ihr sogenannter Gott zu jedem moralischen Übel für fähig 
galt, für das ein Urheber gefunden werden sollte." Es stimmt mit ' 
unseren Besultaten überein, wenn Gen er von Jahweh 3 behauptet: 

1) Als wichtige Ergänzung des obigen Satzes muß der Hinweis auf die 
„falschen Götter" und die bekämpften Gottheiten der Nachbarstämme sowie 
die als Götzen verworfenen Wesen gelten. Als Beispiel seien die von den 
israelitischen Propheten ingrimmig bekämpften Gottheiten der Babylonier, 
Phönizier, Kananäer u. s. w. genannt. Es ist nicht einzusehen, wozu es eines 
so strengen Verbotes bedurfte, wenn keine intensive Neigung zur Ver- 
ehrung dieser Gottheiten beim Volke bestand: das Toben der Propheten gegen 
diese „Nichtse" wäre sinnlos, wenn sie für das Seelenleben der Israeliten 
bedeutungslos gewesen wären. Das historische Verhältnis von fremden und 
eigenen Gottheiten, das die Heranziehung der fremden Götter an dieser Stelle 
rechtfertigt, ist im letzten Teile dieser Untersuchung behandelt. 

2) Conway, Demonology and Devil-lore. 1879, Vol. II. p. 59 zitiert' 
nach Jones, Der Alptraum etc. S. 75. 

3) Gener, La mort et le diable, zitiert nach Jones, S. 73. 



Gott und Teufel 



149 



„II est dieu et diable ä la fois: mais plus frequemment il est diable. 
Es ist bemerkenswert, daß die Bibel als den Urheber desselben 
Ereignisses in einer älteren Stelle Jahweh, in der jüngeren Satan 
bezeichnet. In 2. Sana. XXIV, 1 wird erzählt, daß die Volkszählung 
des Königs David von dem erzürnten Gott veranlaßt wurde, in 
1. Chron. XXI, 1 reizt Satan David, die Kinder Israels zu zählen. 
Carus 1 weist darauf hin, daß „all acts of punishment, revenge 
and, temptation are performed by Jahweh himself or by his angel 
at his direct command. So the temptation of Abraham, the slaughter 
of the first born in Egypt, the brimstone and fire rained upon 
Sodom and Gomorrha, the evil spirit, which came upon Saul, the 
pestilence to punish David — all these things are expressly said 
to have come from God." Im Buche Hiob erscheint Satan ähnlich 
wie in Goethes Faust als dienender Geist Gottes, dessen Werk es 
ist, die Menschen zu versuchen und zu bestrafen, in unserem Sinne 
also als ein herabgesunkener Gott der Vorzeit. Die Schlange als Ver- 
führerin, die der Theologie als Teufel erscheint, ist in meiner früher 
zitierten vorbereiteten Arbeit über die Erbsünde als alter totemisti- 
scher Gott nachgewiesen worden, der bei vielen semitischen Völkern 
verehrt wurde. Hat die Schlange die Menschen zur Sünde ver- 
leitet, so war es der Gott der Vorzeit, dessen Gebot sie folgten. 
Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß auch im Problem der 
Herkunft des Bösen die Allmacht Gottes nicht eingeschränkt werden 
darf. 2 „Deo solo gratia" stand auf dem Schwerte, das die Henker 
der Inquisition verwendeten, um die Ketzer in radikaler Art von 
den Heilswahrheiten der christlichen Kirche zu überzeugen. Es ist 



1) Carus, The History of the Devil and the Idea of Evil. S. 71. 

2) Schon Bayle kommt nach eingehender Betrachtung der Anschau- 
ungen der Calvinisten, Thomisten, Jansenisten und Molinisten zu dem Schlüsse, 
keine christliche Lehre könne leugnen, daß Gott das Übel und Elend der 
Menschen gewollt habe. 



auch leicht verständlich, wie sich mit dem Begriff des Bösen der 
der verpönten Triebregungen verband. Die primitiven Beligionen 
boten die Möglichkeit, diese unterdrückten Regungen in periodischen 
Durchbrüchen zu befriedigen : das totemistische Opfer, wie das Fressen 
des rohen Fleisches wiederholte das kannibalische Verzehren des Ur- 
vaters, die sexuellen Orgien der antiken westasiatischen Religionen 
hoben sexuelle Beschränkungen auf; jedes Fest ist nach Freud 1 
„ein gestatteter, vielmehr ein gebotener Exzeß, ein feierlicher 
Durchbruch eines Verbots". Das Ritual der primitiven Religionen 
bringt in viel krasserer Form das Verdrängte wieder, als die späteren 
Kulte dies gestatten. Der säkulare Verdrängungsfortschritt wird sich 
nun darin äußern, daß die erlaubten, ursprünglich gebotenen Durch- 
brüche schon als unstatthaft und später als verboten und teuflisch 
angesehen werden. In diesem Sinne kann der Teufel als Personifi- 
kation des verdrängten unbewußten Trieblebens aufgefaßt werden. 2 
Die innigsten Beziehungen verbinden das Problem von Gut 
nnd Böse mit der Frage der Vorstellungen von Himmel und Hölle. 
Es kann in dieser andern Zielen zustrebenden Abhandlung nicht 
die seelische Entwicklung dieser Vorstellungen verfolgt werden- es ' 
sei nur bemerkt, daß die kulturelle Entwicklung, welche e'ine 
Steigerung der Triebverdrängungen und infolgedessen erhöhte* 
soziale Angst mit sich bringt, den Zustand nach dem Tode im 
Glauben der Völker immer trostloser und düsterer gestaltet. Die 
primitive, überall nachweisbare Vorstellung, der zufolge der Tote 
sein früheres Leben fortsetzt, erfährt ähnlich wie die Gottesvor- 
stellung allmählich eine Auseinanderlegung, die der ihr anhaftenden 
Ambivalenz entspricht. Paradies und Hölle sind demnach ursprünglich 



1909. S. 136 



1) Totem und Tabu. S. 188. 

2) Freud, Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. 2. Folge 



Gott und Teufel 15 1 



identisch. Das Wort Hölle (ahd. hella) bezeichnet nach Grimm 1 
ursprünglich die Person und den Wohnsitz der Todesgöttin (Hei) 
und zwar mit Vorwiegen der örtlichen Bedeutung, genau wie griech. 
Hades. Es wird allgemein angenommen, daß in ihm dieselbe Wurzel 
wie im Verbum hehlen stecke. Gehenna, die hebräische Bezeichnung, 
für Hölle, ist aus Ge-Hinnom, einem Tal bei Jerusalem, wo Moloch 
verehrt wurde, abgeleitet. Wir wissen, daß aus dem ursprünglichen 
Schattenreich der Ort körperlicher und seelischer Qualen wurde. 
Diese Entwicklung kann nicht unabhängig von den Veränderungen 
der Anschauungen über den Tod vor sich gegangen sein: ihr 
parallel lief die Umwandlung der Todespersonifikation von der Form 
eines schönen Jünglings, wie ihn die Antike als Bruder des Schlafs 
darstellte, in die eines Skelettes, das der Tote selbst war. Der Hinweis 
auf die Mechanismen des unbewußten Seelenlebens gestattet uns, 
die Entwicklung der Vorstellung der Hölle in dem Satze darzu- 
stellen: die Hölle ist der durch Affektverwandlung verwandelte, 
später verpönte Himmel einer vorausgegangenen Zeit. Die Um- 
kehrung der Affektvorzeichen, die Verwandlung der Lust in Unlust 
wird hier durch kulturelle Veränderungen bewirkt, die einst er- 
wünschte Genüsse in verbotene und schließlich in Strafen verkehrt. 
Die ursprüngliche Identität der Himmels- und Höllenvorstellung 
ist längst dem Bewußtsein der Menschen entzogen und nur selten wird 
ein witziger Freigeist wie etwa Shaw (in 'Man and Superman') es 
wagen, den primären „himmlischen" Charakter der Hölle als eines 
kosmischen Vergnügungsetablissements in übertreibender Darstellung 
ans Tageslicht der frommen christlichen Welt zu ziehen; diese 
Umkehrung erscheint z. B. auch in Offenbachs „Orphee aux 
enfers". Der Zug, daß in vielen Mythen, wie gerade in dem von 
Orpheus, der Heros in die Unterwelt steigen muß, um die Geliebte 



1) Grimm, Deutsches Wörterbuch. Leipzig 1878. IV. 2. S. 1745. 



152 Gott und Teufel 



wieder zu erhalten, spricht dafür, daß die Unterwelt ursprünglich 
diese Geliebte selbst ist (Mutter Erde). Das Wort Hölle ist, wie 
bereits erwähnt wurde, aus der Bezeichnung der Göttin Hei 
abgeleitet. Das Hinabsteigen zur Hölle würde so eine inzestuöse 
Vereinigung mit der Mutter bedeuten. Es scheint mir mit der 
steigernden Schwere des Inzestverbotes in Verbindung zu stehen, 
wenn auf solche Art die heimlichste Vorstellung, die des Leibes und 
der Vagina der Mutter, sich in die unheimlichste, die Hölle, ver- 
kehrte (Über das Unheimliche der Mutterleibsphantasie vgl. Freud, 
Das Unheimliche. Imago V. Jg. t 920 ). Es muß übrigens bemerkt 
werden, daß die Himmelsvorstellung, die andere Seite der Phantasie 
des Fortlebens nach dem Tode, den Zustand im Mutterleib in Ideali- 
sierung wiederbringt. Zur Deutung der Hölle als einer symbolischen 
Vertretung der Vagina will ich nur noch darauf hinweisen, daß das 
Wort Hölle nach Grimm (Deutsches Wörterbuch. S. 1747fr.) auch 
als Bezeichnung eines engen, heißen Raumes gebraucht wurde. So 
erscheint Hölle häufig als Ortsname für eine enge, wilde Gegend. In 
manchen deutschen Ländern bezeichnet Hölle den engen Raum. 
zwischen dem Ofen und der Wand. Enge und Hitze sind dem Zustand 
des Embryos im Unterleib ebenso wie dem des Toten in der Hölle 
eigentümlich. 1 

Einige von der Psychoanalyse erörterte Probleme erscheinen 
durch unsere Resultate von einer anderen Seite und ihre 
Lösungen, die in Freuds „Totem und Tabu" enthalten sind, er- 
fahren durch sie eine mehr oder minder tiefgehende Modifikation. 
Die vielerörterte Frage der seelischen Voraussetzungen der Magie 
z. B. ist in Freuds Werk durch den Vergleich mit dem infan- 
tilen und neurotischen Glauben an die „Allmacht der Gedanken" 
gelöst worden. Die Magie ist nach Freu d ursprünglicher als die 

• 1) In einer Novelle Boccaccios wird von einem Geistlichen die Vagina 

als Holle und der in sie eindringende Penis als Teufel bezeichnet. 



Gott und Teufel 153 






Zauberei, sie zeigt am unvermengtesten die primitive Absicht, 
den realen Dingen die Gesetze des Seelenlebens aufzuzwingen. 
Die Voraussetzungen der Magie sind also ursprünglicher und älter 
als die Geisterlehre des Animismus. Die magische Praktik kann 
auch Geister zu Objekten nehmen, ist aber nicht auf sie be- 
schränkt. Es scheint mir nun, als würde eine andere Voraus- 
setzung für die Entstehung der Magie unerläßlich sein: das groß- 
artige Zutrauen in die Wunschkraft der eigenen Vorstellungen ist 
unmöglich, ohne daß die Außenwelt wie ein Stück Ich behandelt 
wird. Wir würden sagen, die Schöpfung der Magie bezeichne eben 
den Beginn einer seelischen Trennung von Ich und Außenwelt, 
da sie die Entwicklung der Dinge durch das Vorbild, das der 
Mensch ihr liefert, beeinflussen will. Da aber diese Beeinflussung 
nach dem narzißtischen Vorbild des Menschen vor sich geht, ist 
es gewiß, daß die Besetzung der Außenwelt nach dem narziß- 
tischen Typ erfolgt ist; sie geschieht im Zeichen einer narziß- 
tischen Projektion. Als das primitivste Stadium einer solchen 
narzißtischen Weltauffassung muß die dem Animismus voran- 
gehende Phase, der Animatismus (Anschauung von der allgemeinen 
Belebtheit) nach R. R. Maretts Namengebung angesehen werden. 
Ist Magie nun die auf dem Glauben an die „Allmacht der Ge- 
danken" beruhende Praktik, so wäre ein erstes Stadium der Magie 
vorauszusetzen, in dem die Wunschkraft des Primitiven sich schon 
erprobt, aber diese Proben am eigenen Ich stattfinden, das zu- 
gleich die Außenwelt einschließt. Dieses Anfangsstadium wäre 
also dadurch gekennzeichnet, daß die gewünschten Veränderungen 
am Ich durchgeführt wurden; der Urmensch glaubte, die aus- 
geführten oder später nur angedeuteten Veränderungen würden 
den Lauf der Dinge regulieren. Der Wilde wird also z. B., statt 
den Regen durch Wasserausgießen auf magische Art erzwingen 
zu wollen, uriniert haben; die großartige narzißtische Überschätzung 



154 Gott und Teufel 



des Ichs und seiner Funktionen, in diesem Falle der exkretorischen, 
bildete den Keim für den Glauben, der der Magie zu Grunde 
liegt und sich später auf die Wirkung anderen Tuns, das sich 
vom eigenen Körper mehr und mehr entfernte, erstreckt hat. 
In diesem Stadium, in dem die Scheidung zwischen Ich und Du, 
Subjekt und Außenwelt noch nicht völlig durchgeführt worden 
war, wird sich der Zorn gegen einen Andern, der entfernt oder 
dessen Bedrohung gefährlich oder verboten war, gegen das eigene 
Ich kehren und sich am eigenen Körper austoben. 1 Damals wurde 
die Störung von außen noch durch gegen das Ich gerichtete Im- 
pulse zu beseitigen versucht; erst später trat an dessen Stelle jene 
Art der Magie, die sich umständlicher, aber noch immer im 
Ichbeispiel wurzelnder Mittel bedient, um die Außenwelt zu ver- 
ändern. Ich würde dieses Anfangsstadium als das der reflexiven 
Magie bezeichnen, aus der sich auf kürzesten Wegen die imita- 
tive Magie entwickeln konnte. Mit der schärfer werdenden Unter- 
scheidung von Ich und Außenwelt war der Primitive dazu ge- 
drängt, die motorische Aktion, die sich früher im Ich vollzog, . 
nach außen zu verlegen. Diese Annahme einer reflexiven Magie 
als Vorstufe der imitativen entspricht sowohl der von uns an- 
genommenen Anfangsphase des Ambivalenzkonfliktes als auch dem 
vielleicht primären Charakter des Masochismus. Sie setzt voraus, 
daß der Projektion der eigenen aggressiven Regungen, wie sie sich 
später in der Schöpfung der Dämonen zeigte, ein primitiver Ver- 
such vorausging, der Ambivalenzspannung sozusagen in eigener 
Regie Herr zu werden. 



1) Als Beispiel solcher gegen das Ich gerichteter Impulse, die an 
Stelle der verhinderten Aggression gegen andere trat, sei die Geste des 
Michelangeloschen Moses, der sich beim Anblick der Götzenanhetung der- 
Israeliten am eigenen Bart reißt, erwähnt (Vgl. den anonymen Aufsatz „Der 
Moses des Michelangelo". Imago III, Jahrg. 1914). 



Gott und Teufel 155 



Aus unserer Auffassung der historischen und psychologischen 
Entstehung des Dualismus in den Religionen ergibt sich von selbst 
eine Folgerung, welche den Wechsel der Kulte erklärt. Der alte 
Kult, der einst vom ganzen Clan geübt wurde, wurde allmählich 
unter der kombinierten Wirkung äußerer (fremde Eroberer etc.) und 
innerer Momente (Verdrängungsfortschritte) in einen engeren Kreis 
gedrängt, abgespaltet, soweit er sich nicht dem neuen, ihm ganz 
ähnlichen assimilierte, der alte Gott des Clans wurde unter der 
gleichen Voraussetzung zum Privatgott; an seine Stelle treten 
im Leben des Clans oder Stammes neue Gottheiten. Der Unter- 
schied zwischen den neuen Göttern der Gemeinschaft und den 
älteren, zurückgedrängten liegt dann nicht in den äußern Akten 
der Verehrung und der Riten — die waren im Wesentlichen die- 
selben — - auch nicht in der Natur dieser Götter selbst, die nicht 
sehr verschieden von einander waren, sondern in dem Gegensatz 
der Interessen des Einzelnen oder der einzelnen Familien zu denen 
des Clans. Der alte Gott hatte nun allmählich das Interesse des 
Einzelnen, der neue das der Gesamtheit zu vertreten. Dieser Gegen- 
satz wird besonders durch ein Moment bedingt: die libidinöse 
Rindung zwischen den Clangenossen und die an den Gott der 
Vorzeit hatte nachgelassen. Der Interessenunterschied zeigt sich 
dann darin, daß der Stammeszauber immer im Namen des herr- 
schenden Gottes, der individuelle d. h. also der den Interessen 
des Einzelnen dienende Zauber in dem des älteren, überwundenen, 
verpönten und degradierten Gottes (des Dämons oder Teufels) 
stattfindet. 1 

1) Saul, der selbst die größten Anstrengungen zur Unterdrückung des 
eingewurzelten Zauberwesens in Israel gemacht hatte (1. Sam. XXVIII. 9), 
wandte sich in persönlicher Not an die Hexe von Endor. 

Jevons hat den Unterschied zwischen dem „legitimen" und „illegi- 
timen" Ritual scharf hervorgehoben (Introduction to the History of Religion. 
5. p. 175I: „The method by which the negro of Western Africa ohtains a 



1 56 Gott und Teufe l 

Die Differenzierung der Völker, das Übergehen homogener 
in heterogene Massen mit allen damit verbundenen Veränderungen 
erklärt es auch, daß die Gottheiten fremder Völker zu Dämonen 
wurden. Diese Differenzierung selbst ist vermutlich die Wirkung 
von Verschiedenheiten im Tempo der kulturellen Entwicklung, 
die von äußeren und inneren Momenten bedingt wird. Die Götter 
des eigenen Stammes waren einst dieselben wie die der Nachbar- 
völker und ihre späteren Differenzen sind solche, die sich aus 
den Kulturfortschritten, heziehungsweise den Verdrängungsfort- 
schritten des eigenen Stammes ergeben haben. 1 Erst in der Nach- 
wirkung dieser Differenzierungen wird der Gott des Nachbar- 
stammes zum Dämon; es ist, als wollten sich die Mitglieder des 
eigenen Stammes nicht erinnern, daß sie früher dem Nachbar- 
volke gleich waren und ihr Gott derselbe wie der fremde war. So 
wurde z. B. Beelzebub, der Gott der Phönizier, zu einer Be- 
zeichnung für Satan. 



suchman (a tutelary deity of an individual) is an exact copy of the legiti- 
mate ntual, by which a family obtains a family god ... . All over the 
world these private cults are modelled on, derived from and later than the 
established worship of gods of the Community. The difference between the 
private cult of or,e of these outlying unattached spirits and the public worship 
of the communitys god does not lie in the external acts and rites, for these 
are the same in both cases, or as nearly the same as the imitator can 
make them .... The difference lies first in the division, which this species 
of private enterprise implies and encourages between the interests of the 
individual essential of the existence of the society and when the unstable 
equilibnum of the small Community requires the devotion of every member 
to prevent it from falling." Ähnliche Ansichten hat Jevons über die Ent- 
wicklung der Magie geäußert (The Idea of God in early Religio«*; 
Cambridge 1910. p. 9 .), die gerade durch den Gegensatz von Privatinteressen 
und solchen der Gemeinschaft allmählich verpönt wurde. 

1) Über den Gegensatz von fremdem und eigenem Gott vgl. den letzten 
Abschnitt dieses Buches. - Jevons hat die oben aufgezeichneten Unter- 
schiede (Introduction p. i 73 ) gesehen, aber merkwürdigerweise nicht die 



Gott und Teufel 157 



Die Spaltung des Stammes, die im engen Rahmen die 
Wandlung einer homogenen in eine heterogene Masse wiederholt 
und — psychoanalytisch gesprochen — auf einer Lockerung der 
libidinösen Bindung unter den Stammesgenossen und der ihr vor- 
angehenden Auflassung der Bindung an den Führer (Gott) beruht, 
ist das Vorbild späterer Spaltungen, die zu religiösen Gegensätzen 
und zu den Religionskämpfen führten. Der Unterschied zwischen 
dem privaten Kult und dem der Gemeinschaft wird zum Urbild 
der Unterscheidung zwischen legitimen Gottesdienst und Ketzertum. 
Der neue Gott war freilich das wenig veränderte Abbild des 
alten, sein Kult eine Kopie des verdrängten, aber die Menschen sind 
immer umso geneigter, einander die Schädel einzuschlagen, je 
geringer die wesentlichen Unterschiede ihrer Anschauungen sind. 



Folgerungen daraus gezogen und ist ihren Gründen nicht nachgegangen: „For 
the savage supernatural beings are divided into three classes — the gods of his 
own tribe, those of other tribes and spirits, which unlike the Erst classes, have 
never obtained definitive circle of worshippers to offer sacrifice to them and in 
return receive protection from them. This last class never having been taken 
into alliance by any clan, have never been elevated into gods . . . ." Jevons 
hat nicht bemerkt, daß diese Geister ursprünglich eine Heimat hatten und 
zum Clan in enger Beziehung standen und daß ihre jetzige Situation erst 
eine Folgeerscheinung ihrer Loslösung und Verdrängung durch neuere 
Götter ist: sie sind wirkliche alte „Götter im Exil". 



IL TEIL 



VIII 

DIE UNHEIMLICHKEIT 
FREMDER GÖTTER UND KULTE 

Horatio: „0 äay and night, but this is wonderous Strange!" 
Hamlet: „And therefore as a stranger give it welcome." 

SHAKESPEARE 

Wir haben die ausgedehnte Geschichte des Dämonenglaubens 
in ihren Hauptzügen verfolgt. An ihrem Anfang steht der Glaube 
an einen Gott (mehrere Götter), der furchterregend und rach- 
süchtig ist und setzt sich als Furcht vor dem zum Dämon de- 
gradierten Gotte fort. Die Existenz dieses später erniedrigten Gottes 
wird zuerst ebenso wenig bezweifelt wie seine Macht, den Menschen 
Böses zuzufügen. Erst nachdem der Dämonenglaube verschiedene 
Entwicklungsstufen durchlaufen hat, nimmt der Glaube an die 
Macht der dämonischen Wesen immer mehr ab. Erst spät wird 
die materielle Realität der Dämonen überhaupt negiert. Wenn 
wir bedenken, daß es vierhundert Jahre her sind, seit Luther sein 
Tintenfaß nach dem Teufel warf, und beobachten, daß der Glaube 
an den „Gottseibeiuns bei unserer Landbevölkerung in manchen 
Gegenden noch mindestens ebenso lebendig ist wie der an Jesus 
Christ, so werden wir keinen Anlaß finden, dem kulturellen 
Fortschritt eine besonders rasche Gangart nachzurühmen. In der 
Entwicklungsgeschichte des Dämonenglaubens gibt es nun eine 
Phase, in welcher die Existenz des Teufels oder Dämons nicht 

11 Reih 



i6<2 Die Unheimlichkeit fremder Götter und Kulte 

mehr geglaubt wird, seine Vorstellung oder der Gedanke an ihn aber 
in gewissen Situationen noch ein mehr oder minder starkes Gefühl 
der Unheimlichkeit auslösen kann. Wir werden uns nicht wundern, 
wenn wir eine analoge psychische Situation in der Religions- 
geschichte wiederfinden: ein Zusammentreffen mit den Bildnissen, 
Symbolen und Kultübungen alter Gottheiten wird unter Umständen 
in ihren früheren Bekennern noch seltsam gemischte Gefühle erregen, 
die wir als einen Widerstreit von Überlegenheitsbewußtsein und Re- 
gungen der Unheimlichkeit erkennen. So mögen gelegentlich die ersten 
Christen unter den Römern die heidnischen Götter und ihren Kult 
angesehen haben; Gefühle dieser Art werden häufig zum Christen- 
tum bekehrte Angehörige wilder Völker verspüren, wenn sie ihre alten, 
totemistischen Stammeszeremonien wiedersehen. Die bezeichnete Ge- 
fühlsreaktion ist aber nicht auf das Zusammentreffen mit alten, ver- 
lassenen Kulten und Religionsübungen beschränkt. Wir behaupten 
vielmehr, daß viele Menschen Gefühle der Unheimlichkeit verspüren, 
wenn sie bestimmten Zeremonien fremder Religionen beiwohnen 
oder Götterbilder, religiöse Symbole fremder Kulturen sehen. 

Der Einwände gegen diese Behauptung gibt es freilich genug. 
Um nur den ernstesten hervorzuheben: der moderne, gebildete 
Europäer kann dem Gottesdienst in Kirchen, Tempeln, Moscheen 
beiwohnen, er kann Götterbilder, Kreuze, Rosenkränze, Gebet- 
mühlen etc. sehen, ohne daß er sich solcher Gefühle bewußt würde. 
Er mag Neugierde, Interesse verschiedener Art, Gleichgültigkeit, 
Spottlust, ja sogar Andacht in sich bemerken, nichts aber wird sich 
in ihm regen, das er als Gefühl der Unheimlichkeit bezeichnen 
könnte. Nun ist von vornherein zu betonen, daß die Empfindlich- 
keit für die Gefühlsqualität des Unheimlichen bei den Menschen 
verschieden ist und daß es viele Menschen gibt, die selten Gefühle 
solcher Art in sich wahrnehmen, also eine besondere Unempfind- 
lichkeit in dieser Richtung aufweisen. Wir werden aber auch zur 



Die Unheimlichkeit fremder Götter und Kulte 165 

Kenntnis nehmen müssen, daß der moderne Europäer in seinem 
Verhältnis zur Religion nicht das geeignetste Objekt zur Prüfung 
unserer Behauptung darstellen könne. Die positiven Religionen und 
ihr Kult verlieren in unserer Zeit und in unseren Breitegraden 
immer mehr an Bedeutung für das menschliche Seelenleben. Die 
Religion ist entstanden zur Befriedigung bestimmter seelischer 
Bedürfnisse, die früher entweder nicht vorhanden waren oder in 
anderer Form und auf anderen Wegen ihre adäquate Befriedigung 
erhielten; vielleicht ist eine Zeit nicht ferne, die andere seelische 
Tendenzen verspürt oder das Ziel derselben Bedürfnisse mit anderen 
Mitteln zu erreichen vermag. Das aber kann nicht verkannt werden, 
daß die Religion im Leben unserer Ahnen eine große, ja über- 
ragende Geltung beansprucht hat. In ihrem Namen wurden blutige 
Kriege geführt und Frieden geschlossen, wurden Millionen gemordet 
sowie geheilt und gepflegt; die Religion hat die Menschen unge- 
zählter Geschlechter unglücklich gemacht und ihnen Trost gespendet. 
Was bedeutet der Zeit von vielen Jahrhunderttausenden gegenüber 
die geringe Zeitspanne, die wir überblicken können, was dem unab- 
sehbaren Heere der Toten gegenüber, die sich einst wie wir gefreut 
haben und gleich uns elend waren, das Häuflein Menschen, das 
jetzt über das Antlitz der Erde krabbelt? Es ist unmöglich, daß die 
Kulturmenschheit in drei Generationen alles so radikal abgeworfen 
hat, was sie durch Äonen mit sich getragen hatte. Was nun aber 
den modernen aufgeklärten Europäer betrifft, so ist zu sagen, daß 
wir zwar in narzißtischer Einschätzung glauben, den Höhepunkt 
der Kultur erreicht zu haben und auf alle barbarischen Rassen 
herabsehen zu können, aber keinen untrüglichen Beweis dafür zu 
geben vermögen. 1 Es ist lediglich eine Standpunktsache, was man 

1) Es ist gewiß nicht Bescheidenheit, die der aufgeklärte Europäer an den 
Tag legt, wenn er seine religiöse Meinung als Glaube, die der anderen als Aber- 
glaube, seine Idole als Götter und die der anderen als Götzen bezeichnet. 



164 Die Unheimlichkeit fremder Götter und Kulte 



unter dem Fortschritt der Kultur versteht. Unlängst erst las ich, 
wie ein verblendeter Muslim den Gang der Kultur auffaßt. Er 
schreibt nämlich, der Fortschritt der Weltgeschichte sei dreimal 
verloren gegangen, einmal in der Schlacht bei Marathon, zum 
zweiten Male, als Karl Martell die Araber schlug, zum dritten 
Male, als das von den Türken belagerte Wien entsetzt wurde. 
Aber auch von dergleichen allgemeineren Gesichtspunkten abge- 
sehen, haben wir gerade in der Psychoanalyse gelernt, die Aussagen 
des „aufgeklärten" Europäers vorsichtiger abzuschätzen. Er behauptet 
hartnäckig, daß die frühe Kindheit keine Sexualität kenne; leugnet, 
daß er andere als von der Moral gebilligte sexuelle und egoistische 
Wünsche hege, und ist überhaupt fest davon überzeugt, Herr über 
sein Seelenleben zu sein. Die Psychoanalyse teilt diesen Glauben 
nicht, obwohl er allgemeine Geltung beansprucht, und die Erfahrung 
hat gezeigt und zeigt es jeden Tag, wie berechtigt dieses ihr Vor- 
urteil ist. Wir sind gerne bereit, zuzugestehen, daß es ungezählt 
viele Menschen gibt, welche in den erwähnten Situationen keinerlei 
unheimliches Gefühl verspüren. Wir schränken die zahlreichen 
Ausnahmen freilich wieder ein, wenn wir darauf hinweisen, daß 
viele Menschen sich nicht gerne dazu verstehen werden, sich dieses 
Gefühl, das sie als kindisch ansehen, einzugestehen, weil sie es 
mit der eigenen Persönlichkeit nicht gut vereinbaren können. Wir 
werden ferner erwähnen, daß sich das Unheimlichkeitsgefühl weit 
weniger oft und sicher weniger bemerkbar gegenüber den Gottheiten 
und Kulten der großen monotheistischen Religionen einstellt, an deren 
Vorstellungen und Bräuche wir durch Schule und Umgebung gewöhnt 
sind; daß aber eine Abänderung dieser Situation leicht einen günsti- 
geren Boden für die so fremdartige Reaktion schaffen kann. Wenig- 
stens gestehen Forschungsreisende und Missionäre, verständige und 
beherzte Männer, manchmal freimütig, sie hätten sich eines Gefühles 
der Unheimlichkeit nicht erwehren können, wenn sie etwa zum 



Die Unheirrdichkeit fremder Götter und Kulte 165 

erstenmal dem Geheimkult der afrikanischen oder australischen 
Männer beiwohnen durften. Wir werden uns später fragen, ob der 
Hinweis auf die Fremdartigkeit und Neuheit des Gesehenen zur 
Erklärung der sonderbaren Gefühlserscheinung ausreichend sein kann. 
Individuelle Verschiedenheiten in Bezug auf Temperament und 
Charakterzüge, Erziehung und Umwelt, Erfahrung und Bildung 
werden gewiß gerade hier eine besonders beachtenswerte Bolle 
spielen, dennoch werden wir uns alle an irgendeine, vielleicht 
weit zurückliegende Gelegenheit erinnern, da wir gegenüber den 
Darstellungen fremder Gottheiten Gefühle verspürt haben, die wir 
als unheimliche bezeichnen müssen, wenn wir sie auch lieber 
anders nennen würden. Ägyptische Götterstatuen in ihrer ernsten 
Feierlichkeit und Strenge, mit ihren sonderbaren, uns unverständ- 
lichen Symbolen, Buddhadarstellungen der Gandharaschule, die uns, 
die Hände über dem dicken Bauch gefaltet, rätselhaft ruhig und 
selbstzufrieden anblicken, Götzenmasken afrikanischer oder australi- 
scher Wilder mit entsetzlich verzerrten Zügen haben uns wohl 
hie und da einen solchen Eindruck gemacht, der mehr oder weniger 
nachhaltig gewesen sein und je nach persönlicher Veranlagung und 
Stimmung eine verschiedene Intensität erreicht haben mag. Manche 
von uns werden berichten können, daß auch Zeremonien von be- 
stimmtem Charakter in ihnen ein fremdartiges Gefühl wachriefen, 
das wir nur als Beaktion der Unheimlichkeit zu beschreiben ver- 
möchten. Der Freidenker mag solchen Empfindungen ferner stehen ; 
es werden sich Qualitäten anderer Art mit dem so beschriebenen 
Gefühl vermengen, Überlegenheitsgefühle und Spottlust sich da- 
neben bemerkbar machen und es überwinden, aber er wird sich 
der Unheimlichkeit bestimmter religiöser Eindrücke nicht völlig 
entziehen können. Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten. 
Mancher religiös Indifferente wird, wenn er nur aufrichtig genug gegen 
sich selbst ist, mit Überraschung konstatieren, daß das Anwesendsein 



166 Die Unheimlichheit fremder Götter und Kulte 



bei Zeremonien jener Religion, zu deren Gläubigen er sich nur 
formell zählt, gelegentlich genau jene Gefühle der Unheimlichkeit 
wachruft, die Frömmere oder mit der eigenen Konfession Ver- 
trautere nur gegenüber fremden Religionen hie und da in sich 
beobachten können. Wenigstens habe ich von atheistischen Katho- 
liken — sit venia verbo — die seit früher Kindheit niemals Notiz 
von ihrer Religion genommen haben, gehört, daß bei einem ge- 
legentlichen Kirchenbesuch das Meßopfer neben Gefühlen des 
starken Widerstrebens jene Unbehaglichkeit des Unheimlichkeits- 
gefühls in ihnen ausgelöst hat. Juden, die in religiös indifferenter 
Umgebung aufgezogen wurden und einen Tempel höchstens in 
früher Kindheit betreten haben, bezeugen, daß das Küssen und 
Aus- und Ankleiden der Thorarolle, das Schof arblasen am Neujahrs- 
feste ihnen neben dem Eindruck des Grotesken abwechselnd den 
des Unheimlichen erweckte. 1 Man wird also nicht annehmen, daß 
religiöse Indifferenz oder intellektuelle Ablehnung jedes religiösen 
Glaubens und seiner Formen eine ausreichende Gewähr gegen: 
dergleichen Gefühlsreaktionen bieten. Wir erinnern uns daran, daß 
die Psychoanalyse bei einer bestimmten Gruppe von Menschen 
ähnlich befremdende Gefühle gefunden und ihr Zustandekommen 
erklärt hat: ich meine die Zwangskranken, die sich oft neben ihrer 
religiös freien Anschauung in ihrem Aberglauben, dessen Unsinnig- 
keiten und Unlogik sie wohl durchschauen, eine Art Privatreligion 
geschaffen haben. Freud hat in der Analyse einer Zwangsneurose 
nachdrücklich darauf hingewiesen, daß diese Nervösen sich in diesem 
Punkte so verhalten, als hätten sie zwei gesonderte Überzeugungen. 2 

1) Selbst Mephisto kann sich in der klassischen Walpurgisnacht eines 
leisen Grauens beim Anblicke der Sphinx nicht erwehren. Manchem Be- 
sucher der kolossalen Figur des Moses von Michelangelo wurde bei längerer 
Betrachtung nach eigenem Zeugnis unheimlich zumute. 

2) Freud, Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose in 
„Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre". 3. Folge. 



Die Unheimli chkeit fremder Götter und Kulte 167 

So leistet sich ein Zwangsneurotiker, den ich beobachtete 
und dessen Verwerfung jedes Kirchenglaubens sich in unzweifel- 
haften Formen äußerte, den persönlichen Luxus des Dämonen- 
glaubens. Er nimmt, obwohl ungewöhnlich klug und gebildet, 
manchmal an, daß dieser oder jener Dämon ihm dieses Malheur 
geschickt hat, glaubt an Verzauberung, trägt Amulette und ver- 
schwendet in manchen Stimmungen Zeit, Arbeit und Geld auf 
die Ausführung ausgedehnter Schutzmaßregeln gegen die bösen 
Einflüsse der Dämonen, über die er sich zu anderer Zeit selbst 
lustig macht. Lichtenberg hat wohl aus eigener Erfahrung die 
Einsicht geschöpft, daß man nicht an Gespenster glauben müsse, 
um sich vor ihnen zu fürchten. Eine junge intelligente Bank- 
beamtin, die in einem zelotisch frommen jüdischen Milieu erzogen, 
sich von der Religion ihrer Eltern völlig losgelöst hat und atheisti- 
sche Überzeugungen vertritt, ist dagegen eine „erbitterte" An- 
hängerin theosophischer Ideen, erwartet das Heil von Atemübungen, 
singt begeistert religiöse Hymnen bei den Andachtsübungen einer 
Großstadtsekte, hält sich durch das Schlucken von Weizenkörnern 
für geweiht und macht den ganzen Hokuspokus des Mazdasnan 
mit, dessen Wertlosigkeit sie doch klar zu erkennen vermag. 
Denken wir daran, daß der Aberglaube eine Art herabgesunkener 
Religion — oder die Religion vielmehr ein Stück emporgehobenen 
Aberglaubens — darstellt, berücksichtigen wir also die historischen 
Momente und lassen wir es nicht außer Acht, daß die Grenzen 
zwischen den nervös Erkrankten und den Gesunden fließende sind, 
so werden wir erkennen, daß der offizielle Unglaube der gebildeten 
Oberschicht sich mit einem inoffiziellen, verleugneten Glauben, 
den wir als ein Relikt aus der Vergangenheit erkennen, gut ver- 
trägt. Beispiele wie die früheren, denen jeder Analytiker aus seiner 
Praxis zahlreiche andere anreihen kann, tragen gewiß zu der Über- 
zeugung von der weitgehenden Unabhängigkeit religiöser Gefühle vom 



168 Die Unheirrdichkeit fremder Götter und Kulte 



intellektuelle* Niveau des Einzelnen soweit bei, daß wir zu unserer 
anfanglichen Behauptung zurückkehren können. Wir werden dies 
nnt ruhigem Gewissen umsomehr tun, als wir nochmals betonen, 
daß die Empfindlichkeit gegen die Qualität des Unheimlichen 
■individuell verschieden ist. Fügen wir noch hinzu, daß das so 
benannte Gefühl sich - ceteris paribus - gegenüber fremden 
Religionen umso eher einzustellen pflegt, je größer die kulturelle 
Distanz zwischen dem eigenen und dem fremden Glauben ist oder 
vielmehr zu sein scheint, und je stärker man die primitivere und 
zurückgebliebene Stufe der letzteren zu erkennen glaubt. Damit 
kann man ungezwungen das analoge Gefühl des areligiös gewordenen 
Erwachsenen gegenüber der Kinderreligion vergleichen. 

Nun ließe sich freilich die Ansicht vertreten, das Gefühl 
des Unheimlichen rühre von der Neuartigkeit und Fremdheit her 
welche Eindrücke, Riten und Gottheiten fremder Religionen uns' 
vermitteln. Der Ethnologe, der etwa die primitiven Glaubens- 
vorstellungen und Zeremonien der Bantuneger und Masai studiert 
hat, wird vielleicht kein unheimliches Gefühl verspüren, wenn er ' 
einmal m die Lage kommt, einer solchen Zeremonie persönlich 
beizuwohnen. Wir wollen kein Gewicht darauf legen, daß trotz 
aller Kenntnis gerade dieser Fall nicht selten eintritt, sondern 
vorerst zugestehen, daß diese Erklärung des Unheimlichen gut 
Mmgt; aber es wäre doch unpsychologisch und oberflächlich, sogleich 
anzuerkennen, daß die Neuheit als solche darüber entscheidet ob 
etwas als unheimlich verspürt wird oder nicht. Jener Forscher 
der kein unheimliches Gefühl beim Anblick der ihm nur aus dem 
Studium bekannten Riten der Masai in sich wahrgenommen hat 
kann, m die Heimat zurückgekehrt> eine ^^ besuchend> ^ 

Anblick der ihm um soviel genauer bekannten Zeremonien der 
eigenen Religion ein intensiv unheimliches Gefühl verspüren. Und 
doch hat er in der Kinderzeit oft dem Gottesdienst beigewohnt und 



Die Unheimlichkeit fremder Götter und Kulte 169 

man kann nicht sagen, daß die Neuheit des Gesehenen jenen Eindruck 
hervorgebracht hat. Verweisen wir noch auf die bekannte Tatsache, 
daß der eigene Gott dem Gläubigen unter bestimmten Bedingungen 
ebenso unheimlich werden kann, wie der einer zeitlich und kulturell 
weit entfernten Sphäre, so wird man zugestehen, daß andere Mo- 
mente über das Unheimlichwerden von religiösen Vorstellungen 
und Zeremonien entscheiden. 

Freud hat das Unheimliche als jene Art des Schreckhaften 
beschrieben, das auf das Altbekannte, Längstvertraute zurückgeht; 
das Heimliche, Bekannte ist durch Verdrängung dem Ich entfremdet 
worden und seine Wiederkehr wird als unheimlich gefühlt. 1 Wir 
werden, wenn wir die Freudsche Erklärung nun auf die Tatsachen 
des religiösen Lebens anwenden, verstehen, warum Gefühle solcher 
Art nicht oder nur unter gewissen Voraussetzungen auftreten können. 
Der Gläubige wird dem eigenen Gott gegenüber in der Regel keine 
unheimlichen Gefühle in sich finden können. Die Gegner unserer 
Anschauung können freilich gerade hier einwerfen, daß der eigene 
Gott uns vertraut sei und die Fremdheit die unerläßliche Vor- 
bedingung unheimlicher Gefühle bilde. Indessen wird es uns nicht 
allzuschwer, sie zu widerlegen: auch der eigene Gott kann, wie 
bereits erwähnt, tief unheimlich werden, wenn der Zweifel ein- 
gesetzt hat, der Zweifel, welcher das Initialstadium der Überwindung 
auf religiösem Gebiete genannt werden kann. Die Konfessionen tief 
religiöser Geister des Mittelalters und der Neuzeit legen Zeugnis davon 
ab, daß die so vertraute Gestalt der eigenen Gottheit dem mit Zweifeln 
Ringenden plötzlich im unheimlichsten Lichte erscheinen kann. 

Das Wesentlichste des Unheimlichwerdens der Gottheit liegt 
also in der Entfremdung des Vertrauten ; nicht die Bekanntheits- 
qualität ist das Entscheidende, sondern, ob der Glaube und die 

1) Das Unheimliche. Imago V. 



17° Die Unheimhchkeit fremder Götter und Kulte 



Anhänglichkeit an den Gott in voller Stärke vorhanden ist. Ein 
anderer Fall, in welchem das Auftreten unheimlicher Gefühle 
ebenfalls fehlt, ist der des wirklichen Atheisten, der keinerlei 
religiöse Bedürfnisse hat. Dieser hat. die Überzeugungen der Religion 
völlig überwunden, sie spielen keinerlei Rolle mehr in seinem 
Seelenleben. Wir wissen schon, wie wenige Menschen von sich 
behaupten können, Freidenker und Atheisten in diesem Sinne zu 
sein. Freud hat auch gezeigt, daß die Analyse der Fälle des 
Unheimlichen uns auf die Weltanschauung des Animismus zurück- 
weist, jener primitiven Weltauffassung, welche die Natur mit 
Menschengeistern erfüllt und in narzißtischer Überschätzung der 
„Allmacht der Gedanken" Zauberkräfte am Werke sieht, wo Natur- 
mächte herrschen. Das Unheimliche entsteht im Zusammentreffen 
mit Ereignissen oder in solchen Situationen, welche die von uns 
urteilsmäßig bereits überwundene animistische Überzeugung zu 
bestätigen scheinen. Der Kulturmensch ist der Überwindung der 
animistischen Anschauungen noch nicht sicher; der Glaube an ein 
Wirken Gottes selbst stellt ja die letzte Entwicklung der animisti- 
schen Anschauung dar. 

Den früher angeführten Beispielen sei noch ein weiteres 
angereiht, das zeigt, wie noch manches von dieser alten Erbschaft 
aus der Kinderzeit und aus der frühen Menschheitsgeschichte in 
uns spukt, das wir längst erledigt glaubten. Ein junges gebildetes 
und kluges Mädchen, das in atheistischer Umgebung erzogen war 
und sich selbst für völlig glaubenslos hielt, besuchte in einer 
fremden Stadt eine Kirche, die ihm als künstlerisch wertvoll be- 
zeichnet worden war. Der Gottesdienst machte auf die junge 
Dame ihrer Aussage nach keinen betonten Eindruck, aber ein 
Gefühl, über dessen Natur sie sich nicht klar werden konnte, 
zwang sie dazu, sich selbst zu geloben, die Mutter nicht mehr zu 
ärgern, ein Gelübde, das sie mit großer Gewissenhaftigkeit und 



Die Unheimlichkeit f remder Götter und Kulte 171 

Selbstüberwindung hielt. Nun wird man trotz ihrer Versicherungen 
kaum annehmen, daß das Gelübde ihr rein zufällig eingefallen sei, 
sondern gerade das Zusammentreffen mit dem Wiederaufleben der 
für überwunden gehaltenen Überzeugung, daß es eine unsichtbare 
Macht gäbe, bereit, Unrecht zu strafen und zu rächen, damit zu- 
sammenhalten. Man kann in unserem Fall dem Zweifel Raum 
geben, wieweit ein solcher Fall dem Gebiete des sogenannten 
„gesunden Seelenlebens" angehört; ich verweise deshalb auf Er- 
scheinungen, die allgemein bekannt, ungewöhnliche Momente 
ausschließen. Es sind dies jene Fälle, in denen sich Personen, die 
ihre religiöse Ungebundenheit erklärten, in Stunden der Gefahr 
oder wichtiger Entscheidungen selbst geloben, religiöse Opfer zu 
bringen, ja sogar minutenweise — z. B. im Gebet — zum Glauben 
ihrer Kinderzeit oder seinem Ersatz zurückzukehren. Sie zeigen, 
' wie wenig gefestigt die Überzeugung von der Unhaltbarkeit jeder 
Religion beim Kulturmenschen noch immer ist. "Wir ziehen ferner 
jene Fälle von partiellem Atheismus hierher, die in Großstädten 
so häufig sind. Eine große, überraschend große Anzahl von Menschen, 
die nachdrücklich ihren Unglauben betonen, scheut sich doch, 
sich an den Hauptfeiertagen ihrer Religion von deren Geboten 
zu emanzipieren. Es gibt Charfreitagskatholiken, Versöhnungstags- 
juden, und Bekenner des Islam, die nur das große Erinnerungsfest 
der Hedschra halten. Wir erkennen, daß diese Aufgeklärten, die 
nur die großen Feste halten, sich ein Reservatgebiet geschaffen 
haben, das dem der zwangsneurotischen „anderen Überzeugung 
völlig analog ist. Die Unheilserwartung, die sich bei den Frommen 
an die Unterlassung der Religionsübung überhaupt knüpft, ist hier 
auf die Vernachlässigung der Zeremonien beschränkt, welche die 
großen Feiertage auszeichnen. Die Einhaltung dieser Pflichten ist 
durch die dunkle Gewissensangst gefordert, welche den Orthodoxen 
jede Handlung und jeden Gedanken nach den religiösen Geboten 



1 7 2 Die Unheimlichkeit fremder Götter und Kulte 



regeln läßt. Die von Freud gezeigte Analogie zwischen religiöser 
Übung und Zwangszeremoniell geht so weit, daß man in manchen 
Fällen nicht sicher sein wird, ob man eine Erscheinung noch als 
Ausdruck religiösen Empfindens oder als Zwangssymptom ansehen 
soll. So gibt es Menschen, die, sonst areligiös, sich doch gezwungen 
sehen, noch immer gewisse Gebete zu sagen oder religiöse Übungen 
zu halten. Katholiken, die täglich vor dem Schlafengehen ihr 
„Vaterunser" beten, obwohl sie überzeugt sind, daß niemand sie 
hört; Juden, die an ihrem „Schema Jisroel," und Mohammedaner, 
die an ihrem salät festhalten, obwohl sie sich längst vom Glauben 
losgelöst haben. Dem Unterlassen jeder solchen Übung, die als 
zwanghaft gefordert erscheint, folgt Erwartungsangst, Unheilser- 
wartung, deren nähere Natur meistens im Dunkeln bleibt. 

Alle angeführten Beispiele haben, so different sie auch sonst 
sein mögen, den intellektuell längst überwundenen animistischen 
Glauben im Widerstreit mit späteren Überzeugungen gezeigt. Die 
alten Denkweisen äußern sich noch in dem Zweifel, ob Gott oder 
ein überirdisches Wesen existiert oder nicht, so wie sie etwa in 
anderen Fällen des Unheimlichkeitsgefühls in dem Erwägen der 
Möglichkeit, daß eine Statue lebe, zur Erscheinung treten. 1 Erst 
die Realitätsprüfung entscheidet in diesen Zweifeln, die letzten 
Endes unsere narzißtische Überschätzung der eigenen psychischen 
Vorgänge zur Voraussetzung haben. 2 



1) Wie tief die animistische Ansicht wider besseres Wissen im Menschen 
wurzelt, zeigt folgendes Beispiel: ein Patient hatte gegen unangenehme 
Gefühle anzukämpfen, als er in einer Analysestunde bemerkte, im Zimmer 
sei eine neue Goethebüste. Er erklärte zuerst geradezu, er könne nicht über 
intime Dinge sprechen, wenn eine dritte Person im Zimmer wäre. Mensch- 
liche Figuren auf Bildern oder Photographien waren ihm weniger hinderlich, 
weil sie darauf „plattgedrückt", also tot waren. 

2) Die Entwicklung der Religion knüpft an den primitiven Animismus 
an und setzt ihn fort, da sich der Primitive in der Religion des größten 



Die Unheimlichkeit fremder Götter und Kulte 175 



Die wesentlichen Züge des Unheimlichen, das durch das 
Wiederauftauchen animistischer Überzeugungen entsteht, weisen uns 
den Weg in die Vergangenheit der Menschheit. Diese Gefühls- 
qualität hat ja zur Voraussetzung, daß wir oder unsere Ahnen einst 
bestimmte Möglichkeiten für Wirklichkeiten hielten, an die Realität 
gewisser Vorgänge glaubten, denen wir jetzt den Glauben versagen. 
Die Kluft zwischen offiziellem Unglauben und inoffiziellem Glauben 
auf religiösem Gebiet erklärt sich durch den Bruch mit der eigenen 
Vergangenheit, in der noch die anirnistische (religiöse) Überzeugung 
galt, und durch Erlebnisse oder Eindrücke, welche ihr Wieder- 
auftauchen näherrücken. Wenn wir nun zum Verständnis des Un- 
heimlichkeitsgefühls gegenüber fremden Gottheiten und Kulten "auf 
die ersten Entwicklungsstufen der religiösen Entwicklung zurück- 
greifen, so bleiben wir uns bewußt, daß das Folgende notwendiger- 
weise den Charakter einer Hypothese hat, die wir gerne gegen 
eine andere vertauschen wollen, wenn sie uns nur widerspruchslos in 
sich und gegenüber den Tatsachen das Werden der Religion erklärt. 

Als ersten Versuch der gesellschaftlichen Organisation haben 
wir die Brüdergemeinschaften anzusehen, die den durch den 



Teiles seines Glaubens an die eigene Wunschkraft begibt, um sie den Göttern 
abzutreten (vgl. Freud, Totem und Tabu). Die Gottheiten aber sind selbst 
idealisierte Ebenbilder der Menschen, die an sie glauben und sie verehren. 
Und so zeugt noch die Religion in ihrer Lehre von der Ohnmacht der Menschen 
und in der Mahnung zur Demut gegenüber Gott von dem unzerstörbaren 
Glauben an menschliche Allmacht und von menschlicher Überhebung. In 
einem wesentlichen Stück des religiösen Lebens, nämlich im Gebet, bekennt 
sich übrigens der Mensch noch frei zu seinem Allmachtsglauben, da er die 
Gottheit ebenso zu bestimmen sucht wie früher die Naturgewalten. Noch 
die Wissenschaft als die letzte und oberste Entwicklung menschlicher Ge- 
dankentätigkeit hat sich nicht völlig der Fessel der alten animistischen 
Weltanschauung entraftt. Immer wieder wird uns von neuem bewiesen, wie 
anthropomorphisch wir uns das Wirken der Naturmächte, deren Anerkennung 
an die Stelle des Gottesglaubens trat, vorstellen. 






174 Die Unheimlichkeit fremder Götter und Kulte 



Totemismus geschaffenen Geboten und Verboten unterworfen waren. 1 
Ein Tier oder vielmehr eine Tiergattung wurde der Vorläufer der 
späteren Gottesfigur, eine Form, in die sich der neue Vorstellungs- 
inhalt der Gottheit fügen sollte. Die Vorsichten und die Regungen, 
die sich gegenüber diesem Tier eingestellt hatten und die sich- in 
den primitiven Satzungen des totemistischen Clans einen entspre- 
chenden Ausdruck geschaffen hatten, wurden zu Vorbildern der 
später dem Gott geltenden Gefühle. Es kann hier nicht unsere 
Aufgabe sein, das Werden und Wachsen der sozialen Gruppen zu 
verfolgen. Äußere Notwendigkeiten, wie sie das Leben erzwang, 
und innere Nötigungen, die im Wesen der wiedererstandenen Familie 
lagen, müssen zusammengewirkt haben, damit aus dem einen 
Bruderbund mehrere wurden, die alle nach dem Vorbilde der ersten 
Brüdervereinigung aufgebaut waren. Der Gott der neuen Gruppen 
aber war der alte, vermutlich der Heros, der später vergottet, die 
Züge des Vaters der Urhorde angenommen hatte; er war eine 
Abspaltung des einen Heros der Vorzeit, der sich von der Masse 
gesondert und dessen Beispiel jeder Angehörige der neuen Gemein- 
schaft unbewußt nachstrebte. 2 

Jeder Clan hatte nun seinen eigenen Gott, aber die Götter 
der einzelnen Gruppen waren einander so ähnlich wie die noch 
wenig differenzierten Menschen, die sie fürchteten und verehrten. 
Mit der langsamen Differenzierung und der allmählichen Indivi- 
dualisierung der Menschheit, wie sie klimatische, atmosphärische, 
erdgeschichtliche Faktoren, wir würden sagen, die Individualisierung 
und Differenzierung der Landschaft forderte, differenzierte sich 



1) Freud, Totem und Tabu. 

2) Über die Bedeutung des Heros für die Massenpsychologie und die 
Religionsgeschichte vgl. Preud, Massenpsychologie und Ichanalyse. Wien 
und Leipzig ig2o. 



Die Unheimlichkeit fremder Götter und Kulte 175 

auch die Gottheit, die ja nur eine narzißtische Projektion ihrer 
Bekenner darstellt. 1 

Die Individualität der einzelnen Gruppe hatte sich anfangs 
noch nicht scharf von der der anderen abgegrenzt. Der Angehörige 
des Stammes glaubte an den Gott, von dem ihm seine Väter erzählten, 
von dem er seinen Ursprung ableitete und der der Schutzgeist 
seiner Gemeinschaft war; er zweifelte aber deshalb keineswegs 
daran, daß der Gott des Nachbarstammes ebenso wirklich und 
zu fürchten war, und hegte kein Bedenken, ihm Opfer zu 
bringen, wenn er sein Gebiet betrat, sowie ihm seine Verehrung 
zu bezeugen. Diese Art der Anschauung erinnert an den Brauch 
der Kinderstube, wo die Kinder allen Freunden und Bekannten 
der Eltern „Onkel" und „Tante" sagen sollen. 2 

1) Es ist aus Obigem ersichtlich, daß die Hypothese einer Urheimat 
der Menschheit und die ihres einstämmigen Ursprungs sowie der allmählichen 
Entstehung der Rassen durch Spezialisierung, wie sie von fast allen ernst- 
zunehmenden Forschern angenommen wird, als richtig vorausgesetzt wird. 

2) Die Spuren ähnlicher „genereller" Auffassung als Vorstufe einer 
individualisierenden zeigen noch die Verwandtschaftsbezeichnungen der austra- 
lischen Sprache. Die Männer der meisten australischen Stämme nennen „Vater" 
jeden Mann, der ihr Vater hätte werden können, „Mutter" jede Frau, die 
ihre Mutter hätte werden können. Freud hat in „Totem und Tabu" (S. 8) auf 
die Ähnlichkeit dieses klassifizierenden Systems mit dem Brauch in der 
Kinderstube hingewiesen. Die von den Forschern eifrig diskutierte Frage 
eines Urmonotheismus (Andrew Lang 'Myth, Ritual and Belief.' 'The 
Making of Religion.' London 1909. 5. edit. 'Magic and Religion.' London 1901; 
P.Wilhelm Schmidt, „Der Ursprung der Gottesidee." 1912) wird hier 
außer acht gelassen. Auf den Unterschied zwischen einem primitiven Heno- 
theismus als einer frühen Form und einem sich später entwickelnden Mono- 
theismus bei den Hebräern hat Robertson Smith hingewiesen ('The 
Prophets of Israel.' p. 60-63) King Irving ('The Development of Religion,' 
New York 1910. p. 26g und 275) hat den Unterschied als einen solchen zwischen 
einem „psychologischen" und einem „metaphysischen" Monotheismus for- 
muliert. Die Verehrung eines Stammesgottes 'may easily completely fill the 
horizon of his worshippers. He may be psychologically identical with the 




Man darf dieses Stadium der Religionsentwicklung, dessen 
Spuren sich bei den Primitiven jetzt noch finden, dahin charakteri- 
sieren, daß die Menschen praktisch Henotheisten, theoretisch Poly- 
theisten waren. Überblicken wir noch einmal die Entstehung der 
Stammesgötter, so werden wir behaupten können, der fremde Gott 
war einmal zugleich der eigene. Die Spuren der Anerkennung der 
Existenz und der Wirkung der fremden, eigentlich entfremdeten 
Gottheit als Zeugnisse der ursprünglichen Identität mit der eigenen 
finden wir noch spät. Rom adoptierte noch nach dem zweiten 
panischen Kriege den Kult der Kybele. Die Römer baten die 
Götter ihrer Feinde, ihre eigenen Armeen zu unterstützen und in 
ihr Lager überzugehen. Nach Eroberung einer Stadt opferten sie 
den fremden Göttern in deren Tempeln. Im antiken Israel zweifelte 
niemand daran, daß Kamos, der Gott der Moabiter, ebenso lebt wie 
Milkom, die Gottheit der Ammoniter, daß die Astarte der Sidonier 



one infinite God of some of the higher culture religion' (270). Die Ent- 
wicklung einer henotheistischen Auffassung zu einer monotheistischen Kon- 
zeption stellt sich dieser Forscher so vor, daß äußere Ereignisse von 
entscheidender Wirkung sind: 'If for any reason the tribal limits are broken 
down, the tribal deity may be transformed quite naturally into one of a 
truly monotheistic type, provided the attitude of which he is the expression, 
are stable enough to survive the shok.' Bedeutungsvoll für unser Thema* 
erscheint der Gegensatz eines sehr relativen nationalen Monotheismus der 
Vorzeit zu einem absoluten „imperialistischen" Monotheismus der Zeit der 
höchsten Entwicklung, wie ihn Amadee Matagrin (Histoire de la Tolerance 
religieuse. Paris. 1905. S. i 9 - 21 ) bei den Israeliten nachgewiesen hat. Das 
8. Jahrhundert vor Chr. hat durch dieses neue Moment einen Umschwung 
gebracht. „Bientot, sous l'inspiration originale d'Isaie et jle Jeremie, le mono- 
theisme israelite de „nationaliste" devint, s'il on peut dire, „imperialiste"- ■ 
ces nouveaux prophetes affirmeront, que leur dieu etait le dieu unique ä 
qui tous les peuples devront se convertir. Cette transformation du culte '' 
national et politique en une religion universellement sociale realisait evi- 
demment une des conditions indispensables a l'avenement de l'intolerance 
proprement dite . .." (S. 21.) 



r 



Die Unheimlichkeit fremder Götter und Kulte 177 

nicht minder wirklich ist wie Melkart von Tyrus, daß alle diese 
Gottheiten ehenso existieren wie Jahweh. Jephtah sagt dem Amoniter- 
könig im Buche der Richter 1 1 : „Euer Gott ist Kamos, ihr besitzt 
von ihm euer Land und wir besitzen von Jahweh unser Land." 

Das beste Zeugnis für die Berechtigung der Annahme einer primi* 
tiven Stufe der Religionsentwicklung, auf der sich der fremde Gott 
nur wenig vom eigenen unterschied, wird durch die späten Erschei- 
nungen des Synkretismus und der Äquivalenz gebildet. Die Religions- 
geschichte und die vergleichende Religionsforschung liefern uns eine 
Fülle von Beispielen, die von einem primitiven synkretistischen Ver- 
such bis zum ausgearbeiteten, philosophisch fundierten System der 
Gleichsetzung aller Gottheiten und Dogmen führt. 1 

Die Assimilierung der etruskischen Götter an die römischen 
(Tinia und Jupiter, Thelma und Juno, Summanus und Pluto), das 

1) Als ein Beispiel der synkretistischen Verschmelzung sei die Religion 
Syriens gewählt, bevor die Römer mit diesem Lande in Beziehung traten. 
Die früheren partikularistischen und nationalen Religionen, die den ver- 
schiedenen Baalim galten, waren der Verehrung von großen „Allgottheiten" 
gewichen, die oft widersprechende Attribute besaßen und entgegengesetzte 
Punktionen verwalteten. Eine in Britannien aufgefundene Inschrift identifiziert 
die große syrische Liebesgöttin mit Pax, Virtus, Geres, der Göttermutter und 
der Jungfrau. Der Name eines Baal Hadad wurde auf Grund einer abstrusen 
Ethymologie zur Bedeutung „Einer" (adad) emporgehoben. Der Synkretismus 
der babylonischen Religion gehört hierher: Marduk wurde erst unter Hamurabi 
zum Reichsgott; erst in dieser Zeit übertrug man auf ihn die Attribute Anus, 
Inlils, Eas, Sins, Samas. In den Neujahrsriten von Babylon wird Marduk so 
angeredet : 

„Nennt man dich nicht Nabu ? Wohnst du nicht in Borsippa ? 

Nennt man dich nicht Zamama ? Wohnst du nicht in Kis ? 

Nennt man dich nicht Nergal ? Wohnst du nicht in Kutha ?" 

Die Aussprüche hervorragender Römer der Spätzeit lassen eine Art 
philosophischen und toleranten Synkretismus erkennen. „Die Hellenen", sagt 
Themistius zum Kaiser Valens, „haben einhundert Weisen, die Gottheit auf- 
zufassen und zu ehren, die sich über diese Verschiedenheit der Huldigungen 
freut." 

12 Reik 



178 Die Unheimlichkeit fremder Götter und Kulte 

Nebeneinander der großen peruanischen Naturvölker der Antike 
(Viracocha, Pachacuna etc.) und des solaren Pantheons der Inkas, 
die bekannte Gleichsetzung der griechischen und römischen Gott- 
heiten, Cäsars Analogie zwischen den Göttern der Gallier und denen 
Roms, Herodots Vergleich zwischen den ägyptischen und griechischen 
Göttern und viele andere Fälle wären hier anzuführen. Der Syn- 
kretismus der römischen Herrschaft vor Konstantin ist wohl die 
bestbekannte religiöse Erscheinung dieser Art. In diesen Phänomenen, 
deren soziale und politische Voraussetzungen die Forscher klar- 
stellten, 1 wird ersichtlich, daß die Identifizierung der Gottheiten 
und Riten verschiedener Nationen und Länder auf eine ursprüngliche 
Identität zurückgeht. Im allmählichen Zusammenfließen heterogener 
Gottheiten und in der Koexistenz ihrer Kulte und Dogmen wieder- 
holen diese Bildungen auf höherem Niveau und unter sehr ver- 
änderten Umständen Vorgänge der viele Jahrtausende vorausliegenden 
Entwicklung der Religion. 



1) Den obigen Ausführungen mag eine schematische Entwicklungs- 
geschichte der religiösen Anschauungen beigefügt werden: Henotheismus der 
Brüderbünde-Gottheiten der einzelnen Clans, die durch Differenzierung aus 
der Brüdergemeinschaft entstanden (Abspaltungen der ersten Gottheit), primi- 
tiver Synkretismus durch Zusammenschluß, Vermischung mehrerer Clans 
und Verbindung zu einer höheren Organisation (Stamm, Volk, Staat) etc. — 
primitiver Monotheismus, durch Vorherrschaft eines Stammes bedingt, dessen 
Gottheit(en) nun das ganze Volk als die oberste anerkennt — imperialistischer 
Monotheismus, der nur die eigene Gottheit gelten läßt und die fremden 
ablehnt. — Wir haben bereits betont, welche Rolle in diesem Entwicklungs- 
gang politische und soziale Momente spielen. Franz Cumont (Die orientali- 
schen Religionen im römischen Heidentum. S. 2g) möchte behaupten, „daß 
die Göttermischung eine notwendige Folge der Rassenmischung gewesen sei, 
daß die Gottheiten der Levante den großen kommerziellen und sozialen 
Strömungen folgten und ihre Ansiedlung im Okzident eine natürliche Begleit- 
erscheinung der Bewegung war, welche den Bevölkerungsüberschuß der 
asiatischen Städte und Fluren nach den weniger dicht bewohnten Ländern 
führte". 



Die UnheimLichkeit fremder Götter und Kulte 179 

Es waren hier wie dort vorwiegend soziale Ereignisse, die 
dann wieder die schärfere Differenzierung und Individualisierung 
der Gottheiten sowie die bestimmte Hegemonie einer Religion 
bewirkten. Erst mit dem Jahrhunderte dauernden Prozeß der Ab- 
lösung voneinander und der Differenzierung der Stämme und 
Staaten veränderte sich unter dem kombinierten Eindruck großer 
kultureller Fortschritte und vitaler Notwendigkeiten das Verhältnis 
des Einzelnen und der Masse zu den Göttern des eigenen und des 
fremden Stammes. 

Der eine Clan schritt in dieser Frühzeit, von vorzüglichen 
lokalen Faktoren und daraus ableitbaren besseren Lebensbedingungen 
begünstigt, kulturell rascher vorwärts; der andere folgte gehemmt 
durch Schwierigkeiten verschiedener Art oder entwickelte sich in 
anderer, letzten Endes durch die Landschaft bedingter Richtung. 
Mit dem Kulturfortschritt und den Verdrängungsverstärkungen, 
worauf er ruht, wurde auch der Gottesbegriff sublimiert; schon 
verlor der Gott des einen Stammes die roheren, kraß grausamen 
und blutrünstigen Züge, die dem des anderen noch anhafteten, 
allmählich wurde er — ein treues Spiegelbild seiner Anhänger, 
deren Geschöpf er war — zivilisierter, die ihm zugeschriebenen 
Gebote und Verbote, die ihm gewidmeten Kultübungen und religiösen 
Zeremonien paßten sich dem von seinem Stamme erreichten kultu- 
rellen Niveau an und erhalten allmählich einen höheren Sinn. 
Nun aber erkannte er in dem zurückgebliebenen Gotte des Nachbar- 
stammes nicht mehr sich selbst wieder, hielt ihn nicht mehr für 
seinesgleichen; seiner eigenen Vorzeit entfremdet, trat ihm in dem 
fremden Gott die Karrikatur des eigenen Ich entgegen, wie es früher 
war und das er als Fremdes empfand. Die Nervösen benehmen sich 
ähnlich, wenn die Analyse sie dazu anhält, die ihnen anhaftenden 
infantilen Eigenheiten anzuerkennen und ihre verdrängten Trieb- 
regungen als eigene zu agnoszieren; jede Analyse zeigt, daß die 
12» 



Die Unheimlichkeit fremder Götter und Kulte 



Abwehr dieser Agnoszierung einem Nichtkennenwollen entspricht 
und daß insbesondere Strebungen von narzißtischer Art die Anagno- 
risis verhindern. 1 Der Prozeß der Entfremdung zeigt sich z. B. darin, 
daß die Propheten Israels gegen den Baum- und Steinkult, der 
früher einmal des Volkes heiligstes Besitztum war, eiferten; Moses 
zertrümmert den jungen Stier, der einst Israels göttliches Totemtier 
gewesen. Mohammed wendet sich scharf gegen den altarabischen 
Götzendienst, an den auch er einmal geglaubt hatte. Hatte noch 
Elias nicht daran gezweifelt, daß Baal lebe und nur beweisen wollen, 
daß sein Gott mächtiger sei als der der Kanaaniter, so sahen die 
Propheten der späteren Zeit schon in den Göttern der „Heiden" 
eitel Trug und Blendwerk. Der Vorgang der Ichspaltung, durch 
den Gott in seiner roheren primitiveren Gestalt von der eines höheren, 
später erreichten Kulturniveaus geschieden wurde und durch den 
die wesentliche Identität beider Gestalten aufgehoben war, bildet 
die Voraussetzung dafür, daß die Gefühlsqualität des Unheimlichen 
gegenüber fremden Gottheiten eintreten kann. 

Es wird uns nicht entgehen, daß, was wir hier als die Ent- 
wicklung der Beziehungen zum eigenen und zum fremden Gott 



1) Der Eindruck des Unheimlichen verschwindet, wenn der Erkrankte 
Verdrängtes als Stücke seiner eigenen Persönlichkeit wiedererkennt und ihm 
den lange verwehrten Eingang in sein Bewußtsein wieder erlaubt, kann sich 
aber erneuern, wenn die Verdrängungsmächte stark genug werden, solches 
Wiedererkennen zu verweigern. Freud hat daraufhingewiesen (Das Un- 
heimliche. Imago 1920), daß die Psychoanalyse selbst durch ihre Tätigkeit 
der Bewußtmachung des Verdrängten vielen als unheimlich erscheint. Man 
darf sich der Hoffnung hingeben, daß der Widerstand gegen die Psycho- 
analyse schwinden wird, wenn erst die offiziellen Vertreter der Forschung 
sie als wissenschaftliche Erfassung von Einsichten erkannt haben, welche 
die Menschheit schon früh in dumpfer Art besessen hat, aber sich nicht 
einzugestehen wagte. Immer zahlreicher werdende Anzeichen der Gegenwart 
zeugen in mehr oder minder erfreulicher Form von dieser allmählichen 
wissenschaftlichen „ Anagnorisis" . 



Die Unheimlichkeit fremder Götter und Kulte 



löi 



geschildert haben, uns auf die Evolution des Gottesbegriffes in der 
eigenen Gruppe zurückführt. Dies ist uns verständlich, da der Gott 
des fremden Stammes sowohl der Herkunft als der Art nach einmal 
der des eigenen Stammes war. Wir haben uns allzusehr daran 
gewöhnt, die Religion als ein starres Gebäude anzusehen und ihr 
den Charakter eines stetig Werdenden und Organischen abzusprechen. 
Allein wie wenig hat die große Organisation der Kirche des aus- 
gehenden Mittelalters mit dem Urchristentum, wie wenig der Islam 
unserer Tage, wie er sich durch die Reform al Ghazalis und Mirza 
Ali Mohammeds entwickelte, mit dem Glaubensbekenntnis des 
ersten Propheten gemein ! Wie sehr unterscheidet sich die römische 
Bauernreligion der Frühzeit von der Religion eines Boethius, wie 
sehr das Protestantentum der gegenwärtigen liberalen Theologie 
von der religiösen Vorstellung Luthers! Die Entfremdung von der 
eigenen Vorzeit, der unausbleibliche Bruch mit der Vergangenheit 
unter dem Drucke starker Tendenzen aus den Ichtrieben enthält 
bereits alle Keime der künftigen Entwicklung in sich. 

Wir haben bemerkt, daß die Unheimlichkeit fremder Gott- 
heiten aus dem Rückgreifen auf einzelne Phasen in der Ent- 
wicklungsgeschichte des Ichgefühles der Völker resultiert, daß es 
sich um eine Regression in Zeiten handelt, da das einzelne Volk 
und sein Gott sich noch nicht scharf von andern abgetrennt hatte. 
Der Gottesbegriff ist aber als die größte narzißtische Projektion der 
Massen für das jeweilige Ichideal des Stammes charakteristisch. 
Das böse Wort Spinozas, daß die Dreiecke, wenn sie einen Gott 
hätten, ihn sich „hervorragend dreieckig" vorstellen würden, gibt 
diesem Tatbestand den besten Ausdruck. 

Sehen wir die Götzenbilder fremder Völker oder die Götter- 
statuen exotischer Kulturen, so mag uns wohl ein unheimliches 
Gefühl beschleichen, da das Neue, das uns da entgegentritt, ein 
entfremdetes Altvertrautes ist, das anzuerkennen wir uns sträuben. 



. 


i8a 


Die 


Unheimlichkeit fremder 


Götter und Kulte 




So oder 


ähnlich sahen 


die 


Götter oder 


Götzen aus, 


an die 


unsere 



, _„ u ^w U.MBV1C 

Ahnen glaubten. Das Zusammentreffen mit dem Entfremdeten also 
ist es, das uns die Gottheiten unheimlich macht. Aus der Fülle 
der Beispiele, die sich uns an dieser Stelle aufdrängen, seien 
wenige herausgegriffen, die erkennen lassen, daß die von uns ge- 
gebene Erklärung uns das Unheimlichkeitsgefühl gegenüber fremden 
Gottheiten verständlich macht: als die Spanier unter Cortez Mexiko 
betraten, um die Wilden durch Niedermetzeln davon zu über- 
zeugen, daß nur in der Kirche das wahre Heil liege, verspürten 
sie das höchste Gefühl der Unheimlichkeit, als sie in den Tempeln 
das Bild der Schmerzensmutter Cicuacoatl mit der Schlange sahen; 
sie hörten, daß man die Göttin als „unsere Jungfrau und Mutter", 
„die erste Göttin, welche gebar", „durch welche die Sünde in die 
Welt kam", bezeichnete. 1 Der Erlösergott Quetzalcoatl, der geheimnis- 
voll gekommen, über Anahuac geherrscht und geheimnisvoll ver- 
schwunden war, nachdem er sein Erscheinen in einer künftigen 
Zeit vorausgesagt, erinnerte die Spanier an die verehrteste Gestalt 
ihrer Beligion. Die Eroberer fanden das Dogma der Fleischwerdung 
und der Dreieinigkeit vor, hörten zu ihrem Erstaunen von Beichte 
und Bußgebräuchen, sahen das Kreuz in den Tempeln Anahuacs 
aufgerichtet und beobachteten eine religiöse Zeremonie, in der die 
Azteken ein Götzenbild ihrer Schutzgottheit aus Maismehl mit 
Blut vermischt unter das Volk verteilten, das beim Genuß der- 
selben „Zeichen der Demut und Niedergeschlagenheit gab, indem 
es dasselbe für das Fleisch der Gottheit erklärte". Mit demselben 
Gefühl waren die Spanier Zeugen der Taufe, wobei nach einer 
feierlichen Anrufung Kopf und Lippen des Kindes mit Wasser 

l) Torquemada, nicht zufrieden mit dem Bericht seiner Vorgänger, 
dessen Handschrift ihm vorlag, sagt, daß die mexikanische Eva zwei Söhne' 
hatte, Kain und Abel (William H. Prescott, Geschichte der Eroberung 
von Mexiko. Übers. Leipzig 184,5, H, Band, S. 437). 



berührt wurden. Wenn man sich die Frage vorlegt, worauf die 
Gefühle der Unheimlichkeit wohl zurückgehen, welche die Offi- 
ziere und Soldaten des Cortez bei diesen Zeremonien verspürten, 
kann . unsere Erklärung nur zum Teil als ausreichend angesehen 
werden. Bei der Feier des aztekischen „Abendmahles" resultierte 
wohl ein Stück Unheimlichkeit aus dem Zusammentreffen mit der 
roheren, überwundenen Vorstellung des Gottesessens, aus der sich 
das christliche Abendmahl entwickelt hat, und aus dem Sträuben 
gegen die Anerkennung der Identität beider Riten. Es müssen 
aber noch andere Momente diese Wirkung mithervorgerufen haben, 
auf die wir später noch eingehen müssen. Hier sei nur noch er- 
wähnt, daß die Wiederholung des Gleichartigen das Unheimlich- 
keitsgefühl unter Umständen in hohem Maße hervorrufen kann 
und daß diese Wirkung aus dem infantilen Seelenleben ableitbar 
ist. Alles, was an den im seelisch Unbewußten wirkenden Wieder- 
holungszwang erinnert, wird als unheimlich verspürt. 1 Als die 
christlichen Missionäre die Organisation der buddhistischen Kirche 
mit ihren frappanten Parallelen zur christlichen kennen lernten — 
wir verweisen nur auf den Rosenkranz; bald nach Gautamas Tode 
gab es in Ostasien Kirchenväter und Heilige, Priester, Mönche und 
Nonnen, Konzilien, kurz, den ganzen Apparat einer offiziellen Kirche 
— mag sie zuerst ein Gefühl der Unheimlichkeit ergriffen haben. 
Das Sträuben gegen das Unheimliche fremder Riten und 
Kulte löst oft Reaktionen besonderer Art aus. Ich erinnere nur 
daran, daß die christlichen Kirchenväter das aus Brot und Wein 
bestehende Mahl der Mithrasanbeter als teuflische Nachahmung 
des Abendmahles ihrer Kirche erklärten : Tertullian ruft den Heiden 
zu (Apol. 47): „Woher also kommt es, daß ihr alles dieses dem 
unsrigen so Ähnliches bei euren Philosophen und Poeten vorfindet? 

1) Freud, „Das Unheimliche" (Imago 1920) und „Jenseits des Lust- 
prinzips" 1921. 






184 Die Unheimlichkeit fremder Götter un d Kulte ' 

Der Grund ist einfach der,, daß sie aus unserer Religion geschöpft 
haben." Justin aber bemüht sich, nachzuweisen, daß Plato seine 
Logoslehre von Moses habe (x. Apol. 64) und daß die Teufel 
aufbrachten, Bilder der Köre an den Brunnen anzubringen, um 
die Genesislehre vom Geiste Gottes, der über den Wassern schwebe 
zu verkehren. In diesen Fällen sehen wir, daß das Unheimliche 
später als Karikatur des Vertrauten, der eigenen Anschauung galt. 
Wir haben bisher von unheimlichen Eindrücken gesprochen 
die hauptsächlich dadurch ihren Gefühlscharakter erhalten daß 
überwundene, primitive Überzeugungen bestätigt scheinen. Auch 
auf religiösem Gebiet handelt es sich dabei um eine Frage der 
Realitätsprüfung: lebt der (fremde) Gott oder nicht, übt er Wir- 
kungen, Strafen, Belohnungen etc. aus oder nicht? Ein individuelles 
Gegenstück zum Unheimlichwerden fremder Götter bildet die 
Gefühlseinstellung des zwangskranken Patienten, von dem oben die 
Rede war: manche Kaisergestalten der deutschen Vorzeit z. B. sind 
ihm tief unheimlich. Er kann sich schwer vorstellen, daß z. B 
Friedrich Barbarossa oder Heinrich IV. gelebt haben wie wir, 
dabei führt er immer den Kontrast zur Gegenwart als besonders 
„gespenstisch" an. Dieser Patient projiziert die eigene Kindheits- 
amnesie und die unheimlichen Gefühle, die mit der Wiederkehr 
der von ihr gedeckten Erlebnisse verknüpft sind, auf die Historie 
Bedeutsame seelische Veränderungen, die in seinen Beziehungen 
zum Vater und in den realen Verhältnissen der Familie in einem 
bestimmten Zeitpunkte stattgefunden haben, haben später in Ver- 
schiebung auf die Weltgeschichte dieses Gefühl herbeigeführt. Dem- 
selben Patienten erscheint das Elternhaus und seine Bewohner selbst 
unheimlich und gespenstisch; dieses Gefühl stellt sich als Index 
der Entfremdung ein, wenn er, während er sich des Kontrastes 
zwischen seiner früheren Existenz in der Familie und seiner jetzigen 
Beziehung zu ihr bewußt ist, in manchen Augenblicken " die 



Die Unheimlichkeit fremder Götter und Kulte 185 

überwundene Einstellung noch zu fühlen glaubt. Wir sehen hier 
deutlich, daß die durch das Unheimlichkeitsgefühl gekennzeichnete 
Veränderung im Bilde der Außenwelt in erster Linie als Ver- 
änderung der eigenen Gefühlskomplexion zu verstehen ist und 
gelangen auf diesem Wege wieder dazu, mit Freud von einer in 
die Außenwelt projizierten Psychologie zu sprechen. 1 Freud hat 
die Umwandlung der Metaphysik in Metapsychologie als ein wissen- 
schaftliches Postulat aufgestellt. Dahin gehört sicher auch unser 
Versuch, die Veränderungen der Gottheit als angeblich übersinn- 
licher Realität aus den dynamischen Vorgängen des Seelenlebens 
zu erklären. So ist es uns bereits deutlich geworden, daß die ver- 
änderte Gefühlslage gegenüber einem Gotte eben in seiner Ver- 
wandlung zum Dämon zum Ausdrucke kommt. Aber auch im 
Unheimlichkeitsgefühl fremden Göttern und Riten gegenüber 
erkennen wir den Ausdruck bestimmter seelischer Vorgänge, die 
uns eine Veränderung anzeigen. Das Unheimliche dieser Art stammt 
zu einem großen Teile aus dem Sträuben gegen die Erkenntnis, 
daß sich unsere Gottheiten aus rohen und primitiveren Gottheiten 
entwickelt haben und daß ihre Herkunft noch für ihre jetzige 
Gestaltung bedeutungsvoll ist. Um es schärfer zu formulieren, 
würden wir sagen: der fremde Gott ist unheimlich, weil er der 
eigene Gott einer versunkenen Vorzeit war, den man überwunden 
zu haben glaubte und dessen Wirklichkeit in einem bestimmten 
Augenblick bestätigt scheint. Daneben kommt als Quelle starker 

1) Psychopathologie des Alltagslebens. 7. Auflage, S. 511. — Der 
sprachliche Ausdruck wird bei der Beurteilung der oben angedeuteten Projek- 
tion bedeutsam. Ein Patient spricht oft von einem „Grauen", das er verspüre; 
dies weist auf eine graue Salbe bin, mit der er behandelt wurde. Derselbe 
will oft jemandem eine (Ohrfeige) „schmieren"; er hat eine Schmierkur 
gemacht. Ein lästiger Druck am Kopf, über den er zu klagen hat, hat mit 
dem „Drucken" zu tun, welchen Ausdruck der Vater dem Kinde, das den 
Stuhl hergeben sollte, gegenüber gebraucht hatte. 



i86 



Die Unheimlichkeit fremder Götter und Kulte 



Unheimlichkeitsgefühle dem Moment der Wiederholung eine große 
Rolle zu. 

Haben wir in den beschriebenen Fällen die Psychogenese 
der Unheimlichkeitsgefühle beim Einzelnen gegenüber den fremden 
Gottheiten und Riten auf ein Wiederauftauchen animistischer 
Überzeugungen zurückgeführt, so werden wir nicht zögern, den- 
selben Vorgang in der Massenpsychologie, z. B. in der Teufelsangst 
und im Hexenglauben des Mittelalters wiederzufinden. Die Reak- 
tionen des Einzelnen gegen das Unheimlichkeitsgefühl sind von 
verschiedener Art; die Überwindung dieser Gefühle durch Realitäts- 
prüfung wird etwa zu Spott über das vorher unheimliche Objekt, 
zur Scham über sich selbst und endlich zur realen Auffassung des 
Objektes führen. Als stärkste Gefühlsreaktion der Massenpsyche 
gegen das Unheimliche fremder Gottheiten und ihre Bekenner 
kommt, soferne es sich um die Überwindung animistischer Über- 
zeugungen handelt, Verachtung dieser Gottheiten und ihrer Bekenner 
in Betracht; erst spät weicht diese Reaktion einer stabilen und 
indifferenten Gefühlslage. 1 



i) Die Erkenntnis der Einheit aller Religionen und der ihr zugrunde- 
liegenden seelischen Vorgänge verhindert das Auftauchen unheimlicher Ge- 
fühle gegenüber fremden Gottheiten und Riten. Diese Erkenntnis ist aber 
nur möglich, wenn entweder in die Wahrheit der Religion noch nicht 
Zweifel gesetzt worden ist oder wenn die Religion nur mehr als Objekt 
der Forschung in Betracht kommt, d. h. also für den naiv Gläubigen und 
für den areligjösen Wissenschaftler. Dem ersteren ist Gott noch nicht, dem 
letzteren nicht mehr unheimlich. Die Kirche erklärt die fremden, \ B 
heidnischen Religionen als der jeweiligen Kulturstufe entsprechende Formen 
der Offenbarung des einen Gottes; die Wissenschaft als 



IX 

DAS UNHEIMLICHE 

AUS INFANTILEN KOMPLEXEN 

„Entre nous, Socrate a raison, mais iL a 
tort, oVavoir raison si publiquement." 
VOLTAIRE, Socrate 

Neben dem Unheimlichen, das entsteht, wenn überwundene 
animistische Überzeugungen wieder bestätigt erscheinen, können 
wir das Unheimliche, das der Wiederbelebung infantiler verdrängter 
Komplexe entstammt, unterscheiden. Im Gegensatz zu der Gefühls- 
reaktion der ersten Art handelt es sich bei dieser um die Ver- 
drängung eines Inhaltes und um die Wiederkehr des Verdrängten. 
Alte verdrängte Vorstellungen aus der Kinderzeit, die durch einen 
Eindruck wiederbelebt werden, bringen in ihrer Wiederkehr das 
Gefühl der Unheimlichkeit hervor; die Realitätsprüfung als Krite- 
rium versagt in diesem Falle, weil eine materielle Realität gar 
nicht in Frage kommt, sondern die psychische an ihre Stelle tritt. 
Bei Freud finden wir in dem angeführten Aufsatze Beispiele 
solcher Unheimlichkeitsgefühle, die von verdrängten infantilen 
Komplexen ausgehen, also durch Annäherung an den Kastrations- 
komplex, die Mutterleibsphantasie und andere gefühlsbetonte Vor- 
stellungen entstehen. 

Es ist leicht erkennbar, daß die beiden Arten des Unheim- 
lichen oft ineinander übergehen, da die primitiven Überzeugungen, 
die wir aus dem Animismus ableiteten, mit den infantilen Kom- 
plexen innig zusammenhängen. Dies wird sofort klar, wenn wir 






*88 Das Unheimliche aus infantilen Komplexen 



uns der Unheimlichkeit fremder Gottheiten erinnern. Die Un- 
sicherheit, ob diese Gottheiten belebt sind oder nicht, könnte 
jenen manchmal auftauchenden Eindruck des Unheimlichen allein 
nicht bewirken; rein intellektuelle Fragestellung würde den großen 
Gefühlsaufwand nicht erklären können. Es ist vielmehr die bange 
Frage, ob der betreffende Gott die Kraft habe, uns zu schaden, 
die mit der wiederauftauchenden animistischen Überzeugung die 
starke Reaktion rechtfertigt. Wir verstehen die enge Verbindung 
der primitiven Überzeugungen mit den infantilen verdrängten 
Vorstellungen, wenn wir uns daran erinnern, daß die kindliche 
(und neurotische) „Allmacht der Gedanken" der Boden ist, auf 
dem diese Überzeugungen gewachsen sind. „Die Allmacht der 
Gedanken" aber ist, wie die Analyse der Neurosen nachgewiesen 
hat, ein Glaube, der sich hauptsächlich in der Angst, böse 
Wünsche könnten sich erfüllen, äußert. Mit den Wünschen feind- 
seliger oder grausamer Art ist bereits von einer bestimmten Zeit 
der Kindheit an ein Schuldbewußtsein verbunden, das verdrängt 
wird und als dessen Ausdruck wir die Unheilserwartung und die 
dunkle Erwartungsangst verstehen, die das Unheimlichkeitsgefühl 
gegenüber fremden Gottheiten wesentlich mitbestimmt. 

Die auf dem Allmachtsglauben beruhende Angst vor der 
Kraft böser Wünsche ist es auch, die am Grund der Unheimlich- 
keit fremder Gottheiten und ihrer Bekenner aufzuweisen ist. Sie 
ist dem Wesen nach dieselbe Angst, die den Volksglauben an den 
„bösen Blick" hervorgerufen hat, dessen Unheimlichkeit Freud 
erklärt. * 

Die Religionsgeschichte zeigt uns in einer ungeheuren An- 
zahl von Fällen, daß den Angehörigen fremder Religionen oft die 
Kraft und Absicht, Andersgläubige auf verschiedene Art zu schädigen, 



1) Das Unheimliche. S. 315. 



Das Unheimliche aus infantilen Komplexen l89 



zugetraut wird. Wenn die auf solchem Glauben gegründeten Be- 
schuldigungen und Anklagen auch bei kulturell tiefer stehenden 
Völkern unverhüllter zu Tage treten, so gibt es doch Gelegen- 
heiten genug, die dartun, daß die an der Spitze der Kultur 
schreitenden Völker sich nur schwer von dieser primitiven Über- 
zeugung loslösen können. Es wird uns gewiß nicht überraschen, 
zu hören, daß ein Australnegerstamm behauptet, der Nachbar- 
stamm habe geheime Zaubermittel angewandt, um den andern zu 
verderben, ihm z. B. eine bösartige Krankheit geschickt, um seine 
Männer oder seine Herden zu vernichten, aber es ist merkwürdig, 
wenn z. B. im Herzen von Europa noch an vielen Stellen geglaubt 
werden kann, daß eine bestimmte Religionsgenossenschaft eine 
geheime Organisation bilde, um die Angehörigen der fremden 
Religionen durch alle möglichen Mittel (Presse, Kapital etc.) zu 
verderben. Die Grundlage dieser oder ähnlicher Überzeugungen 
haben wir in dem Glauben an die „Allmacht der Gedanken" gefunden. 

Auch die Monotonie dieser Anschuldigungen gegen fremde 
Religionen wird uns überraschen, wenn wir einige Beispiele, die 
wir wahllos aneinanderreihen, überblicken. Den Vorwurf des 
Ritualmordes können wir durch einen großen Teil der Welt- 
geschichte verfolgen, er wird in den verschiedensten Teilen der 
Erde gegen die Andersgläubigen in mannigfachen Formen laut. 
Bereits die Israeliten erhoben ihn gegen die Anhänger des Moloch 
und andere Nachbarstämme und die Propheten eifern gegen diese 
Art Götzendienst. Die ersten Christen hatten unter dieser Anklage 
außerordentlich zu leiden; fast vier Jahrhunderte lang mußten sie 
sich dagegen verteidigen. 

Man erzählte von den geheimen Zeremonien der christ- 
lichen Gemeinden, 1 daß ein neugeborenes, ganz mit Mehl bedecktes 

1) Nach Gibbon „History of the decline and fall of the Roman 
empire". Cap. XVI. ed. Murray Vol. I. p. 388. 



l9 ° Das Unheimliche aus in f antuen Komplexen 

Kind als ein mystisches Symbol der Einweihung den Messer- 
stichen der neuaufgenommenen Christen preisgegeben wurde, welche 
dem schuldlosen Opfer ihres Irrwahnes, sogar ohne es zu wissen, 
manche geheime und tödliche Wunde beibrachten; daß un- 
mittelbar nach Vollbringung dieser schrecklichen Tat die Christen 
das Blut tranken, die noch zuckenden Glieder auseinanderrissen 
und sich durch gegenseitiges Bewußtsein ihrer Schuld zu ewiger 
Verschwiegenheit verbanden. Ebenso verbreitet war bei den Römern 
der Glaube, daß auf diesen Mord ein Gelage folge, bei dem 
plötzlich die Lichter erloschen und in der Dunkelheit Mütter und 
Söhne, Brüder und Schwestern sich zu inzestuösem Verkehr fanden. 
Erst unter der Regierung Hadrians (117—158) wagten es die 
ersten christlichen Schutzredner, den Kaisern und dem Senate 
Schriften einzureichen, welche beweisen sollten, daß die deiT 
Christen gemachten Vorwürfe unbegründet waren. In der Ver- 
teidigungsschrift, die Athenagoras den beiden römischen Kaisern 
Marcus Aurelius und Lucius Verus (161 — 180) übergab, werden 
die drei Hauptanklagen gegen die Christen: Gottlosigkeit, Blut- 
schande und Abschlachtung von Kindern zurückgewiesen. Der 
Schutzredner sagt da: „Nach unserem Gesetze ist es uns nicht 
erlaubt, diejenigen wieder zu schlagen, die uns schlagen, oder die- 
jenigen nicht zu segnen, die uns fluchen; wir begnügen uns in 
unserem Leben auch nicht mit der einfachen Gerechtigkeit, nach 
der man glaubt, daß Gleiches mit Gleichem vergolten werden 
könne, sondern wir bestreben uns, durch Güte und Geduld uns . 
vor den andern auszuzeichnen. Und nachdem wir mit solchen 
Grundsätzen ausgerüstet sind, wer möchte uns, sofern er bei ge- 
sundem Verstände, dem Verdachte aussetzen, daß wir die verruchten 
Mörder vieler Menschen seien? Denn anders können wir das Fleisch 
eines Menschen nicht genießen, es sei denn, daß er zuvor von 
uns getötet wurde. Wenn ihr aber unsere Ankläger fraget, ob sie 



r 



Das Unheimliche aus infantilen Komplexen i9l 



das, was sie vorbringen, auch gesehen haben, da möchte doch 
sicher, wie ich glaube, keiner von ihnen so alle Schani abgelegt 
haben, daß er das zu behaupten wagte. Indessen haben wir Sklaven, 
der eine in größerer, der andere in geringerer Anzahl, deren Augen 
und deren Spürkraft wir wahrlich nicht entgehen können, und 
dennoch hat bis jetzt noch keiner von ihnen eine so ungeheure 
Lüge vorgebracht. Mit welcher Glaubwürdigkeit werden darum 
nun diejenigen des Mordes und des abscheulichen Mahles angeklagt, 
die es nicht über sich gewinnen, der Hinrichtung eines Menschen, 
der mit Recht zum Tode verurteilt wurde, zuzuschauen? Oder 
mit freudigem Gemüte den Fechterspielen und Tierkämpfen, auch 
selbst wenn sie von euch, o Fürsten, veranstaltet werden, beizu- 
wohnen? Diesen Schauspielen haben wir also entsagt, weil wir 
des Glaubens sind, es sei ein geringer Unterschied zwischen den 
Mördern und denjenigen, die dem Mord beiwohnen. Eine Frau, 
welche die Geburt abtreibt, ist bei uns des Mordes • schuldig, und 
wenn sie nach der Geburt das Kind aussetzt und verläßt, halten 
wir sie für eine Kindesmörderin ; wer sollte nun glauben, daß 
wir die Kinder eine Zeitlang sorgfältig ernähren und sie dann töten!' 
Die Hartnäckigkeit dieser gegen die Christen gerichteten 
Beschuldigungen, die Tausende von Christen in verschiedenen Teilen 
des römischen Reiches das Leben kostete, ersieht man am besten 
daraus, daß Origenes und Minucius Felix am Anfang des zweiten 
Jahrhunderts, Arnobius am Ende desselben, Eusebius in der ersten 
Hälfte des vierten Jahrhunderts, Salvian im fünften Jahrhundert 
und manche andere Patres die Verdächtigung heftig zurückweisen 
mußten. Die Form, in der dies geschieht, ist nicht uninteressant; 
stellenweise scheint es, als ahnten die christlichen Verteidiger diese 
seelischen Motive des Aberglaubens. In der zweiten Verteidigungs- 
schrift, die der Märtyrer Justinus an den römischen Kaiser Antonius Pius 
(138 — 161 n. Chr.) und an das ganze römische Volk gerichtet' hat, 



l9g Das Unheimliche aus infantilen Komplexen 



sagt er: „Durch böse Dämonen angetrieben, haben dieses Gerücht 
einige übrigens schlechte Menschen ausgestreut. Denn da man 
auf die falsche Anklägerei hin, die gegen uns gang und gäbe ist, 
einige hinrichtete, schleppten diese (schlechten Menschen als Werk- 
zeuge der Dämonen) auch Hausgesinde von den Unsrigen, Knaben 
und Mägdelein zu den Folterbänken und zwangen sie da mit 
entsetzlichen Martern, jene erdichteten Verbrechen zu gestehen, 
die sie, (die Peiniger selbst) und zwar öffentlich verüben, und um 
die wir uns, weil wir keines davon an uns haben, auch nicht 
kümmern, indem wir den unerzeugten und unaussprechlichen 
Gott zum Zeugen unserer Gedanken ebenso wie unserer Hand- 
lungen haben. Denn warum könnten sonst nicht auch wir diese 
Sachen öffentlich mit euch für gut anerkennen und sie als gött- 
liche Philosophie erklären, indem wir einfach angeben, als feierten 
wir die Mysterien des Saturnus durch Menschenopfer, und damit, 
daß wir uns, wie es heißt, mit Blut volltrinken, täten wir gerade 
dasselbe, was jenem bei euch verehrten Götzenbilde geschieht, das 
nicht bloß mit Blut von unvernünftigen Tieren, sondern noch 
dazu auch mit Menschenblut angesprengt wird, indem ihr den 
bei euch angesehensten und vornehmsten Mann es mit dem Blute 

der Getöteten feierlich begießen lasset Weil wir aber von 

derlei Dingen nichts wissen wollen und jenen, die solche Untaten 
verübt haben und nachahmen, sie aufzugeben raten — wie wir das 
auch gegenwärtig mit diesen Worten angestrebt haben — so werden 
wir auf allerlei Weise angefeindet. Allein es kümmert uns nicht, 
weil wir wissen, daß ein gerechter Gott alles sieht. Möchte nun auch 
jetzt irgendjemand eine hohe Bednerbühne besteigen, und mit mächtig 
ernster Stimme hemiederrufeh : „Schämt euch, ja, schämt euch, die 
ihr das, was ihr öffentlich tut, auf Schuldlose schiebet und das, was 
euch und euren Göttern anhaftet, denen anhängt, die auch nicht den 
geringsten Teil daran haben! Tuet Anderes! Kommet zur Besinnung!" 



r 



Das Unheimliche aus inf antuen Komplexen i£3 



Minucius Felix ruft in seiner Apologie des Christentums 
den Heiden zu: „Nur wer solchen Frevel wagen kann, kann ihn 
auch glauben. Euch sehe ich die neugeborenen Kinder bald den 
wilden Tieren und Vögeln aussetzen, bald aufknüpfen und so auf 
jämmerliche Weise aus dem Leben schaffen; manche Weiber ver- 
tilgen schon im Mutterleibe durch medizinische Tränklein den 
Menschen in seinem ersten Entstehen und begehen einen Kindes- 
mord, ehe sie gebären. Und diese Greuel kommen allerdings von 
der Praxis eurer Götter. Saturn hat seine Kinder nicht ausgesetzt, 
sondern gefressen .... und noch heute wird von den Römern 
der latinische Jupiter mit einem Menschenopfer verehrt." 

Der berühmte Tertullian aber verteidigt seine Glaubens- 
genossen folgendermaßen: „Man sagt uns nach, daß wir unsere 
Sakramente vollziehend, ein Kind töten und essen, worauf wir 
uns nach diesem furchtbaren Gelage blutschänderischen Vergnügen 
hingeben, zu welchen die Hunde oder vielmehr die Kuppler durch 
Umstoßung der Lichter sowohl die Finsternis als die Schamlosig- 
keit heilloser Gelüste verschaffen. So wird immerdar gesagt, und 
ihr sorgt, so lange das Gerede dauert, keineswegs dafür, daß es 
erforscht werde. Das, was man sagt, ist immer dasselbe; seitdem 
es aber gesagt wird, habt ihr noch keinmal versucht, unsere Ver- 
brechen zu untersuchen. Wenn ihr daran glaubt, so untersucht 
es doch; wenn ihr es aber nicht prüfen wollt, so glaubt ihm auch 
nicht .... Wie können denn nun andere das tun, wozu ihr 
unfähig seid? Oder haltet ihr uns für Ungeheuer? Hat denn die 
Natur an und für sich uns schon zu solchen Geschöpfen gemacht, 
die besonders befähigt sind, Blutschande zu begehen und Menschen- 
fleisch zu essen? Wenn ihr aber der Ansicht seid, daß der 
Mensch imstande ist, solche Gemeinheiten zu begehen, so könnt ihr 
selbst sie auch begehen: ihr seid gerade solche Menschen, wie 
auch die Christen. Wenn ihr aber selbst nicht dazu fähig seid, 



15 Reih 






l9 4 Das Unheimliche au s infantilen Komplexen 

so sollt ihr auch nicht daran glauben: die Christen sind ebenso 
Menschen wie ihr." 

Als das Christentum zur herrschenden Religion wurde, verfuhr 
es gegen die Häretiker und Juden wie einst die Heiden gegen 
dasselbe verfahren hatten. So beschuldigte es einige montanistische 
Sekten, daß sie alljährlich zu Ostern den Körper eines Kindes 
zerstechen, dessen Blut mit Mehl mischen und dann daraus die 
Eucharistie verfertigen. Die Kirchenväter Irenaeus, Clemens von 
Alexandrien, Epiphanius usw. klagen verschiedene Sekten der 
Gnostiker wie die Karpokratianer, Marcioniten und andere an, daß 
sie in ihren geheimen Versammlungen Blutschande treiben, die 
aus diesen Sünden geborenen Kinder töten, mit Spezereien zu- 
bereiten und verzehren. Die Ketzer des Mittelalters, z. B. die 
Paulitianer, Bogumiten, Albigenser, Waldenser usw. werden ähn- 
licher Verbrechen angeklagt, obwohl oder weil sich gerade diese 
Sekten durch besondere Sittenreinheit auszeichneten. Dieselben 
Vorwürfe erhoben die Mohammedaner gegen verschiedene ihrer 
Sekten. Es ist kaum verwunderlich, wenn bei einem Aufstande 
zum Christentum bekehrte Neger, ein Kruzifix mit einem schwarzen 
Christus vorantragend, ein Christenmassacre mit dem Rufe er- 
öffneten: „Schlagt die Weißen tot, sie haben Christus ermordet!" 
Die Ubiquität solcher Anklagen wird durch die Sammlung chinesi- 
scher Bilder bewiesen, die ein protestantischer Missionär unter 
dem Titel: „Die Ursache der Aufstände im Yangtse Tal" heraus- 
gegeben hat, um den europäischen Residenten eine Vorstellung 
davon zu geben, auf welche Weise die gebildeten Literaten Chinas 
gegen die Europäer hetzten. 1 Eines dieser Bilder stellt einen christ- 
lichen Gottesdienst vor; an einem Kreuze hängt ein Schwein, auf 
dessen Körpe r befinden sich die zwei chinesischen Charaktere,' mit 

i) Die folgenden Beispiele aus Graf Coudenhove „Das Wesen des 
Antisemitismus", Berlin 1901. S. 310 ff. 



Das Unheimliche aus infantilen Komplexen i95 

denen der Name des Heilands geschrieben wird. Vor diesem 
blasphemischen Bilde knieen chinesische Christen; auf drei 
Bänken sitzen Missionäre mit chinesischen Weibern und treiben 
Unzucht. Oben steht: ,Die Verbreitung der Religion in den christ- 
lichen Kapellen'. An den Seiten des Bildes steht: „Der unerträg- 
liche Gestank ist heruntergeströmt 2000 Jahre. Leute, die sich 
gewöhnlich gar nicht einmal kennen, kommen von allen Seiten 
zusammen und paaren sich, wie es ihnen gefällt. Menschliche 
Wesen und Teufel, Männer und Weiber schlafen auf demselben 
Polster zusammen." Diese bildliche Darstellung hat den Zweck, die 
Bewohner der 19 Provinzen (ganz China) „zu warnen und aufzu- 
klären, damit sie genau die Tatsachen erfahren, und damit alle, 
die untereinander verwandt und benachbart sind, sich zusammen- 
tun und sich sorgfältig vor diesen Verführern schützen, damit die 
Brüder des himmlischen Schweines nicht in ihre Türen eintreten' . 
Ein anderes Bild stellt Missionäre dar, die eine schwangere Frau 
aufschneiden und ihr die Frucht herausziehen. Ein drittes Bild 
stellt christliche Missionäre dar, die mit konvertierten Chinesinnen 
einer Frau die Brüste und einem Kinde den Bauch aufschneiden, 
ein anderes stellt die Kastration eines Kindes durch die Missionäre 
vor, die auch einem auf einem Bette liegenden Chinesen die 
Augen ausstechen. In einer chinesischen Hetzschrift, die den Titel 
führt: „Ein tödlicher Hieb der verworfenen Lehre ist folgendes 
zu lesen: „Bei Begräbnissen pflegen die Religionslehrer alle Ver- 
wandte und Freunde aus dem Hause zu entfernen und die Leiche 
wird in einen Sarg gelegt, nachdem die Türen geschlossen wurden; 
dann werden beide Augen von der Leiche herausgenommen und 
die Höhlung mit Pflastern zugeklebt. Das nennen sie „das Zu- 
siegeln der Augen für die Reise nach Westen . Der Grund, warum 
sie die Augen herausreißen, ist folgender: aus 100 Pfund chinesi- 
schen Bleies können 8 Pfund Silber gewonnen werden, der Best, 
13* 






i96 Das Unheimliche aus infantilen Komplexen 



92 Pfund Blei, kann dann zum ursprünglichen Preis verkauft 
werden. Die einzige Möglichkeit jedoch, um das Silber zu ge- 
winnen, ist die Vermischung des Bleies mit den Augen der Chinesen. 
Die Augen der Ausländer sind zu diesem Zwecke unbrauchbar: 
daher nehmen sie nicht die Augen ihrer eigenen Leute, sondern 
bloß jene der Chinesen. Die Methode, durch welche das Silber 
gewonnen wird, ist von keinem der eingeborenen Christen jemals 
verraten worden, während der langen Periode, in welcher diese 
Religion hier zu Lande verbreitet worden ist. Sie schneiden sogar 
den Mädchen die Eierstöcke aus, kastrieren Knaben, und benützen 
verschiedene Methoden, um sich das Gehirn, die Leber und das 
Herz von Kindern zu beschaffen. Wenn wir nach der Ursache 
suchen, die zu dieser Tat veranlaßt, so ist es ihr fester Entschluß, 
unser Volk von Grund aus zu betrügen und unter diesem Vor- 
wande es auszurotten." In den sogenannten chinesischen „Blau- 
büchern", einer chinesischen Sammlung offizieller Dokumente über 
alle Staatsfragen, ist folgendes zu lesen: „Nach meiner Meinung 
benützen die verrotteten Sekten (Christen), um Zaubermittel und 
Arzneien zu erlangen, gewisse Teile des menschlichen Körpers und 
vermengen sie mit Gehirn. Sie beginnen damit, von den Leichen 
das zu nehmen, was sie brauchen, und wenn das nicht angeht, 
so nehmen sie es von den Lebenden, daher verstümmeln sie Kinder, 
solange noch Leben in ihren Körpern ist." Ein anderes chinesisches 
Werk, das den Titel führt: „Tod der Religion des Teufels", schreibt: 
„Die christliche Sekte zerhackt die Geschlechtsteile der Knaben; groß 
ist die Zahl der Kinder, die auf diese Weise zu Tode gehackt 
wurden. Mögen daher alle Kinder auf ihrer Hut sein, da sie sonst 
durch einen Schnitt des Messers in die Unterwelt befördert werden 
können. " Es scheint nicht notwendig, auf die Geschichte der Ritual- 
mordbeschuldigung gegen die Juden, die sich in diesen Zusammen- 
hang einreiht, hier einzugehen. Man weiß, daß sie in verschiedensten 



Das Unheimliche aus infantilen Komplexen i£7 



Formen auftauchte und noch immer auftaucht, die allgemeinste 
aher dieser Versionen ist, die Juden hätten einen Knaben um- 
gebracht, um sein Blut zur Bereitung ihrer Osterbrote zu benützen. 
Es ist nur eine andere Form der Beschuldigung, wenn die Juden 
des Mittelalters angeklagt wurden, die Hostie, den symbolischen 
Leib Christi, durchstochen und geschändet zu haben. Auch die 
andere Anklage des Mittelalters, nämlich die der Brunnenvergiftung, 
ist nun durch die analytische Kenntnis der Sexualsymbolik deutbar 
geworden, sie wirft den Juden die Verführung christlicher Frauen 
vor, hinter diesem Vorwurf aber steht der ernstere des Inzestes. 1 
Es ist bekannt, wie resistent sich gerade das Ritualmordmärchen 
gegenüber allen Aufklärungsversuchen in ungebildeten Volksschichten 
oder bei halbkultivierten Völkern erwiesen hat. 

Es sei nur noch ein Beispiel angeführt, das für viele andere 
zeigen soll, wie sehr das Volk jetzt noch geneigt ist, Anders- 
gläubigen oder Fremden schreckliche Verbrechen, insbesondere 
Kindermord zuzutrauen und aufzubürden. 2 Dies beweist folgender 
Vorfall aus der neuesten Zeit: im Juni des Jahres 1870 wurde in 
Madrid plötzlich ein kleines Kind vermißt und sofort verbreiteten 
sich unter dem Volke die albernsten Gerüchte. Man beschuldigte 
die Franzosen, Freimaurer und Protestanten, dieses Kind und 
noch viele andere, deren Zahl die Fama immer mehr ver- 
größerte, gestohlen zu haben: man sagte, daß Franzosen, Freimaurer 
und Protestanten Menschenopfer bringen und deshalb Kinder der 
Katholiken stehlen, dann hieß es, wie das „Journal des Debats" 

1) Zur Bi-unnensymbolik vgl. die in der analytischen Literatur ge- 
gebenen zahlreichen Beispiele. Jesaias ruft (51. lb 2) „Blickt auf den Fels, 
aus dem ihr gehauen und auf die Höhlung des Brunnens, aus dem ihr 
gegraben seid. Blickt auf Abraham, euren Ahnherrn, und auf Sara, die 
euch gebar." 

2) Nach Chwolson. Die Blutanklage. Frankfurt a. M. 1901. S. 215. 



198 Jto Unheimliche aus infan tilen Komplexen 

berichtete, daß die Franzosen die Kinder stehlen, um aus ihrem 
Blute Geheimmittel zur Verlängerung des Lebens und aus ihrem 
Fette ein Mittel gegen Schwindsucht herzustellen. Den Freimaurern 
warf man vor, daß sie die Kinder ihren wilden Gottheiten opfern 
und den Protestanten, daß sie die Kinder stehlen, um sie zu Juden 
zu machen. Die Erregung in den Vierteln von Madrid, die von 
der ungebildeten Klasse bewohnt sind, nahm gefährliche Dimensionen 
an und der damalige Zivilgouverneur von Madrid, Moreno 
Benitez, sah sich veranlaßt, strenge Maßregeln zur Aufrecht- 
erhaltung der Ordnung zu ergreifen, da verschiedene Personen 
bereits vom Pöbel mißhandelt worden waren. 1 Der letzte große 
Krieg, der die Kulturvölker Europas von der verleugneten Macht 
unbewußter Haßregungen in so grauenhafter Weise überzeugte, 
hat jedem, der die Nachrichten aus beiden Lagern verfolgte, . be- 
wiesen, daß dieselben oder ähnliche AnHagen und Beschuldigungen 
von jedem der feindlichen Teile gegen den anderen gerichtet 
wurden. 

Den Lesern der Zeitungen ist es erinnerlich, wie oft die 
Feinde beschuldigt wurden, unschuldige Kinder erschlagen, Frauen 
vergewaltigt, Kunstwerke absichtlich zerstört zu haben etc. Ja, in 
singulären Fällen wurde sogar der Verdacht, der Gegner fresse 
die Leichen der gefallenen Feinde, in mehr oder minder verhüllter 
Form laut, was wie eine atavistische Erinnerung klingt. Die Ge- 
schichte der religiösen Kämpfe zeigte dieselben Erscheinungen; es 
ist offenbar gleichgültig, ob die nationalen oder religiösen Leiden- 
schaften der Massen erregt werden, die Konsequenzen sind die 
gleichen: die Verdrängungen werden durchbrochen und die Subli- 
mierungen aufgehoben. Ist nach Freud das Unheimliche jene 
Art des Angstlichen, das ein wiederkehrend Verdrängtes ist,' so 



1) Nach D. Ghwolson, Die Blutanklage. S. 215. 



Das Unheimliche aus infantilen Komplexen i99 



müssen wir uns fragen, ob auch die Unheimlichkeit der Ritual- 
mordvorstellung durch solche Wiederkehr verdrängter Vorstellungen 
entsteht. Es scheint, als oh unser individuelles Erleben uns keinerlei 
Eindrücke hinterlassen hat, die sich einer so befremdenden Vor- 
stellung vergleichen ließe. Nun hat die Analyse nachgewiesen, daß 
die Vorstellungen des Getötet- und Gefressenwerdens als Befürch- 
tungen, die sich als Reaktionen auf infantile feindselige und kannibale 
Gelüste einstellen, in der Kinderzeit des Einzelnen eine später nicht 
mehr erkannte Bedeutung besitzen. Jene insbesonders gegen den 
Vater gerichteten Wünsche erhalten ihr Ziel durch den Bemäch- 
tigungstrieb und werden durch die aus dem kindlichen Ödipus- 
komplex stammenden Regungen gespeist. Wir brauchen nur an die 
vielen Märchen zu erinnern, in denen Kinder oder junge Leute 
von wilden Tieren, Riesen, bösen Geistern getötet und verspeist werden 
sollen, um zu erkennen, daß die Ritualmordvorstellung keine singulare 
Stellung im Seelenleben inne hat. In der Darstellung der Analyse 
eines neurotischen Patienten, die alle Einzelheiten der psychischen 
Entstehungsgeschichte der kindlichen Angst getötet und gefressen 
zu werden verfolgt, hat Freud die seelischen Grundlagen dieser 
Vorstellung nachweisen und ihre Verknüpfung mit der prägenitalen 
kannibalen Libidoorganisation zeigen können. 1 Das Menschenopfer 
als religiöse Übung war einmal bei allen Völkern bekannt; es 
wurde erst spät durch das Tieropfer abgelöst. Die Religionsforscher 
und Ethnologen haben erkannt, daß ursprünglich der Gott selbst 
oder sein Stellvertreter es ist, der geschlachtet wurde und dessen 
Stelle später das Opfertier einnahm. Nach Freuds Darstellung, 



1) Freud. „Aus der Geschichte einer infantilen Neurose" in Sammlung- 
kleiner Schriften zur Neurosenlehre. 4. Folge, auch „Analyse der Phobie 
eines 5jährigen Knaben" in Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. 
5. Folge. — In beiden Aufsätzen ist die später darzustellende Verbindung 
dieser infantilen Angst mit dem Kastrationskomplex dargestellt. 



aoo Das Unheimliche aus infantilen Komplexen 



die sich besonders auf das reiche Material der Forschungen 
Robertson Smiths und Frazers stützt, war das Tieropfer selbst ein 
totemistischer Ersatz für die ursprünglichere, periodisch wiederholte 
feierliche Tötung Gottes (des Vaters). Die zweifache Anwesenheit 
des Gottes in der Opferszene als derjenige, den und dem man 
opfert, stellt sich als sekundäres Gebilde dar; sie erweist sich als 
Ausdruck einer ambivalenten Einstellung gegenüber dem Vater, in 
dem sowohl die feindlichen als auch die zärtlichen Regungen ihre 
Befriedigung finden. Die tiefste Erniedrigung Gottes ist in dieser 
Szene sozusagen ad majorem gloriam dei geschehen. Der Sinn des 
Opfers liegt darin, 1 daß es dem Vater Genugtuung für die an ihm 
verübte Schmach in derselben Handlung bietet, welche die Er- 
innerung an diese Untat fortsetzt. Im Töten und Verzehren des 
Sohnes Gottes, der seine große Bedeutung erst durch die hinter 
ihm stehende Figur der ursprünglichen Vatergottheit erhält, .in 
der Kommunion, die im gemeinsamen Genießen vom Fleisch und 
Blut der Sohnesgottheit erfolgt, identifizieren sich die Gläubigen 
mit ihm. Wir wissen, daß die christliche Eucharistie die vorläufig 
letzte religiöse Entwicklungsform ist, die sich aus der alten Totem- 
mahlzeit ableiten läßt. Wir erkennen, daß der Ritualmordglaube 
einer Vorstellung entspricht, die für eine weit zurückliegende Phase 
der Kulturentwicklung eine hervorragende Bedeutung erlangt hatte; 
in ihm lebt die unbewußte Erinnerung an die feierliche Zeremonie 
der Tötung eines Jünglings, der als Repräsentant des rebellischen 
Sohnesgottes in den meisten antiken Religionen alljährlich ge- 
schlachtet wurde. Es wird uns nicht verwundern, zu hören, daß 
der Ritualmordglaube die angeblichen Opfer des fremden religiösen 
Fanatismus namentlich in Kindern sah. Erinnern wir uns des 
Vorganges der Beschneidungs- und Initiationsriten, die ursprünglich 



1) Freud, Totem und Tabu, 2. Aufl. S. 200. 



Das Unheimliche aus infantilen Komplexen 



zur Pubertätszeit stattfanden und später bei vielen Völkern in die 
frühe Kindheit vorverlegt wurden, um zu erkennen, daß diese 
Verlegung einerseits bestimmte stärker gewordene Tendenzen be- 
friedigen, andererseits den intellektuellen Zusammenhang unter- 
brechen und die Verständlichkeit der Ritualmordvorstellung er- 
schweren sollte. Denselben Zwecken dient die Ersetzung der 
Vorstellung des an einem bestimmten jungen Gott verübten 
Ritualopfers, die bereits peinlich empfunden wurde, durch die 
unkenntlich gewordene und verallgemeinerte Phantasie des Ritual- 
mordes an einem beliebigen Kinde. 

Die Anklage des Ritualmordes stellt eine vom unbewußten 
Schuldbewußtsein diktierte Projektion der Feindseligkeit gegen den 
eigenen Gott auf einen fremden Stamm vor. In ihrer Konstituierung 
werden die verdrängten, aber ihrer Natur nach unzerstörbaren 
Regungen des Hasses gegen den Gott auf andere verschoben, 
während die ihm geltenden bewußtseinsfähigen, zärtlichen Gefühle 
zur Ausübung der Rache mobilisiert werden und nun reaktiv 
verstärkt als tiefer Schmerz über den an ihm (oder seinen Anhängern) 
verübten religiösen Frevel empfunden werden. Das Vorbild der 
urzeitlichen Projektion der eigenen Feindseligkeit in die Außenwelt, 
wodurch die Phantasie der primitiven Menschheit Dämonen erschuf, 
ist hier wiederholt. Man wird einsehen, daß die Bedeutung der 
Ritualmordanklage in einer Bemühung zur Entlastung des eigenen 
unbewußten Schuldgefühles liegt; der Sohnesgott (Dionysos, Herakles, 
Mithras, Christus) hatte das große Verbrechen der Bruderschar, 
den Vatermord auf sich genommen, es durch seinen schrecklichen 



1) Es ist nicht uninteressant, daß dann dieses Kind den Heiligkeits- 
charakter, der seinem prähistorischen Vorbild zugeschrieben wurde, gerade 
durch den an ihm begangenen Bitualmord doch erhält, z. B. der angeblich 
von den Juden 1745 zu rituellen Zwecken ermordete 5 •/., jährige Knabe Simon 
von Trient. 






202 



Das Unheimliche aus infantilen Komplexen 



Tod gesühnt und war so zum Erlöser der Brüder geworden. Nun 
aber hat sich das Schuldbewußtsein gerade durch den Opfertod des 
Sohnes erhöht; es ist, als habe die Vergöttlichung des Heros die ganze 
Ambivalenz, die einst dem Vater galt, auf ihn gerichtet, als wäre 
er zum Objekt der unbewußten Freudseligkeit geworden, da er 
sich an die Stelle des von ihm gestürzten Vatergottes setzte. Die 
von mm empfangene Lösung ist gerade durch seinen Opfertod 
zunichte geworden, da die Schuld daran verleugnet wurde. Die gegen 
ihn gerichtete agressive Regung hat sich unter dem heuchlerischen 
Vorwande der Rache an dem Andersgläubigen befriedigt. Der Trotz 
gegen ihn hat gesiegt, da gerade die Verfolgung der Andern seine 
Opfertat sinnlos macht. 

Haben wir die Ritualmordphantasie als eine unverständlich 
gewordene Erinnerung an die feierliche Tötung eines Gottes dar- 
gestellt so ist es wahrscheinlich, daß auch die mit ihr verknüpften 
Vorstellungen aus der religiösen Entwicklung und dem unter- 
irdischen Fortwirken jener Tendenzen, die sie bewirkten, ver- 
standen werden können. Die Entstehungsgeschichte der Vorstellung 
des rituellen Genießens der Kinderleiche, beziehungsweise des Blutes 
des Opfers, ist von der Mordvorstellung nicht abtrennbar. Im Ver- 
zehren des erschlagenen Vaters hatten sich die rebellischen Söhne 
dar Urharte seine Kräfte und bewunderten Eigentümlichkeiten an- 
geeignet, sich mit ihm identifiziert und eine periodische Gemein- 
schaft mit ihm und untereinander aufgerichtet. In der periodischen 
Totemmahlzeit lebt die Erinnerung an dieses erste große Fest der 
primitiven Menschheit fort. Der Sohnesgott, dessen Gestalt stell- 
vertretend für den Vater eintrat, wurde nun zum Objekt der 
fmher totemistischen Brudermahlzeit. Die Gemeinde genießt in 
Brot und Wein von seinem Fleisch und seinem Blut und heiligt 
-eh im „Abendmahl". Die Eucharistie der Katholiken wie das 
Passahmahl der Juden haben sich aus dieser Vorstellung entwickelt 



<K 



Das Unheimliche aus infantilen Komplexen 203 

und beziehen von ihr den Charakter des Geheiligten. So fügt sich 
auch der Gedanke vom Fressen eines geschlachteten Kindes in 
den Rahmen dieser uralten Realität, deren Sinn nicht mehr ver- 
standen worden war. 

Der ursprüngliche Zusammenhang ist durch viele Verall- 
gemeinerungen und Verschiebungen unkenntlich geworden, ein 
der Entstellungsgeschichte zwangsneurotischer Symptome vergleich- 
barer Vorgang. Ursprünglich sollte ein Sohnesgott getötet und 
gemeinsam gefressen werden. An seine Stelle tritt in der Ritual- 
mordvorstellung ein beliebiges menschliches Kind, später wird an- 
geblich dem Kinde nur Blut abgezapft, das genossen wird. Dieses 
Blut wird zur Bereitung des Osterbrotes bei den Juden verwendet. Das 
Osterbrot (Mazzath) ist aber gerade der Ersatz des zu genießenden 
Gottes. Diese vielfache Entstellung und Schichtung wird nur durch 
die historische und genetische Betrachtungsweise verständlich. Der 
Ritualmordgedanke ist aus der Erinnerung an die Tötungszeremonie 
eines menschlichen Repräsentanten der Gottheit zu verstehen, so 
wie die Phantasie des Verzehrens eines Jünglings, der an Stelle 
der Gottheit steht. Die Eroberer von Peru und Mexiko fanden 
die Zeremonie bei ihrer Ankunft wieder und wußten nicht, daß 
das, wovor sie sich erschauernd abwandten, in gemilderter Form in 
ihrer eigenen Religion, in der Abendmahlerzählung sowie in der 
Eucharistie, fortlebt. Dasselbe Ritual aber steht im Mittelpunkte 
der Pubertätsfeier der Wilden; der bedeutsamste Bestandteil der 
sozialreligiösen Mannbarkeitsfeier der Primitiven ist die Fiktion, 
daß der einzuweihende Jüngling getötet und gefressen werde. * 
In den Sitten dieser unserer, von der Kultur nicht beleckten Vettern 
hat sich ein Stück der Menschheitsvergangenheit erhalten, dessen 
letzte Spuren wir in der Bitualmordvorstellung wiederfinden. Die 

1) Vgl. meine Arbeit „Die Pubertätsriten der Wilden". Probleme der 
Religionspsychologie. I. Teil. 






3°4 -Da.; Unheimliche aus infantilen Komplexen 



Ritualmordphantasie aber bewahrt uns die unbewußte Erinnerung an 
jene Frühzeit des Menschengeschlechtes auf, da die Bemächtigungs- 
tendenzen und die kannibalen Gelüste noch in ihrer ganzen elemen- 
taren Wildheit wirksam waren; das Angstvorzeichen kann nach 
der Anschauung der Analyse als Zeugnis der Verdrängung gelten. 
Das Erleben des Einzelnen wiederholt auch hier nach dem bio- 
genetischen Grundgesetz das der Art: die Angst getötet (gebissen) 
und gefressen zu werden spielt in der Psychogenese der kindlichen 
Phobie eine große Rolle. 1 

Die Wirkung derselben psychischen Mechanismen ist in der 
Entstehung der Unheimlichkeitsgefühle erkennbar, welche in vielen 
Menschen durch die Vorstellung der Beschneidung erregt wird 
und deren Intensität eine wesentliche unterirdische Quelle anti- 
semitischer Tendenzen geworden ist. Auch hier läßt sich erweisen, 
daß die Unheimlichkeitsreaktion durch die Wiederkehr von Ver- 
drängtem entsteht, denn die Kastration und ihre gemilderten Formen 
der Beschneidung, Einschneidung etc. haben wirklich in der Ge- 
schichte der menschlichen Familie und der Völker eine bestimmte 
bedeutungsvolle Rolle gespielt. Die Ausführung der Beschneidung 
sowie ihrer Aequivalente wird bei den Wilden zum Zeichen da- 
für, daß der mannbar gewordene Jüngling in den Stamm auf- 
genommen wurde und nun alle Rechte und Pflichten eines 
erwachsenen Stammesgenossen übernehmen kann. Die von der 
Vätergeneration ausgeführte oder von ihr zumindestens anbefohlene 
Operation wird zur conditio sine qua non der Mannbarkeit; 



1) Es ist wahrscheinlich, daß die rituellen Speisegebote der Juden 
den Wirtsvölkern ursprünglich durch die Wiederkehr der verdrängten, an 
den Totemismus anknüpfenden Vorstellungen unheimlich wurden. — Es ist 
hier vielleicht der Platz dafür, hervorzuheben, daß auch die Geschichte der 
totemistischen Beschränkungen ihre ontogenetische Parallele in der psychisch 
bedingten Entstehung der häufigen Eßstörungen des Kindesalters findet. 



Das Unheimliche aus infantilen Komplexen 205 



erst nach dieser Schädigung, durch die dem inzestuösen Begehren 
der Jünglinge gewissermaßen Einhalt geboten wird, wird der 
jungen Generation der legale Weg zum Weibe freigegeben. So 
konnte diese schmerzhafte Erniedrigung allmählich zum ersehnten 
Ziel werden und zur Reaktionsbildung von Überlegenheits- und 
Überwertigkeitsgefühlen führen, da die Operation von Gott (dem 
Vater) verlangt und ausgeübt wird, die Entstehung einen lebhaften 
Auserwähltheitsglauben begünstigen, der neben dem Widerstreben 
gegen eine narzißtische Schädigung wirksam bleibt. Dieser Auser- 
wähltheitsglaube entstammt ursprünglich homosexuellen Regungen: 
durch die Beschneidung wird der Jüngling in den Stammesverband 
oder den Männerbund aufgenommen und gilt fortan als par inter 
pares. Durch die Beschneidung aber werden die Jünglinge in 
Übereinstimmung mit dunklen Phantasien der Kinderzeit zu Frauen 
oder Geliebten der Väter. Die Fortwirkung des so gewonnenen 
Auserwähltheitsglaubens ist noch bei den Mohammedanern, die auf 
den „unbeschnittenen Hund" von Giaur stolz herabsehen und bei 
den Juden zur Zeit des Bestehens ihres nationalen Reiches, da sie 
ihre unbeschnittenen Nachbarn verachteten, zu erkennen. 1 Es 



1) „Unbeschnittene" ist im antiken Israel ein Schimpfwort, das nicht 
nur den Philistern galt (Richter 1 4,5. 1 58, S. 17. 1. S. 17-26, 51-54 ^ w -)? 
ebenso wird es in Südaustralien und auf Rook Island noch jetzt gebraucht. 
Die meisten primitiven Völker, welche die Beschneidung ausüben, sehen 
auf den Unbeschnittenen verächtlich herab; erst durch die Beschneidung er- 
langen die jungen Leute das „Bürgerrecht". Die afrikanischen Stämme der 
Banalla und Bapullu meinen: „ohne Beschneidung ist der Mann kein Mann, 
er ist schwach, nichts, er wird beschimpft, verlästert und sogar verbannt-, 
er geht einsam umher, kann keine Frau bekommen. Nur der Beschnittene 
ist ein rechter Mann, der erbberechtigt ist und arbeiten und fechten kann" 
(Nach Steinmetz „Rechtsverhältnisse von eingeborenen Völkern m Afrika 
und Ozeanien". Berlin 1903. Seite 40 f.)- Bei den Wanika in Ostafrika .ist 
der Unbeschnittene aus der Gesellschaft der Männer ausgeschlossen; die 
Monbuttu, Bongo und Mittustämme in Zentralafrika weisen es zurück, mit 



206 Das Unheimliche aus infantilen Komplexen 



kann hier nur darauf verwiesen werden, daß die auf den Aus- 
erwähltheitsglauben dieser Art beruhende Selbstüberschätzung später 
die gegensätzlichen Minderwertigkeitsgefühle herausforderten, die 
nun neben den Regungen der ersten Art wirken. 1 Zu dieser Wandlung 
mögen verschiedene Faktoren zusammengewirkt haben, deren Be- 
deutung wir hier nicht zu untersuchen haben, wir wollen nur 

Unbeschnittenen zusammen zu essen. Beschnittenem ist nichTnur im antiken 
Israel eine stolze Bezeichnung, sondern auch bei den meisten Primitiven- 
im alten Ägypten, bei den Azteken (und Mayas) sowie auf der Rookinsel ist 
die Beschneidung nur auf die höchsten Klassen (Priester und Krieger) be- 
schränkt. Eine Vorstellung von der Verbreitung der Beschneidung kann 
man sich aus folgenden Daten machen: die meisten amerikanischen, afri- 
kanischen und polynesischen Völker üben sie noch aus. Andre e beschreibt 
die gegenwärtige Verbreitung der Beschneidung bei den Primitiven wie folgt 
(Archiv für Anthropologie, XIII, 74 ): „Die Westküste (von Afrika) nebst 
Hinterlandern gehört ihr - geringe Unterbrechungen ausgenommen -' 
vom Senegal bis Benguella. Die Kaffervölker mit Ausnahme der Zulu be- 
schneiden, ebenso fast alle Ostafrikaner, die Galla jedoch ausgenommen. Sie 
herrscht auf Madagaskar, bei den christlichen Abessyniern, Bogos und Kopten 
Im Herzen des schwarzen Erdteils ist sie von den Monbuttu und Akka geübt 
Fast alle Eingeborenen des australischen Kontinents, die Südwestecke aus- 
genommen, haben die Beschneidung; sie kommt vor in Melanesien, die Papuas 
von Neu-Guinea abgerechnet. Unter den Polynesien! fehlt sie den Maori. 
Vereinzelt ist sie bei nord-, mittel- und südamerikanischen Stämmen anzu- 
treffen. Nach einer flüchtigen Übersicht sind es 200 Millionen Menschen 
der siebente Teil aller, die sie ausüben." Diese Zahl vergrößert sich außer- 
ordentlich, wenn man die Beschneidungsäquivalente wie Zähneausziehen 
Haarreißen etc., die bei den Primitiven üblich sind, hinzurechnet. Bedenkt 
man, daß die Taufe ein Bestandteil der Beschneidungsriten darstellt und so 
«m Überbleibsel bis in die Religionen der Kulturwelt hineinragt, daß noch 
Paulus die Beschneidung an St. Thimotheus vollzog (Ph. 3 5 , Ac. 16 3), daß 
noch die christliche Sekte der Ebioniten stolz auf ihr Beschnittensein war 
wird man die Bedeutsamkeit dieser Institution erkennen. 

1) Ähnliche Anschauungen über die Kastration und die Beschneidung 
sowie ihre psychische Verwertung wurden bereits vonj. Sadger ausgesprochen 
(„Über den Kastrationskomplex". Portschritte der Medizin. 1915/16 Nr 30 
und 31 sowie „Neue Studien zum Kastrationskomplex", daselbst 1920) 



Das Unheimliche aus infantilen Komplexen 207 

zwei als besonders wesentlich hervorheben, die durch den Zu- 
sammenbruch des nationalen Reiches gegeben waren. Die Zer- 
streuung der Juden unter fremde Völker, welche die Beschneidung 
nicht mehr übten und das Eindringen fremder Sitten mußten den 
Wert und die Bedeutsamkeit dieser Verschiedenheit in den Augen 
der Juden, die gerade der Beschneidung wegen verspottet wurden, 
allmählich heruntersetzen. Mehr noch als dieses Moment war es 
ein anderes psychisches, das vom nationalen Zusammenbruch an 
seine Wirksamkeit entfaltete. War die ursprüngliche Schädigung 
des Narzißmus in Reaktionsbildung zum Quell starker Selbstüber- 
schätzung geworden, so mußte eine folgende schwere Beeinträch- 
tigung des nationalen Narzißmus, die das intensive Gefühl der Ver- 
sagung in der (homosexuell sublimierten) Liebe zu Gott erweckte, 
diese reaktiv noch verstärken, so daß sich auf der Basis des 
gekränkten Narzißmus ein tiefgehender Auserwähltheitsglauben 
konstituieren konnte. 1 Gerade diese Gefühle konnten sich auf die 
schweren Schicksalsschläge berufen, welche die Juden erlitten hatten 
und das Bewußtsein einer Sonderstellung ableiten; das immer 
schwerer werdende Leid, das unbewußte Gefühle der Erbitterung 
und der Feindseligkeit hervorrufen mußte, wurde reaktiv gerade 
zum Beweis besonderen Geliebtwerdens durch Gott. Nur auf diesem 
Boden konnte die Anschauung erwachsen, daß Gott züchtigt, wen 
er liebt. In der Auffassung der Strafe als Liebesbeweis erkennen 
wir den theologisierten Ausdruck von libidinösen Regungen, welche 
im individuellen Seelenleben entscheidende Beiträge zu typischen 
Schlagephantasien der Pubertät liefern, welche die inzestuöse Liebes- 
beziehung zum Vater zum Ziel haben. 2 Die Selbstunterschätzung 

1) Es soll nur angedeutet werden, daß diese Gefühle sich auch den 
Führern des Volkes gegenüber geltend machten. 

2) Über die Psychogenese der kindlichen Schlagephantasien siehe Freuds 
Aufsatz „Ein Kind wird geschlagen". Int. Zeitschrift für Psychoanalyse. I. Jahrg. 



2 °8 Das Unheimliche aus infantilen Komplexen 






aber wird durch die abwehrenden Kräfte bestimmt; sie ist auch 
erst mit der Lockerung der religiösen und nationalen Gebundenheit 
gegeben. Das geliebte Objekt, bei dem man eine Versagung erlitten 
hatte, wurde wie bei der Melancholie ins Ich aufgenommen und nun 
der eine Ichteil vom andern nach dem Vorbilde des Liebesobjektes; 
mißhandelt. Der Wechsel von Selbstüberschätzung und Selbstunter- 
schätzung wäre demnach aus dem Schwanken zwischen homosexuell- 
masochistischer Kastrationslust und ihrer sadistisch betonten Abwehr 
in Form der Kastrationsangst zu verstehen. Die passive Kastrationslust, 
ist mit starken Auserwähltheitsgefühlen verbunden, die Kastrations- 
angst mit Selbstverachtung auf Grund sozialen Schuldbewußtseins.. 
Die von den Juden beibehaltene Operation der Beschneidung, 
die allmählich die Bedeutung eines ruhmvollen Zeichens der Auf- 
nahme in den heiligen Bund mit Gott verloren hat, wird nun 
unbewußt zum trotzig festgehaltenen Symbol der Grausamkeit des 
geliebten Objektes, das in der Operation mitbestraft wird. Es ist 
so, wie wenn in der bekannten Anekdote der kleine Junge trotzig 
dem Vater droht: „Wart' nur, du wirst schon weinen, wenn ich mir 
die Hand' erfrier'". Diese ingrimmige masochistisch-sadistische Ver- 
wertung eines ursprünglich von außen auferlegten, später unbewußt 
provozierten Leides, welche das Schicksal des Judentums charakterisiert, 
stellt sich uns als gleichzeitige Befriedigung von Erotik und Schuld- 
bewußtsein (als Reaktion auf feindselige Wünsche) dar; die Parallele 
zu den individuellen Phantasien der Neurotiker, welche das Schlagen 
eines Kindes zum Inhalt haben, wird zum Verständnis dieser eigen- 
artigen Einstellung heranzuziehen sein. Wie bei der großen Gruppe 
von Neurotikern, welche diese Phantasie aufweisen, wird es auch in 
der Entwicklung mancher Völker zum unbewußten Sexualziel, vom 
Vater (Gott) gezüchtigt zu werden. Wie in der individuellen Analyse 
sehen wir auch hier, daß das Objekt einer alten Identifizierung, 
die noch sadistisch betont war, vom folgenden Masochismus zuiil 



Das Unheimliche aus infantilen Komplexen 2o9 

Sexualobjekt umgewandelt wurde. 1 Der Kastrationskomplex ist die 
tiefste Ursache des Antisemitismus, aber auch der Unheimlichkeit, 
welche die Juden für eine lange Zeit des Mittelalters und für viele 
Leute noch in unserer Zeit umgibt. Am Juden ist jene dunkle, aus 
der Kinderzeit stammende Drohung vollzogen worden; er ist so 
nach einer kindlichen Sexualtheorie zum Weibe geworden. 2 

Das Gemisch von Grauen, ursprünglich Angst, und Verachtung, 
das den Juden von Seiten ihrer Wirtsvölker entgegengebracht wurde, 

i) Die obigen Bemerkungen machen manche Korrekturen und Er- 
gänzungen notwendig. Die Stelle des Vaters oder Gottes kann im Völker- 
leben durch ein anderes Volk oder andere Völker ersetzt werden, die dann 
als Instrument Gottes betrachtet werden ; siehe die Gestalt des Cyrus bei den 
israelitischen Propheten, die vorausgesagte Zerstörung Jerusalems durch ein 
fremdes Volk etc. Die Leiden oder Züchtigungen, welche ein Volk zu dulden 
hat, werden durch unbewußte Regungen des Schuldbewußtseins provoziert. 
Das Schuldbewußtsein der Juden gegenüber ihrem Gotte hat in der Zeit des 
Exils sowie in der nach der Zerstörung Jerusalems starken Ausdruck in den 
Reden der großen Propheten gefunden. — Jedem Kenner der israelitischen 
Geschichte ist es bekannt, daß es im alten Israel eine lange Periode gab, die 
durch Kriege gegen die Nachbarvölker charakterisiert war. In dieser Zeit 
nationaler Aktivität hatte sich ein großer Teil sadistischer Tendenzen freie 
Bahn gebrochen. Jahwe war damals ein grausamer Kriegsgott. Die Zeit des 
großen nationalen Unglücks schuf in Christus eine Gestalt, die nach Jahwes 
Willen grausamen Todes sterben mußte und so ein Sinnbild des gequälten 
Volkes wurde, das von der Erfüllung sadistischer Wünsche zu masochistischen 
Zielen fortgeschritten war. Das passive Ziel der folgenden Zeit war eben, 
von Gott gezüchtigt zu werden. 

2) Im Seelenleben des Kindes spielt ursprünglich die Geschlechts- 
differenz keine Rolle; es zeigt auch nichts von einer verschiedenen Bewertung 
der Geschlechter; wenn der kleine Junge zum erstenmale ein weibliches 
Genitale sieht, will er die anatomische Verschiedenheit von Mann und Frau 
nicht anerkennen und hält nach der primären, narzißtisch betonten Analogie des 
eigenen Körpers daran fest, daß auch die Frauen einen Penis haben. Erst unter 
der Nachwirkung der ersten Sexualeinschüchterung, welche zumeist die Form 
von Kastrationsdrohungen in mehr oder minder verhüllter Form annehmen, ent- 
wickelt er in Umbildung seiner früheren Theorie die Ansicht, der ursprünglich 
auch den Frauen eigene Penis sei ihnen weggenommen, abgeschnitten worden. 

14 Reik 



Das Unheimliche aus infantilen Komplexen 



gilt unbewußt zum größten Teil den Juden als Vaterrepräsentanten, 
welche diese grausame Operation vollzogen, sowie den Juden als 
Opfern dieser Schädigung. Die soziale Sonderstellung der Juden 
hatte ebenso wie die des Weibes keine stärkere Wurzel als diese 
unbewußte Vorstellung. Der Jude wurde so auf der einen Seite 
zu einer Art atavistischer Schreckfigur, von dem die Kastration 
drohte, als auch zum Objekt der Spottlust, da diese Operation an 
ihm vollzogen worden war; beide Gefühle aber entspringen dem 
kindlichen Stolz auf den eigenen Penis, den wir in der Analyse 
als Penisnarzißmus bezeichnen. Freud hat zuerst auf die Bedeutung 
des Kastrationskomplexes in der Psychogenese des Antisemitismus 
hingewiesen; er bemerkt, daß der Knabe schon in der Kinderstube 
hört, „daß dem Juden etwas am Penis — er meint ein Stück des 
Penis — abgeschnitten werde und das gibt ihm das Recht, den Juden 
zu verachten". 1 Shakespeare hat in der Figur des Shylock den 
Juden so gestaltet wie er den Gefühlen des mittelalterlichen Volkes 
erschien und in seiner Dichtung unbewußt auch die tiefsten Motive 
dieser feindseligen und unheimlichen Gefühle gezeigt: der Jude, 
der dem christlichen Edelmann ein Stück Fleisch herausschneiden 
will, ist unbewußt ein Bild des Kastrators. 2 Aber auch die den Juden 



i) Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben in „Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlehre". 5. Folge. S. 26. Freud hat dort auch darauf 
hingewiesen, daß die von Weininger aufgestellte gleiche Bewertung des 
Juden und des Weibes auf die Wirkungen des in der Kinderzeit erworbenen 
Kastrationskomplexes zurückgeht. Es sei hinzugefügt, daß es in diesem Zu- 
sammenhang als eine Verschiebung aufzufassen ist, wenn Weininger dem 
Juden und dem Weibe intelligibles Ich und Größe abspricht. Seine Be- 
hauptung, der Jude wäre sexuell weniger potent und sicher auch „aller großen 
Lust weniger fähig als der arische Mann" (Geschlecht und Charakter. 7. Aufl. 
1907. S. 423), läßt sich aus der Herrschaft derselben infantilen Komplexe 
verstehen. 

2) Daß das von Shylock geforderte Stück Fleisch ursprünglich ein Stück 
Penis oder der Penis selbst sein soll, ist aus dem von der Psychoanalyse 



Das Unheimliche aus infantilen Komplexen 



erkannten psychischen Mechanismus der „Verschiebung- nach oben" zu er- 
klären. Es ist bemerkenswert, daß'in Shakespeares Drama selbst die 
Stelle, wo der Schnitt erfolgen soll, nicht immer sichersteht. Der Vertrag 
zwischen Shylock und Antonio lautet (1. Akt, 3. Szene) dahin, daß das Fleisch 
aus einer von Shylock auszuwählenden Stelle geschnitten werden sollte: 

' let the forfeit 

Be nominated for an ecjual pound 

Of your fair flesh, to be cut off and taken. 

In what part of your body pleaseth me ' 

In derselben Szene spricht übrigens Shylock deutlich seine Kastrations- 
absicht aus: 

'If I can catch him once upon the hip 
I will feed fat the ancient grudge I bear him' 
Erst später wird im Drama ein Stück Fleisch aus der Brust gefordert. 
Ist so die ursprüngliche Bedeutung von Shylocks Forderung für den Zu- 
schauer durch den Verschiebungsvorgang unbewußt unerkennbar geworden, 
so taucht die Kastrationsdrohung wie zum Ersatz an manchen anderen Stellen 
deutlich genug auf. Unverhüllt spricht sie Graziano (4. Akt, 1. Szene) aus: 
'Now, infidel, I have thee on the hip.' 
Er weist auf die oben besprochene ähnliche Bewertung des Weibes 
und des Juden unter dem Zwange des Kastrationskomplexes hin, wenn 
Graziano dem Schreiber des Richters (Nerissa) flucht (5. Akt, 1. Szene): 
'Would he were gelt that had it, for my part, 
Since you do take it, love, so much at heart.' 
In derselben Szene spricht Graziano noch einmal dieselbe Drohung aus : 
'Well, do you so: let not me take him, then; 
For if I do, I'll mar the young clerks pen'. 
Porzia und Nerissa wollen sich in solche Tracht kleiden (5. Akt, 
4. Szene*) daß 

' . . . . they shall think we are accomplished 
With tha wet lack . . . . ' 
Die Shylock- und die Porziahandlung zeigen hier ihre latenten Ver- 
bindungsfäden, die auch an anderer Stelle aufleuchten. Es kann hier nicht auf 
die Analyse des Shakespeareschen Dramas eingegangen werden, es seien 
nur einige Züge herausgegriffen, welche die beiden großen Handlungen in 
in ihrem unbewußten Zusammenhang zeigen. Shylocks Tochter Jessica, die 
entführt wird, ist ein deutlicher Ersatz seiner verstorbenen Frau. Antonio 
und Shylock sind Abspaltungen einer ursprünglich einheitlichen Individualität 
und erschöpfen ähnlich wie Macbeth und die Lady die Möglichkeiten der Re- 
aktion auf eine Tat. Die Schiffe Antonios, die verloren gingen, entsprechen kraft 

14* 



212 Das Unheimliche aus infantilen Komplexen 



ihrer sexualsymbolischen Bedeutung der entführten Jessica. Wenn die unter- 
irdische Verbindung zwischen Antonios Schiffsverlust und Jessicas Entführung 
die geheime Identität von Shylock und Antonio verrät, so ist Antonio gleichzeitig 
auch als Sohnestyp dargestellt, so daß die Antonio drohende Bestrafung der 
Kastration die Rache für den von ihm (in der Abspaltung der Lorenzo-Pigur) aus- 
geführten Inzest ist. Die ursprüngliche, latente Identität Shylocks und Antonios 
ist auch in der kunstvollen Parallelität ihrer Schicksale erkennbar: am Ende 
verliert Shylock sein Geld und muß sich dem Christentum unterwerfen; es 
ist so, als würde nun er, der Kastrierende, selbst kastriert. Daß der entschei- 
dende Richter im Prozeß zwischen Shylock und Antonio Porzia ist, scheint 
nur wieder auf die Bedeutung des Kastrationskomplexes in Shakespeares 
Drama hinzuweisen, da doch eine Frau, also ein nach der infantilen Theorie 
(vgl. den oben zitierten Ausspruch Porzias) des Penis beraubtes Wesen den 
Spruch fällt. Sie steht also wirklich in der Mitte zwischen dem Juden, der 
unbewußt dem Weibe gleichgesetzt wird und der Kastrator ist, und Antonio, der 
kastriert werden soll. (Die intellektuelle Verachtung des Weibes und die 
Misogynie, beruht, wie die analytische Erforschung der Neurosen zeigt, zum 
großen Teil auf der Nachwirkung der unbewußten Phantasie, das Weib sei ihres 
Penis beraubt.) Die androgyne Figur Porzias in der Gerichtsszene sowie die 
Verkleidungen von Frauen als Männer (Porzia, Nerissa, Jessica) weisen übrigens 
deutlich den Weg zu einer Deutung, die auch auf die homosexuellen Züge 
in der Dichtung Rücksicht zu nehmen hätte. Es kann nach analytischen Vor- 
aussetzungen keine zufällige Ersetzung sein, wenn ein Stück Fleisch als Buße 
für das Geld gefordert wird. Geld, Kot und Penis werden, wie Freud aus- 
geführt hat, zu einem „unbewußten Begriff", so daß die drei Dinge im Seelen- 
leben für einander eintreten können. Die Gefühle der Verachtung für Shylock, 
die sich bei den venezianischen Edelleuten zeigen, stehen deutlich genug 
neben denen des Grauens,, ja der Angst vor dem düsteren Manne, — Wenn 
Porzia das Problem des Richterspruches in der Weise löst, daß sie Shylock 
das Recht der Buße zuerkennt, aber ihm verbietet, einen Tropfen Christen- 
blut bei der Operation zu vergießen, so wird hier die Beziehung der Kastration 
zum Ritualmord und zum Blutaberglauben klar. Der verborgene mythische 
Gehalt der Shylock-Antoniohandlung, der das in den Porziaszenen von Freud 
nachgewiesene mythische Motiv ergänzt, hängt mit den Tötungs- und 
Kastrationstendenzen innig zusammen: Shylock ist die vermenschlichte Ver- 
körperung des alten, grausamen Gottes, Antonio vertritt die Stelle des Erlöser- 
gottes und jugendlichen Heilands, der für die Brüder dulden muß. Der milde 
Antonio, der für die Brüder (Edelleute) allen Haß Shylocks trägt, rückt so 
unbewußt in die Nähe Christi. In der Konstellation der befreundeten Edelleute 
gegenüber Shylocks ist vielleicht eine letzte, dichterisch verarbeitete Spur 



Das Unheimliche aus infantilen Komplexen al 5 



zugewendeten freundlichen Gefühle des Mitleids, wie sie im Philo- 
semitismus und in den „Toleranz"-bemühungen zum Ausdruck 
kommen, wurzeln im infantilen Kastrationskomplex und stellen den 
Ausdruck der anderen Seite der ambivalenten Gefühlskomplexion 
dar. 1 Die Juden werden den Wirtsvölkern zu einer unbewußten 



des alten Mythos, der die vereinigten Brüder den mächtigen Vater besiegen 
ließ, zu erkennen. Es sei hervorgehoben, daß die obigen Bemerkungen keines- 
wegs eine durchgeführte Analyse des Dramas Shakespeares ersetzen sollen. 
1) Vgl. die ähnlichen Ansichten Sadgers in den beiden, früher ge- 
nannten Publikationen. — Die Beschneidung als Ursache antisemitischer 
Tendenzen, wie sie in der Analyse von Neurotikern und Kindern erschien, 
wird durch die Urteile der Antike ebenso 'außer Zweifel gesetzt wie durch 
die Äußerungen des Massenhasses in unserer Zeit. Die Satiriker der grie- 
chischen-römischen Welt, Juvenal, Horaz („curti Judaei" Sat. I. 9, 70) 
u. a., wählen die Beschneidung manchmal als Ziel ihres Spottes: die 
römischen Kaiser wie Antiochus Epiphanes (1. Macc. 1, +8, 60 f.) und 
Hadrian versuchen immer wieder vergebens, die Beschneidungssitte bei den 
Juden zu unterdrücken. Die sekuläre Verdrängungswirkung hat die eigent- 
liche Ursache des Antisemitismus immer mehr dem Bewußtsein entzogen. 
Von gelegentlichen Durchbrüchen bei sozial tieferen Volksschichten abgesehen, 
erkennen nur einzelne Beobachter in der Beschneidung noch bewußt eine 
starke Quelle der Abneigung gegen die Juden i, ich zitiere beispielsweise 
zwei Äußerungen aus einer Rundfrage (Die Lösung der Judenfrage. Herausgegeb. 
von Julius Moser. Berlin-Leipzig 1907.): „Die Beschneidung ist es, die allen 
Juden für die ganze Lebensdauer den Stempel des Judentums aufdrückt und 
dadurch den Kreis der Juden auf das schärfste und durch ein äußerliches 
Merkmal gegen alle anderen Volkskreise abgrenzt. Es ist nur eine natürliche 
Reaktion, wenn die Gefühle des Fremdseins auf der anderen Seite dadurch 
noch gesteigert werden." (Aus der Antwort des Abgeordneten Dr. Adolf 
Neumann-Hofer. S. 292): „Den Juden sind die Christen im Grunde wider- 
lich und diesen jene zuwider und unheimlich zugleich .... Besondere 
Nahrung findet die Animosität der Christen dadurch, daß deren religiöse 
Riten die NichtJuden intensiv abstoßen. Die Beschneidung, auf die der Jude 
so stolz ist, dünkt dem NichtJuden etwas sehr peinliches zu sein, wenn 
nicht mehr. Der Christ wird nie das Gefühl los: wäre dir wie ihm 
geschehen, wärest du ein Verstümmelter, ein Gebrandmarkter." 
(Aus der Antwort von Karl Felix von Schlichtegroll. S. 75; die Stellen 
von mir gesperrt.) 



21 4 ^>as Unheimliche aus infantilen K omplexen 

Bestätigung der Kastrationsmöglichkeit, daher rührt zum größten 
Teil die Verachtung gegen sie, die vielfach rationalisiert wird; 
andererseits verbindet sich mit der Verachtung für den Kastrierten 
die dunkle Angst, dasselbe Schicksal zu erleiden. 

Die Geschichte der Kulturentwicklung läßt uns verstehen, 
in welchem Zusammenhang die Kastrationsangst mit der Ritual- 
mordphantasie steht. Die Pubertätsriten der Wilden zeigen sowohl 
die Fiktion der Tötung als auch die wirkliche Beschneidung der 
jungen Leute beim Eintritt in das Alter der Mannbarkeit. In dem 
bereits zitierten Aufsatze habe ich nachzuweisen versucht, daß die 
angebliche Tötung im wesentlichen die Bestrafung der aggressiven, 
gegen die väterliche Macht gerichteten Tendenzen, die Kastration 
in ihrer abgemilderten Form der Circumcision und Incision die 
Strafe für die inzestuösen Begierden der Jünglinge bezwecken soll. 
Diesen beiden Regungen, welche den stärksten und primitivsten 
unbewußten Wünschen der jungen Leute entsprechen, soll durch 
die Zeremonien ein Riegel vorgeschoben werden. Es ist wahrschein- 
lich, daß ursprünglich die wirkliche Tötung der Erstgeborenen, wie 
sie manche primitive Völker noch jetzt ausüben, durchgeführt' und 
erst später durch die Kastration ersetzt wurde. Die Kastration (Beschnei- 
dung) ist bereits die mildere Taktik, welche allerdings die sexuellen 
Motive der Rivalität zwischen Vätern und Söhnen klar erkennen läßt. 
Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß die primäre Form 
der Angst, welche später auf die Tötung und Kastration bezogen 
wurde, das Gefressenwerden zum Inhalte hat. In der Analyse der 
Tierphobien der Kinder ist diese Entwicklung besonders deutlich 
zu verfolgen. Freud hat schon früh den Zusammenhang zwischen 
der Kastrationsangst und der kindlichen Angst, von einem Tier 
gefressen zu werden, an einem Falle infantiler Phobie dargestellt. 
Wenn das Kind die ursprünglich dem Vater geltenden Befürch- 
tungen auf das Tier verschiebt, so folgt es einer alten Spur, die 



Das Unheimliche aus infantilen Komplexen 215 



wir im Totemismus wiederfinden. Man darf sagen, daß in der 
Ritualmordphantasie ebenso wie in den Tierphobien der Kinder 
gewisse Züge des Totemismus in negativer Ausprägung wieder- 
kehren. 

Wir würden also die Reihenfolge der Angstvor Stellungen 
folgendermaßen feststellen: Gefressenwerden — Getötetwerden 
Kastriertwerden, wobei diese drei Vorstellungen gewissermaßen 
einen einzigen unbewußten Begriff bilden. Es muß hier daran er- 
innert werden, daß die Ambivalenzspannung, deren feindseliger 
Anteil sich in dem unbewußten Wunsche, der Vater (das Tier) möge 
sterben, äußert, zu einer solchen Verschiebung, wie sie in der in- 
fantilen Tierphobie nachzuweisen ist, strebt, um eine psychische 
Entlastung zu erreichen. 

Wenn auch die Vorstellung des Getötetwerdens im bewußten 
Mittelpunkte der Ritualmordangst steht, so sind doch die angedeuteten 
beiden anderen neben ihr — besser hinter ihr — nachweisbar; man 
möchte sagen, daß die masochistische Reaktion (Getötetwerden) die 
herrschende ist, jedoch der Abwehr der verdrängten homosexuellen 
(Kastrationsangst) und oralen (Angst, gefressen zu werden) Strömungen 
ursprünglich sicher größere psychische Bedeutung zukommt. 1 Die 



1) Dem Kulturhistoriker müßte es nicht schwer sein, zu zeigen, daß 
die Vorstellungen der Kastration und des Gefressenwerdens früher weit 
stärker in der Ritualmordphantasie hervortraten. Die Geschichten von ver- 
stümmelten Kindern, von der Zubereitung des Osterbrotes mit dem Blute 
der Opfer sind deutliche Zeugnisse des früheren Stadiums ; die „Aufklärung" 
hat auch hier die wahren Motive der völkerpsychologischen Phänomene 
verdeckt. Noch im Mittelalter und vereinzelt auch in der neueren Zeit 
(Ritualmordhetze zu Damaskus im 19. Jahrhundert) tauchte die alte Vor- 
stellung gelegentlich auf. Die Angst vor dem Gefressenwerden kann sich 
natürlich in unserer Zeit nicht in bewußter Ausprägung äußern; sie entstammt 
der ältesten, kannibalen Epoche der Menschheits- und individuellen Entwick- 
lung und ist ihrer außerordentlich primitiven Stufe entsprechend dem Bewußt- 
sein am fremdesten. 



al6 Das Unheimliche aus inf antuen Komplexen 



herrschende masochistische Tendenz wird mit Angst abgewehrt, 
die tieferen homosexuellen und oralen Tendenzen haben den Haupt- 
anteil zu der Bildung einer regelrechten Phobie beigetragen; die 
individuelle Parallele dieser völkerpsychologischen Erscheinung wird 
durch die Analyse der Symptome der infantilen Neurosen gegeben; 
ich verweise wieder auf den von Freud beschriebenen Fall einer 
infantilen Neurose, die regressiv während der Krankheit im er- 
wachsenen Alter analysiert wurde. 1 An dieser Stelle aber drängt 
sich eine Frage auf, die wir nicht länger abweisen können: woher 
stammen jene Eindrücke, welche so seltsam starke Reaktionen im 
Leben der Völker hervorrufen? Wenn wir von Verdrängung von 
Altvertrautem gesprochen haben, haben wir da nicht zu entscheiden, 
ob die von uns behauptete Bekanntschaft mit den komplexbetonten 
Vorstellungen eine individuell erworbene ist oder aus dem Erleben 
der Ahnen stammt, also eine phylogenetische Erbschaft ist? Nun 
ist es zweifellos, daß die Ritualmordvorstellung ebenso wie die 
Kastrationsangst auf ein phylogenetisches Erleben zurückgreift, daß 
also prähistorische Vorgänge ihre Wirksamkeit bis in den Reak- 
tionen späterer Geschlechter in bestimmter Art fortsetzten. Es ist 
aber darum keineswegs so, daß die phylogenetische Erbschaft allein 
ausreichend wäre; diese wird vielmehr durch das individuelle früh- 
infantile Erleben wiedererweckt, ergänzt, variiert, gleichsam .wieder- 
erworben. Die Analyse zeigt sowohl die Tatsache, daß dort, wo ein 
entsprechendes Erleben in der frühen Kindheit nicht nachweisbar 
ist, die individuellen Reaktionen einem vererbten Schema folgen, 
als auch, daß sie sich in Anlehnung an reale Erlebnisse der infan- 
tilen Frühzeit entwickeln. Wie häufig kommt auch "hier die 
Analyse in die Lage, an die Stelle eines starren, grauer Theorie 
entstammenden Entweder-Oder ein der Mannigfaltigkeit der Realität 



i) Freud, „Aus der Geschichte einer infantilen Neurose". 



Das Unheimliche aus infantilen Komplexen 217 

entsprechenderes Sowohl- Als auch zu setzen. 1 Nach dem Vorbild der 
oben behandelten erklären sich auch die anderen Momente, welche 
eine religiöse oder nationale Gruppe den anderen unheimlich er- 
scheinen lassen. Wir verweisen nur auf die Unheimlichkeit der 
Gestalt Marias und Jesu Christi für die Juden, welche wir im 
ersten Teile dieser Arbeit zu erklären versucht haben, auf die 
Unheimlichkeit exotischer Götterfiguren wie etwa der indischen 
Götter mit ihren Lingamattributen oder der androgynen Götter der 
Antike. Wir erkennen in diesen Gefühlen die seelische Reaktion auf 
ein aus der Verdrängung Wiederkehrendes. Wenn Freud die Un- 
heimlichkeit, die sich an die Vorstellungen der Kastration, des 
Scheintodes usw. knüpft, als solche aus infantilen Konflikten be- 
zeichnet, so können wir auch im Völkerleben von in der prähistori- 
schen Menschheitsgeschichte erworbenen Komplexen sprechen. Das 
Unheimliche im individuellen Erleben entsteht durch Wiederbelebung 
verdrängter infantiler Komplexe. Die Analogie auf völkerpsychologi- 
schem Gebiete ist durch die Existenz der starken und unzerstörbaren 
Gefühlsbesetzungen, die den Eindrücken und Erlebnissen einer 
prähistorischen Vorzeit entstammen, gewährleistet. Das Unheimliche 
dieser Art stellt also ein Sträuben gegen wiederkehrende Vorstel- 
lungen dar, die der Menschheit einst vertraut waren und durch 
ihre Entwicklung verdrängt wurden. Die feierliche Tötung und das 
Fressen eines menschlichen Repräsentanten der Sohnesgottheit, die 
an die Stelle des Urhordenhäuptlings getreten war, bildete einen 
periodisch wiederkehrenden, integrierenden Bestandteil aller primi- 
tiven Religionen der Antike; sie leitete sich von einem wirklichen, 
jeder Erinnerung entzogenen Ereignis der Urzeit, nämlich der 



1) Freud hat die oben aufgeworfene Frage des öfteren diskutiert. Ich 
verweise auf „Aus der Geschichte einer infantilen Neurose" (Kleine Schriften 
zur Neurosenlehre. IV". S. 688), „Vorlesungen zur Einführung in die Psycho- 
analyse" (3. Auflage, S. 430 f.) und „Totem und Tabu" (2. Auflage, S. 211). 



218 Das Unheimliche au s infantilen Komplexen 

Überwältigung des Urhordenvaters ab, und ihre letzte Spur reicht 
bis zur Feier der Kommunion der katholischen und der Passah- 
mahlzeit der israelitischen Religion. Die Kastration oder vielmehr 
ihr Äquivalent, die Beschneidung, wurde von den meisten antiken 
Völkern, von denen wir Kunde haben, in ihrer Frühzeit in wirk- 
licher oder symbolischer Form ausgeübt; sie ist wahrscheinlich 
ebenso eine Erinnerung an ein prähistorisches Geschehen wie die 
periodische Totemmahlzeit; ihre letzte Auswirkung hat sie noch in 
den Details der Tauffeierlichkeiten der Kirche gefunden. Die An- 
näherung an den primären Sachverhalt, wie sie z. B. in der Be- 
schneidung der Juden erscheint, wirkt auf viele Menschen unheimlich. 
Wir werden in der Annahme nicht fehlgehen, daß ein Minus oder 
Plus der Annäherung an die in der Prähistorie jeweilig erworbenen 
Komplexe neben dem jeweiligen Verdrängungsstadium darüber ent- 
scheiden, ob eine bestimmte Vorstellung als unheimlich erscheint 
oder nicht. Der Anblick der christlichen Kommunion wird gewiß 
weniger unheimlich sein ;als etwa die Zeremonie der Tötung eines 
mexikanischen Jünglings, der als Gott jährlich geopfert und dessen 
Herz verzehrt wurde. 1 Das Unheimliche aus den infantilen oder, 
wie wir auf dem Gebiete der Völkerpsychologie sagen würden, in 
der Prähistorie erworbenen Komplexen erweist sich als viel hart- 
näckiger als jenes aus angeblich überwundenen, primitiven Über- 
zeugungen. Dies wird schon dadurch erklärlich, daß es gegen die 
intellektuelle Zersetzungsarbeit besser gesichert ist; hier kommt 
die Frage der materiellen Realität nicht in Betracht, es handelt 



l) Auf jene Fälle, in denen Riten der eigenen Religion unheimlich 
erscheinen, wurde bereits früher hingewiesen. Es sei. als Beispiel eine Brief- 
stelle von Flaubert (Correspodance. II. p. 252) angeführt, worin der 
Dichter von einer Taufe erzählt: als er „alle diese für uns bedeutungslosen 
Symptome sah", mußte er sich vorstellen, „er wohne der Zeremonie einer 
aus dem Staube ausgegrabenen Religion bei". 



Das Unheimliche aus infantilen Komplexen 2i9 

sich nicht um Aufhebung eines Glaubens an die Realität eines 
Inhaltes, sondern um die wirkliche Wiederkehr verdrängter Inhalte. 
Erinnern wir uns etwa daran, wieviel die Ritualmordphantasie, 
die Kastrationsvorstellung und andere Repräsentanten verdrängten 
Materiales zur Konstituierung der religiösen Verfolgung beigetragen 
haben, so werden wir einsehen, um wieviel resistenter das Un- 
heimliche dieser Art ist, daß es viel schwerere Konsequenzen 
hat und zu weittragenden Ereignissen führt. Ja man kann sagen, 
die Gefühle der Unheimlichkeit gegenüber dem wiederkehrend Ver- 
drängten haben sich in den großen religiösen Kämpfen, in den 
Strömen Blut, den Martern und Qualen, welche jede Religion aus- 
nahmslos Andersdenkenden zufügte, einen elementaren Ausdruck 
geschaffen, dessen verborgenen Sinn bisher weder die Völker- 
psychologie noch die Religionswissenschaft in seiner wahren Be- 
deutung erkannt haben. 



X. 

DIE ÄQUIVALENZ 
DER TRIEBGEGENSATZPAARE 

Die Erscheinungen der Religion haben sich niemals der 
Herrschaft der Ambivalenz der Gefühlsregungen, die über ihre 
Anfänge entschied, entziehen können: alle religiösen Riten, Dogmen, 
Mythen und die religiöse Gefühlswelt werden von ihr unterirdisch 
durchdrungen. Die unbewußte Feindseligkeit gegen den potenzierten 
Vater, den die Menschheit Gott genannt hat, die aufrührerischen 
Regungen gegen ihn und das Schuldbewußtsein haben ihren Aus- 
druck auch auf einem Gebiete gefunden, wo wir diese Gefühle 
am wenigsten erwartet hätten: auf dem der religiösen Kämpfe, des 
Hasses und der Verfolgungen aus religiösem Eifer. Wir sind natür- 
lich darauf gefaßt, hier der Feindschaft gegen den fremden Irr- 
glauben, gegen Ketzerei und Gottlosigkeit zu begegnen, aber wir 
hätten erwartet, das Motiv dieser starken Gefühle sei Liebe zum 
eigenen Glauben, Anhänglichkeit an den eigenen Gott und Eifer 
für die Lehren der eigenen hochgeschätzten Religion. 

In Wahrheit aber ist der Sachverhalt ein weit komplizierterer, 
wie die Analyse beim Einzelnen nachzuweisen vermag. Sie zeigt, 
daß die ersten religiösen Zweifel des Kindes eine Wiederspiegelung 
jener Kritik darstellen, welche es an die früher sakrosankte Person 
des Vaters knüpft und welche ihre triebhaften Motive nicht ver- 
leugnet. In der Analyse eines neurotischen Patienten, der infolge 
bestimmter Momente repräsentative Bedeutung für die von uns 



aufgeworfene Frage zukommt, hat Freud gezeigt, 1 wie die kind- 
liche Opposition gegen die religiösen Lehren beginnt und aus 
welchen verborgenen Quellen sie ihre Intensität bezieht. Der 
Patient war in früher Kindheit schlimm und widerspenstig ge- 
wesen; die Äußerungen dieser Eigenschaften hatten sich unter der 
Einwirkung der religiösen Sublimierung verringert oder waren ganz 
gewichen und hatten für eine bestimmte Zeit einer Art Zwangs- 
frömmigkeit Platz gemacht. Bald griff das Kind aber die Religion 
selbst an, stellte überraschend scharfsinnige kritische Fragen und 
zeigte dadurch, daß es in ihr die dunkle Ambivalenz gegen den 
Vater, die in ihr enthalten ist, herausgefühlt hatte. Der Gott, „den 
ihm die Religion vorgeschlagen hatte, war kein richtiger Ersatz für 
den Vater, den er geliebt hatte und den er sich nicht wollte rauben 
lassen. Die Liebe zu diesem Vater schuf ihm seinen kritischen 
Scharfsinn. Er wehrte sich gegen Gott, um am Vater festhalten 
zu können, verteidigte dabei eigentlich den alten Vater gegen den 
neuen. Er hatte da ein schwieriges Stück der Ablösung vom Vater 
zu vollbringen. Es war also die alte, in früherer Zeit offenbar 
gewordene Liebe zu seinem Vater, der er die Energie zur Be- 
kämpfung und den Scharfsinn zur Kritik der Religion entnahm. 
Aber andererseits war diese Feindseligkeit gegen den neuen Gott 
auch kein ursprünglicher Akt, sie hatte ein Vorbild in der feind- 
seligen Regung gegen den Vater, die unter dem Einflüsse des 
Angsttraumes entstanden war und war im Grunde nur ein Wieder- 
aufleben derselben." Jeder Analytiker kennt aus der Praxis ähnliche 
Beispiele des religiösen Verhaltens der Kinder zu einer bestimmten 
Zeit und weiß, wieviel Vorbildlichkeit dem von Freud dargestellten 
Fall zukommt. Das aber, worauf es uns hier ankommt, ist die 
Parallelerscheinung in der Völkerpsychologie, beziehungsweise in 

1) „Aus der Geschichte einer infantilen Neurose" in Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlehre. II. Folge. S. 650 f. 



222 



Die Äquivalenz der Triebgegensatzpaare 



1 



der religiösen Entwicklung. Der seelische Vorgang stellt sich hier 
so dar: die Zurückweisung des neuen Gottes, der neuen Religion 
geschieht im Zeichen der Liebe und Verehrung für den alten 
Glauben, zugleich aber wird in ihr der andere Teil der Gefühls- 
ambivalenz, nämlich die verdrängte Feindseligkeit gegen die alte 
Gottheit, fühlbar. So darf in jedem Falle religiösen Kampfes, den 
die Religionsgeschichte berichtet, das Zusammenwirken zärtlicher 
und feindseliger Strömungen gegen den eigenen Glauben ange- 
nommen werden; so verteidigten im Streite des altarabischen 
Heidentums gegen den Islam, des Judentums gegen das Christen- 
tum, der römisch-griechischen Welt gegen die ersten Christen des 
Kathohzismus gegen den Protestantismus die Gläubigen die alten 
Vater gegen die neuen, wobei aber gerade in der Abwehr des 
Neuen die feindseligen Gefühle gegen das Verteidigte sich Raum 
und Ausdruck gewannen. Wir ahnen bereits, daß die Gefühls- 
ambivalenz nicht nur im Streite der konservativen Tradition gegen 
revolutionäre Tendenzen herrscht, sondern auch in den Anhängern 
einer neuen Religion, welche die alten „falschen" Götter und 
Götzen verfolgt, ihre Wirkungen entfaltet. 

Wir meinen, wir könnten, uns vorsichtig vorwärtstastend, auf 
diesem Wege zu einem psychologischen Verständnis des religiösen 
Hasses gelangen. Es will uns vorläufig scheinen, als wäre die 
Verfolgung der fremden Religion aus der Projektion der verdrängten 
feindseligen Gefühle gegen die eigene zu verstehen, ohne daß wir 
den Anteil von zärtlichen und verehrenden Strebungen ihr gegen- 
über verkennen wollen. Wir würden sagen, die immer wieder 
auftauchenden Impulse der Rebellion und Revolution gegen die 
eigenen Gottheiten finden in der Verfolgung der fremden Be- 
friedigung. Wir sprechen von religiösem Haß und mancher könnte 
meinen, ein solcher Ausdruck sei unangemessen, denn die Religion 
fordere .ja gerade die allgemeine Menschenliebe; wir wollen diesem 



Die Äquivalenz der Triebgegensatzpaare 223 

Einwurf Gehör schenken. Sollen wir uns indessen darauf berufen, daß 
die vergleichende Religionsgeschichte uns immer wieder zeigt, daß 
jede Religion in ihren Anfängen verfolgt wurde und später zur 
Verfolgerin wurde; sollen wir daran erinnern, daß die Forderung 
der allgemeinen Menschenliebe erst einen Höhepunkt der religiösen 
Süblimierung darstellt, und daran, daß diese ideale Forderung zwar 
von mancher Religion präsentiert, aber von keiner einzigen ein- 
gelöst wurde ? Doch von solcher Diskrepanz zwischen Ideal und 
Wirklichkeit abgesehen, es muß, wie wir gezeigt haben, etwas im 
Wesen der Religion selbst liegen, das nach Befriedigung feind- 
seliger Gelüste verlangt und immer wieder verlangt und wir ver- 
stehen diese Ewigkeitstendenz der grausamen Lust, wenn wir ihrer 
Entstehung nachforschen. Ist in jeder religiösen Feindschaft auch die 
feindselige Strömung gegen den eigenen Gott wirksam, so spiegelt 
diese Erscheinung ein Stück der Urgeschichte der Religion wieder, 
wie sie Freud dargestellt hat. Die Religion, die dem Schuldbewußt- 
sein, der Vatersehnsucht und dem Trotz ihre Entstehung verdankt 
und zum Schutz gegen den Ansturm gewalttätiger und feindseliger 
Impulse aufgebaut wurde, muß sich immer wieder gerade dieser Ten- 
denzen erwehren; die unbewußte Feindseligkeit gegen den eigenen 
Gott gehört zum eigentlichen Wesen der Religion und ist nicht 
von ihr ablösbar. 

Der religiöse Eifer der Verfolgung bewirkt es, daß dieselbe 
Handlung, durch welche der Gottheit die höchste Anhänglichkeit 
erwiesen und ein Zeugnis stärkster Liebe gegeben werden soll, 
zu gleicher Zeit intensive revolutionäre und feindselige Strebungen 
aktuell werden läßt. Freud hat in „Totem und Tabu" dargestellt, 
daß das Opfer wie sein vorzeitliches Vorbild, das Totemmahl, und 
das religiöse Ritual überhaupt dieselbe Struktur der Kompromiß- 
erfüllung gegensätzlicher Gefühlsregungen gegen die Gottheit zeigt. 
Ohne Gotteslästerung würde es keinen Gottesdienst geben. 



22 4 Die Äquivalenz der Tri ebgegensatzpaare 

Das Schuldgefühl, dem für die Entstehung der sozialen 
Institution der Religion eine so große Bedeutung zukommt, erweist 
sich in der Religionsentwicklung nicht nur als schöpferisch, sondern 
auch als zerstörend. Die Präexistenz des unbewußten Schuldbewußt- 
seins aus den revolutionären Impulsen gegen den eigenen Gott wird für 
die ununterbrochene Kette religiöser Verfolgungen bestimmend; die 
Unzerstörbarkeit dieser Regungen wird zur Quelle, aus der beständig die 
Antriebe zur zwanghaften Wiederholung derselben Vorgänge strömen. 
Diese verdrängten Regungen bringen es zustande, daß gerade 
in Zeiten religiöser Hochflut der Haß gegen den fremden Gott 
und seine Bekenner durchbricht; die von der Religionswissenschaft 
und Kulturgeschichte angegebenen Gründe für diese Erscheinung 
sind keineswegs geeignet, den ganzen Sachverhalt zu erklären. 
Religionen üben nur so lange religiöse Toleranz, als sie schwach 
und angefeindet sind, werden sie stärker und gar zum herrschenden 
Glauben, wenden sie sich feindselig gegen die anderen Religionen. 
Das Joch, das eine mächtige Religion ihren Gläubigen auferlegt, 
die zunehmende Strenge ihrer Gebote und Verbote — selbst Aus- 
druck der Reaktion auf intensive Durchbruchneigungen — läßt 
die unbewußten feindseligen Regungen erstarken, denen wieder 
außerordentlich gesteigerte Liebes- und Anhänglichkeitstendenzen 
begegnen sollen. Die größte Intensität der aggressiven Tendenzen 
drängt. zur motorischen Aktion, die am fremden Objekt geübt wird; 
in ihr wendet sich das Ich gegen seinen verhaßten Doppelgänger, 
auf den es die eigenen verdrängten Regungen projiziert hat. 1 

1) Die Aggression wendet sich freilich nur partiell gegen das fremde 
Objekt. Die Religion liefert Gelegenheit, in Form von Bußübungen, Ent- 
behrungen, Verzichten und direkten Schädigungen die sadistischen Tendenzen 
gegen das eigene Ich zu kehren, das zugleich bestraft werden soll. Wir 
glauben, oben gezeigt zu haben, daß das triebhaft Aggressive seit ihren An- 
fängen im Wesen der Religion liegt und haben bemerkt, daß jede herrschende 
Religion vom Geist des Angriffs und des Kampfes beherrscht wird. Die 



Die Äquivalenz der Triebgegensatzpaare 225 

Die psychische Entlastungswirkimg durch die Projektion ist 
leicht erkennbar. Es ist so, als wollten die Gläubigen sagen: Nicht 
wir hassen unseren Gott, wir lieben und verehren ihn ja, die 
bösen Anderen — Ketzer, Ungläubige und Andersgläubige — hassen 
ihn und wir verteidigen ' und rächen ihn an ihnen. Voltaire 
hat Recht — und in noch tieferem Sinne als er meint — wenn 
er die Verfolgung Andersgläubiger als eine Verletzung der eigenen 
Gottheit bezeichnet. 1 „Mein ist die Rache," spricht der Herr und 

Terminologie der Religionen beweist dies zur Genüge: der Gott aller 
primitiven Völker ist ein Kampfgott, Jahweh z. B. der Herr der Heer- 
scharen. Der Mitlirasdienst, die Isismysterien der römischen Kaiserzeit zeigen 
viele militärische Ausdrücke; schon bei den ältesten kirchlichen Schrift- 
stellern, in den Clementinischen Briefen des Apostels Paulus finden wir den 
soldatischen Ideenkreis. Der Vergleich der Kirche mit einem Heere wird bis ins 
Einzelne durchgeführt. Die Taufe des Neubekehrten ist der Treuschwur, den die 
Rekruten auf die Fahne leisten, Christus ist der Imperator, seine Jünger bilden 
Kohorten, die den Dämon besiegen, die Abtrünnigen die Deserteure, die Heilig- 
tümer Feldwachen, die frommen Bräuche Exercitien etc. (Näheres bei Franz 
Cumont, Die orientalischen Religionen im römischen Heidentum. S. IX.) Die 
militärische Terminologie der Kirche ist bis auf Luthers „Ein feste Burg ist 
unser Gott" zu verfolgen. Man könnte sagen, jede Kirche sei eine ecclesia 
militans. Die psychischen Grundlagen von Kirche und Heer hat auch Freud 
(Massenpsychologie und Ich-Analyse. Wien und Leipzig. 1922") verglichen- 
1) „Sur quel fondement parvint-on enfin ä faire brüler, quand on 
fut le plus fort, ceux, qui avaient des opinions de choix? US etaient sans 
doute criminels devant Dieu, puisqu'ils etaient opiniätres. Ils devaient dohc, 
comme on n'en doute pas, d'etre brüles pendant toute l'eternite dans 
l'autre monde. Mais pourquoi les brüler ä petit feu dans celui-ci? Ils 
representaient que c'etait entreprendre, sur le justice de Dieu, que ce sup- 
plice etait bien dur, de la part des hommes; que de plus il etait inutile, 
puisqu'une heure de souffrance ajoutee ä l'eternite est comme zero. — Les 
ämes pieuses repondaient ä ces reproches que rien n'etait plus juste que de 
placer sur des brasiers ardents quinconque avait une opinion choisie, que 
c'etait ä Dieu que de faire brüler ceux qu'il devait brüler lui-meme et 
^u'enfin, puisqu'un bücher d'une heure ou deux est zero par rapport ä 
l'eternite, il importait tres peu, qu'on brülat cinq ou six provinces pour des 
opinions de choix, pour des heresies" (Voltaire, Dictionn. philos. Art. Heresiel.) 
15 Reih 



22Ö Die Äquivalenz der Triebgegensatzpaare 

es ist offenbar ein trotziges und ungehorsames Eingreifen in die 
Rechte des eigenen Gottes, wenn man sich als Rächer an seine 
Stelle setzen will. Unser Blick verfolgt die Menschheitsgeschichte 
und ein befremdender Aspekt eröffnet sich uns: die heiligen Kämpfe 
der Israeliten, die dijhads der Mohamedaher, die Glaubenskriege 
eines Konstantin, eines Karl des Großen, die Verfolgungen der Ketzer 
und Heiden im Mittelalter und in der Neuzeit, die Reformations- 
kriege und die Niedermetzelung der Wilden, die sich nicht vom 
Heil in der Kirche überzeugen lassen wollten, sie sind alle zur Unter- 
bringung eines übergewaltigen, unbewußten Schuldgefühls geführt 
worden. Tausend Scheiterhaufen mußten brennen, um den Zweifel 
an der eigenen Gottheit auszulöschen; die grausamsten Martern 
der Inquisition wurden ersonnen, um den Aufruhr in der eigenen 
Brust zu unterdrücken. Die starren Fanatiker und Eiferer aller 
Religionen sind unbewußt Revolutionäre gegen ihren Gott; Torque- 
mada suchte ununterbrochen den Hauptketzer, der er selber war. 
Millionen Menschen wurden hingeschlachtet, um die verdrängte 
Feindseligkeit gegen den angebeteten Gott zu befriedigen und zugleich 
zu sühnen. Das „Dieu le veutl", das die Kreuzfahrer riefen, wenn sie 
in türkischen Städten alles niedermachten, in den Ghettis am Rhein 
plünderten und mordeten, erhält so eine tiefere Resonanz. Unsere 
vorläufige Übersicht der seelischen Vorgänge, die zur religiösen 
Verfolgung und ihrem Erdulden führen, können wir folgendermaßen 
zu formulieren versuchen: der Verfolgende wird die unbewußten 
aufrührerischen und feindseligen Gefühle gegen den eigenen Gott 
in der motorischen Abfuhr gegen den fremden befriedigen und dies 
mit Berufung auf seine zärtlichen und anhänglichen bewußten 
Strömungen jenem gegenüber tun können; in der Verwerfung, 
Unterdrückung und Bestrafung der fremden, häretischen Anschauung 
hat er zugleich seine eigenen revolutionären Impulse verworfen 
und gesühnt. Er hat sich unbewußt mit seinem Opfer identifiziert 



Die Äquivalenz der Triebgegensatzpaare 227 

und erleidet mit ihm die Strafen und die Pein, die er ihm auf- 
erlegt; so genießt er die Lust des Schmerzzufügens und die des 
Schmerzerleidens • — ursprünglicher die des Überwältigens und des 
Überwältigtwerdens — zugleich. Der Verfolgte nimmt sein Leiden 
unter dem Zwange unbewußten Schuldbewußtseins, das der Reak- 
tion auf die feindselige Strömung entspricht, auf sich und tut 
dies bewußt zur höheren Ehre des geliebten Gottes. Sein Leid 
stellt die Befriedigung des auf die verworfenen Wünsche reagieren- 
den Schuldbewußtseins dar. Zugleich aber ist es die Bestätigung 
und neuerliche Befriedigung dieser Wünsche selbst, da mit ihrer 
Bestrafung auch die Wunscherfüllung gegeben ist. Das Opfer iden- 
tifiziert sich auch mit dem Verfolger und hat so seinen feindseligen 
Gefühlen, die sich erst sekundär gegen das eigene Ich richteten, ein 
Ventil geschaffen. So genießt auch der Verfolgte unbewußt neben 
der vom Schuldbewußtsein geforderten Lust die des Schmerzzufügens. 
Indem wir die eingehendere Diskussion unserer Resultate 
und ihre Zurückführung auf die allgemeineren Vorgänge der 
psychischen Dynamik verschieben, können wir jetzt unter Hervor- 
hebung des Auffälligen und paradox Erscheinenden und unter 
Hinweglassung aller auf anderen Wegen gefundenen Einsichten 
unser Ergebnis in die uns geläufige Sprache der Libidotheorie 
übertragen. Wir würden sagen: die großen religiösen (und natio- 
nalen) Verfolgungen werden hauptsächlich von unbewußten maso- 
chistischen Tendenzen geführt, die sich am fremden Objekt ent- 
laden; die Leiden, die eine religiöse (und nationale) Gemeinschaft 
durch Verfolgung erduldet, werden von starken sadistischen Im- 
pulsen, die sich gegen das Ich gekehrt haben, in entscheidender 
Art mitbestimmt. Die Religionsgeschichte zeigt, daß die latenten Ge- 
fühle, die wir in der Psychogenese des religiösen Hasses annahmen, 
manchmal anscheinend unvermittelt zum Vorschein kommen, daß 
also eine Wiederkehr des Verdrängten stattfindet, wenn es — neben 
15* 



228 Die Äquivalenz der Triebgegensatzpaare 



den seelischen Momenten — die Macht- und Zeitverhältnisse er- 
lauben. Dann wird der bisher Verfolgte zum Verfolger, der kaum 
minder grausam ist als sein Peiniger vorher. Um einige Beispiele 
zu nennen: die Chinesen haben im Boxeraufstand bewiesen, daß 
ihre Demut und ihre religiöse Unterwerfung ungezügelte Aus- 
brüche des Hasses und der Grausamkeit gegen die Europäer und 
Christen nicht ausschloß; die Armenier, die so lange unter den 
Verfolgungen der Türken zu leiden hatten, haben die Kehrseite 
ihres christlichen Märtyrertums in deutlichster Art gezeigt. Der 
siegende Islam war nicht milder als die arabischen Stämme, die 
ihn zuerst gewaltsam unterdrücken wollten. Die Juden haben bei 
ihrem Aufstande in Cypern und Alexandrien viele Tausende ihrer 
früheren Peiniger erschlagen und sich für ihre Leiden wahrhaft 
grausam gerächt. Die Christen, die im römischen Reich außer- 
ordentliche Leiden zu erdulden hatten, wurden raffiniert grausame 
Heidenverfolger. 1 Hatte noch Tertullian gegenüber dem heidnischen 

1) Ich erinnere hier an den früher besprochenen Vorgang der doppelten 
Identifizierung. Ein Neurotiker wird z. B. durch den Anblick eines Fuhr- 
mannes, der sein Pferd schlägt, oft in sexuelle Erregung gebracht; die von 
ihm verspürte Lust ist sowohl die des Schlagenden als auch die des Ge- 
schlagenen. Ähnlich ein anderer Fall, in dem sich der Patient sowohl mit 
dem hinzurichtenden Verbrecher als auch mit dem die Exekution ausfüh- 
renden Henker identifiziert. In der Analyse sexuell Pervertierter läßt sich 
fast immer die psychische Mitwirkung der gegensätzlichen Triebregung nach- 
weisen. Ein Masochist z. B. erhält Befriedigung nur, wenn er sich .unter 
einem bestimmten Zeremoniell von einer Frau auf die Nates schagen läßt. 
Er muß u. a. dabei vornübergebeugt stehen und mit einer dunklen Hose 
bekleidet sein. Die Analyse erkennt, daß diese zwanghaft geforderte Situation 
die Umkehrung einer ursprünglichen Szene darstellt, in der der Patient als 
Kind eine starke Regung verspürte, die Mutter, als er sie aus einem Moor- 
bad steigen sah, auf den (schwarzen) Hintern zu schlagen. Ein junges, an 
Zwangsneurose erkranktes Mädchen, das intensive sexuelle Gefühle empfindet, 
wenn sie den Geliebten in der Phantasie verschiedenen Qualen aussetzt, 
zeigt außerordentliche Neigung zu masochistischen Handlungen, die unbewußt 



lustvoll sind. 



Die Äquivalenz der Triebgegensatzpaare 229 

Staate Gewissensfreiheit für alle Religionen gefordert, so vergaß 
die siegreiche Kirche das Prinzip der Freiheit völlig. Firmicus 
Maternus fordert schon um 550 n. Chr. die gewaltsame Unter- 
drückung des Heidentums und der heilige Augustinus leitet die 
Pflicht der Ketzerverfolgung sogar aus den Evangelien ab. Die 
Nachkommen jener Christen, die sich, fromme Psalmen singend, 
in die Arena drängten, um sich von wilden Tieren zerfleischen 
zu lassen und so das Himmelreich zu erwerben, werden die ab- 
weichende religiöse Ansicht Anderer blutig unterdrücken Und über 
Mauren, Juden, Heiden und Ketzer ebenso gierig herfallen wie 
einst jene Bestien über ihre Ahnen. Die Religionen sind nur 
tolerant, solange sie noch schwach oder schon im Stadium der 
Auflösung sind; es ist nicht allzu schwer, unter solchen Umständen 
tolerant zu sein. 

Die analytisch nachweisbare Tatsache, daß der Quälende 
masochistisch die Qual seines Opfers mitgenießt, als wäre er der 
leidende Teil, das Opfer aber unbewußt an der Wut seines Peinigers 
sadistisch teilnimmt und daß diese unbewußte Befriedigung umso 
stärker ist, je größer der Anteil der manifesten Triebregung erscheint, 
läßt es gerechtfertigt erscheinen, von der Äquivalenz der Triebgegen- 
satzpaare zu sprechen. Wir verstehen darunter die Tatsache, daß die 
psychische Auswirkung des einen Teiles eines Triebgegensatzpaares 
eine gleichzeitige Wirkung des anderen ergänzenden Teiles voraussetzt. 
Der Ausdruck Äquivalenz der Triebgegensatzpaare ist in Anlehnung 
an den Bleulerschen Begriff Ambivalenz der Gefühlsregungen ge- 
bildet. 1 Freud hat uns gezeigt, daß die Umwandlung des infantilen 

1) Der Bleuler sehe Begriff hat eine deskriptive und statische Be- 
deutung; der Begriff der Äquivalenz aber kennzeichnet ökonomische und 
dynamische Verhältnisse. Er geht aber darüber hinaus, indem er die prinzipielle, 
psychische Gleichwertigkeit der Teile eines Triebgegensatzpaares kennzeichnet 
z. B. Sadismus — Masochismus, Exhibitionismus — Voyeurtum. Es soll gewiß 



35° -Die Äquivalenz der Triebgegensatzpaare 



Sadismus in Masochismus hauptsächlich auf die Einwirkung des in- 
fantilen Schuldgefühles zurückgeführt werden kann. Der Masochismus 
erscheint so nicht als die Zielverwandlung eines Triebes, sondern 
als die Wendung des Triebes gegen die eigene Person. Das Wesent- 
liche des psychischen Vorganges ist der Objektwechsel bei unge- 
ändertem Ziel. Den Übergang vom Sadismus in Masochismus hat 
Freud folgendermaßen beschrieben: 1 der Sadismus besteht in Ge- 
walttätigkeit, Machtbetätigung gegen eine andere Person; dieses 
Objekt wird aufgegeben und durch die eigene Person ersetzt. Mit der 
Wendung gegen die eigene Person ist die Verwandlung des aktiven 
Triebzieles in ein passives vollzogen. Es wird wieder eine fremde 
Person als Objekt gesucht, welche die Rolle des Objekts über- 
nimmt. Es ist aus dem so gezeichneten Triebschicksal zu ersehen, 
daß dieser Prozeß der Ersetzung der eigenen Person durch eine 
fremde nichts an der Natur des Triebes ändert. Die Befriedigung 
erfolgt, wie Freud hervorhebt, auch hier auf dem Wege des ur- 
sprünglichen Sadismus, indem sich das passive Ich phantastisch 
in seine frühere Stelle versetzt, die jetzt dem fremden Subjekt 
überlassen ist. Ist so in der Verwandlung des Sadismus in Masochis- 
mus der ursprüngliche Trieb Charakter gewahrt, indem der Masochist 
gewissermaßen als ein gegen das Ich gerichteter Sadist erscheint, 
der sich zu seiner Triebbefriedigung eines fremden Subjektes be- 
dient, so wird auch das sadistische Ziel dadurch variiert werden, 
daß man die Schmerzen, die man anderen erzeugt, in der Identi- 
fizierung mit dem leidenden Objekt genießt. 



nicht verwischt werden, daß in jedem konkreten Fall die eine Triebregung 
die vorherrschende ist. Es ist klar, daß der Ambivalenzbegriff des Schweizer 
Forschers und der hier gekennzeichnete der Äquivalenz auf verschiedenen 
Ebenen liegen. 

1) Freud, „Triebe und Triebschicksale" in Sammlung kleiner Schriften 
zur Neurosenlehre, IV. S. 264. 







Das Schmerzzufügen spielt vielleicht unter den ursprüng- 
lichen Zielhandlungen des Triebes keine Rolle, wird aber durch 
die Umwandlung in Masochismus zu einem passiven Ziel, so daß 
es rückgreifend auch das sadistische Ziel des Schmerzzufügens (mit 
der eben betonten Identifizierung) ergeben kann. Das Schmerz- 
genießen wäre also ein ursprünglich masochistisches Ziel, das aber 
nur beim ursprünglich Sadistischen zum Triebziele werden kann. 1 
Hatte Freud früher noch daran gezweifelt, ob es eine direktere 
masochistische Befriedigung gibt, so betont er neuerdings, der 
Masochismus könne auch ein primärer sein und die Wendung 
des Triebes gegen die eigene Person wäre also in Wirklichkeit 
eine Regression zu einer früheren Phase. Die Untersuchung eines 
anderen Triebgegensatzpaares, nämlich jenes, das Schauen und 
Sichzeigen zum Ziele hat, zeigt, daß eine bedeutsame Abweichung 
vom Falle des Sadismus vorzuliegen scheint: der Schautrieb ist 
nämlich zu Anfang seiner Betätigung autoerotisch; er hat ein 
Objekt am eigenen Körper und tritt erst später als aktive Strebung, 
als Schauen des fremden Objektes auf. Eine solche Vorstufe fehlt 
dem Sadismus, obwohl es, wie Freud meint, „nicht gerade 
widersinnig wäre, sie aus den Bemühungen des Kindes, das seiner 
eigenen Glieder Herr werden will, zu konstruieren." Die Vor- 
stufe der Voyeurlust, in der die Schaulust auf den eigenen Körper 
gerichtet ist, ist eine narzißtische Bildung. Aus ihr entwickelt 
sich der aktive Schautrieb, in dem er den Narzißmus verläßt, der 
passive Schautrieb hält aber das narzißtische Objekt fest. An 
dieser Stelle wollen wir nun anzuknüpfen versuchen: wir haben 
gesehen, daß Freud eine narzißtische Vorstufe in Erwägung ge- 
zogen hat und wollen diese Möglichkeit mit der Annahme eines 
primären Masochismus zusammenstellen. 2 In Analogie zu der 

i) „Triebe und Triebschicksale". S. 265. 
2) Freud, Jenseits des Lustprinzips. S. 52. 



£3f Die Äquivalenz der Triebgegensatzpaare 



Entwicklung des anderen Triebgegensatzpaares (Schau- und Zeige- 
trieb) würden wir annehmen, daß das ursprüngliche Ziel des sadistisch- 
masochistischen Gegensatzpaares das ist: Macht über den eigenen 
Körper zu erhalten. Der Säugling, der sich mit heftigen Be- 
wegungen seiner Finger und Zehen bemächtigt, sich selbst schlägt 
beißt, kratzt oder lutscht, liefere ein Bild dieser Vorstufe, aus 
der sich ähnlich wie beim Schautrieb die beiden Grundsituationen 
des Gegensatzpaares ergeben. Die Vorstufe trägt deutlich genug den 
Stempel der Autoerotik, da der Trieb sein Objekt am eigenen Körper 
sucht und findet* Diese Züge lassen die Annahme nicht ausgeschlossen 
erscheinen, daß der narzißtischen Vorstufe des Sadismus, wie wir sie 
hier gezeichnet haben, eine noch primitivere Periode vorangeht in 
der versucht wurde, das Ziel des Fressens, bzw. Gefressenwerdens, 
also das oralerotische Triebziel, am eigenen Körper zu erreichen. 2 

i) Es wurde oft betont, daß die in der autoerotischen Phase er- 
worbenen Zuge auch in späteren, vorgeschritteneren Perioden festgehalten 
wurden Weniger nachdrücklich wurde bemerkt, daß die sadistisch-maso- 
chistischen Tendenzen sich in der autoerotischen Betätigung durchzusetzen 
vermögen. Die Onanie der Säuglingszeit, aber auch die der Pubertätsjahre 
zeigt oft deutlich sadistisch-masochistischen Charakter. Otto Rank machte 
in einer Sitzung der Wiener psychoanalytischen Vereinigung (io 21 ) darauf 
aufmerksam, daß die Onanie eine Art unbewußter Selbstkastration sei und wies 
auf den Ausdruck „sich einen herunterreißen" hin. In dieser vulgären Be- 
zeichnung ist die masochistische Bedeutung der Onanie sichtbar betont. 

2) Zur Ergänzung des oben Gesagten und des die Psychogenese des 
Bitualmordglaubens enthaltenden Kapitels sei hier bemerkt, daß die Vor- 
stellungen, zu fressen und gefressen zu werden, Äußerungen eines Trieb- 
gegensatzpaares darstellen, das sich uns als das primärste darstellt und den uns 
bisher bekannten (Sadismus-Masochismus, Voyeurtrieb und Exhibitionismus) 
anreiht. Es braucht nicht auseinandergesetzt zu werden, in welchen Be- 
ziehungen diese Triebe mit den Bemächtigungstrieben stehen und welche 
biologische Verbindungen zwischen ihnen und dem sadistisch-masochistischen 
Triebgegensatzpaar aufgefunden werden können. Oben wurde bereits bemerkt, 
daß auch diese Triebgegensätze sich aus einem ursprünglichen Stadium ent- 
wickelt haben, m dem sie noch ungeschieden waren und der Preßlustige 



Die Äquivalenz der Triebgegensatzpaare 235 

Wir bemerken, wenn wir die Vorstufe des narzißtischen 
Masochismus mit jener des Schautriebes vergleichen, daß die früheste 
Entwicklungsperiode der beiden von uns herangezogenen Trieb- 
gegensatzpaare außer den bereits von Freud gekennzeichneten 
Zügen einige Gemeinsamkeiten aufweisen. Wir können sie be- 
schreiben, indem wir sagen, diese Urzeit zeigt die später getrennten 
Triebgegensätze noch vereint: beim Schautrieb ist der Schauende 
und das Geschaute identisch, in der Vorstufe des Sadismus der 
Gewalt Ausübende und der Vergewaltigte. Die später so bedeut- 
sam werdende Unterscheidug von Aktivität und Passivität ist hier 
noch nicht durchführbar, es wäre denn, wir würden das Ich in 
ein aktives und in ein passives zerfallen lassen. Das Kind ist in 
dieser Zeit aktiv und passiv zugleich. Das Subjekt und das Objekt 
des Triebes sind noch nicht von einander geschieden. Ich und 
Außenwelt sind noch identisch. Man könnte vielleicht mit dem- 
selben Rechte sagen, das Kind sehe in dem eigenen Körper ein 

seine Bemühungen zur Triebbefriedigung auch auf den eigenen Körper 
richtete. Es kann hier nur darauf hingewiesen werden, daß das Ludein der 
Kinder noch Spuren dieser prähistorischen Periode aufweist und daß ver- 
schiedene sexuelle Ersatzbefriedigungen partiellen Regressionen auf diese 
autoorale Epoche der Libidoentwicklung entsprechen (Essen des eigenen 
Kotes und der Absonderungen der Nasenschleimhaut, Nägelheißen etc). Die 
Verbindungen der kannibalen Triebkomponenten mit Liebe und Haß („Ich 
kann ihn nicht schmecken") hat Abraham in seinem erwähnten Aufsatze 
dargestellt; die autoorale Periode würde besondere analytische Beachtung 
verdienen. Mit dem oralen Triebgegensatzpaar muß ein anderer, ebenso 
weit in die früheste Entwicklung zurückreichender und mit den vitalsten 
Interessen des Einzelnen ursprünglich verknüpfter Gegensatz, der sich auf 
den Geruchsinn bezieht, verbunden sein. Seine Beziehungen zur Sexualität 
(„odor di femina") und zu den Ichtrieben sind allgemein bekannt, wenn 
auch nicht allgemein gewürdigt. Auch dieser Gegensatz (Riechen-Gerochen- 
werdeh) entwickelt sich aus einem undifferenzierteren Stadium. Es scheint 
uns, als ob jedes Triebgegensatzpaar eine Auseinanderlegung einer ursprüng- 
lich zwei entgegengesetzte Triebziele umfassenden Triebintensität darstelle. 



234 -£* ze -Äquivalenz der Triebgegensatzpaare 

Stück Außenwelt wie: es betrachte die Außenwelt als ein Stück Ich. 
Wenn wir uns für die letztere Ausdrucksweise entscheiden und sie als 
der psychischen Situation angemessen finden, so geschieht dies auf 
Grund anderer analytischer Voraussetzungen und Erfahrungen. Er- 
scheinungen wie die Projektion als ein primärer narzißtischer Mecha- 
nismus, die narzißtische Allmacht der Gedanken in der Neurosen- 
symptomatologie und ihr infantiles Vorbild, die Ichveränderungen in 
den Psychosen sowie Restbestände des ursprünglichen Narzißmus in 
der späteren Kindzeit drängen zu der Anschauung, daß das Ur-Ich alles 
umfasse und als sein Wesen empfinde, was seine Sinnesorgane perzi- 
pieren. Erst spät sondert sich ein Teil des Ur-Ichs ab und stellt 
sich als Außenwelt dem Ichrest (sekundären Ich) gegenüber. 1 

Wir meinen berechtigt zu sein, die oben beschriebene un- 
differenzierte Phase als das Stadium der Koinzidenz der Triebgegen- 
sätze zu bezeichnen und aus ihm die spätere Entwicklung abzuleiten. 2 

Wenn wir bedenken, daß alle früheren Triebentwicklungs- 
stufen nebeneinander bestehen bleiben, wenn eine Triebverwand- 
lung eintritt (die übrigens niemals den ganzen Betrag der Triebregung 
betrifft), so werden wir verstehen, daß der Sadist masochistische, 
der Masochist sadistische Lust neben der Befriedigung der herr- 
schenden Komponente mitempfinden kann. 3 

1) Es bleibt zu untersuchen, welche Beziehungen zwischen der Sonderung 
von Ur-Ich und Außenwelt und der Konstituierung des Selbstbewußtseins bestehen. 

2) Die Periode des undifferenzierten Trieblebens geht dem Stadium 
der Koinzidenz der Triebgegensätze voraus: diesem folgt dann die Zeit, da 
alle Triebkomponenten nebeneinander bestehend einzeln Befriedigung fordern, 
erst spät ordnen sich z. B. die einzelnen Partialtriebe der Sexualität dem 
genitalen Sexualstreben unter. — Es ist vielleicht nicht überflüssig, zu be- 
merken, daß der Ausdruck Koinzidenz der Triebgegensätze nichts mit ähn- 
lichen philosophischen Begriffen zu tun hat, sondern eine psychologische 
Hypothese darstellen soll. 

5) Überblicken wir noch einmal die Entwicklung des sekundären 
Masochismus, so stellt sie sich schematisch folgendermaßen dar: 



Die Äquivalenz der Triebgegensatzp aare 255 

Die Psychologie der religiösen Verfolgung ist uns durchsichtiger 
geworden: der Verfolger erlebt Lust des Schmerzerleidens durch 
Identifizierung mit seinem Opfer; das Opfer genießt die Lust des 
Schmerzzufügens durch Identifizierung mit seinem Peiniger mit. 
Die Intensität dieser doppelten Triebbefriedigung, aus aktiven und 
passiven Quellen gespeist, mag es wenigstens zum Teil erklärlich 
machen, daß die zu ihrer Erreichung Anlaß gebenden Vorgänge 
sich immer wiederholen und die Volksseele so resistent bleibt gegen- 
über den Bemühungen, den religiösen und nationalen Haß zu 
mäßigen und seine Ausbrüche zu verhindern. Gerade die Analyse 
des religiösen Hasses zeigt, daß der Anteil unbewußt verdrängter 
Faktoren manchmal mächtig genug ist, sich Äußerungen zu gestatten, 
die, meistens mißverstanden, eine sekundäre Begründung erhalten. 



a) Oral-anale Periode 

b) Vorstufe der Koinzidenz der Triebgegensätze: Machtbetätigung am 
eigenen Körper. Die Antriebe zur Triebbefriedigung gehen sowohl 
von den Ich- als auch von den Sexualtrieben aus. Ich und Außenwelt, 
Subjekt und Objekt des Triebes noch nicht scharf gesondert. 

c) Machtbetätigung am fremden Objekt. 

d) Aufgeben dieses Objektes und Ersatz durch die eigene Person (Wen- 
dung gegen die eigene Person, Verwandlung des aktiven in ein 
passives Triebziel.) 

e) Ersatz der eigenen Person durch eine fremde, welche nunmehr für 
das Subjekt steht. Wenn der spätere Masochismus eine Regression zu einer 
primären Stufe ist, in der das Subjekt und das Objekt des Triebes dasselbe 
wären, so wird die Scheidung der Außenwelt vom Ur-Ich für diese Ent- 
wicklung bedeutsam. Das Zufügen von Schmerzen kann nicht zu den ur- 
sprünglichen Triebzielen gehört haben, so sehr dieser Anschein für den Er- 
wachsenen besteht, wenn er Säuglinge sieht, die sich z. B. mit den Fingern in 
die Augen fahren, die eigenen Zehen beißen, sich in den Mund stoßen etc. 
Die Schmerzempfindlichkeit ist vermutlich vom Ausmaße der masochistischen 
Triebbefriedigung abhängig. Das Schmerzgenießen scheint in der sadistisch- 
masochistischen Betätigung der Vorstufe vorbereitet; es liegt aber auf ihm 
noch kein Nachdruck, erst vom masochistischen Ziel aus kann es dann, 
wie Freud erwähnt, auch zu einem sadistischen werden. 



2 5 6 Die Äquivalenz der Triebgegensatzpaare 



1 



Wir wollen hier nicht nur auf die bereits hervorgehobene Tatsache, 
daß der Verfolger oft zum Opfer, das Opfer zum Verfolger werden 
kann, hinweisen, sondern auf die weit bedeutsamere, daß die ver- 
folgten Religionen einmal verfolgende waren. Es ist auch nicht zu 
verkennen, daß die Anhänger der verfolgten Religion ihre Peiniger 
oft unbewußt reizen und erbittern, indem sie sich in dunkler 
Absicht mißliebig machen, ihren Stolz und ihre Ausnahmsstellung 
betonen und vom Rechte des Schwächeren zu Rancune und ver- 
feinerter Rache ausgiebig Gebrauch machen. In dieser unbewußten 
Provokation der Verfolgung wird der Anteil einer aktiven sadistischen 
Triebbefriedigung noch deutlich. 1 Auch in der Hoffnung oder 
vielmehr seelischen Gewißheit, die das Opfer fühlt, daß Gott die 
Leiden, die es trägt, in gleichem, ja in höherem Maße an seinen 
Peinigern vergelten werde, zeigt sich noch die Wirkung der latenten 
Haßgefühle, die zuweilen zu wüsten Rachephantasieen führen. 2 Ja 
der Duldende schätzt seine Pein unbewußt um so höher, je größer 
sie ist, sie wird ihm zum Zeichen der Liebe Gottes und baldiger 
Erlösung. Wir stoßen hier wieder auf die masochistische Form des 
Auserwähltglaubens, die gerade durch das Leiden bestätigt wird. 
Schuldgefühl und Erotik finden in diesem passiven libidinösen 
Ertragen von Leid ihre Befriedigung im gleichen Maße. Die libidinöse 
Bedeutung des Duldens f ür Gott, des religiösen Martyriums, tritt 

1) Die unbewußte Inszenierung des Verfolgtwerdens bedient sich ver- 
schiedener Mittel zur Erreichung ihrer triebhaften Ziele. Die Rolle des 
Mißtrauens, das eine Projektion der eigenen unbewußten Feindseligkeit 
darstellt, darf dabei nicht übersehen werden. (Vgl. den schönen Artikel 
„Zur Psychologie des Mißtrauens" von Dr. Helene D eutsch. Imago 1921.) 

2) Ich unterlasse hier alle Hinweise auf das zahlreiche Literatur- 
material, das die Religionswissenschaft bietet, und erinnere nur an die vielen 
Stellen bei den israelitischen Propheten und an das Buch Esther, die ein- 
dringlich von solchem Rachedurst sprechen, sowie an ähnliche Ausbrüche 
in der neutestamentlichen Literatur und bei den ersten .kirchlichen Schrift- 
stellern. 



Die Äquivalenz der Triebgegensatzpaare 237 

in der Geschichte der verfolgten Religionen klar hervor. Es sei 
noch einmal betont, daß Gepeinigtwerden unter bestimmten libidi- 
nösen Konstellationen als Liebesbeweis gefühlt werden und als 
Triebziel erscheinen kann. Das passive Ziel wird auch von ganzen 
Gruppen und Völkern unbewußt angestrebt und erscheint nur dem 
oberflächlichen Beobachter als ein bloß von außen kommendes 
Schicksal, das vom Willen des Einzelnen und der Gruppe völlig 
unabhängig ist. Die unbewußt masochistische Befriedigung durch 
Dulden von Haß und Wut ist in jenem Worte: „Selig sind, die 
Verfolgung leiden' zu einem Ausdruck gebracht, der repräsentative 
Bedeutung hat. Es gibt aber auch beim Verfolger Spuren der ur- 
sprünglichen Triebwirksamkeit, die zeigen, daß er sich mit seinem 
Opfer identifiziert und außerdem die Strafe für das diesem zu- 
gefügte Leid unbewußt erwartet. Das Schuldbewußtsein als einer 
der wesentlichen Faktoren in der Psychogenese des religiösen Hasses 
ist von uns bei beiden Gruppen hervorgehoben worden; wir haben 
erkannt, daß das Leid dazu dient, das präexistente Schuldgefühl 
zu befriedigen, die Verfolgung dazu, es unterzubringen, sekundär 
zu begründen und neu zu erwerben. Überblicken wir noch einmal 
das Resultat unserer analytischen Betrachtung, welche die un- 
bewußten Tendenzen in den Vordergrund rücken, so werden wir 
sagen müssen: für Verfolger und Verfolgte, für die Henker und 
ihre Opfer gilt gleichermaßen der Satz: sie wissen nicht, was sie 
tun. Auf dem Boden, auf dem die Wissenschaft steht, gibt es weder 
Angriff noch Abwehr. Die Forschung hat verborgene Zusammen- 
hänge zu erkennen, es gibt für sie weder Schuldige noch Un- 
schuldige; sie sieht auch in den Trägern der religiösen Strömungen, 
seien es nun Einzelne oder Völker, Menschen, das heißt armselige 
und beschränkte, dem Untergange geweihte Wesen, nur fähig, selbst 
zu leiden und andere leiden zu machen. 



XI 
ÜBER DIFFERENZIERUNG 

Wenn wir fähig wären, die Erdoberfläche samt ihren Ver- 
änderungen mit einem Blick zu umfassen, der die Ereignisse der 
Erdgeschichte vieler Jahrhunderttausende übersieht, so würden wir 
Täler und Berge, Land und Meer, Wald und Steppe durcheinander 
wogen und ineinander übergehen sehen; wir könnten in diesem 
Chaos nicht unterscheiden, was uns sonst beim Anblick einer Land- 
schaft zu trennen so leicht wird. Nur unser zeitlich so eingeschränkter 
Blick läßt uns die Vorgänge der religiösen Entwicklung in schema- 
tischer Form sehen und von der kurzen Zeitspanne von wenigen Jahr- 
tausenden, die wir höchst ungenau überblicken können, fasziniert, 
wollen wir uns nicht von der Anschauung trennen, daß die Religionen 
der Völker einander außerordentlich unähnlich sind und der Gott 
der einen von dem der anderen in einschneidender Art verschieden. 
In Wirklichkeit handelt es sich um kleine Differenzen, die allen 
Unterschieden zugrundeliegen, um Differenzen, die wir als Produkte 
der historischen Entwicklung erkannt haben. 

Die narzißtische Überbetonung jener kleinen, entwicklungs- 
geschichtlich entstandenen Differenzen ist nach Freud der eigentliche 
Grund der großen Gegensätze zwischen den Menschengruppen, den 
Nationen und Religionen. Mit Berufung auf das von Crawl ey 
beschriebene „Taboo of personal isolation", durch das sich bei den 
primitiven Völkern ein Individuum von den anderen absondert, 



Über Differenzierung 259 



hatte Freud 1918 die Vermutung ausgesprochen, daß gerade die 
kleinen Unterschiede bei sonstiger Ähnlichkeit die Gefühle von 
Fremdheit und Feindseligkeit zwischen den einzelnen begründen. 1 
„Es wäre verlockend," setzt er hinzu, „dieser Idee nachzugehen 
und aus diesem Narzißmus der kleinen Unterschiede die Feind- 
seligkeit abzuleiten, die wir in allen menschlichen Beziehungen 
erfolgreich gegen die Gefühle von Zusammengehörigkeit streiten 
und das Gebot der allgemeinen Menschenliebe überwältigen sehen." 
In einer anderen Zielen nachstrebenden Arbeit 2 hat Freud 1921 
noch einmal betont, daß in den Abstoßungen und Abneigungen 
gegen nahestehende Fremde der Ausdruck eines Narzißmus erkennbar 
ist, der seine Selbstbehauptung anstrebt und das Vorkommen einer 
Abweichung von seinen individuellen Ausbildungen gewissermaßen 
als eine Kritik derselben und eine Aufforderung, sie umzugestalten, 
ansieht. Es sei nicht bekannt, warum sich eine so große Empfindlich- 
keit gerade auf die Einzelheiten der Differenzierung geworfen haben, 
allein es sei unverkennbar, „daß sich in diesem ganzen Verhalten 
der Menschen eine Haßbereitschaft, eine Aggressivität kundgibt, 
deren Herkunft unbekannt ist und der man einen elementaren 
Charakter zusprechen möchte. 

Wenn wir uns in den folgenden Ausführungen bemühen 
werden,, den letzten Ursachen der intensiven und tiefgehenden Feind- 
seligkeiten zwischen den Menschengruppen nachzugehen, indem wir 
an die angeführten Anschauungen Freuds anknüpfen, sind wir 
uns wohl bewußt, daß wir nur eine Hypothese von größerer und 
kleinerer Wahrscheinlichkeit liefern können, die erst einer genauen 
Nachprüfung bedarf. Allein eine Notbrücke, die rasch abgebrochen 



1) „Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens." III. in Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlehre. IV. Folge. S. 238. 

2) Massenpsychologie und Ich-Analyse. 1921. S. 61. 



2 4° Über Diffe renzierung 

werden kann, wenn besseres Material zur Verfügung steht, ist noch 
immer vorteilhafter als keine Brücke. 

Die narzißtische Empfindlichkeit in Bezug auf die Einzelheiten 
der Differenzierung muß, sagen wir uns, letzten Endes irgend wie 
berechtigt sein. Wir können freilich nicht erkennen, warum Anders- 
sein Haß erzeugt und warum eine individuelle Abweichung als 
Kritik des eigenen Wesens, gleichsam als ein Akt der Feindseligkeit 
aufgefaßt werden sollte; aber es muß ein Stück Wahrheit in diesem 
Gefühl enthalten sein. Es ist so, wie wenn derjenige, dessen Wesen 
von dem der Mitmenschen abweicht, sie verletzt, weil er aus der 
Masse austritt, weil er eine Gemeinsamkeit verläßt, die alle um- 
faßt. Die individuelle Abweichung wird zum Merkmal der Loslösung, 
wenn auch sonst alle Verbindungsfäden erhalten geblieben sind. 
Es muß in der Differenzierung wirklich etwas liegen, was 
Abneigung erregt und wir können uns dies nicht anders erklären 
als durch die Annahme, daß die Differenzierung auf einer bestimmten 
Stufe ein Stück Feindseligkeit beinhaltet. Das letzte biologische 
Vorbild der Differenzierung ist die Loslösung eines Organismus 
von einem bereits ausgebildeten. 

Nehmen wir ein primitives Beispiel aus dem Reiche der 
einfachsten uns bekannten Organismen, der wasserbewohnenden 
Moneren, die nichts anderes als bewegliche Protoplasmaklümpchen 
sind. Der Anstoß zu neuer Entwicklung muß von der Fortpflanzung 
ausgehen, welche bedingt, daß diese kleinsten Organismen unter 
veränderten Lebensbedingungen weiter existieren. Die Fortpflanzung 
der Moneren geschieht auf die einfachste Art, durch Selbstteilung. 
Wenn ein solcher Moner, eine Protomoeba, eine gewisse Größe 
erlangt hat, indem das Protozoon fremdes Eiweißmate'rial aufge- 
nommen hat, so zerfällt es in zwei Teile. Eine ringförmige Ein- 
schnürung trennt allmählich die beiden Hälften. Jede Hälfte wächst 
durch Ernährung zu einem selbständigen Individuum, das nun das 



Über Differenzierung 241 

Lebensspiel neu beginnt. Die Teilung eines Moners in der geschil- 
derten Art, durch die sich jede der beiden Hälften von der anderen 
trennt und nun ein Sonderdasein führt, bedeutet den Tod des 
früheren Individuums, freilich auch seine partielle Unsterblichkeit. 
Erscheint uns die Vereinigung zweier Organismen als Vorbild des 
späteren Geschlechtsverkehres, also des höchsten Beispieles der 
Liebesaktion, so darf die Loslösung — bei niederen Organismen 
die Zellteilung — als primäres Zeugnis von elementaren Ten- 
denzen aufgefaßt werden, die wir in ihrer psychischen Repräsentanz 
als feindselige oder Haßimpulse kennen lernen werden. Wir ge- 
brauchen die Ausdrucksweise: von jemandem „abrücken", um eine 
seelische Distanz zu bezeichnen, indem wir eine lokale dafür ein- 
setzen; die räumliche Entfernung steht in dieser Sprechweise an 
Stelle der Ablehnung einer anderen Gemeinsamkeit. Wenn wir 
(^ jemanden lieben, suchen wir seine Nähe. 

Haben wir die Differenzierung von der Loslösung abgeleitet und 
in dieser die primäre Äußerung von später Feindseligkeit zu nennenden 
Tendenzen erblickt, so bleibt es unverkennbar, daß die Differen- 
zierung ebenso wie die Identifizierung von Haus aus ambivalenten 
Charakter trägt. Die Tendenz der Loslösung und der andersartigen 
Entwicklung zeigt zugleich die Abhängigkeit von dem zu ver- 
meidenden Objekt. Deutlicher zeugt noch der Effekt von der Am- 
bivalenz der Differenzierungstendenzen. Die Lebenserscheinungen 
, bei den Protisten, die wir als biologisches Vorbild der psychischen 
Differenzierungsvorgänge angeführt haben, zeigen, daß die Keim- 
zellen die ursprüngliche Struktur der lebenden Substanz bewahren, 
wenn sie sich nach einer bestimmten Zeit vom Organismus ab- 
lösen, um sich zu entwickeln. Wie hier ein Anteil der Substanz 
in seiner ursprünglichen Struktur erhalten bleibt, um durch neue 
Bedingungen allmählichen Veränderungen zu unterliegen, wie hier 
die neue Entwicklung eine Wiederholung der alten in veränderter 

16 Reik 



24 2 Über Differenzierung 

Form darstellt, so ist in der Differenzierung das Streben der Wieder- 
holung neben dem nach neuen Bahnen zu konstatieren. Die 
Differenzierung ist, könnte man sagen, jener Prozeß, der die 
Wiederholung des Lebensweges des elterlichen Organismus auf 
eigene Art anstrebt. 1 

Kehren wir zu unserem Ausgangspunkt zurück, so wird es uns 
vielleicht leichter, die Ursachen der von der Differenzierung aus- 
gehenden Feindseligkeit zu erkennen. Die Einheit aller Materie 
als .Urzustand sträubte sich gegen die Kräfte, welche ihre Teilung 
bewirkte. Wir vermögen uns den ersten Anstoß zu neuen Ent- 
wicklungen nicht anders vorzustellen denn als eine Einwirkung 
von außen, welche die Wiederholung des Gleichen partiell unter- 
brach und die Entwicklung in abweichende Wege drängte. Man 
könnte vermuten, eine Katastrophe wie die Zersprengung und 
Neuordnung der Substanz mit ihren dynamischen Wirkungen sei 
die erste Form solcher Teilung gewesen, so daß jede folgende 
Loslösung in ihren Umrissen jene entscheidende, die am Anfang 
aller Entwicklung stand, wiederholte. Die Entstehung des Or- 
ganischen aus dem Anorganischen durch die Einwirkung äußerer 



1) Diese und die folgenden Ausführungen sollen Fortsetzungen des 
Weges, den Freud in „Jenseits des Lustprinzips" eingeschlagen hat, dar- 
stellen. Die zwei organischen Bildungskräfte der Vererbung und Anpassung, 
welche die Entwicklungstheorie annimmt, entsprechen in ihrem Gegensatz 
den oben gekennzeichneten psychischen Tendenzen der Identifizierung und 
Differenzierung. Goethes „Metamorphose der Tiere" spricht schon 1819 
die erst so viel später wissenschaftlich nachgewiesene Wechselwirkung 
dieser Faktoren aus: 

„Alle Glieder bilden sich aus nach ew'gen Gesetzen, 

Und die seltene Form bewahrt im Geheimen das Urbild. 

Also bestimmt die Gestalt die Lebensweise des Tieres, 

Und die Weise zu leben, sie wirkt auf alle Gestalten 

Mächtig zurück. So zeiget sich fest die geordnete Bildung, 

Welche zum Wechsel sich neigt durch äußerlich wirkende Wesen.". 



Über Differenzierung 245 



Vj 
\ 



Kräfte bildet dann eines der ersten Vorbilder der Erscheinungen, auf 
welche die Differenzierung zurückgeführt werden kann. Es ist so, als 
wolle die Materie ebenso wie der Organismus allen Inhalt behalten und 
setze dem Teilungsbestreben einen dumpfen Widerstand entgegen. 

Die „Urangst aller Kreatur" gilt nicht der Auflösung, dem 
Tod, sondern gerade der Sonderung, der Ablösung von einem ge- 
wohnten Zustand. 1 

Ist die Identifizierung eine psychische Vertretung jener Kräfte, 
welche die Wiederherstellung einer ehemaligen Identität anstreben, 
so wiederholt die Differenzierung in seelischen Regionen jene Ereig- 
nisse, durch deren Einwirkung die ursprüngliche Identität alles 
Seienden verloren ging. An diesem Punkte angelangt, begreifen wir, 
daß Identifizierung und Differenzierung nur der Richtung, nicht aber 
dem Wesen nach verschiedene Vorgänge sind; in ihrem Zusammen- 
und Gegeneinanderwirken könnte man die psychische Vertretung 
aller Triebe erblicken, welche das organische Werden und Vergehen 
beherrschen, da die Identifizierung die Vereinigung, die Differen- 
zierung die Auflösung anstrebt. 

Betonen wir in der Identifizierung das Gemeinsame alles 
Organischen, so weisen wir in der Differenzierung auf das Unter- 
scheidende innerhalb des Ganzen hin. Das Ewig-Werdende ist ein Teil 
des Ewig-Gleichen, das Vorwärtsdrängen eine retardierte Rückkehr. 

Es ist leicht zu erkennen, daß die Identifizierungs- und 
Differenzierungstendenzen in der Art der Pendelbewegung die 
psychische Tiefenwelt beherrschen. Freud hat die Differenzierung 
mit den Ich- und Todestrieben in Zusammenhang gebracht. 2 

1) Die Psychoanalyse verknüpft die erste Angst des Kindes mit dem 
Vorgang der Geburt. 

2) Das Darwinsche Prinzip der Divergenz des Charakters, welches 
Gesetz die allgemeine Tendenz aller organischen Formen, sich immer un- 
gleichartiger auszubilden und von dem gemeinsamen Urbilde zu entfernen, 
betont, wird von dem Forscher durch den Kampf ums Dasein begründet. 

16* 



244 Über Differenzierung 

Die Analyse zeigt, daß die Identifizierung sich später enger an 
die Sexualtriebe, die Differenzierung sich mehr an die Ichtriebe 
anschließen wird. Wir kennen in den Äußerungen des infantilen 
Sexuallebens einen Vorgang, an dem wir eine ursprüngliche Äußerung 
der Identifizierungs- und Differenzierungstendenzen studieren können. 
Die ursprüngliche Gemeinschaft mit einer Person, welche der Säugling 
durch Beschmutzen (Kotabsetzen) ausdrückt, bedeutet einen Liebes- 
beweis; die Ablehnung des Kothergebens, die Stuhlzurückhaltung, 
wird zu einem der ersten Akte von Trotz und Feindseligkeit. 

Identifizierung und Differenzierung sind Vorgänge, die erst 
in einem Stadium möglich sind, wenn das Ich sich soweit vom Objekt 
abgelöst hat, daß die Möglichkeiten der Wiedervereinigung sowie 
der Entfernung gegeben sind. Dies aber setzt eine ursprüngliche 
Identität von Ich und Objekt voraus, d. h. also eine Periode, da 
diese beiden Begriffe zusammenfielen. Wir gelangen wieder so zu 
unserer früheren Hypothese eines Ur-Ichs, das auch die Außen- 
welt umfaßte. Die Lage des Embryos im Mutterleib wäre vielleicht 
die einfachste Veranschaulichung einer solchen Situation; noch 
die Fortsetzung dieses Stadiums in der ersten Lebenszeit des Kindes 
weist Züge auf, die erkennen lassen, daß der für uns grundlegende 
Unterschied von Ich und Außenwelt noch nicht gefühlt wird und 
noch keinerlei Bedeutung besitzt. Erst allmählich kommt es zur 
Erkenntnis dieser Sonderung. Ich getraue mich nicht anzugeben, 
an welche Stelle der psychischen Entwicklung der Beziehungen 
von Ich und Außenwelt die Entstehung des Selbstbewußtseins ein- 
zusetzen ist, doch scheint es zweifellos, daß sie einen "Markstein 
in der Geschichte des Ichs bezeichnet. 

Ich und Außenwelt fielen einmal zusammen; die Außen- 
welt entstand • — • psychologisch gesprochen — durch Abspaltung 
eines Ichteils vom Ur-Ich, so daß die spätere Belation des Ichs 
zur Außenwelt eigentlich eine Beziehung des Ichs gegen einen anderen 



Ichteil darstellt. So erklärt es sich auch, daß diese Beziehung immer 
eine Art Funktion der Ichbesetzung bleiben wird. Man darf vermuten, 
daß es eine Versagung in der Realität war, etwa die Unbefriedigung 
eines Triebbedürfnisses, des Hungers, welche die Spaltung zwischen 
Ich und Außenwelt bewirkte und daß die Konstituierung des die 
Herrschaft des Lustprinzipes ablösenden Realitätsprinzipes im wesent- 
lichen auf diese Versagung zurückzuführen ist. Die enge Beziehung 
des Ichs zum Lustprinzip, der Außenwelt zum Realitätsprinzip wird 
von nun an eine dauernde bleiben; von den Notwendigkeiten der 
Außenwelt wird jetzt immer das Ich gezwungen werden, sich den 
vitalen Bedingungen zu unterwerfen, die es sonst nicht anerkennen 
wollte. Ein Versuch, die Außenwelt wieder ins Ich aufzunehmen, 
was gleichbedeutend ist mit: Herrschaft über sie zu erlangen, kann 
jetzt nur mehr vom Ich ausgehen und alte Wege regressiv wieder- 
holen; die halluzinatorische Wunscherfüllung wird einen solchen 
Versuch darstellen und für die Produkte des unbewußten Seelen- 
lebens vorbildlich und bedeutsam sein. Wir merken hier, daß 
wir nur in anderer Ausdrucksweise gekennzeichnet haben, was 
Freud als einen Teil der Entwicklung des primären Narzißmus 
beschrieben hat. 1 

Die erste Beeinträchtigung des primären Narzißmus wird 
also von jenem, ursprünglich dem Ich zugerechneten Teil aus- 
gehen, der später als Außenwelt empfunden und erkannt wird. 
Für fast alle späteren Kränkungen des Narzißmus wird derselbe Ur- 
sprung angenommen werden: die Außenwelt wird als feindliche 
gefühlt, da sie der Triebbefriedigung Schranken auferlegt. Ur- 
sprünglich wird alles, was psychische Reize und infolgedessen 
eine Störung der Ruhe schafft, als Außenwelt gefühlt. Jene Los- 
lösung vom Ich, die den Begriff der Außenwelt schuf, wird später 

1) Freud „Zur Einführung des Narzißmus" in Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlehre. IV. Folge. 



2 4 6 Über Differenzierung 



vorbildlich für den Projektionsvorgang: war früher die Außen- 
welt ein Ichstück, narzißtisch besetzt, so wurde sie später zur 
Abladestelle der dem Ich mißliebig gewordenen Regungen. 1 Um 
einen Vergleich zu gebrauchen: die Regierung eines Landes habe 
eine ferne Insel, von deren Besitz sie sich viel versprach, ihrem 
Kolonialreich einverleibt; die dort gemachten Erfahrungen be- 
stimmen sie aber, die neuerworbene Insel als Deportationsgebiet 
für Verbrecher zu benützen. Die Affektumkehr, die in dieser Relation 
zur Außenwelt zu bemerken ist, hat ihren Ursprung in eben jener 
ersten Beeinträchtigung des primären Narzißmus, welche dem In- 
dividuum bewies, daß die direkte und sofortige Triebbefriedigung 
durch äußere Faktoren verhindert wird. Die seelische Situation 
erfährt keine wesentliche Veränderung, wenn später an Stelle der 
äußeren Versagung eine innere tritt, die von den Ansprüchen des 
Ichs ausgeht und zur Triebverdrängung führt. 

Die Spaltung zwischen Ich und der Außenwelt als einem ur- 
sprünglichen Ichanteil wiederholt auf psychischem Gebiete, was 
wir in der Biologie als Selbstteilung eines Organismus kennen ge- 
lernt haben. 

Die analytische Untersuchung der Ichentwicklung, die noch 
nicht so weit vorgeschritten ist wie die Erforschung der Libido- 
entwicklung, zeigt uns aber, daß die Ausscheidung der Außen- 
welt aus dem Ur-Ich nicht der einzige Prozeß ist, der die Kon- 
stituierung des Ichs der Persönlichkeit vorbereitet. Wir begannen 
zu verstehen, daß das Ich sich allmählich entwickelt und aus ver- 
schiedenen Teilen zusammengesetzt ist, die sich erst spät vereinigen. 
Eine solche Abspaltung- des Ichs haben wir durch Freud 2 im 

x^ Man vergleiche Freuds analytische AWeitung des Dämonenglaubens 
m „Totem und Tabu." 

2 ) Preud > "Z^ Einführung des Narzißmus" in Sammlung kleiner 
Schritten zur Neurosenlehre. IV". Folge. 



Über Differenzierung 247 



Ichideal kennen gelernt: das Ichideal ist eine Restbildung des 
alten, primären Narzißmus, gleichsam die Rettungsinsel, auf die 
sich die durch die realen Notwendigkeiten arg bedrängte Selbst- 
verliebtheit des Individuums flüchten kann. Ist das Ichideal eine 
aus narzißtischen Quellen ableitbare, psychische Bildung, so steht 
ihm ein Pendant gegenüber: das erniedrigte Ich. Das erniedrigte 
Ich stellt Julien Anteil des Aktualichs dar, der verleugnet werden 
soll; die Icherniedrigung ist ebenfalls aus dem ursprünglichen 
primären Narzißmus entstanden. Wie die Idealisierung am Subjekt 
und am Objekt vorgenommen werden kann, ebenso kann das 
Subjekt und das Objekt erniedrigt werden. Der Einfluß der elter- 
lichen Autoritäten und der sie später ablösenden Instanzen (Lehrer, 
Erzieher, öffentliche Meinung) ist in der Entstehung des erniedrigten 
Ichs ebenso klar wie in der des Ichideals. Es ist gewiß ein eben- 
so fruchtbares wie interessantes Thema, zu untersuchen, in welchen 
Beziehungen die Icherniedrigung zu den kritischen Instanzen des 
Gewissens und der Beobachtung steht und welche Anregungen sie 
den Triebschicksalen der Verdrängung, der Reaktionsbildung, der 
Wendung von Aktivität in Passivität usw. zu geben vermag, hier 
aber sollen nur einige Besonderheiten der Icherniedrigung hervor- 
gehoben werden. Die Icherniedrigung trifft jene Tendenzen und 
Neigungen, die, aus der Kinderzeit stammend, mit den bedeutsamsten 
Instanzen des Ichs (der Zensur, dem Gewissen) nicht vereinbar 
sind. Sie bezieht ihre wesentliche Stärke aus der Übermacht des 
Aktualichs über das Ichideal, das sich gegen dessen Ansprüche 
nicht willfährig zeigen will. Die Beziehungen zwischen Erniedrigung 
und Verdrängung sind — mutatis mutandis — dieselben, die 
Freud als zwischen Idealisierung und Sublimierung bestehende 
erkannt hat. Erniedrigung und Verdrängung sind zu unterscheiden: 
die Erniedrigung geht am Objekt vor, die Verdrängung am Trieb. 
Auch ist die stärkste Icherniedrigung ohne Verdrängung denkbar, 



a 4& Über Differenzierung 



die Icherniedrigung fordert zwar die Verdrängung, aber die klinische 
Analyse zeigt, daß alle Selbsterniedrigung oft nicht zur Erreichung 
der Verdrängung führt. Die Anregungen, die vom Ich ausgehen, 
bleiben erfolglos. 

Fassen wir nun das Verhältnis der Ichidealisierung und Ich- 
erniedrigung, die so weitgehende Übereinstimmungen bei so auf- 
fälligen Differenzen zeigen, ins Auge, so ergibt sich, daß Ichideal 
und erniedrigtes Ich einander ergänzen und voneinander funktional 
abhängig sind. Wir können sagen, es wird durch die beiden Aus- 
drücke dieselbe psychische Bildung, von zwei Seiten aus gesehen, 
beschrieben. Ichideal und erniedrigtes Ich wachsen und vermindern 
sich im selben Verhältnis. Man könnte behaupten, das ursprüngliche 
Ich könnte in ein idealisiertes und ein erniedrigtes gespalten 
werden, nachdem das ursprüngliche Aktualich seine auf den Narziß- 
mus aufgebaute erste Position verloren gegeben hat. Auch der 
Versuch des Ersatzes des primären Narzißmus durch Idealisierung 
ist nur ein Pyrrhussieg, da ein andereres Ichstück geopfert, er- 
niedrigt werden muß. Das Bäumchen des hübschen, deutschen 
Märchens, das andere Blätter hat gewollt, mag sich wegen seiner 
neuen goldenen für eine Zeit erhöht fühlen, wegen anderer ein- 
facherer ein anderes Mal sich erniedrigt fühlen, zufrieden wäre 
es erst mit seinen ursprünglichen Blättern. 

Es liegt nahe, die Ichspaltung, die erst möglich ist, wenn 
etwas im ursprünglichen Ich unlustbetont wurde, mit jener Komplex- 
spaltung zu vergleichen, die Freud als für die Psychogenese 
des Fetischismus wesentlich erkannte. Die ursprüngliche, auf das 
mütterliche Genitale gerichtete Schaulust eines kleinen Jungen 
erfährt z. B. eine wiederholte Zurückweisung und wird verdrängt. 
Der zum Mann Erwachsene zeigt nun nichts mehr vom Voyeur- 
trieb für den nackten weiblichen Körper, er ist aber zum Kleider- 
fetischisten geworden. Es hat eine Spaltung des Komplexes, auf 



Über Differenzierung 249 



den sich der konstitutionell verstärkte Trieb bezog, sowie eine Trieb- 
verdrängung stattgefunden: der nackte -weibliche Körper ist nun 
für ihn ohne Interesse, ja sogar ekelhaft; seine Verehrung gilt nur 
der Verhüllung eben jenes Körpers, der er seine intensivste Auf- 
merksamkeit schenkt. Ein Teil des gespaltenen Komplexes hat völlige 
Unterdrückung erfahren, der andere, mit dem verdrängten assoziativ 
verbunden, wurde idealisiert, wurde zum Fetisch. 

Die Icherniedrigung ist nur verständlich, wenn das ursprüng- 
liche Ich sich gespalten hat, wobei der eine Ichteil den anderen 
als unlustbetont empfindet. Dieses Unlustgefühl aber wird sich 
nach eingetretenen Veränderungen innerhalb des Ichs in einer 
Wertung des früheren Aktualichs äußern, eben in der Ich- 
erniedrigung. Die Ichidealisierung wird den anderen, entgegen- 
gesetzten Ichteil psychisch erhöhen. Es ist aber ursprünglich das 
eine ungeteilte Ich, das partielle Erniedrigung und partielle Ideali- 
sierung erfährt. Wir erinnern uns der früher zitierten Bemerkung 
Freuds, daß zwischen den Idealen der Menschen und dem, was 
sie am meisten verabscheuen, nur geringe Modifikationen bestehen. 

Wenn das Unlustgefühl am Ich eine bestimmte, individuell 
verschiedene Intensität überschritten hat, d. h. also, wenn die Ich- 
erniedrigungstendenzen zu stark geworden sind, wird es das Ent- 
lastungsstreben des Seelischen dazu bringen, sie nach außen zu 
projizieren und so das psychische Gleichgewicht wiederherzustellen. 
Sie werden sich dann als Tendenzen der Objekterniedrigung darstellen 
und ebenso wie früher gegen das eigene Ich jetzt gegen einen oder 
mehrere Andere gerichtet sein. Auf diesem Wege ist es unter Umstän- 
den möglich, die alte narzißtische Ichbesetzung wiederherzustellen. 1 

1) Der umgekehrte Vorgang ist in der Psychogenese der Melancholie 
von der Psychoanalyse beschriehen worden: die Icherniedrigung der Melan- 
choliker dient dazu, die Enttäuschung oder Kränkung, die sie durch ein 
Liebesobjekt erfahren haben, zu ertragen. Freud „Trauer und Melancholie" 
in Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. IV. Folge. 



Über Differenzierung 251 



r 



Ein altes verschollenes Sprichwort behauptet: „Wer gut ist 
gegen sich, ist auch gut gegen Andere" und man könnte hinzu- 
setzen: wer schlecht ist gegen sich, ist auch schlecht gegen Andere. 
Die Psychoanaly:c beweist, daß die Masochisten die Schmerzen, die 
sie erleiden, anderen zufügen wollten. 

Die geheimnisvolle Natur des Talion, jenes uralten Gesetzes, 
das ungeschrieben das Seelenleben beherrscht und dessen wesent- 
liche Züge die Sittlichkeit und das Recht der Urzeit und das 
der heute lebenden primitiven Völker beherrscht, erhält von diesem 
Gesichtspunkt aus seine tiefere Begründung. Wer sich am anderen 
vergreift, vergreift sich an sich selbst, denn der Andere war ur- 
sprünglich ein Stück Ich. 1 Die Psychoanalyse kann verfolgen, wie 
die aus der ursprünglichen Identität von Ich und Außenwelt erwach- 
senen, tiefeingewurzelten Talionsbestimmungen sich von Verzichten 
der ersten homogenen Menschenschar bis zu gesetzlichen Geboten, die 
das Leben jedes Clangenossen sichern, entwickelt haben, bis sie 
alle nationalen Bande sprengten und in jener Mahnung: „Liebe 
deinen Nächsten wie dich selbst" ihren weitestgehenden Ausdruck 
fanden. 2 

Die mit den Talionsphänomenen so innig verknüpfte Er- 
scheinung des Tabu fügt sich hier ungezwungen ein. Freud hat 
gezeigt, daß die Berührungsangst der Zwangskranken, mit der er 
die Tabuangst der Wilden vergleicht, ursprünglich dem speziellen 
Ziel, das eigene Genitale zu berühren, galt und erst allmählich 
im Wege der seelischen Verschiebung und Verallgemeinerung sich 

1) Das indische „Tat twam asi" (Das bist du) spricht diese Anschauung 
direkt aus. 

2) Das „wie" in diesem Satze deutet auf eine ursprüngliche Identität 
hin. Die Worte Christi könnten wohl auch als Aufforderung, sich selbst in 
der richtigen Art zu lieben, aufgefaßt werden, wenn wir diese Identität 
festhalten. 



2 5 2 Über Differenzierung 



auf die ganze Umwelt erstreckte. Hier spiegelt sich der Vorgang 
der Verschiebung vom Ich auf die Außenwelt, der eigentlich eine 
Wiederbesetzung der Außenwelt ist, im engsten Rahmen. 

Es kann nicht unsere Absicht sein, die Bedeutung der Be- 
ziehungen zwischen Ich und Außenwelt, wie sie sich uns in einem 
Entwicklungsstadium aus einer früheren Periode der Identität ge- 
zeigt haben, auf den vielen Gebieten, wo diese Herkunft ent- 
scheidend bleibt, zu beobachten; wir beschränken uns darauf zu 
konstatieren, daß ihre Spuren in unseren Gefühlen und Gedanken 
ebenso wie in der Kulturgeschichte der Menschheit deutlich nach- 
weisbar sind. Es ist klar, daß die Icherniedrigung in der Psycho- 
genese des Schuldbewußtseins und des Masochismus eine bedeutsame 
Rolle spielt. Identifizierung und Idealisierung, Differenzierung und 
Erniedrigung können interessante Beziehungen untereinander ein- 
gehen. Ich will nur als die wichtigsten anführen, daß die Objekt- 
idealisierung oft den Anstoß zu weitreichender Identifizierung (mit 
großen Männern, schönen Frauen etc.) geben, die Erniedrigung 
aber die Differenzierungstendenzen wesentlich unterstützen kann. 
Auch die Beziehungen der Idealisierung und Erniedrigung zur 
Liebeswahl sind kompliziert: die Idealisierung gehört zu den Merk- 
malen der Objektwahl des Mannes in der Form der Sexualüber- 
schätzung, aber an bestimmter Stelle muß die Objekterniedrigung 
eintreten, damit die sexuelle Aktion durchgeführt werde. Ein Zu- 
viel an Idealisierung macht das Objekt für die Sexualbetätigung 
unmöglich. Wir sehen in der Analyse häufig, daß ein direkter 
Weg von der Idealisierung des Objektes zur Identifizierurfg mit 
ihm führt, aber es handelt sich auch dabei um eine Art Resti- 
tuierung: das ursprünglich idealisierte Objekt war das Ich und das 
Objekt trat erst später an dessen Stelle. 1 

1) Die funktionale Abhängigkeit der Objektbesetzung von der Ich- 
besetzung wird insbesondere für das menschliche Liebesleben, sofern es 



Über Differenzierung 255 



Die eigentümliche Gegensatzbeziehung von Idealbildung und 
Icherniedrigung ist nicht leicht in eine Formel zu bannen, doch ist 
es uns bereits klar, daß die beiden Begriffe eine einzige psychische 
Veränderung im Ich beschreiben. Sucht das Ichideal die primäre 
narzißtische Einstellung zu bewahren, indem sie das Ich erhöht, 
so strebt die Erniedrigung dasselbe Ziel an, indem sie ein anderes 
Ichstück erniedrigt. 1 In der Analyse von Neurotikern steht man 
oft der merkwürdigen Tatsache gegenüber, daß solche Icherniedrigung 
keineswegs dazu führt, den Narzißmus aufzugeben, sondern im 
Gegenteil zum Mittel werden kann, ihn festzuhalten. 2 

Wir sind einen weiten Weg gegangen; es sei uns gestattet, 
ihn von der erreichten Stelle aus zu überblicken. Die junge Dame 
in unserem Beispiel einer Fehlhandlung hatte den Namen Ben Hur 
vergessen, weil er an ihre eigenen Komplexe rührte. Der Gegen- 
satz von Jungfrau und Dirne, der im Mittelpunkte ihrer Gedanken 
stand, hat sich aus einem primären Stadium entwickelt, das diese 
beiden Begriffe noch als untrennbares Ganzes zusammenfaßte. Die 
Spaltung des Komplexes sowie die Unterdrückung des einen Teiles 
der Triebrepräsentanz ist uns in dem Beispiele klar geworden; 
die Idealisierung und die Erniedrigung des Objektes haben sich 
uns dort in Bezug auf Maria gezeigt. Derselbe Prozeß der Zerlegung 
der ursprünglich einheitlichen Triebrepräsentanz in zwei Stücke, 
von denen das eine der Verdrängung verfiel, während der Rest das 
Schicksal der Idealisierung erfuhr, bestimmt die Entwicklung der Ge- 
stalt Marias, der Mutter Gottes selbst, in der religiösen Entwicklung. 

sich um narzißtische Ohjektwahl handelt, bedeutungsvoll. Welche Rolle die 
Verteilung dieser Besetzung in der Entstehung philosophischer Systeme und 
in der Produktion von Kunstwerken hat, kann hier nicht dargestellt werden. 

1) „Versinke denn, ich könnt' auch sagen, steige!" 

2) Wir erinnern an Nietzsches Wort, daß; wer sich verachtet, sich 
noch immer als sein eigener Verächter achten kann. 



£54 Über Differenzierung 



Wir konnten verfolgen, wie sie langsam und allmählich zu einer reinen 
und allem Irdischen entrückten Figur wurde, deren Idealisierung in 
ihrer Vergöttlichung ihren Endpunkt erreichte. Auf der anderen Seite 
zeigt das Evangelium in der Abspaltung Maria Magdalenas eine Spur 
der ursprünglichen Bedeutung der Gottesmutter und läßt dieser Ge- 
stalt zuschreiben, was doch mit der anderen verknüpft ist. Das Juden- 
tum aber erniedrigt die Gestalt Marias zur Buhlerin. Die große 
Gottesmutter' und Liebesgöttin einer entschwundenen Vorzeit, ge- 
liebt und begehrt, ist hier erniedrigt, dort idealisiert worden.' Ein 
analoges Schicksal wird der mit ihr so innig verknüpften Figur des 
jugendlichen Sohnesgottes und Liebhabers zuteil: die Messiasgestalt 
der vorchristlichen Zeit erschien als die Erfüllung aller mit ihr ver- 
bundenen Hoffnungen. Messias selbst aber ist der wiedererstandene 
Repräsentant eines früh unterdrückten, revolutionären Sohnesgottes. 
Diese Erlösergestalt, die dem Herzen des Volkes nahe war, erhob 
sich allmählich in jene göttliche Höhe, die ihre ursprüngliche 
Sphäre war. Das reaktiv gesteigerte Schuldgefühl aber ließ sie in 
der Gegensatzfigur des Judas Ischkarioth aufs tiefste erniedrigt werden • 
die erlösende Tat, die Revolution und der Mord Gottes, erschien 
hier als schmählicher Verrat. Was geliebt worden war, galt hier 
als das Hassenswerteste, das Ideal als Abscheu. Die Spaltung der 
Triebrepräsentanz und die ihr folgenden Vorgänge der Idealisierung 
und Erniedrigung sind auch hier nur historisch zu verstehen. Der 
Gott von gestern war zum Dämon geworden und er konnte dies 
werden, weil in der ursprünglichen Gestalt Dämon und Gott eins 
waren. Die Spaltung in Gott und Teufel zeigt die späteste* Ent- 
wicklungsstufe dieses Prozesses. 

Die Psychoanalyse hat in der Zurückführung des primitiven 
Totemismus auf die Gefühlsbindungen an den Vater und in der 
Hypothese von der Ermordung des Urhordenhäuptlings einen 
Lichtstrahl auf die Probleme des Ursprungs und der Entwicklung 



Über Differenzierung 255 



der Religion geworfen. Die Verfolgung der Entwicklung des 
primären Narzißmus ergänzt unser Verständnis der Religion: sie 
zeigt uns in Gott die gewaltigste, narzißtische Ichidealbildung, der 
die stärkste Icherniedrigung in der Gestalt des Teufels gegen- 
übersteht. Was sich hier im Rahmen der eigenen Religion 
vollzieht, spiegelt sich im Verhältnis zur fremden wieder. Wir 
meinen nun zu erkennen, daß die Differenzierung der Religionen 
auch die Erniedrigung der fremden Gottheit bewirkt hat. Der 
fremde Gott war einmal der eigene gewesen und der eigene trägt 
noch alle wesentlichen Züge des als fremd empfundenen an sich. 
Die Vorgänge religiösen und nationalen Hasses erfahren von diesen 
analytischen Gesichtspunkten aus eine neuartige und fremd an- 
mutende Beleuchtung: die Differenzierung der Urmenschheit darf 
als ihre erste Voraussetzung gelten, sie werden aber durch die Ver- 
drängung des Identitätsgefühles zwischen den Gruppen ermöglicht. 
Die Unterschiede in der Wertung bauen sich zum größten Teil auf 
narzißtischer Grundlage auf. Gehen wir von der Annahme einer 
ursprünglich homogenen Masse der Urmenschheit, die sich spät 
differenzierte, aus, so erscheinen uns alle Differenzen der Religion 
und Nation als Produkte von Entwicklungsvorgängen, die sub specie 
aeternitatis ihre Bedeutung verlieren. Was übrig bleibt, wenn alle 
diese Unterschiede wie versengte Lappen abfallen, ist der Mensch, 
frierend im leeren Raum, allen Fährnissen des Schicksals ausgesetzt, 
seinem ernstesten, seinem einzigen Feind, dem Tode, wehrlos aus- 
geliefert. Was sich als Differenz zwischen den einzelnen Menschen- 
gruppen brüstet, ist narzißtischer Stolz, der die gemeinsamen 
Wurzeln ignorieren möchte, ist das Sträuben gegen die unbewußte 
Erinnerung an jene Zeit, da alle eine homogene Masse waren. 

Das Ich der einzelnen Religionsgenossenschaft, des einzelnen 
Volkes, das sich jetzt so feindselig gegen das Fremde, die Außen- 
welt abgrenzt, war einst mit ihm vereint und wird in neuer Mischung 



256 



Über Differenzierung 



einmal wieder mit ihm vereint sein. Alle Differenzierung ist doch 
nur eine partielle, alle Trennung nur kurzlebig. Es geht den 
Völkern ähnlich wie den Personen Nestroys, die beschließen: 
„Wir wollen uns zusamm' separieren." 

Durch die hier skizzierte historische und psychische Ent- 
wicklung ist es bestimmt, daß die Feindseligkeit gegen den fremden 
Gott eine Verschiebung der gegen den eigenen Gott gerichteten, 
verdrängten, feindseligen Tendenzen darstellt; die gegen Angehörige 
fremder Religionen geübten Verfolgungen sind eigentlich unbewußte 
Selbstverfolgungen. Die kleinen Differenzen zwischen den einzelnen 
Religionen, die als Entwicklungsprodukte passagere Bedeutung haben, 
sind das nahezu einzige, objektive Substrat, auf das sich aller Haß, alle 
Verfolgung stützen kann; die revolutionären Impulse gegen die 
eigene Gottheit (den Vater) und das aus ihnen ableitbare unbewußte 
Schuldbewußtsein, die allen Religionen gemeinsam sind, ihre stärksten 
psychischen Motoren. 

Man möchte sagen, daß es diese kleinen Differenzen waren, 
welche — über alle Gemeinsamkeit hinweg — das Schicksal der 
Menschheit viele Jahrtausende lang im Tiefsten bestimmt haben 
und es noch für lange Zeit bestimmen werden. 



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ZU KORRIGIEREN 

S. 18, Zeile 14. Statt Einstellung lies: Entstellung. 

S. 66, Zeile 1 und S. 67, Zeile 13. Statt Mutterideal lies: Mutteridol. 
S- 97i Zeile 11. Statt gedankenvollen, gleichnamigen Drama lies: gedanken- 
vollem Drama „Die Judastragödie". 
S. 112, Zeile 11. Statt Krautstengel lies: Kohlstengel. 
S. 121, Zeile 5. Statt hatten lies: hatte. 

S. 140, Zeile 1 der Anmerkung. Statt Roskott lies: Rosskoff. 
S. 200, Zeile 5. Statt derjenige lies: desjenigen. 
S. 211, Zeile 10 von unten. Statt tha wet lies: that we. 
S. 221, letzte Zeile. Statt II. Folge lies: V. Folge. 
S. 236, Zeile 19. Statt Auserwähltglauhens lies: Auserwähltheitsglaubens. 



Von DR. THEODOR REIK erschien früher: 

Flaubert und seine „Versuchung 
des Heiligen Antonius". Ein Beitrag 

zur Künstlerpsychologie. Mit einer Vorrede von 
Alfred Kerr. Minden i. W. [1912] 

Arthur Schnitzler als Psycholog. 

Minden i. W. [1913.] 



Probleme der Religionspsychologie 

I. Teil: Das Ritual. (Internat. Psycho- 
analytische Bibliothek, Bd. V). Mit einer Vor- 
rede von Prof. Dr. Sigm. Freud. Leipzig, 
Wien und Zürich, 1919. 



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